Japan – USA 5:3 (n.E.)

Vorbericht:

  • Schiedsrichterlegende Walter Eschweiler ist angesäuert. Bei den letzten großen Turnieren konnte er anlässlich seiner Audienzen beim Fußballgott immer eine gute Platzierung für das DFB-Team herausholen. Diesmal jedoch schien er versagt zu haben. Überhaupt war alles anders, als er am Tag des Finales den großen Raum mit dem Eingangsschild “FIFA-Mitglieder müssen leider draußen bleiben” betrat.
  • “Mein Gott, Walter! Finaaaaale, ohohoho. Heut’ ist Finaaaale, ohohoho. Eschweiler, altes Schiedsrichtergestell’, setz dich hin und greif dir ein Schnäpschen.” “Eure Ballherrlichkeit sind gut gelaunt, so kenne ich Sie gar nicht, wenn ich das anmerken darf.” “Mit gutem Grund”, setzte der Fußballgott an, “mir ist heute eine Auszeichnung ins Haus geflattert. Der HOLY FUCK Creative Football Design Award 2011 geht an…*trommelwirbel*… moi, meine und deine Heiligkeit! Diesmal habe ich alles richtig gemacht. Ich lese dir mal aus der Begründung der Jury vor, Walter.” “Wenn es sich nicht vermeiden lässt, mein Gebieter.”
  • Eine gelungene Mischung aus althergebrachter Tradition, auf dem Fuße folgender Strafe, fröhlicher Unterhaltung, internationaler Härte, historischer Dimension und gewohnter Wankelmütigkeit zeichnete die Veranstaltung des diesjährigen Preisträgers aus. Das steht da, Walter, die meinen mich! Ich wusste gleich, es war eine gute Idee, die Engländer am Elfmeterpunkt versagen zu lassen. Das kommt einfach immer gut an, egal ob Frau oder Mann.” “Mit fröhlicher Unterhaltung sind sicherlich die Schiedsrichterentscheidungen gemeint. Fand ich allerdings nicht so lustig, mein Herr.” “Ach, Walter, sei mal nicht so spaßresistent. Ohne Fun geht doch heute im Abendprogramm einfach nix mehr. Und hier, meine Idee, das Zeitspiel und generelle Rumgeheule der Brasilianerinnen mit dem frühen Ausscheiden zu bestrafen, war auch ein Knaller. Hab ich eine saumäßige Menge SMS für bekommen und alle waren begeistert. Okay, in Brasilien sollen ein paar den Glauben verloren haben, aber nicht wirklich viele. Sind halt alles Machos da unten. Mal sehen, was ich 2014 mit denen anstelle. Da freu ich mich schon drauf.”
  • “Den Nordkoreanerinnen Doping in den Reis zu mischen war aber nicht sehr fein, Hochballwürden”, warf Walter daraufhin ein. “Ach Quatsch, das ist internationale Härte, klares Feindbild, Axis-of-Evil-Gedöns, das brauchen die Amis.” “Und das Ausscheiden der deutschen Frauen? Fand ich sehr doof, um ehrlich zu sein.” “Ja, Walter, ohne Wankelmut kann ich mich direkt einsargen lassen, da nimmt mich doch sonst keiner mehr ernst! Zweimal Trizeweltmeister bei den Männern und drei Mal Weltmeister bei den Frauen? Das geht ja nun wirklich nicht. Dafür lesen Historiker im Weiterkommen von Japan schon eine Parallele zu 1954. Das Wundel von Flankfult! Nippons Sommelmälchen!”
  • “Gewinnen die Japanerinnen denn nun auch das Finale, o Hüter von Ballhalla?”, will Eschweiler jetzt sanft drängend wissen. “Wäre fast fies, wenn nicht, gelle, Walter? Ich bin noch unentschlossen, habe aber extra deine Freundin, die Bibi, zur Schiedsrichterin bestellt, damit es keinen regeltechnischen Huddel gibt. Vielleicht lasse ich ja auch die Amis gewinnen und wenn sie dann nach Hause kommen, ist ihr Staat gerade dabei, bankrott zu gehen. Müsste ich freilich vorab mit dem Finanzgott besprechen, aber der düst ständig in Südeuropa rum, den kriegst du einfach nicht zu fassen.”
  • “Sag mal, willst du nicht entscheiden, Walter?”, fragte der immer noch euphorische, aber entschlussgehemmt wirkende Fußballgott. “Ich mach das schon, o Eure runde Lederigkeit”, antwortete dieser verschmitzt. Und so geschah es, dass die Japanerinnen Weltmeister wurden, weil Bibiana Steinhaus scharfäugig einen Elfmeter zu ihren Gunsten pfiff, den die Kameras erst in der dritten Zeitlupenwiederholung bestätigen konnten. Die Ehre der Schiedsrichterzunft ward wiederhergestellt, Deutschland gefeiert als die edelmütige Nation, die dem geschundenen Asiatenvolk den Vortritt überließ und Walter gönnte sich endlich das Schnäpschen aus feinsten Süßkartoffeln namens Shochu, das er beim Fußballgott hatte mitgehen lassen.

Nachbericht:

  • Ich setze mein breitestes Grinsen auf und male mir einen roten Punkt ins Gesicht: Die kleinsten Frauen sind die Größten, die Geilsten und die Besten im Frauenfußball obendrauf! Was für ein Spiel, was für eine Dramatik. 120 Minuten plus Elfmeterschießen, gekrönt von dieser einen Erkenntnis, die den Fußball so wunderschön macht. Du brauchst nicht baumlang zu sein, du brauchst nicht muskelbepackt zu sein, du brauchst nicht am höchsten springen zu können, du brauchst nicht jeden Gegner in Grund und Boden zu laufen, um am Ende bei diesem Sport zu triumphieren. Danke Japan, für den großartigen Abschluss dieses Turniers.
  • Die Nationalhymnen gaben ein wenig den Takt vor für die ersten 25 Minuten. Während die japanische Auswahl andächtig und in sich gekehrt einer getragenen Melodie lauschte, brannten die Amerikanerinnen zu ihrem “Hoppla, da sind wir”-Heimatlied innerlich alles nieder. Chance um Chance erdrücken sich die US-Damen, beginnend nach wenigen Sekunden und erst so Mitte der ersten Hälfte endend. Cheney, Wambach, Rapinoe wirbeln Frauen und Spielgerät durcheinander. Just als die Asiatinnen langsam ins Spiel finden, zieht Wambach einen Knaller ab Richtung Torwinkel. Für mich war der schon drin, aber die Latte hält wacker dagegen. Halbzeit.
  • Es ähnelt nun langsam ein bisschen Deutschland – Japan, denn die Blauen klären die Angriffsversuche souveräner, wagen sich auch einmal nach vorne. Aber es ergeben sich weiterhin riesige Chancen für die USA, doch der Ball will nicht über die Linie. Bis die Frau mit dem rosa BH den Unterschied zu bringen scheint. Ausgerechnet einen Konter schließt die eingewechselte Alex Morgan mit einem hart geschossenen Aufsetzer ab. Das müsste es wohl gewesen sein. USA all the way und so.
  • Aber nicht doch. Und hier kommt das Putzige an der japanischen Spielweise zutage. Die sind so bescheiden, dass sie selbst nicht in Führung gehen wollen. Liegen sie aber hinten, spielen sie reinsten Spock-Fußball: “Captain, wir liegen zurück, also diktiert die Logik, dass wir ein Tor erzielen müssen”. Schwupp, huschen die kleinen Rackerinnen nach vorne. Was die Amis so verwirrt, dass sie sich in Form von Buehler und Krieger im eigenen Strafraum vor Verzweiflung selbst abschießen und “Manni” Miyama nur noch reinhauen muss. 81. Minute, es steht 1:1. Ich halte jetzt endgültig zu den Japanerinnen, die plötzlich ein paar Minuten frech auf die Entscheidung zielen und ihr Spiel Richtung US-Tor verlagern. Im Gegenzug schnüren die Amerikanerinnen sie nochmals ein, aber die Verlängerung ist nicht zu verhindern.
  • Kriegen die Amerikanerinnen nun die große Krise? Nein, denn Abby Wambach, die Stürmerin, der wir wohl alle das goldene Tor zugetraut haben, köpft krachledern und humorlos eine Flanke rein. 103. Spielminute, Zeit zum Verzweifeln, zum Aufgeben, möchte man meinen. Aber nicht mit den kleinen japanischen Rasenrobotern. Kurz das Torwärtsprogramm initialisiert und auf geht’s in die Hälfte des Gegners. Wo die Verteidigung sich schnell wieder die Fingernägel wegkaut, angefangen von Rampone über Krieger hin zu Hope Solo höchstselbst.
  • Es schlägt die Sekunde der weisen Frau Sawa. Nach einer Ecke bugsiert sie den Ball über die Linie, als wäre es ein Leichtes, einen Rückstand in einem WM-Finale(!) in der Verlängerung(!) aufzuholen. In dem Moment hätte ich als Amerikaner wirklich den Glauben an dieses Spiel verloren, denn wo die einen sich abackern, legen die anderen lässig nach. Es ist, als hätte man die Geschichte von Hase und Igel auf dem Rasen aufgeführt.
  • Im Elfmeterschießen liegen die Nerven schließlich endgültig blank bei den Titelaspirantinnen aus den US of A. Die kleine Kaihori hält den ersten Strafstoß gegen Boxx, Lloyd schießt Richtung Tribüne. Solo tut ihr Möglichstes, aber ihre Kolleginnen legen beinahe englische Kompetenz am Punkt offen. Die #4 der Japanerinnen, Kumagai, zerstört schließlich den amerikanischen Traum mit einem Hieb oben in den Winkel. Japan ist Weltmeister. Amerika am Boden. Sachen gibt’s, die gibt’s nur im Fußball. Homore Sawa holt alle von der FIFA ausgelobten Titel, den der Torschützenkönigin inklusive. Das japanische Team feiert, die neutralen Zuschauer mit ihm. Und ganz am Ende bleibt die Pointe, dass diese Mannschaft nur von den Engländerinnen geschlagen werden konnte. Auf der Insel wird man und frau sich ärgern. Der Fußballgott hatte wieder seinen Spaß.
  • Das war die Berichterstattung des unfassbar kompetenzfreien WM-Tagebuchs zur Frauenfußball-Weltmeisterschaft. Meinen Dank an alle treuen Leserinnen und Leser, die Fans auf Facebook, die fleißigen Twitterer, Verlinker und flattr-Spender. Wir lesen uns hoffentlich 2014 wieder! Zum Ausklang und als Rausschmeisser habe ich wie gehabt ein Lied ausgesucht, diesmal eines aus dem Land der Trizeweltmeisterinnen aus Schweden: In Flames – Liberation [auf Grooveshark anhören] / [auf Facebook anhören]. Um schließlich die Gefühlswelt der Amerikanerinnen anzusprechen und wenigstens einen Song hier drinnen einbinden zu können, noch obendrauf Alkaline Trio mit “The American Scream” aus dem frisch erschienenen Album “Damnesia”.

Schweden – Frankreich 2:1

Vorbericht:

  • Ein Wohlfühlhallo in die Runde! Mein Name ist Dr. Bettina Hohl-Nuss von der Werbeagentur Schönfärb & Wort-Müll. Sie kennen uns vielleicht noch von unserer spektakulären Kampagne Holländer? Nicht während meiner Arbeitszeit! mit Dr. Dieter Hundt während der Fußball-WM in Südafrika. Aktuell zeichnen wir für die Aktion “Dritte Plätze sind was für Männer!” verantwortlich, die derzeit großen Anklang findet und die Reputation des Frauenfußballs mit Sicherheit nachhaltig fördern wird.
  • Weil dem Stammautor dieses Blogs bis auf den gemurmelten Hinweis “Interessiert doch eh keine Sau” nichts zum Themenkomplex “Spiel um den dritten Platz” eingefallen ist, möchte ich im Folgenden dankbar die Möglichkeit ergreifen, unseren freshesten & hottesten marketing pitch zu präsentieren: Du hast gekämpft. ALLES gegeben. Rückschläge konnten dich nicht aufhalten. Das Ziel liegt vor dir. Es ist an der Zeit, dir alles zurückzuholen. Andere waren nur dabei. Du bist die 3Be all you can be. BE A THREE (powered by Käsfüssener Latschenkiefer, der Nr. 3 im Fuß- und Beinpflegemarkt mit Duftextrakten).
  • Bei den Männern gab es letztes Jahr für den Trizeweltmeister einen neuen Bundespräsidenten, der die Medaillen verteilte, eine geschüttelte Hand vom Blatter Sepp und zum guten Schluss eine dicke Umarmung von Onkel Theo. Zweifelhaft, ob der Wulff extra deswegen abdankt, aber sonst kann diesmal wieder alles drin sein. Vor allem letzteres scheint mir ziemlich sicher. Der Theo lässt doch nix anbrennen, wenn er die Bompastor, die Boulleau, die Landström und das Lottchen knuddeln kann.
  • Die Schwedinnen wollen in Sinsheim nochmal alles geben, um am Ende ihren Hoppsala-Tanz aufführen zu können. Frankreichs Trainer Bruno Bini hingegen hält gewohnt knallhart dagegen: “Vor zwei Monaten hätte keiner einen Cent auf uns gesetzt. Jetzt haben wir uns für Olympia qualifiziert und spielen um den dritten Platz. Ich sage Ihnen: Das Leben ist schön!”. Klingt schwer nach laissez-faire bzw. laissez-gagner. Um am Ende dann doch mit einem Baguette unter dem Arm und einer Flasche Wein in der Hand selbst zu tanzen.

Nachbericht:

  • Die haben meine Sonia Bompastor ausgebuht! Schämen sollen die sich, diese Zuschauer! Wie kann man nur? Das arme Ding war nach Schlusspfiff ganz brutzig und das vollkommen zu Recht. Erst Opfer der bisher einzigen und mit einer roten Karte ausgezeichneten Tätlichkeit in diesem Turnier werden und dann vom Publikum bei jedem Ballkontakt Schmähungen ertragen zu müssen, das haben wir ja gerne. Wenn Frauen treten, zerbrechen Seelen. (Ja, kann sein, dass Madame auch ein bisschen ausgekeilt hat, aber das war im Überschwang und maximal gelbwürdig)
  • Eine angenehm zu verfolgende Partie mit schönen Toren. 29. Minute: Lottchen schenkt zum zweiten Mal im Turnierverlauf ein, weil die französische Torhüterin sich gewohnt verschätzt und beim Rauslaufen zu spät kommt. Un autre jeu, un autre boc – ein weiteres Spiel, ein weiterer Bock.
  • Der Ausgleich durch Thomis in der 56. Minute mit einer Seltenheit bei dieser Weltmeisterschaft. Der platzierte Flachschuss wurde bisher so gar nicht gepflegt, wenn ich zurückblicke. Fans dieser Torerzielungsmethode werden also auch nicht enttäuscht. In der Folge entwickelte sich das typische französische Spiel: gut nach vorne, aber wenn es an den Abschluss geht, möchte man einen traurigen Chanson anstimmen. Trotz Überzahl gelingt es der französischen Auswahl nicht, ihre Überlegenheit in Tore umzumünzen.
  • So kommt es, wie es gerne kommt. Nach einer falschen Eckball-Entscheidung hämmert Hammarström die Kugel unter die Latte. Sehenswert und endgültig den Französinnen den Spaß verderbend. Am Ende tanzen die Schwedinnen und dürfen die Abwesenheit von Onkel Theo Zwanziger beklagen, der stattdessen Innenminister Friedrich zur Medaillenvergabe vorgeschickt hat. Eine großzügige Geste, so konnte der Mann endlich mal nicht übersehen werden und sich ihm freundlichen gesinnten Menschen gegenüber sehen.

Japan – Schweden 3:1

Vorbericht:

  • Dürfen die jetzt Weltmeister werden? Man wird ja wohl mal noch fragen dürfen. Jedesmal, wenn es für die deutsche Elf wieder nicht für den Thron gereicht hat, fangen die Diskussionen an. Soll die Mannschaft, die uns rausgekegelt hat, den Pokal holen? Auf dass wir uns zufrieden mit einem “Uns hat nur der Weltmeister was anhaben können” auf den Lippen zurücklehnen können? Oder gönnen wir es den Fieslingen nicht, die so dreist unseren großen Traum zerstört haben? Bei den Männern ist die Antwort leicht: klares Nein bei Italien, aktuell wegen der jüngeren Geschichte auch bei Spanien. Klares Ja, wenn die Sieger auf dem Weg noch den Holländer ausschalten.  Klare Fangfrage, wenn man den Engländer ins Spiel bringt, denn der setzt sich doch nie gegen uns durch.
  • Nun sind aber all diese deutlich definierten Nationen nicht mit ihren Frauenmannschaften vertreten. Stattdessen Japan, die unermüdlichen Racker, die neben Freistößen und Flanken jetzt auch die disziplinierte Abwehrarbeit perfektioniert haben. Freilich regt sich in diesem Fall der “Jetzt-lass-die-doch-auch-mal”-Instinkt wegen Erdbeben, Atomunfall und den freundlichen “Thank you for your support”-Bannern, die sie am Ende des Spiels immer umhertragen. Anständig sind sie, nett sind sie, bescheiden sind sie, die würden sich sogar bei Marta entschuldigen, wenn sie ihr im Weg stehen sollten. Oder Schiedsrichterinnen applaudieren, die sie grundlos ihre Elfmeter wiederholen lassen.
  • Ich denke, ich entscheide das nach dem Spiel gegen die Schwedinnen. Da müssen die Töchter Nippons aber anders spielen als gegen uns. Wieder die 120 Minuten-Rumwusel-Taktik mit einmal ins Tor schießen wäre mir zu wenig. Sollten sie jedoch gegen die körperlich überlegenen Nordfrauen spielerisch was reißen, wäre ich der letzte, der sich weigerte, sich einen großen roten Punkt ins bleichgeteinte Gesicht zu malen.
  • Schweden bleibt die Überraschungsmannschaft dieser WM. Nach den ersten beiden Spielen hätte ich denen im Idealfall eine knappe Niederlage gegen Brasilien im Viertelfinale zugetraut. Jetzt können sie mit Lisa Dahlkvist die Torschützenkönigin des Turniers stellen, so die Mittelfeldspielerin noch einmal, besser zweimal einnetzt. Lotta Schelin hingegen ist eh schon jetzt meine Torjägerin der Herzen. Keine jagt schöner, da wird das Treffen zur Nebensache.
  • Lottchen hat übrigens aktuell Nase, also Schnupfen. Das wird sie aber weder am Einlaufen, noch an der Aufführung des sogenannten Logobitombo hindern, dieses kleinen hoppsenden Ausdruckstanzes nach einem Treffer. Nicht mal Wikipedia weiß dazu Genaueres, aber ich denke mir jedesmal, dass bei seiner Entstehung sanfte psychoaktive Drogen im Spiel gewesen sein müssen. Übrigens ein Import aus Schelins Vereinsmannschaft Lyon, denn der gemeine Schwede drückt seine innersten Gefühle exklusiv beim Headbangen aus.

Nachbericht:

  • Ich sage Ja zu Japan. Diese blau-weißen Rasenroboter, die heute Abend die staksigen Schwedinnen mit ihren Pässen und Schüssen vom Platz kombiniert haben, dürfen sehr gerne Weltmeister werden. Spätestens als Homore Sawa das 2:1 mit dem Kopf erzielte, hatte die Nadeshiko auch mein Herz erobert.
  • Dabei legten die Schwedinnen mit dem 0:1 so gut vor. Einen kleinen Aussetzer in der Verteidigungs-KI eiskalt mit einem gelungenen Schuss ins Tor ausgenutzt. Doch nach Öqvist kam nur Ödmist. Wo die anderen Teams in Sachen Laufbereitschaft, Kondition und Aufbauspielstörung viel dazugelernt haben, sind die Japanerinnen beim Pass-Spiel aktuell die absolute Macht im Frauenfußball und demonstrieren das in der Folge.
  • Und wenn der Kopf nicht dran kommt, dann nehmen sie eben mittels eingesprungenem Karatetritt die Kugel mit auf den Weg über die Torlinie. Kawasumis Ausgleich wird in die Kategorie der Irgendwiehalt-Treffer eingehen. Zu dem Zeitpunkt spielen eh nur noch die Asiatinnen, bestimmen anders als noch gegen uns die Partie.
  • Klar ging dem 2:1 ein Fehler der schwedischen Keeperin Lindahl voraus. Aber das Ding mit dem Kopf reinzustubsen, ist schon besonders niedlich. Bleibt noch der zweite Treffer von Kawasumi zu erwähnen, die einen herausgefausteten Ball mit technischer Präzision und flink aus gut 30 Metern ins leere Tor versenkt. Es bleibt bei der schon anlässlich der Männer-WM gelernten Faustregel: man darf Japaner nicht alleine mit dem Ball lassen – unabhängig vom Geschlecht.
  • Japan gegen die USA lautet also die Finalbegegnung. Abby Wambach shampooniert sich angesichts der Art ihrer bisher erzielten drei Tore bestimmt schon die Kopfhaut. Mit einer Leistung wie heute Abend gegen Frankreich wird aber auch ihr Team gegen diese faszinierenden Ballexpertinnen aus dem fernen Osten auf größere Probleme stoßen.

Frankreich – USA 1:3

Vorbericht:

  • Das erste Halbfinale mit den Drama-Queens. Und ich weiß gar nicht, von wem ich mich trennen soll. Beide lagen in der regulären Spielzeit zurück, beide trafen kurz bevor der Mannschaftsbus Richtung Heimat vorfuhr, beide gewannen im Elfmeterschießen und beide haben mir echte, herzliche Freude bereitet.
  • Natürlich mussten die Amerikanerinnen noch eine Spur epischer den Sieg davontragen, denn sie traten gegen das Böse an featuring Marta, der Meckerhexe mit dem magischen Fuß und Erika, der zaudernden Zombiefrau, die zwar nur langsam zum Fallen zu bewegen ist, dann aber hurtig von der Bahre springt und rasend schnell wieder auf das Feld spurtet. Ein Albtraum übrigens für alle Zombiefreunde, denn üblicherweise schlurfen diese Gesellinnen ja eher gemächlich. Mit ein paar Erikas allerdings wäre der durchschnittliche Zombiestreifen bereits nach wenigen Minuten rum, denn welches Opfer leistet nach einer erschöpfenden Auseinandersetzung noch Widerstand, wenn die tödliche Gefahr plötzlich putzmunter fidel wieder vor einem steht und durch ein Loch in der Schädeldecke nach seinem Gehirn puhlt? Gut, dass die US-Damen sich kurz vor der finalen Lobotomie am Spirit of the Brave sowie der Hope of the Free gepackt und am Ende doch die Welt gerettet haben.
  • Die Französinnen hingegen kamen über England im Elfmeterschießen weiter. Das ist zwar immer wieder schön anzusehen, aber so spektakulär, frisch und bemerkenswert wie die FIFA-Hymne, die beim Einlaufen der Mannschaften ertönt. Komponiert von Franz Lambert, dem Orgelgott aus Heppenheim. Muss man sich einfach mal in kompletter Länge reinziehen, da groovt es dir die Gedärme durch, da kriegst du Lust, deine alte Bontempi anzustöpseln und krasseste Sounds in den Äther zu schicken. Diese Nummer werden wir wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit hören, aber dennoch schlage ich eine Alternative vor. Das Thema zu “Game of Thrones” in einem feinen Mashup, das meiner Meinung nach noch viele tausend Views mehr verdient hat. Nach DEM Einstieg würde ich sofort jemanden heroisch umtreten wollen:
  • Frankreichs Trainer Bruno Bini sichert sich weiterhin nach allen Seiten ab. Für ihn war klar, dass nur Deutschland Weltmeister werden kann. Wahrscheinlich bekommt man vor dem Spiel gegen die USA nun zu hören, dass er es als Ehre empfindet, mit seinen Frauen gegen denselben Ball treten zu dürfen wie die Amerikanerinnen. Dabei werkelt der alte Luchs schon an einem Kniff: im offiziellen Vorbericht auf der FIFA-Seite wird enthüllt, dass sich die Französinnen unmittelbar nach Sichtung des Viertelfinals USA – Brasilien mit Hamburgern stärkten, um den Kräftverlust gegen England auszugleichen. Alles mit dem Segen der medizinischen Abteilung. Burger-Doping gegen die Amis – muss man auch erst mal drauf kommen.

Nachbericht:

  • Mon petit chou, je suis désolé. Meine Herzdame Sonia Bompastor wird nicht Weltmeisterin. Allerdings verstehe ich nach diesen 90 Minuten, weshalb die französischen Rundfunkanstalten sich schwer tun, Spiele der Frauenmannschaft zu übertragen. Die waren wohl mal beim Training der Torhüterin dabei.
  • Der Reihe nach: In der 6. Minute meine ich Angela Merkel unter einem zartroséfarbenen Regencape erspäht zu haben. Aber weilt die nicht gerade irgendwo in Afrika? In der Tat. War nicht Angie, sondern die Mutter von Abby Wambach. Vom Gesichtsausdruck und der Begeisterung in den Augen könnten die beiden Zwillinge sein.
  • Frankreich beginnt offensiv, Decib setzt einen gefährlichen Schuss aufs Tor, doch quasi im Gegenzug das 0:1 durch Cheney, die eine Hereingabe von O’Reilly verwertet. Claudia Neumann freut sich wieder so deftig über das “Hineinspritzen”, dass selbst ich mich als Mann unwohl fühle.
  • So aber der 25. Minute dominiert Frankreich, die Amerikanerinnen hat eine gewisse Heldenmüdigkeit erwischt. Aber noch lassen die Französinnen zu viele Schussmöglichkeiten liegen. Verdaddeln nennt das die Reporterschaft. Immerhin trifft Bompastor in der 33. Minute die Latte. Es geht noch etwas.
  • 55. Minute. Mesdames et messieurs, je présente: Bompastor mit dem 1:1. War möglicherweise als Flanke gedacht, Thiney war jedenfalls keineswegs dran, mein Herz pocht vor Freude, das Schätzelein hat eine Bude gemacht. Félicitations! Die Amerikanerinnen tun weiterhin nichts mehr außer Hinterherlaufen. Ich will jetzt die Französinnen im Endspiel haben.
  • Die wiederum haben keine gute Torhüterin. Okay, das ist nichts Ungewohntes, die Franzosenmänner sind aber schließlich auch mit Fabien Barthez in der Kiste Weltmeister geworden. Sapowicz allerdings ist nochmal eine Handelsgüteklasse tiefer anzusiedeln. Erkennt man schon bei einem Freistoß in der 70. Minute von Rapinoe, der einzigen richtig ansprechenden Aktion der Amerikanerinnen in der zweiten Hälfte bis dahin.
  • Ecce ist lateinisch und – das wissen wir kleinen Latinumsinhaber – heißt übersetzt etwa: “Siehe da”. Das muss die französische Torhüterin auch in der 79. Minute staunend gedacht haben, als sie Wambach mit ihrer freundlichen Unterstützung das 1:2 einköpfen lässt. Drei Minuten später läuft sie sinnfrei aus dem Tor, um von Morgan zum entscheidenden 1:3 überlupft zu werden.
  • Schade, ich hätte es den wirklich gut aufspielenden Madames von Herzen gegönnt, ins Finale einzuziehen. Aber gut vorne zu sein reicht alleine nicht, wenn hinten der Mangel regiert und zum Toreschießen einlädt. Trotzdem: die Schande der Männer aus dem letzten Jahr haben die Frauen von meiner Warte aus einigermaßen auszubügeln vermocht.

Brasilien – USA 3:5 (n.E.)

Vorbericht:

  • Diese WM ist schon verrückt. Da treffen kommenden Mittwoch Schweden gegen Japan im Halbfinale aufeinander. Eine Begegnung, die man eher an der Gepäckannahme in einem deutschen Flughafen vor der gemeinsamen Abreise erwartet hätte. Aber die Schwedinnen wurden vor den USA Gruppensieger und die Japanerinnen, naja, ich muss wohl nicht mehr extra daran erinnern. Auf der anderen Seite spielen die Brasilianerinnen ihr erstes Ausscheidungsspiel heute (bereits um 17:30 Uhr) gegen die USA, was sich mindestens wie ein Halbfinale anhört.
  • Abby Wambach gegen Marta. Lauren Cheney gegen Cristiane. Hope Solo gegen … Moment, wie heißt eigentlich die Torhüterin von Brasilien? Mal kurz nachschlagen. Andreia? Barbara? Thais? So jedenfalls die Namen der Kandidatinnen. Also, wenn ich jetzt raten müsste… Andreia, natürlich. Hat die eigentlich bisher was zu tun bekommen? Könnte sich heute ändern.
  • Ich glaube, wenn Brasilien mit zwei, drei Toren zurückliegt und das Scheitern naht, haut Marta einen raus. Bisher gab es ja noch keine rote Karte gegen eine Spielerin wegen einer Tätlichkeit (obwohl diverse Nigerianerinnen und die Australierin Garriock sich in beeindruckender Weise beworben haben), aber dem brasilianischen Superstar traue ich es zu. Die wirkte im Spiel gegen Äquatorial-Guinea bereits schon genervt und tendenziell austeilfreudig.
  • Meine Sympathien liegen ehrlich gesagt bei den Amerikanerinnen. Ich kann mit der Marta nicht so recht. Die strahlt so eine Arroganz aus, wie ich sie bei einem Diego Maradona schon nicht auszuhalten weiß. Auf die Frage nach der besten Spielerin würde die nach meinem Gefühl nicht bescheiden mit “Das möge die Nachwelt entscheiden” oder “Hey, Amerikas X, Frankreichs Y und Schwedens Z sind auch wirklich gut” antworten, sondern mit “Ich. Für immer. Wer denn sonst?”.

Nachbericht:

  • Kein tolles Spiel, wenn man ehrlich ist, sogar ein eher enttäuschendes Duell der Giganten. Die jeweiligen Verteidigungsreihen stritten sich darum, wer den größeren Hau weghat. Hau im Sinne von Hektik, Angst und Unvermögen. Kunstvoll schon die Eröffnung von Daiane, die vom Gesicht her die Schwester von Joey DeMaio von Manowar sein könnte. Eine Hereingabe von Boxx schnippt sie technisch anspruchsvoll mit dem Außenrist über die eigene Torlinie. 0:1, die frühe Führung für die Amerikanerinnen.
  • In der Folge keines der Teams besonders auffällig, nur wenn es ans Verteidigen geht, entstehen Momente voller Verzweiflung. Marta versucht wieder Sympathiepreise weit von sich zu weisen, was ihr mit spielerischer Leichtigkeit gelingt. Fast schon ein erhebender Moment, als sie nach einer von ungezählten Meckereien die gelbe Karte erhält.
  • 67. Minute, Rot für Buehler. Marta hat sich den Ball technisch fein im Strafraum vorgelegt und wird umgestoßen. Kann man so sehen, antipathische Gefühle für die Frau hin oder her. Cristiane verschießt gegen Solo, doch der Strafstoß wird wiederholt. Warum genau habe ich nicht verstanden. Hatte sich Solo zu früh bewegt? War eine Spielerin reingelaufen? Den zweiten Versuch setzt Marta in die Maschen. Wir erleben gleichzeitig den Hope Solo-Move aus der Torwartschule von Uli Stein. Motto: Wenn du eh nicht an den Ball kommen kannst, brauchst du dich auch nicht danach zu strecken.
  • Kommentator Bartels findet Rodriguez nicht gut. Sonst keine Auffälligkeiten mehr bis zur Verlängerung. Kurz nach deren Anpfiff das 2:1, wieder durch Marta, die blitzschnell reagiert und die Kugel kunstvoll gegen den Innenpfosten schlenzt. Beim Anspiel vor der Hereingabe soll es allerdings Abseits gewesen sein. Das Publikum, Amis und Neutrale, sind nicht erfreut. Ich vor dem Fernseher auch nicht.
  • Die Amerikanerinnen spielen nach vorne, versuchen alles, aber es ist mehr koordiniertes Humpeln denn schwungvolles Passspiel. Über Andreia sage ich nichts Schlechtes mehr, die verhindert den Ausgleich nach einem gut gesetzten Schuss von Wambach durch schnelles Abtauchen. Erika auf der anderen Seite fällt nach zehnsekündiger Verzögerung im Strafraum hin, lässt sich behandeln, vom Feld tragen und springt kaum außerhalb des Feldes mopsfidel von der Krankenbahre. Die wohl verdienteste gelbe Karte des Turniers. Ich bete derweil zum Fußballgott, dass ich Brasilien nicht siegen sehen will.
  • Und siehe da, es ward Abby. Eine weite Flanke wird von Andreia unterschätzt, Wambach springt fast mit dem Abpfiff rein und köpft den Ausgleich. Es gibt doch noch Gerechtigkeit, mir entfleucht beinahe ein kehliges U-S-A, U-S-A. Elfmeterschießen. Marta verwandelt, Hope bemüht sich einmal richtig gegen die Unglückskickerin Daiane mit dem Eigentor und wehrt deren Versuch ab. Krieger, die Fan von Deutschland ist, verwandelt zum entscheidenden Treffer. Besiegt von einer Krieger. Wenn das Joey DeMaio mitbekommt. Der ist imstande und schreibt ein Lied drüber. Krieger kills, Warrior wins, Marta falls.

Schweden – Australien 3:1

  • Nee. Bäh. Ich mag nicht. Das hat doch keinen Sinn mehr. Ich habe letzte Nacht davon geträumt, wie Mario Basler und Nico Rosberg in Sport-BHs um mich herumgetanzt sind, sich gegenseitig an den Genitalien gezogen und dauernd “Oh, wie ist das schön” angestimmt haben. Bis Cristiano Ronaldo hereinkam und mir sein neues Parfüm verkaufen wollte, während Melanie Behringer dauernd Flanken nach ihm schlug, die er alle mit dem Kopf ins sperrangelweit offene Fenster einnickte. In dem Moment bin ich schreiend aufgewacht.
  • Ich komme mir vor, als hätte ich mir ein neues Spielzeug gekauft, das schon nach ein paar Tagen kaputt gegangen ist. Und jetzt bin ich zu enttäuscht und leer, um es umtauschen zu lassen oder mein Geld zurückzufordern. Stattdessen starre ich das Ding an und stelle mir vor, wieviel Spaß ich noch damit hätte haben können.
  • Aber angefangene Dinge soll man nun mal beenden. Schweden gegen Australien also. Gegen die Siegerin wären wir gekommen.  Die hätten uns beide sicher besser gelegen. Lotta Schelin hätte man ruhig in der Verlängerung einmal aufs Tor laufen lassen können. Die Frau hätte den Anstand gehabt, den Ball in dem Moment neben das Tor zu setzen. Um dann im Elfmeterschießen zu treffen, das wir dann aber gewonnen hätten  Während bei den Australierinnen Servet Uzunlar hinten sicher einmal lieb zu unseren Gunsten gepatzt hätte.
  • Die Statistik spricht mit 5:1 Siegen klar für die Skandinavierinnen, aber seit gestern wissen wir ja, dass Statistiken ganz großer Mist sind. Wenn ich alleine schon die Ballbesitzstatistik sehe, kommt es mir schon hoch. Die sagt doch nur aus, wie viel länger eine Mannschaft den Ball in den eigenen Reihen rumspielt als die andere. Egal. Den Schwedinnen gönne ich ein Weiterkommen, die haben mir gegen die USA viel Spaß bereitet und den traue ich zu, diese flinken und zähen Japanerinnen nach Hause zu schicken. Wo sie sich mal ruhig in eine Ecke setzen und darüber nachdenken können, was sie gestern Abend angestellt haben.

Nachbericht:

  • Wenn Wissenschaftler eines Tages die DNA von englischen und australischen Fußballer/innen mischen, könnte sich das Problem der englischen Erfolglosigkeit am Elfmeterpunkt erledigt haben. Allerdings leider, weil das Ergebnis sich schon in 90 Minuten aus dem Turnier verteidigt hätte. Das ist jetzt gemein gegenüber den großartig kämpfenden Matildas, aber mit den Abwehrleistungen braucht es schon übermenschliche Kräfte, um den Rückstand immer wieder zu egalisieren.
  • Schon in der sechsten Minute das Zusammentreffen der Chancenfrauen dieser WM. Eine australische Verteidigerin schafft die Gelegenheit, Schelin verstolpert sie. Ein Duell, das die Australierinnen auf lange Sicht verlieren sollten. Denn Lotta kommt fünf Minuten später über außen, passt nach innen auf Sjögran, die trocken ins kurze Ecke abzieht. Barbieri braucht zu lange Richtung Boden und lässt den Schuss passieren – 1:0.
  • 16. Minute: Torschützin Sjögran flankt, Dahlkvist steht vogelfrei alleine im Strafraum, von so einer Situation träumen die kleinen Japanerinnen nachts, wenn sie im Dunkeln vom Hotel aus auf das Kopfballpendel schauen. Souverän oben eingenickt, 2:0. War es das schon? Das Spiel scheint für die Schwedinnen wie Urlaub auf Bullerbü zu werden nach den Auseinandersetzungen mit den USA,  Nordkorea und Kolumbien.
  • Bis Australiens #6, Ellyse Perry, wenige Minuten vor dem Halbzeitpfiff vom Strafraumeck einen Ball wunderbarst in den Winkel schlenzt. Sicherlich eines der schönsten Tore dieser Weltmeisterschaft. Es geht in die Pause, der Urlaub auf Bullerbü ist gestrichen.
  • Wird es nochmal spannend? Können die Aussie-Ladies zurückkommen? Hält die Abwehr? Nein, nein, ach was sind die korrekten Antworten. Grausamer Rückpass von Kim Carroll auf Lotta Schelin und den lässt sich die #8 der Schwedinnen dann wirklich nicht mehr nehmen, tanzt die Torhüterin aus und schiebt zum 3:1 ein. Lottchen hat getroffen, das kann nur das Ende bedeuten.
  • Die Matildas laufen weiter an, aber es wird nichts mehr. Besonderes Vorkommnis: Garriock haut Schelin den Ellenbogen ins Gesicht, eine klare Tätlichkeit, die ungeahndet bleibt. Ich bin mir aber sicher, heute Abend bei USA gegen Brasilien fliegt noch jemand vom Platz. Ich benenne meine Favoritin im Vorbericht.
  • Schweden steht im Halbfinale gegen Japan und schnappt sich den letzten europäischen Platz bei Olympia. Die deutschen Frauen werden 2012 also nicht in London dabei sein. Schade, aber nicht zu ändern.

Deutschland – Japan 0:1 (n.V.)

Vorbericht:

  • Norio Sasaki ist ein lustiger Mensch. Der Trainer der japanischen Frauennationalmannschaft gab jüngst hinsichtlich der körperlichen Unterlegenheit seiner Elf zu Protokoll: “Ich habe ihnen beim Mittagessen gesagt, sie sollen ordentlich zuschlagen. Damit sie stark werden und vielleicht noch wachsen.” Super Sache, wenn jemand jetzt für mich schon die ganzen dummen Witze übernimmt. Wer weiß, vielleicht hängt bei der Nadeshiko genannten Landesauswahl das Kopfballpendel mittlerweile bereits in einer Höhe von 1,75 m.
  • Flach spielen, hoch gewinnen, lautet eine alte Fußballweisheit. Und wenn jemand weise ist, dann ja wohl der Japaner, der sich geschlechtsübergreifend dementsprechend daran und die Kugel knapp über der Grasnarbe hält. Unterschätzen darf man sie allerdings nicht, die Töchter Nippons. Lässt man ihnen den Raum, kombinieren sie die gegnerische Verteidigung ins Koma, die Flanken von “Manni” Miyama sind hochgefährlich und eine Japanerin anlässlich eines Freistoßes alleine mit dem Ball zu lassen, ist so töricht wie das Stehenlassen eines Beines bei einem heranstürmenden Italiener im Strafraum.
  • Soll die Taktik nun also sein, ordentlich dazwischenzugehen, alles weit vor dem Sechzehner wegzugrätschen und am Ende durch ein offensichtliches Kopfballtor von Kerstin Garefrekes oder Simone Laudehr mit 1:0 zu gewinnen? Oder gar die putzige japanische Torfrau dreckig, fies und gemein mit einem Lupfer bloßzustellen, wie es die Engländerinnen getan haben? Nein, nein und nochmals nein. Dann wäre nämlich das Bild vom häßlichen Deutschen wieder präsent, der am Ende dank eines groß gewachsenen Schlussmanns und einer einzigen gut und hoch hereingeschälten Flanke auf einen Oliver Bierhoff-Klon den Sieg davonträgt, während der geknickte Gegner in sein erdbebenkaputtes und teilverstrahltes Land zurückreisen muss. “Buhu, Deutschland, schämt euch, nehmt es doch mit Leuten eurer Größe auf”, höre ich die internationale Reporterschar aufschreien. Allen voran wahrscheinlich die Engländer.
  • Mein Vorschlag daher: die Japanerinnen auch mal schießen lassen. So aus 25 Metern, das dürfte für unsere Nadine Angerer kein Problem darstellen. Eine gute Kombination mit einem Schuss unten die Ecke abschließen, danach die Gegnerinnen anrennen lassen, vielleicht noch einen Konter zum 2:0 setzen und nach Schlusspfiff die tolle Leistung der Asiatinnen in den Himmel loben. Die dann hocherhobenen Hauptes und ohne Gesichtsverlust nach Hause fahren dürfen. Sollte das nicht klappen, ab der Verlängerung halt nur noch hohe Flanken in den Strafraum hobeln. In der Liebe, im Krieg und in den zusätzlichen 2x 15 Minuten während einer WM ist schließlich alles erlaubt.
  • Auch schön wäre die Entscheidung durch ein Tor der eingewechselten Birgit Prinz, wenn man das so hindrehen könnte. Die hat bekanntlich mit ihrem offenen und ehrlichen Auftritt bei der Pressekonferenz am Donnerstag viele Sympathien geerntet. In dieser Mannschaft ähnelt nun mal keine Spielerin im Auftreten einem Michael Ballack. Außer vielleicht Celia Okoyino “Klopfer” da Mbabi. Aber nur, wenn sie lacht. Und da kann sie ja nichts für.
  • Melanie Behringer wird spielen und uns spätestens im Finale alle retten. Das hat mir meine Hausspinne Thekla so orakelt. Kann sein, dass ich mir das auch eingeredet habe. Jedenfalls vertraue ich ihr mehr als irgendwelchen Elefantendamen oder weiblichen Kraken. Wie auch immer: Das Ding kann also praktisch gar nicht schiefgehen. Auf ins Halbfinale, Mädels!

Nachbericht:

  • Frauofrauofrauofrau, das kann doch nicht wahr sein. Wir sind draußen. Im Viertelfinale. Gegen Japan. Bei der Heim-WM. Da kriegst du die Krise, wenn du sie nicht schon hast. Das letzte Mal, dass ich so etwas durchmachen musste, war 1994. Kopfball Yordan Letchkov. 1:2 gegen Bulgarien. Aber das hier ist noch eine ganze Schippe schlimmer.
  • Ein Lob muss man den tapferen Japanerinnen aussprechen. Wo der Ball auch hinkam, stand eine von denen bereit, um ihn wegzukicken. Müde werden die wohl auch erst, wenn sie im Mannschaftsbus sitzen. Aber das wusste man doch vorher schon. Trotzdem gelang es faktisch nie, diesen Gegner unter Druck zu setzen, zu Fehlern zu zwingen, von mir aus auch den Kopf mal frei an den Ball zu bekommen. Das war einfach zu wenig. Ich kann jetzt nicht mit Statistiken um mich werfen, aber die Momente, wo das japanische Tor in Gefahr war, konnte man an etwa zwei Fingern abzählen.
  • Auf meinem Notizblock stehen nur Plattitüden. Deutschland drückend, aber nicht zwingend. Garefrekes kommt nach einer Flanke von Behringer nicht tief genug mit dem Kopf runter. Laudehr kriegt einen Ball Richtung Tor, doch er wird vor der Linie geklärt. Japan vorne gefährlich wie eine Plastiktasse voll Reis. Einmal kommen sie durch, aber Nagasoto verzieht deutlich. Auf der anderen Seite flankt und flankt Behringer, aber es passiert nichts. Fast will man selbst mal in eine Hereingabe reinspringen, so schwer kann das doch nicht sein.
  • So geht es Minute um Minute weiter, die erste Hälfte vergeht, die zweite folgt ihr, es beginnt die Verlängerung. Kleinkriegen ist bei den Japanerinnen nicht im Wortschatz, totlaufen ebensowenig. Die setzen darauf, dass die Deutschen irgendwann die Lust verlieren. Ich diskutiere mit meinem Bruder schon die Chancen im Elfmeterschießen. Motto: Techniker verschießen immer. Also noch Hoffnung. Grings verzieht derweil aus einer richtig guten Schussposition.
  • Nachspielzeit 1. Hälfte der Verlängerung. Angerer sieht bei einer Hereingabe nicht gut aus. Oh-Oh. Knapp drei Minuten später das 0:1. Pass nach außen, Maruyama setzt sich im Laufduell durch und schiebt ins lange Eck. Angerer macht nur die kurze Ecke zu und sieht nicht gut aus. Keine Ahnung, ob sie hätte rankommen können, wenn sie auf die lange Ecke gegangen wäre, aber es wirkt unglücklich. Bruder winkt schon ab mit dem Zitat: “Frauenfußball ist eben doch scheiße, da ärgere ich mich lieber über Männer”.
  • Noch 10 Minuten. Wo ist die Brechstange? Ich kann Behringer keine Flanken mehr schlagen sehen, die soll mal etwas anderes machen. Tut sie, ein guter Schuss, aber Kaihori faustet ihn weg. So muss es doch gehen. Stattdessen weiter Flanken, die zurückkommen und wieder reingeschaufelt werden. Ein Kopfball von Klopfer, zu hoch angesetzt. Dann der Abpfiff. Vorbei das Sommermärchen. Mädels, das war einfach zu wenig. Wenn man einen Gegner wie Japan, den man hinten körperlich gut im Griff hat, vorne nicht in Verlegenheit bringen kann, sei es spielerisch, sei es über den Kampf, dann hat man im Halbfinale nichts zu suchen. Hart, aber wahr. Den Frauenfußball in Deutschland dürfte diese Nummer auf einige Zeit hinaus nach hinten geworfen haben.
  • Ich glaube, über die Partien morgen werde ich eher wenig schreiben. Über Australien gegen Schweden wahrscheinlich nur “Mir doch egal”. Aber das Turnier geht weiter, das WM-Tagebuch auch. Meine Sympathien gehören jetzt den Französinnen. Die gewinnen gegen England im Elfmeterschießen. Da ist die Welt noch in Ordnung.

England – Frankreich 4:5 (n.E.)

Vorbericht:

  • Sie ist angebrochen – die Woche, auf die Linda Bresonik schon so leidenschaftlich schwer hingearbeitet hat. Die Woche, in der mir Cristiano Ronaldo während Weltmeisterschaften immer die meiste Freude bereitet. Die Woche, in der Millionen britischer Fußballfans die Rückkehr ihrer Frauenauswahl mit einem “so f*cking what” kommentieren werden. Ja, es ist die Woche der Ausscheidungsspiele.
  • Beginnen wird sie mit dem europäischen Klassiker England gegen Frankreich. Und vielleicht wird dabei eines der größten Geheimnisse gelüftet werden: Was reden Frauen eigentlich während dieser entscheidenden 90 Minuten und mehr auf dem Platz miteinander? Bei den Männern ist die Sache relativ klar erfassbar: “‘SchhaudiraufsMaul”, “‘Schmachdischplatt”, “Arschlochwichserhurensohn” oder, für gebildete Abwehrspieler wie etwa Per Mertesacker, “Deine Frau liest heimlich die BILD-Zeitung”.  Nun, da die News of The World-Journaillenmeute von Rupert Murdoch ab morgen spielfrei hat, könnte man die ganzen schicken Abhörapparate doch einem nützlichen Zweck zuführen, bevor die Garantie abläuft. Auf ein paar Trikots gesteckt und den Ton als zweite Kommentarspur freigegeben, wenn es dem Kommentator oder der Kommentatorin gerade ein wenig an Esprit mangeln sollte. Ich persönlich würde mich auf englisch-französische Begegnungsklassiker wie “Ihr trinkt doch nach dem Onanieren kaltes Wasser”, “Du verkackter englischer Frischbiertrinker” oder auch “I fart in your general direction” freuen.
  • Die Vorteile der Französinnen liegen meiner Meinung nach klar auf der Hand. 1) In den letzten zehn Partien konnten sie von den Britinnen nicht geschlagen werden, der letzte Sieg datiert aus dem Jahre 1974. 2) Ziemlich sicher wird mon petit chou Sonia Bompastor spielen. 3) Die #3 der Französinnen, Laure Boulleau, ist optisch auch sehr lecker. 4) Der vorzeitige Abflug der Britinnen würde viel mehr Aufhebens machen, denn die Franzosen scheinen sich für ihre kickenden Landsfrauen kaum zu interessieren. Einziger Nachteil: die Stammtorhüterin Bérangère Sapowicz ist wegen ihrer roten Karte aus dem Spiel gegen Deutschland gesperrt. [Nein, ich schreib das jetzt nicht hin] [Doch, mach!] [Nein] [Nun mach schon!] [Okay, *seufz*] Bei den Engländerinnen wäre ein solcher Ausfall bedeutend unterhaltsamer.
  • Wie immer die Begegnung auch enden wird, gegen uns kommen die Siegerinnen frühestens im Finale. Realistischerweise dürften sie aber vorher an dem scheitern, was aus der Schlacht Brasilien gegen die USA übrigbleibt. So oder so sind die Frauen mit dem Einzug ins Viertelfinale jetzt schon erfolgreicher als ihre männlichen Pendants 2010. Denn die Engländer haben, wie ich mich gerne erinnere, gegen uns mit 4:1 den Kürzeren gezogen, während die Franzosen vom Erreichen der Ausscheidungsrunde in etwa so weit entfernt waren wie die RTL2-Sendung “Frauentausch” von einer Grimme-Nominierung.

Nachbericht:

  • Diesen Nachbericht schreibe ich nach dem Ausscheiden der DFB-Elf gegen Japan. Wer Anzeichen von Lustlosigkeit herausliest, liegt nicht falsch. Also kurzgefasst. England unterliegt im Elfmeterschießen, soweit schon mal nichts Überraschendes.
  • Die Engländerinnen mit der ersten Chance nach 16 Sekunden. Doch Smiths Schuss wird abgeblockt. Ersatztorhüterin Deville sieht schlecht aus und behält diesen Zustand, sofern die Inselfrauen mal in ihre Nähe kommen. Die Französinnen spielerisch besser, mit 2-3 gefährlichen Torschüssen. Aber nichts fällt richtig zwingend aus.
  • Scott schießt in der 59. Minute das 1:0, Deville lungert viel zu weit vor dem Tor, wirkt bei dem Schuss überfordert. “Die kann nix”, ruft Bruder in die Stille hinein. Ich wage nicht zu widersprechen. Frankreich rennt an, aber vor dem Tor brennt es nicht.  Zehn Minuten vor Schluss drehen die Französinnen plötzlich auf, machen Alarm in der gegnerischen Hälfte. Thomis läuft in der 85. Minute frei durch, doch statt voll draufzuhalten, wie es jeder anständige Kerl machen würde, versucht sie einen Lupfer. Eine Minute später kratzt White einen Kopfball von Lepailleur von der Linie. 88. Minute: der Ausgleich, le triomphe dans le winkel, ein wunderbarer Schlenzer aus dem Gewühl von Bussaglia, der Ball geht ins linke Kreuzeck und prallt von dort hinter die Linie. Chapeau, madames!
  • Verlängerung. Stürmerin Kelly Smith beantragt den Halbinvalidenpass, kann aber nicht mehr ausgewechselt werden. Und was machen die Franzfrauen? Nix mit überrollen, überlaufen oder kaputtschießen. Nö, monsieur. Stattdessen verfällt man in die Spielweise der ersten Halbzeit. Wenn sich das nicht mal rächt, denke ich mir. Vielleicht gilt die alte Elfmeterregel doch nur bei den englischen Männern.
  • Erster Elfmeter Frankreich. Mon dieu, Bardsley fängt den Ball, als wäre vorher abgesprochen worden, wo er landen soll. Es scheint wirklich, als hätte die Schützin gewartet, bis die Torhüterin abspringt und den Ball dann zielsicher dorthin bugsiert. Aber am Ende versagt England dann eben doch: Rafferty tritt ewig den Elfmeterpunkt platt, ein sicheres Zeichen für Verunsicherung- und schwupp, rollt die Kugel am Tor vorbei. Faye White schließlich trifft unglücklich die Latte, das war’s. England is coming home after the penalty shootout. And now for something completely usual…