Paraguay – Japan 5:3 n.E.

Vorbericht

  • Komm, würfelt es aus. Ist doch egal, wer. Weiter stoßen die eh nicht im Turnier vor. Worte, die auch vom Fußballgott stammen könnten. Ja, es gibt diese Tage, da ist der Fußballgott einer Meinung mit seinen Untertanen. Siehe bei dieser WM das Schicksal von Frankreich, Italien und England.
  • Wäre mal eine schöne Aufgabe für angehende Marketingexperten, diese Begegnung so zu bewerben, dass Millionen Zuschauer sich darum reißen würden, sofort ein lebenslang bindendes PayTV-Abo abzuschließen (Verkauf der Adressdaten des gesamten Haushaltes an GEZ, BILD, BND und SKL inklusive). Zwei Kontinente prallen aufeinander. Nur einer wird überleben. Nie zuvor gab es einen größeren Kampf, nie ging es eindringlicher um die Existenz zweier Mannschaften. Denn wer heute geschlagen zurück bleibt, badet vielleicht nie mehr in den Sonnenstrahlen des güldenen Pokals, nach dem alle Völker streben. Auf Deutsch: bisher hat es keiner von beiden jemals in ein Viertelfinale geschafft. Heute ist es soweit. Und jetzt alle so: von mir aus.
  • Was haben die denn zu bieten? Der Paraguayer ist ein listiger Geselle; unter dem weiten Deckmantel der italienischen Vollversager huschte er einfach als Tabellenführer durchs Ziel. Dabei konnte er die versammelten Ballspielallergiker vom Stiefel nicht mal schlagen. Den Neuseeländer hielt er tapfer auf 0:0-Abstand. Nur dem Slowaken legte er zwei Eier ins Nest. Da bricht jetzt nicht die Euphorie aus mir heraus. Wo stehen denn Lucas Barrios, Roque Santa Cruz oder Nelson Valdez in der Torjägerliste? Auf derselben Stufe wie Wayne Rooney. Da können sie sich was drauf einbilden, wenn es spätestens Samstag Abend nach Hause geht.
  • Elfmeterschießen wäre nicht schlecht. Also direkt Elfmeterschießen, nicht noch vorher 120 sinnlose Minuten Grashalmumtreten auf offenem Feld. Denn der Japaner ballert, wie gegen Dänemark, schon mal gerne aus 20-30 Metern den Jabulani in die Maschen. Was macht der erst ohne Mauer und bei noch geringerer Distanz? Linker Innenpfosten, rechter Innenpfosten, kurzer Tanz des Balls auf der Linie, bevor das zusammenstürzende Tor ihn (den Ball, nicht den Japaner) in vollem Unfang hinter die weiße Kreideschicht drückt. Dann dreht sich Uchida um zum Publikum, verbeugt sich und sagt leise „Bumm“.

Nachbericht

  • Ja, sorry für den späten Nachbericht. Aber ich komme gerade erst vom Autokorso wieder zurück. Was für eine Stimmung, was für wunderbare Schlachtrufe, was für eine Einigkeit! „Hupt, wenn ihr froh seid, dass dieser Mistkick rum ist“, war das einträchtige Motto der Veranstaltung. Ich und der Toyotahändler, auf dessen Parkplatz ich einsam meine Runden drehte, waren ganz einer Meinung.
  • Ein Spiel, als wenn man einem Schwarm hungriger Fliegen vor einer weiß-roten Tapete beim Rumsummen zusieht. 120 verdammte Minuten lang! Dürfte ab morgen apothekenpflichtig sein und im Falle von schweren Schlafstörungen verschrieben werden.
  • Der Asiate hat es ja nicht so mit dem Gesichtsverlust. Deshalb nur ganz der dezente Hinweis: ihr Brüder Nippons, geht nach Haus und schämt euch mal ordentlich aus. Der Paraguayer darf zwar bleiben, ist auf meiner Beliebtheitsskala aber in einer Kategorie mit abgerissenem Fußnagel und schwer beleidigtem Menikus.

Italien – Paraguay 1:1

Vorbericht

  • Ich bin müde und kraftlos. Das geballte Unterhaltungsvakuum der Partie zwischen Japan und Kamerun hat mich mürbe gemacht. Und jetzt soll ich auch noch den Italiener ertragen. Auf RTL. Mit Klinsi (mögliche Wortbeiträge: „Der Italiener hat’s gern defensiv“ und „Der Paraguayer trägt gerne Streifen“). Das wird schwer. Wenn mir aber dieser Giovanni Zarrella mit einem Italosong über den Weg läuft, schalte ich aus. Ich hab auch noch Würde.
  • Italien ohne Andrea Pirlo, der sich (und den Spruch habe ich schon 2008 gebracht, aber ich finde, er passt einfach)  meinen entgeisterten Gesichtsausdruck nach dem WM-Sieg seines Landes ins Antlitz hat meißeln lassen. Trainer Lippi  hat so ziemlich alles, was erfolgsversprechend aufspielen könnte, konsequent aus der Mannschaft verbannt. Plus Luca Toni. Ein wenig werde ich den alten Strafraumhechter schon vermissen.
  • Der Paraguayer hat eine bessere Qualifikation als Argentinien gespielt. Die Hoffnung liegt im Sturm: Nelson Valdez (weniger), Roque Santa Cruz (eher) und Lucas Barrios (sehr, sehr viel). Hinten und im Mittelfeld ist eher die Abteilung „O dios mio“ zugange.
  • Habe ich schon erwähnt, dass Gruppe F schon fast peinlich leicht besetzt ist? Da wäre selbst der Bierhoff vor Scham errötet, wenn wir die bei der Auslosung erwischt hätten.

Nachbericht

  • Es hilft schon, seine Erwartungen vor einer Partie niedrig zu halten. Nach dem Desaster mit Kamerun (KAMERUN! *hier bitte visuell anklagende Armbewegung mit geballter Faust vorstellen*) erhoffte ich mir nicht viel von Italien gegen Paraguay. Insofern ist ein klarer Keinsieg der Italiener doch eine schöne Sache.
  • RTL hat sich wieder getoppt. Nicht nur, dass sie den Chor der Tonverfehler beim Abspielen der Nationalhymne wieder in vollstem Sound in die Haushalte gesendet haben – nein, sogar die ERSATZBANK mit Gattuso wurde verkabelt, damit der seinen schiefen Beitrag leisten konnte. Beim nächsten Spiel sitzt dann wohl Frauke Ludowig auf der Tribüne und steckt den Spielerfrauen das Mikro in den Ausschnitt.
  • Paraguay spielte eigentlich so wie der Italiener das üblicherweise tut. Spielaufbau des Gegners verhindern, überraschend einen reinmachen und weiter Spielaufbau verhindern. Nur hatten die Paraguayer die Rechnung ohne ihren Torwart gemacht. Springt keck vorbei und drin das Ei. Dem Buffon wär das selbst mit ausgetretenem Ischiasnerv nicht passiert.
  • Gibt es eigentlich Fans von Standardsituationen? Die kamen heute voll auf ihre Kosten. Eine Ecke, ein Freistoß, zwei Tore. Ich sehe ja lieber schöne Kombinationen, Doppelpässe, Fernschüsse, Torwartparaden. Aber in der Gruppe muss man mit wenig zufrieden sein. Italien nun bitte im Achtelfinale gegen die Niederlande. Mit Arjen Robben.