England – USA 1:1

Vorbericht

  • Wirf einem Amerikaner einen Fußball zu und du wirst dich wundern. Im Idealfall gelingt ihm ein brauchbarer Hechtkopfball mit seiner burgerkinggestählten Wampe; wahrscheinlicher ist jedoch, dass er das Spielgerät auffängt, sich auf die Suche nach einem Korb bzw. einem Schläger begibt oder es sich unter den Arm klemmt und ziellos durch die Gegend rennt. Noch wahrscheinlicher, dass er sich duckt und seine kleine Tochter vor sich hält, weil wenigstens die etwas Erfahrung im Umgang mit dem runden Leder hat. Wie kann daraus eine große Fußballnation erwachsen?
  • Ganz anders der Engländer. Hier duckt sich nur der Torwart, wenn der Ball auf ihn zukommt. David James, 39 Jahre, normalerweise beim FC Portsmouth, seines Zeichens frischgebackener Tabellenletzter der Premier League,  zwischen den Pfosten. Den haben sie wirklich ernsthaft mitgenommen, um das englische Tor zu hüten.  Dafür gibt es einfach kein Pendant in der deutschen Bundesliga, wir müssten wohl extra ein Casting veranstalten, um so einen Coup hinzubekommen. Und am Ende gewänne natürlich Oliver Pocher, mit seiner unglaublich facettenreichen und nie langweilig werdenden Darstellung von Oliver Kahn. Weil sonst auch keiner bei dem Quatsch mitmachen würde. Aber zurück zu den Briten. Es täte mich schon ärgern, wenn anstelle von „Calamity James“ Robert Green eingesetzt werden würde.  Schließlich sollte man einen einmal gestarteten Jux doch auch bitteschön bis zum Ende durchziehen.
  • Die Engländer werden als heiße Favoriten auf den Titel gehandelt. Weil sie mit Fabio Capello einen ganz ausgefuchsten italienischen Trainer auf der Bank sitzen haben. Darüber hinaus eine absolut ungefährdete Qualifikation gespielt haben. Und natürlich wegen der fußballspielenden Bulldogge Wayne Rooney vorn im Sturm, die zwischen diversen F♥ck Y♥♥-, S♥ck My D♥ck- & R♥ttle My B♥lls-Arien erstaunlich oft in den Kasten trifft. Auch ich ermahne alle, die da schon die Witze mit dem Elfmeterschießen aus der hohlen Hand zaubern. Denn die Gruppenauslosung ist dieses Jahr so unverschämt gut für die Inselmannen ausgefallen, dass es fast schmerzt. Keine überragenden Gegner in der Vorrunde, im Achtelfinale könnten wir sie mit den Serben zwar ordentlich ärgern, aber danach wartet der Sieger aus Erstplatzierter  Gruppe A gegen Zweitplatzierter Gruppe B – also Frankreich, Mexiko, Nigeria oder Südkorea. Schwuppdiwupp steht der Brite im Halbfinale und dann ist bekanntlich alles möglich.
  • Moment. Halt! Nachtrag. Ich kann mich jetzt, knapp 10 Minuten nach dem Ende des Spiels Argentinien gegen Nigeria selbst beruhigen. Wenn es Nigeria wird, kriegen die Engländer auch dicke Probleme.

Nachbericht

  • Dem englischen Fußball geht der Nachwuchs an Strafraumversagern nicht aus. Schmierblattredaktionen im ganzen Land werden heute Nacht Überstunden machen müssen, um sich einen neuen Spitznamen für den Torwart mit der bisher im Turnier gezeigten, ähm.. mutigsten Darstellung eines Ballfangversuchs auszudenken. Rob, The Flop? Mr. Bean Green? Den Spaß lasse ich mir nicht entgehen, zu einer guten WM gehört es einfach dazu, tief in der Nacht nachzulesen, wie die heimische Boulevard“presse“ auf die Three Lions eindrischt.
  • Ich gebe zu (und als Einwohner eines Landes, das den Begriff Schadenfreude erfunden hat, darf ich das wohl), dass ich mir nie so sehr einen HD-Fernseher gewünscht hatte wie in jener magischen 40. Spielminute. Zu sehen, wie dem Keeper, dem Trainer und der Mannschaft detailgenau die Gesichtszüge entgleisen, nachdem der Ball über die Linie gekullert ist – das sind Momente, die willst du einfach für ewig auf der Netzhaut eingespeichert wissen.
  • Muss man über den Rest überhaupt noch was schreiben? Die Engländer zu Beginn deutlich besser, mit einem schnellen Treffer durch Gerrard. Danach dieses typisch italienisch geprägte Zurückziehen und Gucken, was der Gegner macht. Zu dem Zeitpunkt wurde ich schon leicht dösig, aber wegen des ewigen Trötengesummses kriegst du ja kein Auge zu!
  • Die US-Boys waren wirklich bemüht, das erkenne ich an. Aber bei einem normalen Spielverlauf fahren die mit einem 1:0 zurück ins Camp. Was der Engländer allerdings auf den Platz geröchelt hat, müsste so ziemlich jede Titelanwärterambition zerplatzen lassen. Rooney ackerte vorne, scheint aber auch wirklich der Einzige zu sein, der im Team einen Ball hinter die Linie bringt, wenn er die Möglichkeit dazu bekommt.
  • Ganz zum Abschluss die Fehleinschätzung des Tages und endlich die erste Nominierung eines Kommentators: Steffen Simon für seine Beschreibung von Peter Crouch (das wandelnde Skelett mit der Nr. 9 auf dem Rücken) als „kräftig gebaut“. Dann bin ich der unglaubliche HULK kurz vor der Muskelapparatexplosion.

Argentinien – Nigeria 1:0

Vorbericht

  • Von dem Titelfavoriten Spanien sagt man gerne, dass sich die Mannschaft eigentlich nur selbst schlagen kann. Bei Argentinien ist es fast genauso, hier kann aber auch Diego Maradona mit seiner schier überbordenden Kompetenz die Albiceleste aus dem Turnier kegeln. Als Fußballspieler war der Mann zweifellos mindestens ein Halbgott, als Trainer… nun ja. Gerne nominiert er mal Spieler, die im Krankenhaus liegen, fordert Journalisten zu homoerotischen Abenteuern heraus und ich würde mich nicht wundern, wenn die Torhüter im Training eigens geschneiderte Leibchen trügen, um nicht Gefahr zu laufen, im Spiel später als Stürmer eingesetzt zu werden.
  • Im Hintergrund werkelt die Trainerlegende Carlos Bilardo und wenn es die Truppe um die Superstars wie Messi, Higuain, Milito und Tevez schafft, ihren offiziellen Übungsleiter als eine Art Maskottchen zu sehen, das ihnen ab und an mal den Allerwertesten entgegenstrecken darf und im Gegenzug den Bauch gekrault bekommt, könnte bei dem Tunier mehr rausspringen als bei der grauenvoll mies eingespielten Qualifikation.
  • Bei der WM 2006 schrieb ich über die Schweden, die später gegen die deutsche Mannschaft im Achtelfinale antreten und ausscheiden durften: „Müssen die Schweden halt 2010 in Südafrika was reissen. Der Skandinavier fühlt sich in Gefilden südlich des Äquators ja auch sofort heimisch..“
    Das haben wohl irgendwelche Verantwortliche in afrikanischen Fußballverbänden tatsächlich ernst genommen (dass sich die Schweden erst gar nicht qualifiziert haben, ist ihnen hingegen entgangen). Weshalb Nigeria nun von dem ehemaligen schwedischen Trainer Lars Lagerbäck trainiert wird. Den Auftritt dieses Mannes als dröge zu bezeichnen, ist schon ein Ausbund an Untertreibung. Ich stelle mir den ersten Arbeitstag als ein richtiges Aufeinanderprallen zweier Kulturen vor; wo der Nigerianer es gewohnt war, gleich zu Beginn eine Voodoopuppe des gegnerischen Torwarts ins Torkreuz zu hängen, ein frisch geschlachtetes Hühnchen am Anstoßpunkt zu vergraben und sich mit dem Ball am Fuß vom eigenen Strafraum aus nach vorne zu dribbeln, muss er nun radikal umdenken. Quälend lange Seminare im kollektiven Knäckebrotkauen, Elchkuhniederstarren und Blutdruckmessen stehen auf dem Programm, um das aufbrausende Temperament der Westafrikaner zu zähmen. Und wozu? Für’s Achtelfinale, wo nach alter schwedischer Tradition Schluss sein wird.
  • Nigeria muss auf John Obi Mikel verzichten. Ganz schlimme Sache. Ich kenne den Mann nicht, aber was da an möglichen Werbeeinnahmen für das Handwerkerfachmarktwesen verloren geht, ist schon verdammt traurig.

Nachbericht

  • Die Gauchos mit einer Anfangsoffensive, da drückt’s dir die Stollen in die Sohle. Heinze mit Flugkopfball in den Winkel, das sagt dem Gegner schon gleich: „Euch schieben wir nicht die 08/15-Kuller rein, hier setzt es Abschlussfeinkost. Aber reichlich!“ Reichlich ist es zwar dann doch nicht geworden, weil das Messi-As noch nicht gestochen hat.  Wenn ich den Ritchie jedoch so den Rasen pflügen sehe, wird mir schon Angst und Bange vor einem möglichen Viertelfinale gegen unsere Jungs.
  • Aber auf die Nigerianer lass ich auch nichts mehr kommen. Bisher konnte ich die nicht so recht einschätzen, deshalb das ganze Ablenkungsgefasel um den Schweden-Lars im Vorbericht. Das wird verdammt emotional, wenn ich am Ende der Vorrunde entweder von denen oder meinen Südkoreanern Abschied nehmen muss. In dem Zusammenhang: Otto kann heute Abend schon mal die Frühbucherangebote für die Rückreise studieren.
  • Der Reporter (dessen Namen ich mir nicht gemerkt habe, was immer ein gutes Zeichen ist, weil er mich dann nicht genervt hat) hat es erwähnt: die afrikanischen Torhüter sind sehr stark. Früher stand stets ein großes „Heieiei“ und „Uuiuiui“ auf dem Programm, Veteranen wie ich erinnern sich auch gerne an die südamerikanischen Pendants, aber mittlerweile ist da Qualität auf breiter Ebene eingezogen.
  • Fazit: hochklassige Partie, die auch 3:2 hätte ausgehen können. Tolle Tempo-Vorstöße der Argentinier, starkes Dagegenhalten der Nigerianer, ab der zweiten Hälfte ein Duell auf Augenhöhe. Nur den Maradona mit seiner affektierten Poserart kann ich weiterhin nicht leiden. Wenn der Weltmeister werden sollte, trabt der sicher nicht getragen kaiserlich über den Rasen wie unser Franz 1990 in Rom. Der reißt sich die Kleider vom Leib, steckt sich eine Tröte in den Hintern und pupst die Nationalhymne.

Südkorea – Griechenland 2:0

Vorbericht

  • Keine gute Ansetzungspolitik der Turnierverantwortlichen: Samstag, leicht später Morgen, und dann direkt diese Knaller-Partie in die unausgeschlafenen Augen gedrückt zu bekommen ist mit Sicherheit kein guter Start ins Wochenende. Südkorea gegen Griechenland. Das wird ähnlich spannend wie das Duell einer Kampfmücke mit einer Panzerglasscheibe. Was auch den Spielverlauf ziemlich genau treffen dürfte.
  • Bei den Asiaten regt sich in mir ja immer der Beschützerinstinkt. Als wären es die eigenen Kinder. Voll väterlichem Stolz möchte man rufen: „Seht nur, wie putzig sie über den Rasen huschen“, „Ja, Lee, das nächste Mal schießt du bestimmt ins Tor“ oder „Jetzt schubs doch den Kim nicht weg, du Riesenrüpel, hau gefälligst Spieler in deiner Größe um!“. Aber es hilft ja nichts. Im Mittelfeld können die Racker alles, aber wenn sie vorne treffen, zuckt man als Zuschauer vor Überraschung zuerst einmal erschreckt auf. Tragischerweise ist hinten die Verteidigungsmauer wie jedes Jahr evolutionsbedingt zwei bis drei Ziegelsteinreihen zu niedrig ausgefallen. Was bedeutet: einer kullert immer mehr rein als beim Gegner und heim geht’s, neue Unterhaltungselektronik produzieren.
  • Griechenland ist abgebrannt. Nicht nur finanziell, sondern auch spielerisch. Man nagt sozusagen am letzten Grillspieß. 2004 hielt die Verteidigung alles dicht, vorne hoppelte Harry Charisteas den Ball einmal pro Spiel über die Linie und schon war man Europameister. 2006 erst gar nicht qualifiziert, 2008 meinen Ehrenpreis für unattraktives Ballspiel vor zahlenden Zuschauern erhalten und 2010 gerade so reingerutscht, weil man die Ukrainer in der Relegation zu Tode gelangweilt hat. Keine ruhmvollen Meriten für Otto und seine Jünger, die durch die Nominierungspolitik des Trainers eher Ältere sind. Schließlich lässt Rehhagel gewohnheitsmäßig nichts in seine Auswahl, was noch unverheiratet ist, kein Kind gezeugt hat und noch keine Aussicht auf einen Frührentenbescheid glaubhaft darlegen kann.
  • Wieder muss ich zur Eigenmotivation auf einen Trick zurückgreifen; ich wette bei Oddset auf den Spielausgang. Freilich nicht allein für dieses Spiel, sondern gleich für mehrere. Aber mit dieser Partie fange ich meine Reihe der Tipptriumphe an. 2006 wurden einem von den Internetanbietern ja die Guthaben noch nachgeschmissen, aber wegen des Verbots des Glücksspiels über das Internet muss ich nun 2,50 Euro plus 50 Cent Gebühren aus eigener Tasche raushauen. Aber das ist es wert, wenn ich mir dafür einen abschreien kann, damit die Südkoreaner ein Unentschieden holen. Auf einen Sieg zu setzen habe ich mich wirklich nicht getraut.

Nachbericht

  • Jetzt musste ich vor Verfassen dieses Beitrag doch schnell mal im Haus herumlaufen und prüfen, ob ich nicht die letzten 105 Minuten in einer Parallelwelt gefangen war. Ich meinte schon während des Spiels dauernd das Thema von Terminator 2 bei den Trommeln raushören zu können. T5 – Gefangen im Hummelschwarm. Jetzt mit alternativen Welten statt Zeitreisen. Während der Hymnen schon die erste Anomalität: ein Südkoreaner salutiert, ich hatte meinem Teilzeitarbeitgeber PPP (Prima Propaganda Pjöngjang) schon einen Glückwunsch zum ersten Überläufer telegrafiert. Aber die meinten nur, der sei halt beim Militär und deshalb etwas sonderbar.
  • Der Südkoreaner plötzlich 1,82 m im Schnitt groß, erzielt Tore, hat sogar eine verdammte Kopfballchance in der zweiten Hälfte! Der Grieche mit zwei(!) Stürmern. Also gleichzeitig auf dem Platz, meine ich jetzt. Und so 20 Minuten vor Ende drängen die Hellenen nach vorne und schießen aufs Tor! Da kann man doch wirklich auf den Gedanken kommen, dass jemand an der Raum-Zeit-Krümmung gedreht hat.
  • Lee, frei wie der Wind, hat tatsächlich einen reingemacht. Ich wusste es doch. Der Rest der Mannschaft aber auch sehr gut im Kombinations- und Konterspiel. Die Griechen hingegen geschockt von ihrer eigenen Aufstellung. Otto wird ganz schön sauer sein. „Da will man mal modernen Offensivfußball spielen und kriegt gleich einen drauf. Gegen Nigeria gibt’s wieder Beton, ihr könnt mich alle kreuzweise!“. Sprach’s und verschwand im Hotel Akropolis zwecks Ouzovorrätevernichtung.
  • Insgesamt ein verdienter Sieg der Südkoreaner, die sich in mein Herz gespielt haben. Nur hinten schaut es immer noch nicht so ganz sattelfest aus. Mit meinem Tipp lag ich himmelhochweit daneben, aber nach dem Gurkenkick gestern Abend kann ich den Rackern einfach nicht böse sein.

Südafrika – Mexiko 1:1

Vorbericht

  • Was ist klein, grün und wundert sich demnächst, dass die WM schon wieder so schnell vorbei ist? Richtig, der Mexikaner, dessen Selbstbewusstsein sich bekanntlicherweise umgekehrt proportional zu seiner Körpergröße verhält. Gerne und häufig scheidet er bei großen Turnieren gegen unsere Nationalelf aus, was ihm hierzulande zu Recht viele Sympathien eingebracht hat. Diesmal kann es wieder dazu kommen, wozu allerdings das Erreichen eines der Spiele der letzten 8 Mannschaften vonnöten wäre. Danach geht es aber definitiv zurück in die mittlerweile durch die Amis in Teilen formschön umzäunte Heimat, denn nicht umsonst übersetzt der Mexikaner den Einzug ins Halbfinale ehrfurchtsvoll mit „El Inaccessibilo“, den Unerreichbaren. Schade drum.
  • Mindestens ein Experte wird darauf hinweisen, dass der Mexikaner ja quasi ein Spanier ist. Nicht nur aus historischer, sondern halt auch aus  fußballmentalitätstechnischer Sicht. Also immer toll und gut drauf, wendig, wuselig,  aber wenn die Turnierglocke läutet, infolge von Erfolglosigkeit schneller zuhause als Peter Neururer nach der Vertragsunterzeichnung. Nun haben die Spanier uns alle bei der letzten EM überrascht, woraus viele schließen, dass Mexiko der nächste explodierende Fußball-Vulkan am Horizont sein könnte. Genauso möglich ist aber auch, dass die Südafrikaner die Truppe mit holländischem Kombinationsspiel vom Platz wischten.
  • Der Torhüter der El Tri, ein gewisser Guillermo Ochoa, soll 1,84 Meter groß sein. Das kann ich mir einfach nicht vorstellen, da bleibe ich kritisch, das muss ich selbst sehen, um es zu glauben.  Am Ende wurde hier eine Großbildleinwand mit FullHD-Unterstützung als Maßstab genommen. Ich werde höchstpersönlich auf meinem LowDef-, LowFi-, 2D- und 4:3-Modell von Sharp nachmessen und diese Mär wahrscheinlich umgehend widerlegen können.
  • Südafrikas Auswahl heißt Bafana Bafana, ihr Trainer stammt aus Brasilien und die Mannschaft hat dieses Jahr den Heimvorteil auf ihrer Seite. Das sind gleich drei schwer plausible Gründe, weshalb der Gastgeber die Vorrunde überstehen müsste. Zumindest sind das die einzigen, die mir einfallen. Eine Qualifikation musste man nicht spielen, das Leistungsvermögen rangiert daher  irgendwo zwischen Kann-einen-Pass-Stoppen, Weiß-wo-das-Tor-steht und Darf-man-nicht-mit-dem-Ball-alleine-lassen. Sicher wissen werden wir es erst, wenn die letzte Vuvuzela verstummt ist. Jetzt hätte ich beinahe verstimmt geschrieben. Eine verstimmte Vuvuzela. Brüller.
  • An Südafrika gefällt mir, dass die Mannschaft weiß, wo sie herkommt. Wenn man es genau nimmt, weiß sogar jeder, wo sie herkommt. Einfach den großen Erdklumpen unterhalb Europas mit dem Finger runterfahren, und kurz vorher stoppen, bevor wieder Wasser kommt. Bingo, da liegt’s, kann man gar nicht verfehlen. Ärgerlich sind nur die nächtlichen Anrufe von neiderfüllten Slowaken und Slowenen, die abrupt „WIR WISSEN WO IHR WOHNT, IHR ELENDEN SIMPELGEOGRAFEN!!!“ ins Telefon schreien und auflegen.
  • Noch nie zuvor ist ein Gastgeberland einer WM in der Vorrunde ausgeschieden. Selbst als man es 2002 von Veranstalterseite wirklich darauf angelegt hat und in Südkorea und Japan anstoßen ließ (1994 durften sich die Amis als bester Drittplazierter der Vorrunde noch ins Achtelfinale reinschmuggeln). Als nächsten Ausrichterkandidaten hat man nun Österreich ins Auge gefasst, damit konnte man bei der EM gute Erfahrungen sammeln. Was passiert also, wenn Südafrika vorzeitig zu Hause bleiben muss? Jubelt der Kapstädter, trommelt der Johannesburger dann für einen anderen Afrikaner? Ich mein ja nur, bis zum nächstgelegenen Teilnehmerland Kamerun sind es schon knappe 4000 Kilometer, das wäre so, als würde in Europa der Spanier den Finnen anfeuern. Oder der Engländer den Kasachen. Obwohl: das würde ich echt mal gerne sehen. Go Kazakh, wherever the f*ck you are!

Nachbericht

  • War das eine Eröffnungsfeier oder nicht? Meine Herren! Farbenprächtig. Stimmungsvoll. Überspringende gute Laune allenthalben. Wie diese knapp zweistündige Show einen Einblick in die afrikanische Seele gab, das hat mich schon sehr berührt. Es war, als finge man einen Schmetterling mit den Händen und erfreute sich behutsam für einen kurzen Moment seiner Schönheit, ehe man ihn wieder in die Weite des strahlend blauen Himmels entließe. Südafrika, du bist wunderbar! Und die Trommeln. Nein, diese Trommeln. Haben mich wirklich überrascht. Ganz großes Entertainment. Die WM ist angekommen. Es ist Zeit. Lasst die Mannschaften ins Stadion, bevor ich noch vor Begeisterung umnebelt zusammensinke.
  • Man merkt doch kaum, dass ich die Eröffnung gar nicht gesehen und den Absatz obendrüber schon gegen 11:30 Uhr geschrieben habe, oder?
  • Nun geht es aber wirklich los. Bewegend die ersten Worte unseres geliebten Fußballverbands-Chefs Sepp B.: „Das klingt überhaupt nicht gut“. So wurde es jedenfalls übersetzt. Eine erste öffentliche Kritik von ganz oben an dem Vuvuzela-Getröte? Nein. Der Dolmetscher wusste nur nicht, dass die Leitung schon offen war.
  • Nach dem Begrüßungsgelabere die ersten Erkenntnisse über die Mannschaften. Ha, der mexikanische Torwart ist doch keine 1,84,  sondern 1,74 Meter. Heißt auch anders und erinnert mich in seiner Kampf-Kojakhaftigkeit ein wenig an Fabien Barthez, den ehemaligen exzellenten Am-Ball-Vorbeispringer der Franzosen. Dann auch noch das: der Mexikaner steht bei der Hymne nicht mehr mit schneidiger Armposition Richtung Herz. Da weint der Fußball-WM-Veteran in mir schon ein wenig.
  • Zum Spiel: in der ersten Hälfte die Mexikaner deutlich überlegen und mit der reiferen Spielanlage. Heißt auf deutsch: die liefen ein wenig planvoller über den Platz als die Bafana Bafana. Aber wie gewohnt ohne Killerinstinkt im Abschluss. Zweite Hälfte, wie aus dem Nichts das 1:0. Dieser Shalalishalala oder so ähnlich hatte ja bereits vorher eine sehr schöne Flanke reingeschlagen, aber der Schuss nun geht ganz großartig genau in den Winkel, Respekt. Die Mexikaner danach drängender, in ihrer Verzweiflung mit der Einwechslung des halslosen Oldies Blanco. 37 Jahre hat der Mann auf dem Buckel, das lässt diese Aktion schon einen Hauch von Volkssturm’45-Flair versprühen.
  • Aber es hilft: der Ausgleich nach schreiend großer Abwehrlücke im südafrikanischen Defensivverbund. Das hätte nicht sein müssen. Andererseits hatte ich auf Unentschieden getippt und war am Ende sehr froh. Fazit: ab der zweiten Halbzeit ein schön anzusehender Kick mit einem für mich sehr angenehmem Ergebnis. Und darauf kommt es doch letztlich an.