Anstoß: 11. Juni 2014

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Das unfassbar kompetenzfreie WM-Tagebuch geht im Laufe des 11. Juni wieder auf Sendung. Ich habe bereits exakt einen Kevin Großkreutz-Witz ersonnen und denke, dass ich damit in verschiedenen Varianten die kommenden 50-60 Spieltagsbeiträge werde füllen können.

Was sich wahrscheinlich ändern wird bzw. schon geändert hat:

  • Auf Facebook und Twitter gibt es nur noch die Links auf die Beiträge, sobald ich die entsprechenden Texte auf die Menschheit losgelassen habe. Wer flattrn will, ist weiterhin herzlich eingeladen und mir ein noch lieberer Mitgenosse als der Verteidiger, der Cristiano Ronaldo bei der WM zum Weinen bringt.
  • Die Nachberichte werden kürzer ausfallen und auch manchmal erst tags darauf erscheinen. Erstens wegen des Zeitunterschieds, zweitens wegen Zeitmangels und drittens weil die Jungs von 11 Freunde mit ihrem Liveticker fantastische Arbeit leisten, der ich sehr oft wenig bis kaum etwas hinzuzufügen habe.
  • Hier drin ist alles frisch eingerichtet, der Font so groß und übersichtlich, dass ich hoffentlich alle reingerutschten Fehlerchen beim Lektorat selber ausfindig und ihnen den Garaus machen kann. Die von vielen als altmodisch empfundene Blogroll ist aktualisiert und wer die Existenz dieses bescheidenen Tagebuchs an alle klickbereiten Freunde, Kollegen, Zuckerbergs, Twitterer oder Fußballfans vom Ballschmeichler bis zum Knochentreter verbreitet, landet mit ziemlicher Sicherheit dort unter devoter Nennung seiner Webpräsenz.

Der erste Tagebucheintrag wird sich mit vorsorglich in die allgemeine Stimmung implantierten Anzeichen des deutschen Scheiterns beschäftigen. Und Jogi, Franz und Mario Götze hören sich Kandidaten für den offiziellen deutschen WM-Song an. Es bleibt also mit Sicherheit kompetenzfrei. Wie es schon schöne Tradition ist, werden die ersten Auszüge vorab auf erdgeschossrechts.de zu lesen sein, der Heimstatt und Kampfbahn des unbestritten druckbetankungstechnisch in einer eigenen Liga spielenden, ewigen Spielführers der Frankfurter Eintracht, Erdge Schoss.

Was die Verletzung von Marco Reus angeht: sehr traurige Sache, ich hätte ihn wirklich gerne bei der WM spielen gesehen. Wenigstens sind wir Deutschen so pragmatisch, die Diagnose der Ärzte zu akzeptieren und auf den Ausfall personell zu reagieren. Woanders hätte man dem armen Kerl wohl Otternsekret, Molchaugen und Büffelsperma aufs Sprunggelenk geschmiert und ihm falsche Hoffnungen gemacht.

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Gedanken zur Frauenfußball-WM 2011

  • Du hast keine Ahnung von Frauen und – wenn man deine Tipp-Vorhersagen bei der letzten WM als Maßstab nimmt – auch keine Ahnung von Fußball. Weshalb schreibst du also nicht zur Frauenfußball-Weltmeisterschaft im Sommer ein neues unfassbar kompetenzfreies Tagebuch?„. Es sind Fragen wie diese, die mich nachdenklich machen. Bestechende Logik gepaart mit journalistisch wunderbar herausgearbeiteter Argumentation, vollendet mit dem bohrenden Drang nach Antworten. Wer bin ich, dass ich dazu schweigen könnte? Vor allem, wenn diese Einleitung mit dem frechen Fragezeichen am Schluss plagiatsfrei von mir selbst stammt?
  • Wer soll es denn sonst machen?“ will es unüberlegt meiner Zunge entfleuchen. Zärtliche Anfragen etwa bei Alice Schwarzer würden ihrer Pressestelle sicherlich lediglich ein „Frau Schwarzer tritt nur gegen Bälle, wenn sie halbhoch auf sie zukommen und ein Mann dranhängt“ zu entlocken wissen. Im Fachkompetenzbereich „Kann so richtig voll gemein sein zu Frauen“ drängen sich natürlich The Heidi The Klum und Detlef D! Soost mit ihren Sendungsversuchen auf, die doch beide – so die ganz persönliche Meinung des Autoren – eine Schar gluckender Hühner zeigen, die quasi gefiedernah dabei sein wollen, wenn ein anderes gluckendes Huhn auf der Stange, äh Bühne performt. Wenn es allerdings so weit kommen sollte, müssen sich unsere Nationalmannschaftsdamen am Ende noch Kommentare im Sinne von „Pfui, wie stilettolos eingeköpft„, „Die achtlos hinter die Torlinie geworfene Handtasche der deutschen Torfrau macht mich voll crazy und angry und so“ oder „C’mon, move your body, bitch!“ zu Herzen nehmen. Das geht ja nun wirklich nicht.
  • Soll man sich die WM überhaupt anschauen? Als Frau sicherlich. Als Mann wird es schwierig, weil man seine Entscheidung vor den Geschlechtsgenossen erklären muss. Das Fachmagazin kicker hat in einer Umfrage unter Bundesligaprofis herausgefunden, dass sich 70% der Befragten nicht für die Weltmeisterschaft im Frauenballsport interessieren. Da wird es schwer, sich auf die Gegenseite zu schlagen, auf der wahrscheinlich nur Philipp Lahm und andere Kicker stehen, die ihren Lebenspartnerinnen körperlich unterlegen sind. Natürlich gibt es noch jene, die bereits gerade eben beim Begriff „Frauenballsport“ schon in sich gekichert haben. Zum Beispiel den hier:  Berlin, Nobelviertel: Ein kleiner vor Selbsteuphorie meckernder Mann steht am Bügelbrett, telefoniert mit seinem Markenrechtsanwalt und brennt hektisch den Schriftzug „TRIKOTTAUSCH“ auf grob billig erzeugte T-Shirts. Zwar gibt es dieses humoristisch vergilbtbärthige Produkt schon im Handel, aber das wird den schwer witzbedürftigen Comedian („Hömma, det is der Hamma, det muss man sich schützen lassen, weeßte?“) sicherlich nicht stören.
  • Ich hingegen sage JA zur deutschen Fußballfrau. Sportlerinnen im Allgemeinen haben mich bereits in frühen Jahren begeistert. Unvergessen etwa die lang durchwachten Leichtathletik-Nächte in den 80ern, als der erste weibliche Hochgeschwindigkeits-Panzer in der grazilen Form der Tschechin Jarmila Kratochvilovà noch die Bahnen dieser Welt unsicher machte. Angetrieben von diesem nostalgischen Schub muss ich natürlich schon deshalb die Spiele sichten, um eine neue Hans-Petra Briegel meines Herzens zu entdecken. Meine Hoffnungen lege ich insofern auf die Teilnehmernationen Nigeria, Nordkorea und Äquatorial-Guinea. Kein Witz, die machen dort alle mit. Besonders freue ich mich dabei auf Nordkorea, wo mir bereits von dem von seinem Volk wirklich (und nicht gaddafiesk-fake) geliebten Führer die körperlich straff organisierte Sportfunktionärin Oberstgeneral  Kom-Mu Shi zugeteilt worden ist, um meine Berichte zu überprüfen.
  • Die entscheidenden Argumentationshilfen zur Überzeugung männlicher Fußballfans sind jedoch folgende:
    • Unsere Damen sind richtig gut. Überlegen gut. Wenn-die-nicht-gewinnen-muss-was-mit-dem-Ball-nicht-gestimmt-haben-gut.
    •  Es dürften viel mehr Tore fallen, wenn Goliatha auf Davida trifft. Was haben wir uns doch letztes Jahr geärgert, als nicht mal der Honduraner ordentlich einen eingeschenkt bekommen haben wollte!
    • Bei den Torfrauen fehlt bis auf wenige Ausnahmen noch die Souveränität, was die kontrollierte und endgültige Ballabwehr anbelangt. Auf Unterhaltung fixierte Menschen wie ich sind hier natürlich extrem gespannt auf die Auswahl Englands.
    • Die schwedischen Frauen sind dabei! SCHWEDINNEN! Optisch kann das doch nur ein Treffer werden.
    • Spanien hingegen fehlt. Komplett. Auch keine Männer. Das habe ich mir nochmals eidesstattlich versichern lassen! Bedeutet: kein Ärger für uns im Halbfinale oder Finale.
    • Falls Oliver Kahn vertraglich gebunden ist, als Experte tätig zu werden, muss er seine weibliche Seite entdecken. Das darf man nicht verpassen, wenn der Titan sich in der Umkleidekabine auf Eierstöckesuche begibt, Duftkerzen aufstellt und fehlende Wickeltische beklagt.
  • Diesmal habe ich wirklich keine Ahnung von den Teams, der Qualifikation, den Hintergründen. Die Regel werde ich mir auch nicht draufschaffen können, wohl aber die Regeln. 2010 in Südafrika mag hier und der Ansatz von Wissen durchgeschienen haben, wofür ich mich entschuldige. Diesen Vorwurf kann ich allerdings für die WM 2011 kategorisch und weit von mir zurückweisen. Dennoch lasse ich alle Besucher dieser Seite gerne bis zum 1.6.2011 darüber abstimmen (und verlange dummerweise nicht mal Geld dafür), ob es ein WM-Tagebuch geben soll.

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England – USA 1:1

Vorbericht

  • Wirf einem Amerikaner einen Fußball zu und du wirst dich wundern. Im Idealfall gelingt ihm ein brauchbarer Hechtkopfball mit seiner burgerkinggestählten Wampe; wahrscheinlicher ist jedoch, dass er das Spielgerät auffängt, sich auf die Suche nach einem Korb bzw. einem Schläger begibt oder es sich unter den Arm klemmt und ziellos durch die Gegend rennt. Noch wahrscheinlicher, dass er sich duckt und seine kleine Tochter vor sich hält, weil wenigstens die etwas Erfahrung im Umgang mit dem runden Leder hat. Wie kann daraus eine große Fußballnation erwachsen?
  • Ganz anders der Engländer. Hier duckt sich nur der Torwart, wenn der Ball auf ihn zukommt. David James, 39 Jahre, normalerweise beim FC Portsmouth, seines Zeichens frischgebackener Tabellenletzter der Premier League,  zwischen den Pfosten. Den haben sie wirklich ernsthaft mitgenommen, um das englische Tor zu hüten.  Dafür gibt es einfach kein Pendant in der deutschen Bundesliga, wir müssten wohl extra ein Casting veranstalten, um so einen Coup hinzubekommen. Und am Ende gewänne natürlich Oliver Pocher, mit seiner unglaublich facettenreichen und nie langweilig werdenden Darstellung von Oliver Kahn. Weil sonst auch keiner bei dem Quatsch mitmachen würde. Aber zurück zu den Briten. Es täte mich schon ärgern, wenn anstelle von „Calamity James“ Robert Green eingesetzt werden würde.  Schließlich sollte man einen einmal gestarteten Jux doch auch bitteschön bis zum Ende durchziehen.
  • Die Engländer werden als heiße Favoriten auf den Titel gehandelt. Weil sie mit Fabio Capello einen ganz ausgefuchsten italienischen Trainer auf der Bank sitzen haben. Darüber hinaus eine absolut ungefährdete Qualifikation gespielt haben. Und natürlich wegen der fußballspielenden Bulldogge Wayne Rooney vorn im Sturm, die zwischen diversen F♥ck Y♥♥-, S♥ck My D♥ck- & R♥ttle My B♥lls-Arien erstaunlich oft in den Kasten trifft. Auch ich ermahne alle, die da schon die Witze mit dem Elfmeterschießen aus der hohlen Hand zaubern. Denn die Gruppenauslosung ist dieses Jahr so unverschämt gut für die Inselmannen ausgefallen, dass es fast schmerzt. Keine überragenden Gegner in der Vorrunde, im Achtelfinale könnten wir sie mit den Serben zwar ordentlich ärgern, aber danach wartet der Sieger aus Erstplatzierter  Gruppe A gegen Zweitplatzierter Gruppe B – also Frankreich, Mexiko, Nigeria oder Südkorea. Schwuppdiwupp steht der Brite im Halbfinale und dann ist bekanntlich alles möglich.
  • Moment. Halt! Nachtrag. Ich kann mich jetzt, knapp 10 Minuten nach dem Ende des Spiels Argentinien gegen Nigeria selbst beruhigen. Wenn es Nigeria wird, kriegen die Engländer auch dicke Probleme.

Nachbericht

  • Dem englischen Fußball geht der Nachwuchs an Strafraumversagern nicht aus. Schmierblattredaktionen im ganzen Land werden heute Nacht Überstunden machen müssen, um sich einen neuen Spitznamen für den Torwart mit der bisher im Turnier gezeigten, ähm.. mutigsten Darstellung eines Ballfangversuchs auszudenken. Rob, The Flop? Mr. Bean Green? Den Spaß lasse ich mir nicht entgehen, zu einer guten WM gehört es einfach dazu, tief in der Nacht nachzulesen, wie die heimische Boulevard“presse“ auf die Three Lions eindrischt.
  • Ich gebe zu (und als Einwohner eines Landes, das den Begriff Schadenfreude erfunden hat, darf ich das wohl), dass ich mir nie so sehr einen HD-Fernseher gewünscht hatte wie in jener magischen 40. Spielminute. Zu sehen, wie dem Keeper, dem Trainer und der Mannschaft detailgenau die Gesichtszüge entgleisen, nachdem der Ball über die Linie gekullert ist – das sind Momente, die willst du einfach für ewig auf der Netzhaut eingespeichert wissen.
  • Muss man über den Rest überhaupt noch was schreiben? Die Engländer zu Beginn deutlich besser, mit einem schnellen Treffer durch Gerrard. Danach dieses typisch italienisch geprägte Zurückziehen und Gucken, was der Gegner macht. Zu dem Zeitpunkt wurde ich schon leicht dösig, aber wegen des ewigen Trötengesummses kriegst du ja kein Auge zu!
  • Die US-Boys waren wirklich bemüht, das erkenne ich an. Aber bei einem normalen Spielverlauf fahren die mit einem 1:0 zurück ins Camp. Was der Engländer allerdings auf den Platz geröchelt hat, müsste so ziemlich jede Titelanwärterambition zerplatzen lassen. Rooney ackerte vorne, scheint aber auch wirklich der Einzige zu sein, der im Team einen Ball hinter die Linie bringt, wenn er die Möglichkeit dazu bekommt.
  • Ganz zum Abschluss die Fehleinschätzung des Tages und endlich die erste Nominierung eines Kommentators: Steffen Simon für seine Beschreibung von Peter Crouch (das wandelnde Skelett mit der Nr. 9 auf dem Rücken) als „kräftig gebaut“. Dann bin ich der unglaubliche HULK kurz vor der Muskelapparatexplosion.

Argentinien – Nigeria 1:0

Vorbericht

  • Von dem Titelfavoriten Spanien sagt man gerne, dass sich die Mannschaft eigentlich nur selbst schlagen kann. Bei Argentinien ist es fast genauso, hier kann aber auch Diego Maradona mit seiner schier überbordenden Kompetenz die Albiceleste aus dem Turnier kegeln. Als Fußballspieler war der Mann zweifellos mindestens ein Halbgott, als Trainer… nun ja. Gerne nominiert er mal Spieler, die im Krankenhaus liegen, fordert Journalisten zu homoerotischen Abenteuern heraus und ich würde mich nicht wundern, wenn die Torhüter im Training eigens geschneiderte Leibchen trügen, um nicht Gefahr zu laufen, im Spiel später als Stürmer eingesetzt zu werden.
  • Im Hintergrund werkelt die Trainerlegende Carlos Bilardo und wenn es die Truppe um die Superstars wie Messi, Higuain, Milito und Tevez schafft, ihren offiziellen Übungsleiter als eine Art Maskottchen zu sehen, das ihnen ab und an mal den Allerwertesten entgegenstrecken darf und im Gegenzug den Bauch gekrault bekommt, könnte bei dem Tunier mehr rausspringen als bei der grauenvoll mies eingespielten Qualifikation.
  • Bei der WM 2006 schrieb ich über die Schweden, die später gegen die deutsche Mannschaft im Achtelfinale antreten und ausscheiden durften: „Müssen die Schweden halt 2010 in Südafrika was reissen. Der Skandinavier fühlt sich in Gefilden südlich des Äquators ja auch sofort heimisch..“
    Das haben wohl irgendwelche Verantwortliche in afrikanischen Fußballverbänden tatsächlich ernst genommen (dass sich die Schweden erst gar nicht qualifiziert haben, ist ihnen hingegen entgangen). Weshalb Nigeria nun von dem ehemaligen schwedischen Trainer Lars Lagerbäck trainiert wird. Den Auftritt dieses Mannes als dröge zu bezeichnen, ist schon ein Ausbund an Untertreibung. Ich stelle mir den ersten Arbeitstag als ein richtiges Aufeinanderprallen zweier Kulturen vor; wo der Nigerianer es gewohnt war, gleich zu Beginn eine Voodoopuppe des gegnerischen Torwarts ins Torkreuz zu hängen, ein frisch geschlachtetes Hühnchen am Anstoßpunkt zu vergraben und sich mit dem Ball am Fuß vom eigenen Strafraum aus nach vorne zu dribbeln, muss er nun radikal umdenken. Quälend lange Seminare im kollektiven Knäckebrotkauen, Elchkuhniederstarren und Blutdruckmessen stehen auf dem Programm, um das aufbrausende Temperament der Westafrikaner zu zähmen. Und wozu? Für’s Achtelfinale, wo nach alter schwedischer Tradition Schluss sein wird.
  • Nigeria muss auf John Obi Mikel verzichten. Ganz schlimme Sache. Ich kenne den Mann nicht, aber was da an möglichen Werbeeinnahmen für das Handwerkerfachmarktwesen verloren geht, ist schon verdammt traurig.

Nachbericht

  • Die Gauchos mit einer Anfangsoffensive, da drückt’s dir die Stollen in die Sohle. Heinze mit Flugkopfball in den Winkel, das sagt dem Gegner schon gleich: „Euch schieben wir nicht die 08/15-Kuller rein, hier setzt es Abschlussfeinkost. Aber reichlich!“ Reichlich ist es zwar dann doch nicht geworden, weil das Messi-As noch nicht gestochen hat.  Wenn ich den Ritchie jedoch so den Rasen pflügen sehe, wird mir schon Angst und Bange vor einem möglichen Viertelfinale gegen unsere Jungs.
  • Aber auf die Nigerianer lass ich auch nichts mehr kommen. Bisher konnte ich die nicht so recht einschätzen, deshalb das ganze Ablenkungsgefasel um den Schweden-Lars im Vorbericht. Das wird verdammt emotional, wenn ich am Ende der Vorrunde entweder von denen oder meinen Südkoreanern Abschied nehmen muss. In dem Zusammenhang: Otto kann heute Abend schon mal die Frühbucherangebote für die Rückreise studieren.
  • Der Reporter (dessen Namen ich mir nicht gemerkt habe, was immer ein gutes Zeichen ist, weil er mich dann nicht genervt hat) hat es erwähnt: die afrikanischen Torhüter sind sehr stark. Früher stand stets ein großes „Heieiei“ und „Uuiuiui“ auf dem Programm, Veteranen wie ich erinnern sich auch gerne an die südamerikanischen Pendants, aber mittlerweile ist da Qualität auf breiter Ebene eingezogen.
  • Fazit: hochklassige Partie, die auch 3:2 hätte ausgehen können. Tolle Tempo-Vorstöße der Argentinier, starkes Dagegenhalten der Nigerianer, ab der zweiten Hälfte ein Duell auf Augenhöhe. Nur den Maradona mit seiner affektierten Poserart kann ich weiterhin nicht leiden. Wenn der Weltmeister werden sollte, trabt der sicher nicht getragen kaiserlich über den Rasen wie unser Franz 1990 in Rom. Der reißt sich die Kleider vom Leib, steckt sich eine Tröte in den Hintern und pupst die Nationalhymne.

Südkorea – Griechenland 2:0

Vorbericht

  • Keine gute Ansetzungspolitik der Turnierverantwortlichen: Samstag, leicht später Morgen, und dann direkt diese Knaller-Partie in die unausgeschlafenen Augen gedrückt zu bekommen ist mit Sicherheit kein guter Start ins Wochenende. Südkorea gegen Griechenland. Das wird ähnlich spannend wie das Duell einer Kampfmücke mit einer Panzerglasscheibe. Was auch den Spielverlauf ziemlich genau treffen dürfte.
  • Bei den Asiaten regt sich in mir ja immer der Beschützerinstinkt. Als wären es die eigenen Kinder. Voll väterlichem Stolz möchte man rufen: „Seht nur, wie putzig sie über den Rasen huschen“, „Ja, Lee, das nächste Mal schießt du bestimmt ins Tor“ oder „Jetzt schubs doch den Kim nicht weg, du Riesenrüpel, hau gefälligst Spieler in deiner Größe um!“. Aber es hilft ja nichts. Im Mittelfeld können die Racker alles, aber wenn sie vorne treffen, zuckt man als Zuschauer vor Überraschung zuerst einmal erschreckt auf. Tragischerweise ist hinten die Verteidigungsmauer wie jedes Jahr evolutionsbedingt zwei bis drei Ziegelsteinreihen zu niedrig ausgefallen. Was bedeutet: einer kullert immer mehr rein als beim Gegner und heim geht’s, neue Unterhaltungselektronik produzieren.
  • Griechenland ist abgebrannt. Nicht nur finanziell, sondern auch spielerisch. Man nagt sozusagen am letzten Grillspieß. 2004 hielt die Verteidigung alles dicht, vorne hoppelte Harry Charisteas den Ball einmal pro Spiel über die Linie und schon war man Europameister. 2006 erst gar nicht qualifiziert, 2008 meinen Ehrenpreis für unattraktives Ballspiel vor zahlenden Zuschauern erhalten und 2010 gerade so reingerutscht, weil man die Ukrainer in der Relegation zu Tode gelangweilt hat. Keine ruhmvollen Meriten für Otto und seine Jünger, die durch die Nominierungspolitik des Trainers eher Ältere sind. Schließlich lässt Rehhagel gewohnheitsmäßig nichts in seine Auswahl, was noch unverheiratet ist, kein Kind gezeugt hat und noch keine Aussicht auf einen Frührentenbescheid glaubhaft darlegen kann.
  • Wieder muss ich zur Eigenmotivation auf einen Trick zurückgreifen; ich wette bei Oddset auf den Spielausgang. Freilich nicht allein für dieses Spiel, sondern gleich für mehrere. Aber mit dieser Partie fange ich meine Reihe der Tipptriumphe an. 2006 wurden einem von den Internetanbietern ja die Guthaben noch nachgeschmissen, aber wegen des Verbots des Glücksspiels über das Internet muss ich nun 2,50 Euro plus 50 Cent Gebühren aus eigener Tasche raushauen. Aber das ist es wert, wenn ich mir dafür einen abschreien kann, damit die Südkoreaner ein Unentschieden holen. Auf einen Sieg zu setzen habe ich mich wirklich nicht getraut.

Nachbericht

  • Jetzt musste ich vor Verfassen dieses Beitrag doch schnell mal im Haus herumlaufen und prüfen, ob ich nicht die letzten 105 Minuten in einer Parallelwelt gefangen war. Ich meinte schon während des Spiels dauernd das Thema von Terminator 2 bei den Trommeln raushören zu können. T5 – Gefangen im Hummelschwarm. Jetzt mit alternativen Welten statt Zeitreisen. Während der Hymnen schon die erste Anomalität: ein Südkoreaner salutiert, ich hatte meinem Teilzeitarbeitgeber PPP (Prima Propaganda Pjöngjang) schon einen Glückwunsch zum ersten Überläufer telegrafiert. Aber die meinten nur, der sei halt beim Militär und deshalb etwas sonderbar.
  • Der Südkoreaner plötzlich 1,82 m im Schnitt groß, erzielt Tore, hat sogar eine verdammte Kopfballchance in der zweiten Hälfte! Der Grieche mit zwei(!) Stürmern. Also gleichzeitig auf dem Platz, meine ich jetzt. Und so 20 Minuten vor Ende drängen die Hellenen nach vorne und schießen aufs Tor! Da kann man doch wirklich auf den Gedanken kommen, dass jemand an der Raum-Zeit-Krümmung gedreht hat.
  • Lee, frei wie der Wind, hat tatsächlich einen reingemacht. Ich wusste es doch. Der Rest der Mannschaft aber auch sehr gut im Kombinations- und Konterspiel. Die Griechen hingegen geschockt von ihrer eigenen Aufstellung. Otto wird ganz schön sauer sein. „Da will man mal modernen Offensivfußball spielen und kriegt gleich einen drauf. Gegen Nigeria gibt’s wieder Beton, ihr könnt mich alle kreuzweise!“. Sprach’s und verschwand im Hotel Akropolis zwecks Ouzovorrätevernichtung.
  • Insgesamt ein verdienter Sieg der Südkoreaner, die sich in mein Herz gespielt haben. Nur hinten schaut es immer noch nicht so ganz sattelfest aus. Mit meinem Tipp lag ich himmelhochweit daneben, aber nach dem Gurkenkick gestern Abend kann ich den Rackern einfach nicht böse sein.

Vorwort

Willkommen beim unfassbar kompetenzfreien WM Tagebuch 2010

Wieder regiert der Fußball, wieder begleite ich das Ereignis in kommentierender Weise. Zwar ohne Ahnung, aber mit Charme. Und mit dem Panini-Klebealbum im Anschlag, wenn gar nichts mehr geht.

  • Südafrika, du geplagtes Land! Was musstest du schon alles über dich ergehen lassen? Burenkriege. Apartheid.  Howard Carpendale. Die Hartz IV-Aliens aus „District 9“. Und jetzt auch noch die wahrhaft beschis… also unerfreuliche Auslosung in der Vorrunde zum Cup der guten Hoffnung mit Uruguay, Mexiko und Frankreich. Damals half nicht einmal die liebliche Charlize Theron als Präsentatorin, die ja deinem Schoße entsprungen ist und deren Angebot auf ein ausgiebiges 11cm-Schießen im Schlafraum ich sicherlich nicht ausschlagen könnte.
  • Doch am unteren Ende des schwarzen Kontinents sammelt sich auch viel Lebensfreude. Lebensfreude, die sich mittels der Vuvuzela auszudrücken pflegt. Dem versierten europäischen Zuschauer unter dem Fachbegriff „verkackte Dreckströte“ bekannt, spiegeln dieses Instrument in magisch lautmalerischer Weise das Leben in der afrikanischen Steppe wider. Vor dem geistig umnachteten Auge des Betrachters entfaltet sich das Bild von immergrün wuchernden Hartlaubgewächsen, in deren Mitte ein Rudel junger triebgestauter Elefantenbullen gerade die leidvolle Erfahrung der ejaculatio praecox durchlebt, während um es herum ein Schwarm aus Moskitos, Wespen und Hummeln ekstatisch dem Fruchtbarkeitstanz anheimfällt.
    Bzzzz’Trö-Rö!‘-Röö?’Bzzzz.

  • Dass dieser gar liebliche Klang nun auch in den Stadien erschallen darf, ist einem Mann zu verdanken, der vor vier Jahren bei der Eröffnungszeremonie vom Publikum noch vollsten Herzens ausgebuht worden war. Seinen Namen und die Organisation zu nennen, der er vorsteht, werde ich mir verkneifen, da beides wahrscheinlich zutiefst markenrechtlich geschützt ist und diverse Anwälte sicher nur darauf warten, mir das Gummiband aus der Sporthose zu klagen. Gerüchten, dass die Vuvuzelas allein deshalb zugelassen wurden, um erneut aufbrandende Buhrufe zu übertönen, trete ich hiermit herzhaft gegen das Schienbein. Es könnte andererseits aber auch etwas Wahres dran sein…
  • Ke Nako ist das Motto dieser Weltmeisterschaft. Es ist Zeit.
    Ebenfalls passend scheint der Sinnspruch No’Balla’Ball-Ack! aus dem Johannesburger Straßenslang, dem übersetzungstechnisch gleich doppelte Bedeutung zukommt. Einmal als Hinweis auf die unerfreuliche Abwesenheit des deutschen Kapitäns auf dem Spielfeld und als lieb gemeinte, aber fehlgeschlagene Aufforderung an die in der Fußgängerzone freundlich herummarodierende Jugendgang, doch bitte nicht von der Schusswaffe Gebrauch zu machen.
  • Überhaupt geht der aktuelle Trend bei dieser WM  zum Hinfahren und Gar-nicht-Mitspielen. Vorreiter und  damit Trendsetter ist natürlich David Beckham, der die englische Mannschaft vor Ort durch Werbespots für Eau-de-Toilette-Spülungen, Posing für Handtäschschenfutterpflegemittel und die Teilnahme seiner Frau an der Wahl zum schönstbemalten Speer Afrikas unterstützen wird.
  • Eine wichtige Serviceinformation noch hinsichtlich des Turnierplans: die Begegnung Nordkorea gegen Südkorea ist frühestens im Halbfinale möglich. Freunde von Kriegserklärungen auf offenem Feld müssen sich also in Geduld üben. Pech für den geliebten Führer Kim Yong-Il, der bereits die ersten Einwegstürmer mit Atombombenzündern in den Stollen hat produzieren lassen. Anstoß! Sieg! Vaterland!