Kolumbien gegen Griechenland 3:0

  • Man stelle sich folgende Situation vor: Es ist früh am Morgen, als es am großen Tor vor dem deutschen Campo Bahia energisch klopft. Ein Mann mittleren Alters und mit kantigen Gesichtszügen begehrt Einlass, hinter ihm stehen zwei liederlich aussehende Frauen, eine blutjung, eine verzweifelt bemüht, ihr Alter zu kaschieren. Ebenfalls dabei: ein verdächtig wirkender schlanker Typ mit Rauschebart, der mehrere Fotoapparate um die Hüfte gebunden hat. Alle sind vollkommen durchnässt. Der Anführer erhebt seine Stimme: „Ein Loddar Maddäus brauchd sich nicht vorschdellen dun. Ich bin ab sofort widder dabbei, dobbfidd un mit meiner Grubbe den Weg hierher geschwommn. Wo kann ich mich frischmachen, wo ist mein Trikoo, wo kann ich mein Freunddin abschdelle? Die Frauke Luddowigg unn der Kai Diegmann gehöre zu mir, die mache derweil die Rebbortaasche „Loddar is back – WM geredded“.
  • Ein Albtraum? Nun, in Kolumbien hat man das so durchgezogen. Nicht mit Loddar, sondern mit Faryd Mondragon, der vor 1998 bei der letzten WM-Teilnahme seines Landes schon dabei war und nun nach 16 Jahren wieder im Kader steht. Zwar nur als Ersatzkeeper, aber immerhin. Man sollte diese Geschichte zum Anlass nehmen, das Campo Bahia mit alten Frauen aus nichtosteuropäischen Ländern zusätzlich zu sichern.
  • Gargamel ist nicht dabei, Kolumbien raubt dennoch den Schlumpf. Nein, Moment… das muss falsch sein. Ah ja. Radamel ist nicht dabei, Kolumbien glaubt dennoch an den Triumph. So ergibt es Sinn. Radamel Falcao, Superstar und Heilsbringer, brachte sich selbst wenig Heil und ist nach seinem Kreuzbandriss nicht rechtzeitig fit geworden. Dafür stürmt nun möglicherweise der aus der Bundesliga bekannte Adrian Ramos (nächste Saison bei Dortmund). Oder Jackson (FC Porto) oder Carlos Bacca (FC Sevilla). Im Mittelfeld ist auf James (AS Monaco) und Juan Cuadrado zu achten, die Abwehr soll laut kicker Sonderheft eher langsam und wackelig sein, deshalb tippe ich da jetzt mal keine Namen ab.
  • In der Qualifikation gelang ein zweiter Platz hinter Argentinien und Trainer Pekerman war ebendort während der WM 1978 nach Beendigung seiner Spielerkarriere  Taxifahrer. Das muss an Informationen reichen, um in der Fußballrunde zu beeindrucken.
  • Die Griechen mögen uns Deutsche derzeit eher weniger. Aber ich habe mich bei meinem letzten Besuch in einem griechischen Restaurant um die Völkerfreundschaft verdient gemacht. Keck fragte ich den Kellner, in welcher Gruppe denn die Griechen bei der WM spielen. Als er Kolumbien, Elfenbeinküste und Japan aufzählte, meinte ich nur: „Ist doch machbar“. Freude glänzte auf dem Gesicht des jungen Mannes. Okay, unter uns: ich glaub’s nicht wirklich. Aber die Putenpfanne mit Metaxa-Sauce war sehr lecker.
  • Alte Männer werden in Hellas noch geehrt. Mit Georgios Karagounis, Konstantinos Katsouranis, Dimitrios Salpingidis und Theofanis Gekas stehen Spieler auf dem Platz, die Nirvana noch live gesehen haben könnten oder von Star Wars die ersten (und einzigen) drei Teile kennen. Georgios Samaras versucht sich wieder als Stürmer, meiner Meinung nach ist Kostas Mitroglou ein weitaus gefährlicheres Straufraumbiest. Ach ja, aus der Bundesliga bekannt: Sokratis Papastathopouos, der sich freundlicherweise nur Sokratis nennt und bei Dortmund verteidigt.
  • Griechenland spielt keinen attraktiven Fußball, ist aber schwer zu knacken„. Der Satz stammt  nicht von mir, sondern steht so im kicker Sonderheft zur WM, Seite 172. Beschwerden daher bitte an Nikos Ikonomu. Aber Recht hat er schon, der Nikos.

 

  • Verdienter Sieg der Cafeteros, vielleicht um ein Tor zu hoch ausgefallen. Denn die Griechen hatten auch durchaus ihre Chancen, aber man merkte, dass es ihnen nach dem frühen Rückstand gegen jede Faser ihres Körpers ging, das Spiel selbst machen zu müssen.
  • Was steht auf meinem Notizzettel?
    • Pablo Armero hat die Showgeilheit und Rampensäuigkeit eines blutjungen Roberto Blanco.
    • Samara verdient Respekt für seine Fairplay-Aktion, nach einem Hinfaller im Strafraum einen Elfmeter abzulehnen. Sic transit gloria falli. Brasiliens Fred hat es bei dem Gedanken daran sicherlich geschüttelt: „Wenn das Schule macht, höre ich auf“. Wäre vielleicht mal ein Vorschlag zur Güte: nach einem Foul einfach mal den Spieler selbst fragen, nachdem auf der Stadionanzeige die Szene in Zeitlupe präsentiert worden ist.
    • Gerd Gottlob hätte den Mut haben müssen, bei der Einwechslung von Ioannis Fetfatzidis den Witz zu bringen, dass dessen Name so klingt wie eine griechische Diätpille. Ich weiß, er wollte es. Carsten Fuß hätte den gebracht und wäre gefeiert worden. Wag es doch mal, Gerd!
  • Die Kolumbianer nach dem ersten Treffer mit fehlender Abschlussfreude. Immer im letzten Moment noch einen Pass, der dann nichts einbrachte. Mein persönlicher Liebling und an-den-Kopf-Klatsch-Moment war ja der, als einer kurz vorm Strafraum fünf Übersteiger aneinanderreiht, losläuft und dann den Ball zurück nach hinten spielt.

Tore:

1:0 Armero (5.)
2:0 Gutierrez (58.)
3:0 James (90.)

Schweden – USA 2:1 / Nordkorea – Kolumbien 0:0

Vorbericht:

  • (PPP) Überraschung! Sensation! Freude! DAS EINZIG WAHRE KOREA IST WELTMEISTER! Die gute Nachricht traf die Mannschaft um den vielumjubelten und nie um einen Scherz verlegenen Trainer Kim Kwang Min just beim großen Festbankett anlässlich ihres gewohnt überragenden Auftretens bei der Fußball-WM in der Deutschen Demokratischen Republik und den angeschlossenen 11 neuen Bundesländern. Sepp Blatter, das unumstrittene und wirklich auch sehr ordentlich viel geliebte Oberhaupt der internationalen Fußballkommission, überbrachte höchstselbst ein von allen Mannschaften des Turniers unterschriebenes Manifest, in dem die drückende Überlegenheit des roten Kollektivs, die blendende Attraktivität seiner Spielerinnen und die Unfehlbarkeit des die Liebe seines Volkes mittlerweile in Brühwürfelform stapelnden und lagernden geliebten Führers Kim Jong-Il ihre offizielle Bestätigung fanden. Das Ministerium für Freude rief umgehend alle Genossinnen und Genossen auf, ihrem Jubel Ausdruck zu verleihen: „Öffnet die lange aufgehobene Extra-Dose Reis! Braut euch eine leckere original Geliebter Führer-Kraftbrühe! Bis zur Sperrstunde um 18:00 Uhr ist es darüber hinaus jedem Bürger erlaubt, ein traditionelles nordkoreanisches Feuerwerk zu zünden. Papier falten! Anzünden! Hochwerfen! Vaterland!“ (Offizieller WM-Korrespondent für Nordkorea, M. Inishmore für Prima Propaganda Pjöngjang)
  • Es reizt mich ja schon, in die Begegnung Nordkorea gegen Kolumbien reinzulinsen. Denn ich erwarte einen gepflegten Tollwutlauf des kommunistischen Kollektivs. Man und frau will ja schließlich mit wenigstens drei Punkten und einem überzeugenden Sieg nach Hause kommen. Mir fiele im Falle des Ausbleibens eines Sieges gegen die wirklich putzig harmlosen Kolumbianerinnen ehrlich gesagt auch keine gute Ausrede mehr ein. Aber vielleicht wäre das ja eine Aufgabe für die nächste WM: Offizieller Pressereferent der Auswahl Nordkoreas. Bringt bestimmt eine ordentliche Stange Geld, eventuell eine schicke Uniform mit Kim Jong-Il-Anstecker und ob ich jetzt ein paar arme Asiaten in der Heimat anlüge oder die Presse, ist doch egal.
  • Schweden gegen die USA ist natürlich das interessantere Aufeinandertreffen. Mit einem Sieg oder einem Unentschieden gehen die USA einem Viertelfinal-Duell mit Brasilien aus dem Weg. Fände ich jetzt unschön mit Blick auf ein späteres Aufeinandertreffen mit der DFB-Elf. Gerüchten zufolge will allerdings Pia Sundhage, Schwedin und US-Trainerin, den amerikanischen Superstar and everybody’s darling Abby Wambach schonen. Auf der anderen Seite wird jedoch die Frau mit dem herzigen Augenaufschlag und den meisten versiebten Chancen, Lotta Schelin, auflaufen. Hat die Dinger danebengesemmelt, da springt der Elch aus der Pfanne und der Hering aus dem Salat. Wenn ich die Zeit und das Material hätte, würde ich ein Video auf YouTube hochladen.
  • Zum Abschluss noch ein Ähnlichkeits-Insider: Immer wenn ich Schwedens Trainer Thomas Dennerby von der Seite sehe, will ich ihn Thorsten Fink rufen. Gut, dass die WM nach diesen beiden Spielen bis Samstag pausiert.

Nachbericht:

  • Überraschung! Sensation! Freude! U – S – A – what the fuck??? Die haben verloren! Gegen die Minimalschwedinnen mit Schelin, dem schönen Chancentod. Die erste große Überraschung des Turniers und gleichzeitig auch das spannendste Spiel, weil man natürlich dem Außenseiter die Daumen drückt, bis die Nägel rot werden.
  • Kleiner MelB-Fan-Service-Einschub: Melanie Behringer sitzt neben der Kanzlerin, würdigt sie aber keines Blickes und redet kein Wort mit ihr, solange die beiden im Bild sind. Eine tolle Frau!
  • 7. Minute: Schelin stürmt alleine auf Solo zu, die mit einer edlen Beinschere abwehrt. Nichts Neues für Lotta, aber für mich die Bestätigung: die Hope kann was.
  • 16. Minute: wieder na-wer-wohl alleine auf weiter Flur, LePeilbet stürzt rein und die schwedische Unglückstrine um. Ein klarer Elfmeter, den uns Lotta clevererweise nicht selbst schießen will. Solo wirft sich in Pose, als wäre Fotoshooting, aber Dahlkvist verwandelt sicher – 1:0 für Schweden.
  • Was ist überhaupt mit diesen Schwedinnen los? Vorne gefährlich, hinten mit guter Aufteilung und starker Aufräumarbeit. Die Amis sind beeindruckt und fangen an, verzweifelte Distanzschüsse loszulassen. Die anders als beim Spiel gegen Kolumbien aber nicht ihr Ziel finden.
  • 35. Minute: Freistoß Fischer, die Frau, bei der ich mich stets frage, ob sie sich die Haare selbst schneidet und weshalb sie die wilden Reste unbedingt mit einem Haarband einfangen muss. Unhaltbar abgefälscht von -hello again- LePeilbet. Das 2:0, die Sensation macht sich breit.
  • Die Amerikanerinnen finden kein Mittel, die Defensive steht wie Wackelpudding und vorne fehlt der Masterplan. „Hoch auf Wambach“ scheint das allgemein akzeptierte Motto der Hilflosigkeit zu sein. Ich rechne derweil verzückt aus, dass sich bei einem Sieg Schwedens Amerika und Brasilien gegenseitig eliminieren dürfen, während wir nach Japan entweder auf Schweden oder Australien treffen. Prima Sache!
  • 67. Minute: Abby Wambach And The Shoulder Of Doom. Nach einer Ecke von Cheney stürzt sich die Stürmerin mit allem, was sie hat in den Ball, trifft die Schulter und das Tor. Ich habe das Gefühl, dass den Schwedinnen nach diesem Anschlusstreffer zum 2:1 die Puste ausgehen könnte.
  • 86. Minute: O’Hara verzieht frei vor dem Tor. Ich mag gar nicht hinschauen. Hat sich wohl zu lange in der Nähe von Lotta aufgehalten.
  • 91. Minute: Jetzt aber – Lotta Schelin schließt nach gutem Zuspiel fulminant zum 3:1 ab, der Treffer wird jedoch zu Unrecht wegen Abseits aberkannt. Egal, Lottalein, in meinen Augen bist du jetzt rehabilitiert. Noch eine schöne Momentaufnahme zum Schluss, als bei einem Eckball der Schwedinnen keine einzige gelb-blaue Trikotträgerin im Strafraum und außerhalb davon zu sehen ist. Abpfiff. Sensation. Ich liebe Schweden.

USA – Kolumbien 3:0

Vorbericht:

  • Die Zugriffszahlen auf diesem Blog entwickeln sich unerfreulicherweise in Richtung Anzahl der anwesenden Fans von Nordkorea bei deren beiden bisherigen Spielen. Deshalb gebe ich für diesen Vorbericht ab an eine Gastautorin: die 12-jährige Britney aus Fort Lauderdale.
  • Hi, my name is Britney and I’m from Fort Lauderdale, Florida. OMG, i really really really love soccer. It’s sooo awesome and Abby Wambach has such beautiful hair. And she scores lots and lots and lots of goals! I will watch the game with my two cats Krieger and Sauerbrunn.  U-S-A-U-S-A! I like horse riding and Lady Gaga.
  • My dad says Columbia is a university in the city of New York. And it’s true, watch for yourself: http://www.columbia.edu/. I don’t understand why they play in the championships, as they are Americans too. But it’s okay, coz this way, America will win anyway. America is the greatest country in the world. America all the way!

Nachbericht:

  • Tja, den Nachbericht muss ich jetzt doch selber schreiben, denn die kleine Britney ist nach dem fulminanten Führungstreffer durch Heather O’Reilly ins „OMG!USA!“-Brabbelkoma gefallen. Wenn sie wieder aufwacht, will ich allerdings auch nicht derjenige sein, der ihr von den liegengelassenen Chancen der Abby Wambach erzählen muss.
  • Weitschüsse sind ein probates Mittel im Frauenfußball. Sofern sie aufs Tor kommen und in etwa 1,80 m Höhe einzuschlagen drohen. Der O’Reilly-Knaller war richtig toll, da zolle ich gerne und offen meinen Respekt für. Die beiden anderen Einschläge aus der Ferne variierten danach jedoch in aufsteigender Haltbarkeit.
  • Richtig goldig fand ich die Einlage von Megan Rapinoe nach dem 2:0. Läuft zur Ecke, schnappt sich das graue Puschelmikro und grölt lauthals „BORN IN THE USA“ hinein. Ich musste wirklich schmunzeln. Das können unsere Frauen aber noch toppen. Mein Tipp an Melanie Behringer (die bis zum nächsten Spiel sicher wieder fit wird): Puschelmikro mit Flammenwerfer anzünden und „FEUER FREI“ von Rammstein anstimmen. Obwohl, gegen Frankreich würde das vielleicht historisch bedingt nicht so prima ankommen.
  • Die USA mit -im Vergleich zu vielen Teams- bei der WM überragender Spielverlagerung und Schusstechnik. Bis zum Strafraum brennen die Girls ein Feuerwerk ab, im eigenen Strafraum lassen sie es hingegen gerne mal anbrennen. Eine sehr unterhaltsame Begegnung, nicht zuletzt weil viele Nationalmannschaften leider nur bis maximal 35 Meter vor dem Tor gut mit dem Ball umgehen können.
  • Und die Kolumbianerinnen? Nun, wenn selbst mein Bruder Mitte der zweiten Hälfte ein „Jetzt lasst die armen Mädchen doch auch mal ein Tor schießen“ von sich gibt, kann man erahnen, wie einseitig die Partie verlaufen war. Tore schießen dürfen sie ja jetzt bald wieder. Aber zuhause.

Kolumbien – Schweden 0:1

Vorbericht

  • Kolumbien und Brasilien vertreten also den südamerikanischen Kontinenten bei dieser Weltmeisterschaft. Moment, gibt es da nicht üblicherweise noch eine Nation, die man bei so einem Turnier erwartet? Ach, jetzt komm ich nicht auf den Namen. Wo dieser Messi spielt. Wo der Trainer so geheult hat letztes Jahr. Weil sie gegen uns 4:0 im Viertelfinale verloren haben. 4:0! Argentinien, ja genau. Wo sind die eigentlich?
  • Meine erste spontane Theorie war folgende: weil bei den Gauchos der Macho noch seine Stiefel auf den Esstisch legen kann, ohne dass es ihm droht angemault zu werden, hat man keine eigene Trainerin für die Frauenmannschaft angestellt, sondern den gerade zufälligerweise unbeschäftigten Diego Maradona engagiert. Dessen Übungseinheiten orientierten sich streng an dem ihm vorschwebenden Frauenbild: 100 Meter-Sprints in Pumps und ohne Sport-BH, Steakzubereitung am Anstoßkreis, Bikinischau in Tornetzstrümpfen und Schminken während des Zweikampfs. Am Ende hatte Diego ein Team zusammen, welches ein Fotonegativ seiner Selbst war: sahen alle prima aus, aber keine konnte was mit dem Ball anfangen. Das Qualifikationsspiel wurde schließlich infolge einer zeitlichen Kollision mit einer privaten Feier im Hause des Trainers verpasst, die Mannschaft nicht zur WM zugelassen und Maradona fühlte sich wie gewohnt als Opfer einer gigantischen Verschwörung. Okay, in Wirklichkeit hat Argentinien mit 0:1 gegen Kolumbien verloren und erreichte deshalb nur den dritten Platz bei der Südamerikameisterschaft. Aber mit Maradona liest sich alles doch gleich viel lustiger, oder?
  • Kolumbien gilt als Außenseiter und Exot, die Mannschaft trägt den Namen „Cafeteras“, was für mich verdammt schwer nach Kaffeeausschank klingt. Und übersetzt in der Tat auch Kaffeekanne oder Kaffeemaschine heißt. Die haben schon Humor da unten, ihre Frauen Kaffeekannen zu nennen, Liebe zum nationalen Getränk hin oder her. Man stelle sich vor, wir würden unsere Auswahl Wurstaufschnitten rufen, da wäre aber was los. Wie auch immer: Chefkännchen draußen ist die 17-jährige Yoreli Rincon, Ingrid Vidal und Maria Cataline Usme können ebenfalls gut einschenken, der Trainer sieht die größten Stärken seines Teams im Glauben an Gott, dem großen Selbstbewusstsein und der Liebe zum eigenen Land. Die Fähigkeit, Bälle ins Tor schießen zu können ist -wie bei Südamerikanern üblich- eher zweitrangig.
  • Schwedinnen lächeln beim Kopfball, Schwedinnen sehen aus wie Agnetha Fältskog von ABBA in den 70ern, Schwedinnen strahlen den doppelten Bänderriss weg und machen aus jedem Humpeln einen Gang auf dem Catwalk. Mag sein, dass das alles großer Käse ist, aber eines ist sicher: da zuckt der Mann auf, das will er sehen, da begehrt er auf, drängt sich vor den Fernseher und stellt mit schwitzigen Händen auf der Fernbedienung die Bildschärfe höher. Meine Zuneigung muss sich dieses Land nicht auf solche billige Art einholen, als audiophiler Lärmfachverarbeiter stehen dermaßen viele Alben schwedischer Bands in meinem CD-Regal, dass ich den Nordfrauen einfach zwingend die Daumen drücken muss: Amon Amarth, Spiritual Beggars, Grand Magus, PAIN, Dark Tranquillity und ganz frisch die neue In Flames laufen in der schwedischen Kabine doch sicherlich rauf und und runter, während wir uns betroffen einen grönemeyern oder heulend rumnadooen.
  • Musikalisch also top, fußballerisch leider nicht mehr ganz so erfolgreich wie früher. Die erste schwedische Liga war vor Jahren mal die stärkste der Welt, das Nationalteam immer ganz vorne mit dabei, wenn die WM- oder EM-Glocke läutete. 2007 allerdings überstand man schon die Vorrunde nicht: bezeichnenderweise in der Gruppe mit den USA und Nordkorea. Stürmerstar ist Lotta Schelin, Mittelfeldregisseurin Caroline Seger, die meisten Erfahrungspunkte sammeln konnte bisher Therese Sjögran und wenn die Frauen diesmal in die Ausscheidungsrunde vorrücken, dürfen sie ihre männlichen Pendants kräftig hänseln: die fliegen nämlich pünktlich zum Abpfiff des Achtelfinales immer noch Hause.

Nachbericht

  • Ich bin möglicherweise einer großen Sache auf der Spur, denn die schwedische Frau im Tor sah dem armen britischen Ding von gestern doch sehr ähnlich. Ob wir da ein Comeback von Frau Bardsley gesehen haben, konnte ich allerdings nicht überprüfen, weil sie keinen wirklich gefährlichen Ball auf die Kiste bekommen hat. Ich bleib aber dran, versprochen.
  • 2. Minute und schon widerlegt die kolumbianische Verteidigerin Natalia Gaitan eindrucksvoll ein von Witzbolden verbreitetes Vorurteil: wenn der Ball über die Linie zu trudeln droht, läuft frau nicht mit den Händen vor dem Kopf und einem „Uiuiuiuiuiuiui“ auf den Lippen panisch davon, sondern grätscht die Kugel sauber vor der Linie weg. Fein gemacht.
  • 13. Minute: Landström hubelt den Ball freistehend über das Tor. So schieße ich auch mit links, aber die Frau ist glaube ich Linksfüßerin. Oder heißt es Linksfüßin? Wie auch immer. Da hat jemand zu viel Bundesliga mit Gomez, Lakic und Błaszczykowski geguckt.
  • Feinschmeckerli für Freunde des Foulspiels. Landström läuft Gaitan mit Schmackes über den Haufen. Die Schwedinnen sind drückend überlegen, langen auch mal kräftig zu, das Wikingerblut schimmert durch. Nur treffen tun sie nicht.
  • Allen voran Lotta Schelin. Lotta, Lotta, Lotta, da wird doch das Knäckebrot trocken! Was die Frau alles liegenlässt. Dann endlich, in der 57. Minute die Erlösung: Flachpass Schelin, Abstauber Landström, da kann nichts schiefgehen.
  • Und die Kolumbiannerinnen? Ich lehne es mal an einen alten Werbespruch an: „Heute bleibt die Kanne kalt, wir fahren in den IKEA und kaufen unserem Sturm ein Sitzbänkchen“. Will sagen, da war nichts. Außer ein paar Fernschüssen gegen Ende, die selbst die möglicherweise englische Torhüterin nicht erschrecken konnten.