Niederlande – Spanien 0:1

Vorbericht

  • Wer wird denn nun anstelle von uns Weltmeister? Spanien. Sagt jedenfalls Orakel-Krake Paul und so langsam bin ich kurz davor, das Viech für unfehlbar zu halten und einen Termin zur Ausrufung der Rückkehr von Cthulhu anzuberaumen. Gut, dass das Achttentakel nun in Glibber-Rente geht, sonst müsste die FIFA für die nächste WM nur noch einen Glastank an den Anstoßkreis schleppen, kurz die Hymnen der beteiligten Mannschaften bei dem Einlassen der Kisten anstimmen, Krake rein, Ergebnisbestimmung, Interviews mit den Trainern, Abgang. Würde Kosten sparen und so den Gewinn für Sepp & Co mächtig steigern. Wer nun Assoziationen irgendwelcher Art zwischen den Begriffen „FIFA“ und „Krake“ auf der Zunge spürt, sollte sie übrigens runterschlucken. Hab ich eben auch getan. Da kommen keine Anwälte mächtiger Fußballorganisationen mehr dran.
  • Wem drücken wir denn nun die Daumen? Das ist die nächste Frage. Der Niederländer ist laut eigener Nationalhymne ja von deutschem Blut (Wilhelmus van Nassouwe ben ik, van Duitsen bloed), so dass man sagen könnte: „Hey, wenn schon nicht wir, dann halt was aus unser aller Herzpumpe“. Andererseits fährt mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit heute Abend dann halb Holland über die Grenze und hält unsereins in den kommenden Jahrzehnten vor, dass man den Spanier besiegt hat, an dem wir noch gescheitert waren. Und dass sie einfach abgeklärter waren, deutscher gespielt haben als die Deutschen. Das im Zusammenwirken mit einem Grinsen in Mark van Bommels Gesicht lässt die Wahl schon deutlich schwerer werden.
  • Der Spanier hingegen könnte dem Größenwahn anheimfallen. Deutschland geschlagen, Weltmeister geworden, dazu immer noch amtierender Europameister, zu Hause nennen sie manch international eher erfolglose Mannschaft auch schon die Galaktischen. Die Schweizer würden darüber hinaus total durchdrehen und sich als Welt- und Europameisterbezwinger feiern lassen, niemand in der Folge des Überschwangs auf den CERN-Teilchenbeschleuniger aufpassen und wir verschwänden alle in einem fußballrunden, schwarzen Loch. Kurzgefasst: das Gleichgewicht der Fußballmächte würde schwer gestört werden. Weitere Folge eines spanischen Triumphs wäre aber auch, dass sich Neuseeland als einzige unbesiegte Mannschaft des Turniers brüsten könnte. Die dürften das Ende der Welt dann schon leichter akzeptieren und im Jenseits fortan für alle Ewigkeit den Australier aufziehen.
  • Am Ende entscheiden vielleicht sogar die königlichen Hoheiten. Nach jahrelangem Studium der „Echo der Frau im Spiegel mit Herz“ weiß ich glasklar Bescheid – Throninhaber- und Thronfolgerpaare kennen eigentlich nur zwei Gefühlszustände. Entweder ist was unterwegs („Sie hält seine Hand, er schaut an ihrem pastellfarbenen Kostüm herunter und lächelt. Sehen wir da etwa ein süßes Babybäuchlein? Sozialpsychologin Dr. Sigrun Bloed-Kuh analysiert“) oder es kracht hinter den Kulissen („Sie sucht seine Nähe, doch er hat nur Augen für das Spiel auf dem Platz. Hach! Wie lange geht das noch gut? Laut zuverlässig informierter Quellen vom Hofe soll sie nachts sehr oft weinen“). Mir gefallen die jungen Oranje-Thronfolger schon ein bisschen besser, aber heute soll ja auch der König von Spanien anwesend sein. Auch hier wieder der Blick in die niederländische Hymne: „Den Koning van Hispanje heb ik altijd geëerd. Den König von Spanien hab’ ich allzeit geehrt“. Das könnte direkt nach Abpfiff Krieg geben. Der Spanier weiß schon, weshalb er seiner Hymne immer noch keinen Text angedeihen lassen hat.
    • Ich entschuldige mich für den letzten Absatz. Da ist etwas mit mir durchgegangen. Wir sind hier in einem Fußballblog, also analysieren wir einfach kritisch die vorhandenen Spieler. Denn entscheidend ist auf dem Platz (hier übrigens die anderen Mannschaften dieser WM).

    • Meiner Meinung sind deutliche Vorteile für Holland zu erkennen. Dirk Kuyt liegt in meiner Gunst weit vorne, Mathijsen, Robben und Sneijder könnten spielentscheidend sein, mit van der Vaart hat man noch einen Trumpf in der Hand.

  • Der Spanier setzt mit Iniesta, Puyol, Ramos und Xavi gut dagegen – ich denke allerdings, dass Bert von Marwijk am Ende den besseren Riecher haben wird.
  • Wie immer die verehrte Leserschaft auch ihre Sympathien verteilt, ich schaue mir das Finale ganz gelassen an. Der Verlierer wird mit ziemlicher Sicherheit mehr geknickt sein als unsere Jungs vor vier Tagen. Denn wir haben bereits drei WM-Titel. Einer der beiden heute Abend wird die verpasste historische Chance bejammern müssen.

Nachbericht

  • Das war’s. Spanien ist Weltmeister, Holland zumindest für ein Spiel der Weltmeister der Härten (de Jong, van Bommel) und wir sind Weltmeister der Herzen, weil wir ohne Zweifel den besten und herzerfrischendsten Fußball des Turniers gespielt haben. Ich habe den beiden Finalteilnehmern extra noch die Chance gegeben, besser zu sein als wir – aber das haben sie vermasselt.
  • Ein bisschen langweilig war es ja schon und als selbst Jesus (Navas) den Zuschauer nicht erlösen wollte, hatte ich schon das Bild vor mir, wie die Spanier im Elfmeterschießen an ihrer zu ausgefeilten Technik scheitern. So aber versenkte Iniesta tatsächlich eine der gegen Ende herausgespielten Chancen zum 1:0. Ich denke, das ging auch in Ordnung. Ini ist ja die Abkürzung meines Nicknames, esta bien hintendran geschoben ergibt ein: „na gut“ und so lässt sich das ganze Finale zusammenfassen. Iniesta esta bien. Iniesta, na gut.
  • Nicht unterschlagen darf man das persönliche Muskel-Drama des Arjen Robben. Vor der WM verletzt, daraufhin bei einer Mischung aus Spezialdoktor und Medizinmann in Behandlung. Auf der Bank sodann die ersten Spiele hindurch die Oberschenkelmuskulatur gedehnt, bis sich die Kollegen durch das davon ausgehende, hochfrequente ZING!-Geräusch belästigt fühlten. Als er aber nach guten Bewegungen in den Ausscheidungsspielen samt Kopfballtor(!) im Halbfinale schließlich auf dem Weg zur Krönung alleine auf Iker Casillas zulief, machte prompt der Lupfmuskel zu. Keine Ahnung, wie der Lupfmuskel medizinisch korrekt heißt und wo er im holländischen Fußapparat bei aufkommender Torschuss-Panik zu finden ist, aber Arjen hätte sicherlich alles dafür gegeben, ihn zu aktivieren. Oder auf das spärlich behaarte Haupt ausweichen zu können. Wofür das Spielgerät aber wohl etwas zu dicht an der Grasnarbe lag. Obwohl: nach der vergebenen Chance hing der Kopf des Rasenwühlers tief genug. Um das Drama noch zu steigern, ärgerte sich Robben wegen seines Versagens und mangels Bauches eben ein Loch in den betreffenden Muskel. So hätte ich jedenfalls als Fußballverband seine aktuelle Verletzung erklärt und sämtliche Ansprüche der Münchener Bayern zurückgewiesen. Aber mich fragt ja keiner.
  • Ich für meinen Teil verabschiede mich nun auch von diesem Blog. Die nächsten Wochen werde ich leider die weiteren Reaktionen nicht mehr verfolgen können, denn der Teamarzt hat mich heute gedrängt, im Laufe des Tages ein Krankenhaus seines Vertrauens aufzusuchen. Ich bedanke mich für alle Kommentare, Verlinkungen, Lobpreisungen in Wort und flattr-Punkten. Bis zur EM 2012!
  • Schließen möchte ich wie schon bei der EM 2008 mit einem Lied. Vielleicht dem Lieblingslied von Jogi Löw, der ja ein großer Fan des Laufens ist – Diamond Head mit „Run“ aus dem Jahre 1993:

Diamond Head – Run auf Grooveshark anhören


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Uruguay – Deutschland 2:3

Vorbericht

  • Juhu, wieder Fußball! Och nö, die Partie um Platz 3. Auch bekannt unter den Namen: Spiel um die goldene Ananas oder Spiel, auf das Philip Lahm schon am Mittwoch keine Lust mehr hatte. Der Sinn und Zweck dieser Übung verbleibt mir ja weiterhin im Dunkeln. Bekommt der Gewinner eigentlich etwas? Eine Bronzemedaille zum Herumschwenken? Einen Wangenkuss von Sepp Blatter? Oder einmal einen Köpper vom Sprungbrett im Geldspeicher der FIFA?  2006 ging das ja in Ordnung, unsere Jungs hatten mehr erreicht als unter Klinsmann erwartet, zum Schluss haben wir im heimischen Gottlieb Daimler-Stadion den Cristiano Ronaldo noch ein paar Mal auf dem Rasen abgelegt und mit 3:1 gewonnen. Aber jetzt? So viele Meilen von der Heimat weg, wieder mit Vuvuzela-Tröten in den Ohren und höchstwahrscheinlich mit ganz neuen Spielkameraden im Aufgebot – da kann man schon unlustvoll werden.
  • Sicher, es gibt Menschen, die wollen Mario Gomez mal von Anfang an spielen sehen. Hauptsächlich Mario Gomez und seine Familie, würde ich mal ahnen wollen. Desweiteren wohl Wiese im Tor, der aus reiner Boshaftigkeit (Interpretation Wiese) bzw. Reizpunktsetzungstaktik (Interpretation Löw) zur Halbzeit durch Butt ersetzt werden dürfte; Aogo, Tasci und Badstuber brauchen sicherlich auch mal Auslauf. Fraglich ist, ob Klose mit auslaufen kann – dem Mann würde ich noch 1 bis 2 Törchen gönnen, um ganz vorne in der ewigen WM-Torschützenliste zu stehen. Beten wir also, dass die Wirbelsäule hält. Thomas Müller muss ebenfalls spielen und am besten eher mäßig, damit ich mir nicht mehr einrede, dass der alleine uns ins Finale hätte schießen können.
  • Der Uruguayer hingegen ist beileibe nicht so erfahren im An-der-Trophäe-Schnüffeln wie wir und dementsprechend mehr motiviert. 1970 hat er gegen uns den dritten Platz durch ein 0:1 verloren und trauert dem wohl immer noch nach. Genügsame Burschen, mag man denken, aber wenn der letzte Titel schon 60 Jahre her ist, freut man sich über alles. Als Schalke-Fan kann ich das nachvollziehen. Die Fans fahren dort unten eh schon seit einer Woche Autokorso, ziehen sich Forlan-Stirnbänder über den Kopf und wehren Fußbälle ohne behandschuhte Finger vor der Torlinie ab.
  • Unsicher scheint der Einsatz von Diego Forlán, weiterhin verletzt ist Nicolás Lodeiro. Wieder mitspielen kann hingegen Luis Suárez. Und wenn ich noch hinzufügen dürfte: das ist mir alles ziemlich egal. Ich wollte die Namen nur einmal richtig mit dem korrekten Akzentzeichen über dem a geschrieben haben.  Hauptsache bleibt, dass sich unsere Jungs ordentlich verabschieden und nicht zu geknickt nach Hause fahren.

Nachbericht

  • Wieder Trizeweltmeister! Und diesmal habe ich mir auch gemerkt, was man für den dritten Platz bei einer Weltmeisterschaft bekommt: einen neuen Bundespräsidenten, der Medaillen verteilt (ab wann gibt es dann eigentlich eine neue Bundesregierung?), eine geschüttelte Hand vom Blatter Sepp und zum guten Schluss eine dicke Umarmung von Onkel Theo. Was hat der Zwanziger am Ende so erwartungsvoll mit dem Bronzegehänge in der Hand auf den Jogi gewartet – und der hat nicht mal anständig zurückgedrückt! Für mich das Bild dieses Spiels.
  • Eine schöne Partie mit vielen Toren, dem richtigen Sieger und einem angenehmen Abschlussgefühl. Ich kann mich in den letzten Wochen nur an wenige Spiele erinnern, die so viele Treffer und Chancen auf beiden Seiten verteilt anzubieten hatten. Dabei kann Fußball doch so einfach sein: einen draufgepfeffert von Schweinsteiger, kleiner Torwartbock und abgestaubt durch Müller. Eine Flanke, großer Torwartbock und ungewollt aussehender Kopfball von Jansen. Ein Eckball, Tohuwabohu mit zauderndem Torwart im Strafraum, hübsch vollendet mit Einnicktrick von Khedira. Man mag sich fragen, ob die Urus nicht vielleicht doch mit Suarez im Tor hätten spielen sollen…
  • Natürlich haben wir auch den Uruguayer mitspielen und Tore schießen lassen. „Ballverlust im Mittelfeld ischt strengschtens zu vermeiden“, würde Jogi sagen. Warum, sah man beim 1:1: einmal dem Schweinsteiger den Ball weggegrätscht und hinten war die Abwehr entblößter als das Pärchen im Biologie-Sexualkundebuch. Für das künstlerische Highlight schließlich sorgte Diego Forlán mit einem tückischen Direktabnahmeaufsetzer-Dingens (und einem Freistoß an die Latte in allerletzter Sekunde, aber das wäre dann auch zuviel des Guten gewesen).
  • Was bleibt? Wir waren verdammt gut. Haben 16 Tore erzielt und damit die lasch gestartete WM-Party erst richtig in Schwung gebracht. Haben zwei Mannschaften aus dem Turnier geholt, die ich nicht als Weltmeister hätte sehen wollen. Alt (Klose) und jung (Müller) haben gezeigt, dass sie wissen, wo das Tornetz hängt. Und wenn wir bis zum nächsten Turnier dem Özil eine Spritze mit Torgefährlichkeit verpasst haben, kann sich der Rest der fußballspielenden Welt ganz schön warm anziehen. Danke Jungs, es hat richtig Spaß gemacht mit euch!

Deutschland – Spanien 0:1

Vorbericht

  • Jetzt geht’s los. Was will er denn überhaupt, der Spanier? Von Null auf Hundert gleich alle Titel einheimsen? Erst Europameister und nun Weltmeister? So geht’s aber nicht. Stück für Stück ans Glück, lautet das Motto. Unsere Jungs mussten 1998-2002 auch durch ein Tal der Tränen wandern. 02 Vizeweltmeister, bei der EM 04 blamiert, Trizeweltmeister 06 im eigenen Land, Vizeeuropameister 08 und jetzt bietet sich als Belohnung für die ganzen Mühen einfach mal als Steigerung das kollektive  Trophäe-in-den Abendhimmel-Schwenken am Sonntag an. Der Iberer hingegen hatte zugegeben auch seine Durststrecke, aber nun torkelt er wie ein Lottogewinner in die Annahmestelle rein, legt den Schein auf den Tisch und ruft: „Fräulein, dasselbe bitte nochmal!“. Das kann doch einfach nicht klappen. Dem Franzosen ist bekanntlich das Double 1998 und 2000 in umgekehrter Reihenfolge gelungen, aber man sieht ja, was daraus geworden ist.
  • Mein persönliches Verhältnis zum Spanier ist zwiegespalten. Gerne erinnere ich mich, wie er mir 2008 in der Vorrunde durch einen völlig unnötig gewordenen 2:1-Sieg gegen Griechenland über 210 Euro in die Tippkasse spülte. Da verzieh ich ihm sogar das 1:0 im Finale gegen uns, weil wir in den 90 Minuten ehrlich gesagt auch ziemlichen Mist auf dem Rasen verteilt hatten. Aber 1984 vergesse ich den sonnengebrannten Strandtänzern nicht! Das war die erste EM, die ich als Fan bewusst miterlebt habe (1980 war ich gerade 9 Jahre alt und schwer von meiner Lustiges-Taschenbuch-Abhängigkeit wegzukriegen) und ebendort kickten uns die Spanier in der Vorrunde raus. IN DER VORRUNDE! Ich seh noch vor mir, wie der Kopfball eine Minute vor Schluss am Schumacher Toni vorbei ins lange Eck fliegt. Der Toni war damals mein Held, hatte im Spiel einen Elfer gehalten, ein Unentschieden hätte uns gereicht, das konnte man doch nicht machen! Europameisterschaften waren für mich von da an scheiße.
  • Doch zurück ins Hier und Jetzt. Fernando Torres, der derzeit sympathischste Neben-Sich-Her-Läufer der Spanier, quasi der Gegenentwurf zu unserem Weltklasse-Klose, soll angeblich nicht spielen. Gemein! Dahin ist meine Taktik, David Villa in Manndeckung nehmen und den Torres halt einfach vogelwild rumlaufen zu lassen. Dank frischer Informationen aus dem kicker kann ich dem Jogi aber direkt den nächsten Knaller anbieten. Ich zitiere folgende Sätze aus der aktuellen Ausgabe (Seite 32, letzter Absatz): „Nach dem Training im Quartier in Potchefstroom hat er über Skype (Videotelefon) regelmäßig Kontakt mit den Töchtern Zaida und Olalla. Ansonsten habe er ja den Blockbuster „Lost“ im Gepäck.“ Für mich als Kenner der Serie wäre die Sache damit klar: bei einem harmlosen Plausch im Strafraum in Erwartung einer Ecke plötzlich knallhart und unvermittelt das Finale der Show nacherzählen! Notfalls in Spanisch. Der Hansi könnte auch Texttafeln bemalen oder den Stadionsprecher bestechen: „Una información importante por señor David Villa: el final del Lost no bien. Mucho mysterio existencio“. Davon erholt sich der Stürmerstar garantiert nicht mehr („Que? NOOOOOOO!“), der trauert doch mindestens 90 Minuten den ganzen ungeklärten Mysterien nach. So wie ich damals Ende Mai.
  • Bei uns im Kader ist derweil der Platzhirschkampf ausgebrochen. Ballack gegen Lahm. Beide wollen Kapitän sein. Tja, die beiden mit kapitalen Achtendern, das stelle ich mir schon als leicht unfaires Duell vor. Dem Philipp mit seinem kleinen Kopf würde doch bestimmt jedesmal das Geweih abrutschen. Unser aller Lieblingsmüller hingegen darf gar nicht mitspielen, statt seiner läuft wohl Piotr „Muss schießen!“ Trochowski auf. Vielleicht gar keine schlechte Idee, der Iker Casillas im Tor schien mir nicht so sicher drauf zu sein. Soll an seiner Liaison mit einer spanischen TV-Journalistin liegen (kicker, Seite 31, erster Absatz). Sensationell, was man so alles erfährt. Der Hund von Xavi heißt übrigens „Tor“. Auf spanisch oder deutsch stand nicht dabei.
  • Der Spanier ist kein Engländer und auch kein Argentinier, würde Kaiser Franz in seiner unglaublichen Völkerunterscheidungssicherheit sagen. Der Spanier ist eingespielt, kennt die Laufwege seiner Muchachos, steht hinten geordnet und vorne kurzpasst er seinen Gegner ins Koma, wenn man ihn lässt. Aber Jogi ist vorbereitet. „Laufen, laufen, laufen“ heißt erneut das Motto. „Ein frühes Tor hilft immer. Druck aufbauen im Mittelfeld. Chancen effizient nutzen. Und wenn alles nichts bringt, ziehe ich meinen blauen Glückspullover an und bohre das ganze Spiel konzentriert nach Nasengold“.
  • Gerade fällt mir ein, dass ich ja am Boden zerstört sein muss. Denn der Kraken-Paul, das WM-Orakel hat einen Sieg der Spanier vorhergesagt. Das ist doch erbärmlich, dass man an so etwas glaubt. Das arme Viech hat doch keine Ahnung von Fußball. Hat stundenlang herumgeeiert, um das Weiterkommen gegen Argentinien vorherzusagen! Das wusste ich nach drei Minuten! Wir leben in einer modernen Welt, Vorhersagen gehören doch in die Zelte von herumwanderndem Gesindel auf dem Jahrmarkt. Streng davon zu trennen sind natürlich sich wissenschaftlich verfestigende Tendenzen. Wie zum Beispiel jene, dass heftiges Drücken des flattr-Buttons hier unten sich wohltuend auf die deutsche Spielsouveränität auswirkt (wenn das wirklich diesmal wieder klappt und ich die Krake aus dem Rennen schmeiße, setze ich für das Finale eine 100 flattr-Punkte-Untergrenze).

Nachbericht

  • Aus und vorbei. Der Kraken-Paul hat doch mehr Ahnung als ich. Unsere Jungs sind vom alten Kampfpudel Puyol aus dem Turnier gebissen worden und ich kann leider nicht einmal behaupten, dass es unverdient gewesen wäre. Die DFB-Elf kam mir heute vor wie eine Rockband, die monatelang in der Garage geübt, danach drei großartige Auftritte auf Festivals hingelegt hat und nun auf der Bühne von „Rock am Ring“ steht und zitternd versucht, die geilen Songs von hastig beschriebenen Notenblättern nachzuspielen. Zu respektvoll, zu verkrampft, nicht frech, sondern gehemmt und unkeck. Und Fußball mit respektvollem Krampf im Bein ist wie nach Noten gespielter Rock’n’Roll: damit kommst du nicht an die Spitze.
  • Schon die ersten 15 Minuten roch es nach Ernst-Happel-Stadion in Wien vor knapp 2 Jahren. Diesen Pedro statt dem Torres zu bringen war aber auch wirklich eine Gemeinheit von del Bosque; den hätte ich viel früher ausgewechselt. Aber als Deutscher hatte ich da ja kein Mitspracherecht. Um die 60. Minute brannte es hinten bei Neuer, zu dem Zeitpunkt betete ich schon für ein deutsches Fernschusswunder, weil sonst wohl nichts beim Spanier reingehen würde.
  • Kroos hätte es machen können. In der 69. Minute. Wäre nicht verdient gewesen, aber egal. Ich hätte es überwinden können. Eine gute Flanke von Podolski, der Toni haut aber nicht satt genug drauf, sondern schießt auf Iker Casillas, der wieder erschreckend wenig zu tun bekam. Wie 2008. Sogar das Ergebnis stimmt mit dem von damals überein. Mist.
  • 78. Minute. Ein großes Wehklagen durchzieht deutsche Wohnzimmer und Public Viewing-Stätten. Der Kommentator hat soeben den Namen erwähnt, der kollektive Hoffnungslosigkeit verbreitet. Gefühlte 732 Mal haben wir in der Bierwerbung gesehen, wie er sich mit dem Kopf gen Ball reckt und der arme dunkelhäutige Verteidiger zu spät kommt. Sein Name: Mario Gomez Garcia. Drei Minuten später ersetzt er Khedira. And then there was nothing. Und es ward nichts. So fühle ich mich derzeit auch im Inneren. Glückwunsch Spanien. Ihr habt es spannend gemacht (vor allem erwähnter Pedro noch mit sehenswerter Großchancenverstolperung). Jetzt werdet halt Weltmeister.


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Uruguay – Niederlande 2:3

Vorbericht

  • Schiedsrichter-Ikone Walter Eschweiler ist in Aufruhr. Seit Beginn der WM hatte sich der Fußballgott nicht bei ihm gemeldet. „Afrika ist nicht so meine Baustelle“, hatte er offiziell zu Protokoll gegeben und sich als Vorbereitung für die nächste EM seinem neuen Lieblingshobby, den lustigen Spielmanipulationen in den unterklassigen polnischen und ukrainischen Ligen, gewidmet. Pünktlich zu den Halbfinalspielen klingelte nun aber doch das rote Telefon: „Sitzung heute nachmittag. Bin ernsthaft sauer“ lautete die knappe Anweisung.
  • „Mein Gott Walter, wie lange isses denn noch?“
    „Nun, Eure Ballherrlichkeit, wir haben zwei Halbfinals, ein Spiel um den dritten Platz und das Finale. Was hat Euch denn so erzürnt, dass Ihr nun eine Einmischung anordnet? War es die frühe Heimreise der Favoriten? Das Scheitern der Superstars aus der NIKE-Werbung? Die fehlenden afrikanischen Mannschaften im Halbfinale? Das kleine, dicke, weinende Maradona?“
    „Walter, alter Schwarzkittel, das ist mir doch Latte wie Pfosten. Über den Maradona habe ich sogar selbst kichern müssen. Aber der Uru, der Uru, das…, das ist ein Spitzbu! [Der Fußballgott hatte die Jahre zuvor so ziemlich alle saarländischen Mannschaften absteigen lassen und dabei den Dialekt gelernt; Spitzbu bedeutet in etwa kleiner, ungezogener Junge] Wie der sich durchs Turnier geschlichen hat, das geht nicht an! Da muss man was gegen tun! In einer Pille-Palle-Gruppe Erster geworden, dann gegen fußballerisches Mittelmaß wie Südkorea nur knapp gewonnen und schließlich den Ghanaer im Elfmeterschießen verhohnepipelt. Hast du den Suarez gesehen, wie der erst mit beiden Händen den Ball von der Linie schaufelt und sich danach grinsend von seinen Leuten feiern lässt? Wenn die ins Finale kommen, schieben die MIR das noch in die Schuhe. Kennst ja die Südamerikaner. „Hand Gottes, Wille Gottes, Querbalken Gottes“ und der ganze Kram. Ich muss auch an meinen Ruf denken!“
  • „Ja nun, wie soll es denn laufen, Eure Fußballhoheit?“
    „Okay, Walter, schreib in die Mannschaftsakte: schnelle 2:0 Führung durch Diego Forlan. Unspannendes Ballhalten und -rumgeschubse bis zur 87. Minute. Eigentor zum 2:1. Was ganz Unglückliches, aber auch was zum Lachen. Vollspann vom Verteidiger in den Winkel, so was in der Richtung. 94. Minute: gleich noch ein Eigentor. Vom selben Spieler! Verlängerung. 121. Minute: Robben zieht nach einem Pass auf die rechte Seite nach links Richtung Strafraum, schießt, Ball klatscht an den rechten Innenpfosten, tänzelt schnurgerade über die Linie, touchiert den linken Innenpfosten, prallt an den Popo des am Boden liegenden Torwarts und trudelt infolge eines unerklärlichen Flatulenzanfalls von Muslera ins Tor. Fertig. Der erste eingepupste Siegtreffer der WM-Historie. In HD und Dolby Digital Plus.“
  • „Und wer gewinnt das zweite Halbfinale, oh Hüter von Ballhalla?“
    „Ich mochte ja den Neuseeländer. Zähe kleine Hobbitse. Haben zudem auch kein Spiel verloren. Mach den Neuseeländer ins Finale, Walter.“
    „Würde ich gerne tun, aber die Kiwis sind leider ausgeschieden, weil sie einen Punkt zu wenig hatten. Wir wär’s denn mit den Deutschen? Deren Kapitän wäre rein größentechnisch auch prima als Frodo durchgegangen“
    „Na gut. Von mir aus. Ist zwar langweilig, aber ich mag kleine Kämpfernaturen. Leg beim Rausgehen nochmal die Herr der Ringe-Blu-rays ein und mach die Himmelstür hinter dir zu“.
    Zufrieden trug Walter Eschweiler ein 5:1 der Deutschen gegen Spanien ein. Wieder hatte er für seine Jungens eine weitere Runde klar gemacht.
  • Interessantes, aber sinnfreies Detail – mit einem 3:0 heute könnte der Niederländer doch noch Südamerikameister werden. Bisher liegen wir glatt mit 4:0 vorn, die Oranjes haben bekanntermaßen erst ein 2:1 auf dem Konto. Wünschen wir ihm dafür alles Gute, denn Weltmeister kann er ja leider nicht werden. Unseretwegen.

Nachbericht

  • Ich dachte schon, der Fußballgott wäre wieder so mies drauf wie bei der WM 2006 und würde dem Uru ähnlich damals dem Italiener noch ins Finale helfen. War aber auch so leicht gemein; zweimal durfte der letzte Südamerikaner Endspielluft wittern, nur um letztlich wegen eines Robben-Kopfballs sein Ziel zu verfehlen (dabei ist Robben das Wesen des Kopfballs üblicherweise so fremd wie der kraftvolle Schuss mit dem rechten Spann). Sein Ziel erreicht hingegen hat der Niederländer – nach über 30 Jahren kann er endlich wieder im Finale einer Weltmeisterschaft hinter uns Vizeweltmeister werden. Dafür schon jetzt meinen herzlichen Glückwunsch!
  • Ein Spiel mit Toren aus dem Nichts. Giovanni van Bronckhorst, die alte Abwehreule, die normalerweise alles jenseits der eigenen Spielhälfte doch nur noch schwummerig sieht, zerrt einfach mal aus über 35 Metern einen oben in den Winkel. Beim ersten Hinschauen dachte ich mir noch: „Wie hat sich denn der Muslera die Gelenke verrenkt, dass er da nicht rankommt?“. Aber der Schuss war wirklich sauber, der Uru-Torwart hat nur zu lange staunend hinterher geschaut und so lange im Kopf „uiuiuiuiuiui“ gemacht, bis er zu spät kam.
  • Auch der Ausgleich unerwartet und per Distanzschuss via Diego Forlan. Ich hol jetzt nicht den Edwin aus der verdienten Rente, aber ein gewisser Herr van der Sar hätte den locker rausgefischt und als Matjes zwischen zwei Brötchenhälften eingearbeitet, egal wie der auch gezappelt haben mag. In dem Moment sind wahrscheinlich Podolski und Trochowski, unsere beiden Schussbolzen vom Dienst, sofort zum Trainer gerannt („Jogi, wir wissen, wie man den Holländer schlägt!“) und sind dann raus aufs Trainingsgelände, eiernde Bälle produzieren.
  • Der Uruguayer ist nicht mehr der Holzhacker von früher, das muss man sich eingestehen. Aber er erschafft doch noch erinnerungswürdige Szenen voller körperlichem Einsatz. Siehe die Steigerung des bekannten „Fallrückzieher am Mann“ durch die eingesprungene Figur „Fallrückzieher in den Mann“. In dem Fall die #14 der Elftal, Demy de Zeeuw. Auf meinem Fernseher sah es so aus, als würde dem armen Kerl das halbe Gebiss rausfliegen. Dabei war es nur ein Grasbüschel. Analoges Fernsehen regt halt anders als HD noch die Fantasie an.
  • Zweite Spielhälfte: einen so gemein und heimlich flach unten reingezwirbelt, dass die Abseitsfalle zu lange überlegen musste, ob sie nun zugeschnappt war oder nicht. Obendrauf das Kopfballunikat von Robben. Das schien’s gewesen zu sein. Aber einen durfte der Uru dann doch noch machen, die Nachspielzeit schien sogar extra lang, um ihn besonders verzweifeln zu lassen. Der gesperrte Suarez hat darüber diesmal bestimmt nicht lachen können.


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