Japan – USA 5:3 (n.E.)

Vorbericht:

  • Schiedsrichterlegende Walter Eschweiler ist angesäuert. Bei den letzten großen Turnieren konnte er anlässlich seiner Audienzen beim Fußballgott immer eine gute Platzierung für das DFB-Team herausholen. Diesmal jedoch schien er versagt zu haben. Überhaupt war alles anders, als er am Tag des Finales den großen Raum mit dem Eingangsschild „FIFA-Mitglieder müssen leider draußen bleiben“ betrat.
  • „Mein Gott, Walter! Finaaaaale, ohohoho. Heut‘ ist Finaaaale, ohohoho. Eschweiler, altes Schiedsrichtergestell‘, setz dich hin und greif dir ein Schnäpschen.“ „Eure Ballherrlichkeit sind gut gelaunt, so kenne ich Sie gar nicht, wenn ich das anmerken darf.“ „Mit gutem Grund“, setzte der Fußballgott an, „mir ist heute eine Auszeichnung ins Haus geflattert. Der HOLY FUCK Creative Football Design Award 2011 geht an…*trommelwirbel*… moi, meine und deine Heiligkeit! Diesmal habe ich alles richtig gemacht. Ich lese dir mal aus der Begründung der Jury vor, Walter.“ „Wenn es sich nicht vermeiden lässt, mein Gebieter.“
  • Eine gelungene Mischung aus althergebrachter Tradition, auf dem Fuße folgender Strafe, fröhlicher Unterhaltung, internationaler Härte, historischer Dimension und gewohnter Wankelmütigkeit zeichnete die Veranstaltung des diesjährigen Preisträgers aus. Das steht da, Walter, die meinen mich! Ich wusste gleich, es war eine gute Idee, die Engländer am Elfmeterpunkt versagen zu lassen. Das kommt einfach immer gut an, egal ob Frau oder Mann.“ „Mit fröhlicher Unterhaltung sind sicherlich die Schiedsrichterentscheidungen gemeint. Fand ich allerdings nicht so lustig, mein Herr.“ „Ach, Walter, sei mal nicht so spaßresistent. Ohne Fun geht doch heute im Abendprogramm einfach nix mehr. Und hier, meine Idee, das Zeitspiel und generelle Rumgeheule der Brasilianerinnen mit dem frühen Ausscheiden zu bestrafen, war auch ein Knaller. Hab ich eine saumäßige Menge SMS für bekommen und alle waren begeistert. Okay, in Brasilien sollen ein paar den Glauben verloren haben, aber nicht wirklich viele. Sind halt alles Machos da unten. Mal sehen, was ich 2014 mit denen anstelle. Da freu ich mich schon drauf.“
  • „Den Nordkoreanerinnen Doping in den Reis zu mischen war aber nicht sehr fein, Hochballwürden“, warf Walter daraufhin ein. „Ach Quatsch, das ist internationale Härte, klares Feindbild, Axis-of-Evil-Gedöns, das brauchen die Amis.“ „Und das Ausscheiden der deutschen Frauen? Fand ich sehr doof, um ehrlich zu sein.“ „Ja, Walter, ohne Wankelmut kann ich mich direkt einsargen lassen, da nimmt mich doch sonst keiner mehr ernst! Zweimal Trizeweltmeister bei den Männern und drei Mal Weltmeister bei den Frauen? Das geht ja nun wirklich nicht. Dafür lesen Historiker im Weiterkommen von Japan schon eine Parallele zu 1954. Das Wundel von Flankfult! Nippons Sommelmälchen!“
  • „Gewinnen die Japanerinnen denn nun auch das Finale, o Hüter von Ballhalla?“, will Eschweiler jetzt sanft drängend wissen. „Wäre fast fies, wenn nicht, gelle, Walter? Ich bin noch unentschlossen, habe aber extra deine Freundin, die Bibi, zur Schiedsrichterin bestellt, damit es keinen regeltechnischen Huddel gibt. Vielleicht lasse ich ja auch die Amis gewinnen und wenn sie dann nach Hause kommen, ist ihr Staat gerade dabei, bankrott zu gehen. Müsste ich freilich vorab mit dem Finanzgott besprechen, aber der düst ständig in Südeuropa rum, den kriegst du einfach nicht zu fassen.“
  • „Sag mal, willst du nicht entscheiden, Walter?“, fragte der immer noch euphorische, aber entschlussgehemmt wirkende Fußballgott. „Ich mach das schon, o Eure runde Lederigkeit“, antwortete dieser verschmitzt. Und so geschah es, dass die Japanerinnen Weltmeister wurden, weil Bibiana Steinhaus scharfäugig einen Elfmeter zu ihren Gunsten pfiff, den die Kameras erst in der dritten Zeitlupenwiederholung bestätigen konnten. Die Ehre der Schiedsrichterzunft ward wiederhergestellt, Deutschland gefeiert als die edelmütige Nation, die dem geschundenen Asiatenvolk den Vortritt überließ und Walter gönnte sich endlich das Schnäpschen aus feinsten Süßkartoffeln namens Shochu, das er beim Fußballgott hatte mitgehen lassen.

Nachbericht:

  • Ich setze mein breitestes Grinsen auf und male mir einen roten Punkt ins Gesicht: Die kleinsten Frauen sind die Größten, die Geilsten und die Besten im Frauenfußball obendrauf! Was für ein Spiel, was für eine Dramatik. 120 Minuten plus Elfmeterschießen, gekrönt von dieser einen Erkenntnis, die den Fußball so wunderschön macht. Du brauchst nicht baumlang zu sein, du brauchst nicht muskelbepackt zu sein, du brauchst nicht am höchsten springen zu können, du brauchst nicht jeden Gegner in Grund und Boden zu laufen, um am Ende bei diesem Sport zu triumphieren. Danke Japan, für den großartigen Abschluss dieses Turniers.
  • Die Nationalhymnen gaben ein wenig den Takt vor für die ersten 25 Minuten. Während die japanische Auswahl andächtig und in sich gekehrt einer getragenen Melodie lauschte, brannten die Amerikanerinnen zu ihrem „Hoppla, da sind wir“-Heimatlied innerlich alles nieder. Chance um Chance erdrücken sich die US-Damen, beginnend nach wenigen Sekunden und erst so Mitte der ersten Hälfte endend. Cheney, Wambach, Rapinoe wirbeln Frauen und Spielgerät durcheinander. Just als die Asiatinnen langsam ins Spiel finden, zieht Wambach einen Knaller ab Richtung Torwinkel. Für mich war der schon drin, aber die Latte hält wacker dagegen. Halbzeit.
  • Es ähnelt nun langsam ein bisschen Deutschland – Japan, denn die Blauen klären die Angriffsversuche souveräner, wagen sich auch einmal nach vorne. Aber es ergeben sich weiterhin riesige Chancen für die USA, doch der Ball will nicht über die Linie. Bis die Frau mit dem rosa BH den Unterschied zu bringen scheint. Ausgerechnet einen Konter schließt die eingewechselte Alex Morgan mit einem hart geschossenen Aufsetzer ab. Das müsste es wohl gewesen sein. USA all the way und so.
  • Aber nicht doch. Und hier kommt das Putzige an der japanischen Spielweise zutage. Die sind so bescheiden, dass sie selbst nicht in Führung gehen wollen. Liegen sie aber hinten, spielen sie reinsten Spock-Fußball: „Captain, wir liegen zurück, also diktiert die Logik, dass wir ein Tor erzielen müssen“. Schwupp, huschen die kleinen Rackerinnen nach vorne. Was die Amis so verwirrt, dass sie sich in Form von Buehler und Krieger im eigenen Strafraum vor Verzweiflung selbst abschießen und „Manni“ Miyama nur noch reinhauen muss. 81. Minute, es steht 1:1. Ich halte jetzt endgültig zu den Japanerinnen, die plötzlich ein paar Minuten frech auf die Entscheidung zielen und ihr Spiel Richtung US-Tor verlagern. Im Gegenzug schnüren die Amerikanerinnen sie nochmals ein, aber die Verlängerung ist nicht zu verhindern.
  • Kriegen die Amerikanerinnen nun die große Krise? Nein, denn Abby Wambach, die Stürmerin, der wir wohl alle das goldene Tor zugetraut haben, köpft krachledern und humorlos eine Flanke rein. 103. Spielminute, Zeit zum Verzweifeln, zum Aufgeben, möchte man meinen. Aber nicht mit den kleinen japanischen Rasenrobotern. Kurz das Torwärtsprogramm initialisiert und auf geht’s in die Hälfte des Gegners. Wo die Verteidigung sich schnell wieder die Fingernägel wegkaut, angefangen von Rampone über Krieger hin zu Hope Solo höchstselbst.
  • Es schlägt die Sekunde der weisen Frau Sawa. Nach einer Ecke bugsiert sie den Ball über die Linie, als wäre es ein Leichtes, einen Rückstand in einem WM-Finale(!) in der Verlängerung(!) aufzuholen. In dem Moment hätte ich als Amerikaner wirklich den Glauben an dieses Spiel verloren, denn wo die einen sich abackern, legen die anderen lässig nach. Es ist, als hätte man die Geschichte von Hase und Igel auf dem Rasen aufgeführt.
  • Im Elfmeterschießen liegen die Nerven schließlich endgültig blank bei den Titelaspirantinnen aus den US of A. Die kleine Kaihori hält den ersten Strafstoß gegen Boxx, Lloyd schießt Richtung Tribüne. Solo tut ihr Möglichstes, aber ihre Kolleginnen legen beinahe englische Kompetenz am Punkt offen. Die #4 der Japanerinnen, Kumagai, zerstört schließlich den amerikanischen Traum mit einem Hieb oben in den Winkel. Japan ist Weltmeister. Amerika am Boden. Sachen gibt’s, die gibt’s nur im Fußball. Homore Sawa holt alle von der FIFA ausgelobten Titel, den der Torschützenkönigin inklusive. Das japanische Team feiert, die neutralen Zuschauer mit ihm. Und ganz am Ende bleibt die Pointe, dass diese Mannschaft nur von den Engländerinnen geschlagen werden konnte. Auf der Insel wird man und frau sich ärgern. Der Fußballgott hatte wieder seinen Spaß.
  • Das war die Berichterstattung des unfassbar kompetenzfreien WM-Tagebuchs zur Frauenfußball-Weltmeisterschaft. Meinen Dank an alle treuen Leserinnen und Leser, die Fans auf Facebook, die fleißigen Twitterer, Verlinker und flattr-Spender. Wir lesen uns hoffentlich 2014 wieder! Zum Ausklang und als Rausschmeisser habe ich wie gehabt ein Lied ausgesucht, diesmal eines aus dem Land der Trizeweltmeisterinnen aus Schweden: In Flames – Liberation [auf Grooveshark anhören] / [auf Facebook anhören]. Um schließlich die Gefühlswelt der Amerikanerinnen anzusprechen und wenigstens einen Song hier drinnen einbinden zu können, noch obendrauf Alkaline Trio mit „The American Scream“ aus dem frisch erschienenen Album „Damnesia“.
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Neuseeland – England 1:2

Vorbericht

  • Und es begab sich zu einer Zeit, als die Sportschau noch pünktlich um 18:00 Uhr anfing und niemand etwas von überteuertem Bezahlfernsehen wusste, da spielten die Kinder Gottes im Paradies Fußball. Schiedlich, friedlich traten sie gegen das knallbunte runde Etwas und erfreuten sich an dem Gekicke. Die Tore selbst bestanden aus zwei nahestehenden, hochgewachsenen Bäumen als Pfosten, die Latte ward noch nicht erfunden, sondern wurde von den Männern noch schamvoll unter Feigenblättern versteckt.
  • Eines Tages stellte sich ein Menschlein zwischen die beiden Baumstämme und rief: „Ich will jetzt der Torwart sein und euch am Toreschießen hindern“. Gesagt, getan. Tapfer warf er sich in die Ecken, hechtete nach dem Spielgerät und erntete viel Anerkennung und Applaus. Doch der schnelle Ruhm stieg ihm zu Kopf, er wollte gar keinen Ball mehr hinter sich lassen und griff daher zu einem Trick. Denn auf den Bäumen lebten kleine Äffchen, die sich behände von Liane zu Liane schwangen. Die dressierte er, auf dass sie immer dann, wenn das Leder unerreichbar ins Tor zu gehen drohte, zwischen den Ästen hervorrauschten und den sicher geglaubten Treffer noch verhinderten. Groß war die Aufregung! Mürrisch gingen die Menschen zum Fußballgott und baten um ein Eingreifen.
  • Der Fußballgott hatte jedoch keine Zeit und schickte an seiner Stelle eine Abgesandte zum nächsten Spiel. Eine kleine Asiatin mit rötlichem Haar, einem freundlichen Wesen , aber auch ganz, ganz kleinen Augen, die ihr vom Gras auf dem Feld immer zuschwollen. Und so kam es, dass die Abgesandte die flinken Äffchen nicht sehen konnte, obwohl das Publikum und die Spieler pfiffen und schrien. Wieder zogen die Menschen vor den Fußballgott. Der war erzürnt und rief seinen Krisenstab zu sich. Zum nächsten Spiel erschien ein kleiner dicker Mann, welcher allüberall in Eden den Ruf hatte, als stets neutral zu gelten. Jedoch ließ er sich gerne mal eine Banane mitgeben, wenn er seine Inspektionen im Auftrag des Fußballgottes durchzuführen pflegte. Nach dem Spiel von seinem Chef befragt, sagte der kleine dicke Mann „Krise? Ich habe keine Krise gesehen. Aber das hier ist eine schmackhafte Banane“.
  • Als es wieder Geschrei an der Pforte gab, wurde es dem Fußballgott zu bunt. Er verkleidete sich als harmloses Gebüsch und mischte sich unter die Zuschauer. Viel gab es zu bestaunen: Ein blau-weiß gekleideter Mann mit nassem Haar aus dem Süden lachte immer dreckig, wenn ein Spieler kurz vor dem Tor hinfiel. Ein anderer, aus dem hohen Norden, ging stets nach Hause, wenn es spannend wurde. Und der Torwart ließ frech seine Äffchen springen, wenn es brenzlig wurde und feuerte das folgende Gebuhe mit obszönen Gesten weiter an.
  • Da legte der Fußballgott seine Tarnung ab, erschien am Mittelkreis und verkündete mit bebender Stimme: „Du, der du das Tor verengst, sollst fortan den Namen Engländer tragen. Stark und groß wirst du sein im Felde, aber schwächlich und klein zwischen den Pfosten. So ist mein Wille.“ Und so geschah es. Am vergangenen Montag klingelte im Wolfsburger Hotel, wo das englische Frauenfußballteam Einzug gehalten hatte, das Telefon. „Ferngespräch für Frau Bardsley“, rief die junge Frau an der Rezeption. Frau Bardsley nahm den Hörer in die Hand und durch die Leitung knacksten folgende Worte: „Du jetzt auch. Sorry. Gleichberechtigung und so“.
  • Ob Bardsley, Brown oder Chamberlain – ich will Neuseeland siegen sehen. Go, Kiwis, go!

Nachbericht:

  • Die Elfenelf fliegt nach Hause ins Elbenland. Dabei haben sie doch so tapfer gekämpft und gingen gar in Führung. Doch alles Drängen half nichts, Bardsley im Tor der Britinnen ließ nicht nochmal einen Krummen rein.
  • Wobei mich die Lionesses nicht wirklich überzeugt haben, gegen die würde ich unsere Mannschaft als nächstes lieber antreten sehen als gegen die Französinnen. So als Aufbaugegner.
  • Bittere Enttäuschung bei britischen Buchmachern: die Landesvertretung wurde ihrer Favoritenrolle gerecht, die Quoten fielen entsprechend mager aus und wer gespannt auf eine andere Heldin im Kasten gesetzt hatte, durfte sich von seinem Einsatz verabschieden. Spielverderberinnen.
  • Kleiner organisatorischer Hinweis: die Vorberichte über die Partien des Wochenendes könnten verspätet oder gar verkürzt veröffentlicht werden. Ich spüre langsam eine leichte Unlust in den Schreibfingern aufziehen und der Leserschaft scheint es mit dem Lesen ähnlich zu gehen.

Uruguay – Niederlande 2:3

Vorbericht

  • Schiedsrichter-Ikone Walter Eschweiler ist in Aufruhr. Seit Beginn der WM hatte sich der Fußballgott nicht bei ihm gemeldet. „Afrika ist nicht so meine Baustelle“, hatte er offiziell zu Protokoll gegeben und sich als Vorbereitung für die nächste EM seinem neuen Lieblingshobby, den lustigen Spielmanipulationen in den unterklassigen polnischen und ukrainischen Ligen, gewidmet. Pünktlich zu den Halbfinalspielen klingelte nun aber doch das rote Telefon: „Sitzung heute nachmittag. Bin ernsthaft sauer“ lautete die knappe Anweisung.
  • „Mein Gott Walter, wie lange isses denn noch?“
    „Nun, Eure Ballherrlichkeit, wir haben zwei Halbfinals, ein Spiel um den dritten Platz und das Finale. Was hat Euch denn so erzürnt, dass Ihr nun eine Einmischung anordnet? War es die frühe Heimreise der Favoriten? Das Scheitern der Superstars aus der NIKE-Werbung? Die fehlenden afrikanischen Mannschaften im Halbfinale? Das kleine, dicke, weinende Maradona?“
    „Walter, alter Schwarzkittel, das ist mir doch Latte wie Pfosten. Über den Maradona habe ich sogar selbst kichern müssen. Aber der Uru, der Uru, das…, das ist ein Spitzbu! [Der Fußballgott hatte die Jahre zuvor so ziemlich alle saarländischen Mannschaften absteigen lassen und dabei den Dialekt gelernt; Spitzbu bedeutet in etwa kleiner, ungezogener Junge] Wie der sich durchs Turnier geschlichen hat, das geht nicht an! Da muss man was gegen tun! In einer Pille-Palle-Gruppe Erster geworden, dann gegen fußballerisches Mittelmaß wie Südkorea nur knapp gewonnen und schließlich den Ghanaer im Elfmeterschießen verhohnepipelt. Hast du den Suarez gesehen, wie der erst mit beiden Händen den Ball von der Linie schaufelt und sich danach grinsend von seinen Leuten feiern lässt? Wenn die ins Finale kommen, schieben die MIR das noch in die Schuhe. Kennst ja die Südamerikaner. „Hand Gottes, Wille Gottes, Querbalken Gottes“ und der ganze Kram. Ich muss auch an meinen Ruf denken!“
  • „Ja nun, wie soll es denn laufen, Eure Fußballhoheit?“
    „Okay, Walter, schreib in die Mannschaftsakte: schnelle 2:0 Führung durch Diego Forlan. Unspannendes Ballhalten und -rumgeschubse bis zur 87. Minute. Eigentor zum 2:1. Was ganz Unglückliches, aber auch was zum Lachen. Vollspann vom Verteidiger in den Winkel, so was in der Richtung. 94. Minute: gleich noch ein Eigentor. Vom selben Spieler! Verlängerung. 121. Minute: Robben zieht nach einem Pass auf die rechte Seite nach links Richtung Strafraum, schießt, Ball klatscht an den rechten Innenpfosten, tänzelt schnurgerade über die Linie, touchiert den linken Innenpfosten, prallt an den Popo des am Boden liegenden Torwarts und trudelt infolge eines unerklärlichen Flatulenzanfalls von Muslera ins Tor. Fertig. Der erste eingepupste Siegtreffer der WM-Historie. In HD und Dolby Digital Plus.“
  • „Und wer gewinnt das zweite Halbfinale, oh Hüter von Ballhalla?“
    „Ich mochte ja den Neuseeländer. Zähe kleine Hobbitse. Haben zudem auch kein Spiel verloren. Mach den Neuseeländer ins Finale, Walter.“
    „Würde ich gerne tun, aber die Kiwis sind leider ausgeschieden, weil sie einen Punkt zu wenig hatten. Wir wär’s denn mit den Deutschen? Deren Kapitän wäre rein größentechnisch auch prima als Frodo durchgegangen“
    „Na gut. Von mir aus. Ist zwar langweilig, aber ich mag kleine Kämpfernaturen. Leg beim Rausgehen nochmal die Herr der Ringe-Blu-rays ein und mach die Himmelstür hinter dir zu“.
    Zufrieden trug Walter Eschweiler ein 5:1 der Deutschen gegen Spanien ein. Wieder hatte er für seine Jungens eine weitere Runde klar gemacht.
  • Interessantes, aber sinnfreies Detail – mit einem 3:0 heute könnte der Niederländer doch noch Südamerikameister werden. Bisher liegen wir glatt mit 4:0 vorn, die Oranjes haben bekanntermaßen erst ein 2:1 auf dem Konto. Wünschen wir ihm dafür alles Gute, denn Weltmeister kann er ja leider nicht werden. Unseretwegen.

Nachbericht

  • Ich dachte schon, der Fußballgott wäre wieder so mies drauf wie bei der WM 2006 und würde dem Uru ähnlich damals dem Italiener noch ins Finale helfen. War aber auch so leicht gemein; zweimal durfte der letzte Südamerikaner Endspielluft wittern, nur um letztlich wegen eines Robben-Kopfballs sein Ziel zu verfehlen (dabei ist Robben das Wesen des Kopfballs üblicherweise so fremd wie der kraftvolle Schuss mit dem rechten Spann). Sein Ziel erreicht hingegen hat der Niederländer – nach über 30 Jahren kann er endlich wieder im Finale einer Weltmeisterschaft hinter uns Vizeweltmeister werden. Dafür schon jetzt meinen herzlichen Glückwunsch!
  • Ein Spiel mit Toren aus dem Nichts. Giovanni van Bronckhorst, die alte Abwehreule, die normalerweise alles jenseits der eigenen Spielhälfte doch nur noch schwummerig sieht, zerrt einfach mal aus über 35 Metern einen oben in den Winkel. Beim ersten Hinschauen dachte ich mir noch: „Wie hat sich denn der Muslera die Gelenke verrenkt, dass er da nicht rankommt?“. Aber der Schuss war wirklich sauber, der Uru-Torwart hat nur zu lange staunend hinterher geschaut und so lange im Kopf „uiuiuiuiuiui“ gemacht, bis er zu spät kam.
  • Auch der Ausgleich unerwartet und per Distanzschuss via Diego Forlan. Ich hol jetzt nicht den Edwin aus der verdienten Rente, aber ein gewisser Herr van der Sar hätte den locker rausgefischt und als Matjes zwischen zwei Brötchenhälften eingearbeitet, egal wie der auch gezappelt haben mag. In dem Moment sind wahrscheinlich Podolski und Trochowski, unsere beiden Schussbolzen vom Dienst, sofort zum Trainer gerannt („Jogi, wir wissen, wie man den Holländer schlägt!“) und sind dann raus aufs Trainingsgelände, eiernde Bälle produzieren.
  • Der Uruguayer ist nicht mehr der Holzhacker von früher, das muss man sich eingestehen. Aber er erschafft doch noch erinnerungswürdige Szenen voller körperlichem Einsatz. Siehe die Steigerung des bekannten „Fallrückzieher am Mann“ durch die eingesprungene Figur „Fallrückzieher in den Mann“. In dem Fall die #14 der Elftal, Demy de Zeeuw. Auf meinem Fernseher sah es so aus, als würde dem armen Kerl das halbe Gebiss rausfliegen. Dabei war es nur ein Grasbüschel. Analoges Fernsehen regt halt anders als HD noch die Fantasie an.
  • Zweite Spielhälfte: einen so gemein und heimlich flach unten reingezwirbelt, dass die Abseitsfalle zu lange überlegen musste, ob sie nun zugeschnappt war oder nicht. Obendrauf das Kopfballunikat von Robben. Das schien’s gewesen zu sein. Aber einen durfte der Uru dann doch noch machen, die Nachspielzeit schien sogar extra lang, um ihn besonders verzweifeln zu lassen. Der gesperrte Suarez hat darüber diesmal bestimmt nicht lachen können.


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Paraguay – Japan 5:3 n.E.

Vorbericht

  • Komm, würfelt es aus. Ist doch egal, wer. Weiter stoßen die eh nicht im Turnier vor. Worte, die auch vom Fußballgott stammen könnten. Ja, es gibt diese Tage, da ist der Fußballgott einer Meinung mit seinen Untertanen. Siehe bei dieser WM das Schicksal von Frankreich, Italien und England.
  • Wäre mal eine schöne Aufgabe für angehende Marketingexperten, diese Begegnung so zu bewerben, dass Millionen Zuschauer sich darum reißen würden, sofort ein lebenslang bindendes PayTV-Abo abzuschließen (Verkauf der Adressdaten des gesamten Haushaltes an GEZ, BILD, BND und SKL inklusive). Zwei Kontinente prallen aufeinander. Nur einer wird überleben. Nie zuvor gab es einen größeren Kampf, nie ging es eindringlicher um die Existenz zweier Mannschaften. Denn wer heute geschlagen zurück bleibt, badet vielleicht nie mehr in den Sonnenstrahlen des güldenen Pokals, nach dem alle Völker streben. Auf Deutsch: bisher hat es keiner von beiden jemals in ein Viertelfinale geschafft. Heute ist es soweit. Und jetzt alle so: von mir aus.
  • Was haben die denn zu bieten? Der Paraguayer ist ein listiger Geselle; unter dem weiten Deckmantel der italienischen Vollversager huschte er einfach als Tabellenführer durchs Ziel. Dabei konnte er die versammelten Ballspielallergiker vom Stiefel nicht mal schlagen. Den Neuseeländer hielt er tapfer auf 0:0-Abstand. Nur dem Slowaken legte er zwei Eier ins Nest. Da bricht jetzt nicht die Euphorie aus mir heraus. Wo stehen denn Lucas Barrios, Roque Santa Cruz oder Nelson Valdez in der Torjägerliste? Auf derselben Stufe wie Wayne Rooney. Da können sie sich was drauf einbilden, wenn es spätestens Samstag Abend nach Hause geht.
  • Elfmeterschießen wäre nicht schlecht. Also direkt Elfmeterschießen, nicht noch vorher 120 sinnlose Minuten Grashalmumtreten auf offenem Feld. Denn der Japaner ballert, wie gegen Dänemark, schon mal gerne aus 20-30 Metern den Jabulani in die Maschen. Was macht der erst ohne Mauer und bei noch geringerer Distanz? Linker Innenpfosten, rechter Innenpfosten, kurzer Tanz des Balls auf der Linie, bevor das zusammenstürzende Tor ihn (den Ball, nicht den Japaner) in vollem Unfang hinter die weiße Kreideschicht drückt. Dann dreht sich Uchida um zum Publikum, verbeugt sich und sagt leise „Bumm“.

Nachbericht

  • Ja, sorry für den späten Nachbericht. Aber ich komme gerade erst vom Autokorso wieder zurück. Was für eine Stimmung, was für wunderbare Schlachtrufe, was für eine Einigkeit! „Hupt, wenn ihr froh seid, dass dieser Mistkick rum ist“, war das einträchtige Motto der Veranstaltung. Ich und der Toyotahändler, auf dessen Parkplatz ich einsam meine Runden drehte, waren ganz einer Meinung.
  • Ein Spiel, als wenn man einem Schwarm hungriger Fliegen vor einer weiß-roten Tapete beim Rumsummen zusieht. 120 verdammte Minuten lang! Dürfte ab morgen apothekenpflichtig sein und im Falle von schweren Schlafstörungen verschrieben werden.
  • Der Asiate hat es ja nicht so mit dem Gesichtsverlust. Deshalb nur ganz der dezente Hinweis: ihr Brüder Nippons, geht nach Haus und schämt euch mal ordentlich aus. Der Paraguayer darf zwar bleiben, ist auf meiner Beliebtheitsskala aber in einer Kategorie mit abgerissenem Fußnagel und schwer beleidigtem Menikus.