Willkommen

Verehrte Leserinnen, verehrte Leser des unfassbar kompetenzfreien WM-Tagebuchs, es ist soweit.

  • Frauen, Fußball, Sensationen bestimmen in den nächsten Wochen unser aller Tagesablauf. Wobei wir das mit den Sensationen schon mal direkt ganz schnell streichen können, denn es wäre ja eine solche, wenn unsere Damen nicht zum ganz bescheidenen dritten Mal hintereinander den Titel holen würden. Ich weiß nicht, was oder wer dagegen sprechen könnte und lasse mir in der Hinsicht auch nichts einreden.
  • Worauf ich zugegebenermaßen sehr stolz bin, denn als Kerl musste ich mich all die Jahre hinter dem Jogi verstecken, der sich vor einer WM zuerst mal die Zunge mit einem Döschen Nivea einreibt und dann respektvoll weiche Sätze zu sagen pflegt wie „Uffgebasst, der Schpaania und der Braasiliaana sind hökscht gefährlich, nischt zu vergessen der Argentinia, der Englända, aber auch Oschteuropa holt auf, jaja. Afrika ischt im Kommen, Asien quasi ein schlaafender Gigant, uiui, aber mir täten schon ganz gerne auch mal wieder, also, wenn wir konzentriert arbeite, dann vielleicht, naja, äh“.
  • Wäre ich hingegen an der Stelle von Bundestrainerin Silvia Neid, säße ich breitbeinig in der Pressekonferenz, hielte ein eiskaltes Pils in der Hand, zöge mir einmal kräftig die Nase hoch und rülpste der schreibenden Zunft herzhaft Folgendes entgegen: „Notizblock raus, mitschreiben! Wir werden wie gehabt Weltmeister, lassen aber die anderen aus Gründen der Fairness vorher gegen uns spielen. Also spielen im Sinne von verlieren. Vielleicht trifft ja anders als beim letzten Mal jemand gegen uns. Würd mich aber wundern. Prost!“.
  • Machen wir uns nichts vor: der Männer-Fußball ist athletischer, schneller, körperbetonter. Den Frauen-Fußball deshalb nun abschätzig zu bewerten und sich ihm komplett zu entziehen, ist allerdings auch töricht. Denn Hand an die Bierflasche: wir Kerle, die mehr gucken als selbst spielen, die wir unsere weit vom Fuß abgesprungenen Bälle hastig vorwurfsvoll zum No Look-Pass umdeklarieren, auf den der Mitspieler halt nicht vorbereitet war, die im Trikot eher Oskar Lafontaine beim Bundestagsfreundschaftsspiel als Wayne Rooney im Champions League-Finale ähneln und die auf dem Platz mehr schwitzende Schwergewichtsbeherrschung statt lässige Leichtfüßigkeit präsentieren, müssen anerkennen: unsere Mädels können schon einen guten Ball spielen. Sie mögen zwar nicht an die Jungs aus Barcelona und Madrid herankommen, fallen allerdings wie diese auch nicht bei jedem Aufeinandertreffen mimosenhaft-theatralisch hin wie der sterbende Schwan. Und sie geben im kicker auf die Frage nach dem bedeutendsten Deutschen nicht in der Mehrzahl Angela Merkel an. Oder einmal gar Dieter Bohlen. Ist wirklich passiert, Julian Schieber vom 1.FC Nürnberg (zurecht nun zum VfB Stuttgart zurückgeschoben) hält den für den bedeutendsten Deutschen. Junge, Junge. Als würde man auf die Frage nach der bedeutendsten Erfindung der Menschheit mit „Mein Morgenschiss“ antworten.
  • Der offizielle Name der Veranstaltung lautet übrigens FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Deutschland 2011 (TM). Man erahnt es nicht direkt, aber es geht um Fußball (der irgendwo in der Abkürzung FIFA versteckt ist). Nicht dass manche tumben Zeitgenossen denken, es würden wieder mal die geilsten Frauen gesucht und dann enttäuscht sind, wenn kickende Damen und keine aufgetakelten Models im Abendkleid, Bikini oder bei der Gerstengetränkpräsentation gezeigt werden. So, und damit erkläre ich dieses Tagebuch für eröffnet: Ich will jetzt endlich Weltmeisterin werden!


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Deutschland – England 4:1 (o.E.)

Vorbericht

  • Jetzt geht’s los. Jeder Tritt ein Britt‘. Ja, hallo, ich kann auch einen blöden Weltkriegsspruch absondern! Allerdings ist meiner historisch nachweisbare Propaganda und nicht so peinlich an den Haaren herbeigezogen wie der hier, welcher seit ein paar Tagen kursiert : „It’s the second world war all over again! The French give up, the Americans decide to turn up at the last minute and England is left to face the Germans“. „Yes, haha, and the Russians couldn’t qualify because they didn’t find their way around Slovenia, haha“. Ein paar Strunzköppe lernen eben nie, dass Fußball nichts mit Krieg zu tun hat.
  • Ich weiß ja nicht, wie es den geschätzten Lesern da draußen geht, aber wenn es eine Mannschaft gibt, gegen die ich unsere Jungs nicht ausscheiden sehen will, dann sind es die Engländer. All die schönen Erinnerungen an die Welt- und Europameisterschaften nach 1966 wären verflüchtigt. Auf der Insel hätte man keinen Respekt mehr vor uns. Das Gleichgewicht der Kräfte, das in dem geschätzten Einstiegskonversationssatz  „If you don’t mention the war, i won’t mention the Elfmeterschießen“ zum Ausdruck kommt, wäre dahin. Natürlich hat uns der Brite auch schon geschlagen – nur hatte er nie etwas davon. Bei der EM 2000 siegten die Three Lions und fuhren mit uns nach der Vorrunde nach Hause. Oder die WM Qualifikation 2001 mit dem 1:5 in München. Aber wer kam 2002 ins Finale und wer scheiterte im Viertelfinale?
  • Capello hat Elfmeterschießen trainiert, die fünf Schützen stehen bereits fest. Ich frage mich, wie man die Situation am Punkt bei einer Weltmeisterschaft gegen den Deutschen simulieren kann. Hat er ein paar eingeflogene deutsche Fans „Rooney, du bist nervös“ singen lassen? Oder „Terry, deine Frau weiß, wo dein Auto steht“? Vielleicht kehrt die Mannschaft aber auch nach der Verlängerung kurz in die Kabine zurück, wo diskret Erwachsenenwindeln verteilt werden. Die wird in jedem Fall schon vorher Co-Trainer Stuart Pearce tragen, denn der hat bekanntlich 1990 unseren Goldknie-Bodo angeschossen. Der damals auch kaum jünger als Manuel Neuer heute war. Wiederholt sich da Geschichte?
  • It’s a long way to the top if you wanna play We Are The Champions. Irgendwie ist diese WM eine zweispurige Strecke – die eine Hälfte kutschelt gemütlich über Südkorea, USA, Uruguay oder Ghana ins Halbfinale, während sich der Rest wie Frogger panisch zwischen englischen, spanischen und argentinischen Boliden ans rettende Ufer winden muss.  Da haben wir wohl die Ausfahrt verpasst. Allerdings: der Engländer auch, wenn das heute Nachmittag entgegen aller Wahrscheinlichkeiten anders läuft als erwartet.
  • Helmut Cacau kann nicht spielen! Eine Bauchmuskelzerrung macht einen Einsatz unmöglich. Trockener Kommentar meines Bruders: „Hätt‘ mir nicht passieren können, ich hab keine Muskeln im Bauch“. Ob Schweinsteiger und Boateng spielen können, ist bis zur Stunde fraglich. Inoffiziell soll die BILD-Zeitung schon grünes Licht für beide signalisiert haben, angeblich hat sie die gute Kunde exklusiv aus dem Team erfahren. Wer hat denn da wieder Lothar Matthäus in die deutsche Trainingsresidenz eingeschmuggelt?
  • Ganz vorne soll Klose die Tore schießen. Es hätte schlimmer werden können. Es hätte auch Gomez treffen können. Irgendwie falle ich bei der Wortkombination „Gomez“ und „treffen“ immer in den passiven Konjunktiv und nie in den aktiven Präsens. Für die Abergläubischen setze ich wieder einen flattr-Button rein und gelobe, wie schon bei den Siegen zuvor am gewohnten Fernseher das Geschehen zu verfolgen.

Nachbericht

  • KICK & CRUSH, BABY! Ham wir den Engländern eingeschenkt! Eigentlich geht es ja kaum demütigender. Ein Tor per übelstem, einfallslosestem, aber dennoch herrlichem, wunderbarem Kick (Neuer) & Rush (Klose) reingegrätscht. Ein Anti-Wembley-Tor mit lange anhaltender Pflasterwirkung für 1966. Ein Endergebnis wie nach einem Elfmeterschießen.  Die höchste Niederlage bei einem WM-Turnier für die Insulaner. Fast konnten sie einem ein wenig Leid tun. Aber ich bin momentan zu euphorisch!
  • THOMAS MÜLLER KONTERGOTT! Nach dem 2:0 hielt ich das Match für durch, aber der Anschluss (ich verzeih dir, Manuel) und das Phantomtor ließen mich schon kribbelig werden. Was macht der Schiri, wenn ihm jemand in der Pause steckt, was er für einen Bock geschossen hat? Elfmeter einfach mal so ging ja nicht, dafür kamen Rooney & Co. zu selten eins zu eins durch gegen die neue deutsche Mauer Arne Friedrich. Als der aber eine gelbe Karte bekam, zogen sich mir Sorgenfalten in die Stirn. „Jetzt bloss niemanden anpusten, Arne!“, dachte ich mir. Aber dann setzte es die überragenden Konter, mit denen wir die Roten vom Feld kegelten und alles war gut. Ist der Müller eine hundeschnauzenkalte Sau und der Özil ein wieselflinkes Kaninchen!
  • Überragend waren sie alle. Klose, der ein paar Chancen liegen ließ, aber englischer eintütete als der Engländer selbst. Podolski mit seiner linken Klebe, die ich wieder ein paar Mal verteufelt habe, aber wenn sie einmal pro Spiel den Ball flach und hart an den Innenpfosten pappt, verzeihe ich alles. Schweinsteiger, auch genannt die bayrische Rasen- und Feldweg-Ordnung. Großer Sport, Jungens, ganz großer Sport!
  • Obwohl sie nach Wiederanpfiff schon ein wenig um den Ausgleich gebettelt haben. Aber die Stärke der Briten, den Freistoß, in den Todesstoß umzuarbeiten, das spricht für das Talent der Mannschaft. Jetzt kann der Argentinier oder Mexikaner kommen, denen geht doch jetzt schon das Leibchen auf Grundeis.
  • Der Campino wird’s mir verzeihen:

ZUGABE, ZUGABE, ZUGABE….


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Slowenien – England 0:1 / USA – Algerien 1:0

Vorbericht

  • Der Engländer ist tatsächlich immer noch im Turnier. Wäre die Veranstaltung dort unten eine Castingshow, ich glaube, den hätten seine eigenen Landsleute schon rausgewählt. „Britain’s Got No Talent“, möchte man fast ausrufen in Anlehnung an das britische Fernseh-Pendant zum deutschen Supertalent. 1:1 gegen England, ach Quatsch, gegen die USA, 0:0 gegen Algerien. Das ist schon sehr dünn. Und die Unterhaltungsqualität hat im zweiten Spiel auch schwer gelitten.
  • Wenigstens funktionieren noch die alten Mechanismen außerhalb des Platzes. Rooney legt sich ganz bullymäßig gekonnt via Übertragungskamera mit den Fans an – klar, wenn man sich nicht mit Leuten gleicher Stärke prügeln kann, geht man auf die los, die sich nicht wehren können. Ex-Kapitän John Terry schafft es, bei jedem seiner gelungenen Auftritte auf und neben dem Platz noch mehr wie ein bedröppelter Teddybär auszusehen als schon vorher.  Aber es gibt Hoffnung: denn die entscheidende Partie gegen Slowenien pfeift ein Deutscher! EIN DEUTSCHER! Da begehrt der Engländer auf, das trifft ihn ins Mark, nun ist der Fall klar – der Teutone war schuld, wenn es in die Hose geht. „Pfeif mir das Lied vom Tod„. Mit Wolfgang Stark in der Rolle des jungen Henry Fonda. Oder auch „Der Feind in meinem Spiel„. Ohne Julia Roberts, aber dafür mit dem bereits erwähnten John Terry, der ja gerne mal das Bett mit dem Spiel zusammenbringt.
  • Zur Konstellation: der Engländer muss gewinnen, dann ist er im Achtelfinale. Spielt er unentschieden, kann ihn der Ami oder sogar der Algerier aus dem Turnier holen. Die Cowboys oder Allah im Kampf  um Punkte in der Abschlusstabelle vor dem Mutterland des Fußballs. Geschlagen von der Truppe eines osteuropäischen Landes, von dem 99,9% der britischen Fans gar nicht wissen, wo sie ihre Hassbriefe hinschicken sollen – da würde ich vielleicht auch die Schuld beim deutschen Schiri suchen. Wenigstens weiß man in dem Fall, wo er wohnt.
  • Sollte es wirklich zur Katastrophe kommen und die Three Lions die vorzeitige Heimreise antreten müssen, möchte ich doch sehr bitten, hier drinnen von hämischen Kommentaren Abstand zu nehmen. Bis heute Abend 22:25 Uhr.

Nachbericht

  • Der Engländer ist im Achtelfinale. Verdient, das muss man anerkennen. Zu dominant traten Rooney & Co nach dem 1:0 auf, zu deutlich sprach das Chancenverhältnis zu ihren Gunsten. Nur in dem einen Moment in der 68. Minute, als die Slowenen gleich drei Einschussmöglichkeiten vergaben, ging mir eine der beiden Fußballweisheiten durch den Kopf, die mein Vater immer zum Besten gab: „Die einen spielen und die anderen schießen das Tor“. Wäre das ein Drama geworden, wenn noch etwas passiert wäre. Vor allem, da die Three Lions nach besagter Minute ziemlich gehemmt wirkten. Ach ja, die zweite Weisheit meines alten Herrn lautete: „Olé Olé – Olé Ola, der FCK ist wieder da“
  • Ich gebe hiermit zu Protokoll, dass ich beim Stand von 1:0 nicht Reporter Steffen Simon mit einem „Scheiße“ und „Fuck, ey“ ins Wort gefallen bin. Ich war zur Tatzeit nicht vor Ort und habe Zeugen. War aber dennoch eine schöne Abwechslung.
  • Der Amerikaner ist der King der Gruppe geworden durch ein Tor von Donovan auf dem letzten Drücker. Was ich gesehen habe, wäre auch ein Ausscheiden der Amis unverdient gewesen, Stichwort: erneut aberkannter regulärer Treffer. So muss der Slowene nach Hause fahren. Hier bitte selbst einen Witz darüber einfügen, dass außer ihm so gut wie keiner genau weiß, wo das liegt. Und der vierte Afrikaner ist aus dem Turnier. Wundert es noch jemanden?
  • Zwei Sätze noch auf Englisch: That’s the way you preside over a game of football, ladies and gentlemen. Don’t forget to show some respect for the german ref!