Uruguay gegen Costa Rica 1:3

  • Freunde, ich habe in den kommenden 12 Stunden vier WM-Spiele zu gucken und entsprechend vier Vor- und vier Nachberichte zu schreiben. Da muss jetzt mal die Textmasse geringer ausfallen und ich mich kurz fassen. Der kicker ruft sowieso nicht an, Grimme Online-Preis sehe ich ebensowenig am Horizont und schon morgen steht mein großer Artikel „Honduras – Ich mag dich sehr“ an, mit dem ich der sinnlosen deutschen Abneigung aus der NY Times-Umfrage gegenüber diesem wunderbaren Karibikreich mutig entgegentreten werde.
  • Uruguay gegen Costa Rica also. Es ist dieselbe Situation wie bei Chile gegen Australien. Was aus Südamerika, wo man nicht genau weiß, wo es liegt, gegen was Fußballerisch Kleines, wo man in dem Fall auch nicht genau weiß, wo es liegt. In Sachen Uruguay verweise ich da auf mein bezauberndes Essay im WM-Tagebuch von 2010. Geändert hat sich seitdem, dass die Urus in Südafrika Quattrizeweltmeister geworden sind und beachtenswert schönen Fußball gespielt haben. Gut, die Nummer von Luis Suarez im Elfmeterschießen gegen Ghana war extrem wieselig fies. Aber das ist jetzt Schnee von gestern. Wobei sich aber die Urus auch an dem ganz alten Schnee, nämlich ihrem Sieg bei der WM 1950 in Brasilien, weiterhin gerne aufhängen. Bekannte Stützen des Teams sind neben dem ewigen Stirnband Forlan und Wiesel Suarez noch Stürmer Edinson Cavani, sowie die langjährigen Abwehrbolzen Diego Godin und Diego Logano. Gespielt wird vorzugsweise der Konter, selbst den Ball haben die Himmelblauen weniger gerne.
  • Von Costa Rica weiß ich wenig. Nur soviel: Die werden mit Sicherheit auch nicht das Spiel gegen Uruguay machen. Zweitbestes Team in der Nord- und Mittelamerika-Qualifikation hinter den USA. 1990 schafften die Ticos gar einmal den Einzug ins Achtelfinale.  Die aktuelle Auswahl verfügt mit Keylor Navas über einen starken Torwart, im offensiven Mittelfeld rotiert Kapitän Bryan Ruiz und vorne trifft Joel Campbell. Wer auf Costa Rica als Weltmeister setzt, bekommt für jeden Euro Einsatz das Tausendfache zurück.
  • Schön die Geschichte um Stürmer Campbell, der leidenschaftlicher Panini-Sammler ist und 100 Päckchen kaufte, ohne sein eigenes Bild zu finden. Was er auf twitter beklagte und darauf von seinen Followern, die ihn als Sticker hatten, kräftig gehänselt wurde.
  • Geburtshelfer Tom Bartels stöhnt: Costa Rica schwängert Urus trotz körperkondomesken Trikots dreifach! Diese Schlagzeile würde ich morgen gerne irgendwo lesen. Ach, ich mag den Tom Bartels ja schon. Er geht halt bei Höhepunkten in tonale Bereiche, die anderen Menschen wie eine Mischung aus Jammern und Schluchzen vorkommen. Wie ein ungelernter Geburtshelfer, der bei der Notentbindung irgendwo zwischen Glückseligkeit und Überforderung schlingert.
  • Geboren wurde heute der Kleine im Turnier, der die Großen schlägt. Das 1:0 per Elfmeter von Cavani schien den üblichen Ablauf anzukündigen: Die vermeintlich Kleinen können zwar rennen, kämpfen, verteidigen und Bälle abwehren (siehe die fulminante Rettungstat von Navas gegen den abgefälschten Schuss von Forlan). Aber es fehlte immer dieses kleine Fitzelchen Abgebrühtheit oder auch Glück. Dass man beispielsweise dem Gegner nicht den Ball vorlegt, ihn nicht im Strafraum leidenschaftlich umklammert, oder frei vorm Torwart diesen nicht anköpft. Alles Fehler, die die Ticos begingen.
  • Dann allerdings erlebten die Urugayer ihr himmelblaues Wunder. Campbell erzielt den Ausgleich, Duarte nach Freistoß gar die Führung. Bitte selbst einen Witz mit den Begriffen „Freistoß“ und „babyblaues Körperkondom“ einfügen. Kurz vor Schluss gar ein grandioser Pass von Campbell auf Urnea, der lässig einschiebt. Morgen setze ich einen Euro , Die Quoten dürften seit heute wahrscheinlich eingebrochen sein, aber einen Euro auf Costa Rica als Titelträger könnte man mal riskieren.
  • Und wo wir schon dabei sind: Die 21:00 Uhr-Spiele sind bisher sehr sensationsträchtig. Morgen spielt um diese Uhrzeit Frankreich gegen Honduras. An die Geldbeutel!

Tore:

1:0 Cavani (24., Foulelfmeter)
1:1 J. Campbell (54.)
1:2 Duarte (57.)
1:3 Urena (84.)

 

Uruguay – Deutschland 2:3

Vorbericht

  • Juhu, wieder Fußball! Och nö, die Partie um Platz 3. Auch bekannt unter den Namen: Spiel um die goldene Ananas oder Spiel, auf das Philip Lahm schon am Mittwoch keine Lust mehr hatte. Der Sinn und Zweck dieser Übung verbleibt mir ja weiterhin im Dunkeln. Bekommt der Gewinner eigentlich etwas? Eine Bronzemedaille zum Herumschwenken? Einen Wangenkuss von Sepp Blatter? Oder einmal einen Köpper vom Sprungbrett im Geldspeicher der FIFA?  2006 ging das ja in Ordnung, unsere Jungs hatten mehr erreicht als unter Klinsmann erwartet, zum Schluss haben wir im heimischen Gottlieb Daimler-Stadion den Cristiano Ronaldo noch ein paar Mal auf dem Rasen abgelegt und mit 3:1 gewonnen. Aber jetzt? So viele Meilen von der Heimat weg, wieder mit Vuvuzela-Tröten in den Ohren und höchstwahrscheinlich mit ganz neuen Spielkameraden im Aufgebot – da kann man schon unlustvoll werden.
  • Sicher, es gibt Menschen, die wollen Mario Gomez mal von Anfang an spielen sehen. Hauptsächlich Mario Gomez und seine Familie, würde ich mal ahnen wollen. Desweiteren wohl Wiese im Tor, der aus reiner Boshaftigkeit (Interpretation Wiese) bzw. Reizpunktsetzungstaktik (Interpretation Löw) zur Halbzeit durch Butt ersetzt werden dürfte; Aogo, Tasci und Badstuber brauchen sicherlich auch mal Auslauf. Fraglich ist, ob Klose mit auslaufen kann – dem Mann würde ich noch 1 bis 2 Törchen gönnen, um ganz vorne in der ewigen WM-Torschützenliste zu stehen. Beten wir also, dass die Wirbelsäule hält. Thomas Müller muss ebenfalls spielen und am besten eher mäßig, damit ich mir nicht mehr einrede, dass der alleine uns ins Finale hätte schießen können.
  • Der Uruguayer hingegen ist beileibe nicht so erfahren im An-der-Trophäe-Schnüffeln wie wir und dementsprechend mehr motiviert. 1970 hat er gegen uns den dritten Platz durch ein 0:1 verloren und trauert dem wohl immer noch nach. Genügsame Burschen, mag man denken, aber wenn der letzte Titel schon 60 Jahre her ist, freut man sich über alles. Als Schalke-Fan kann ich das nachvollziehen. Die Fans fahren dort unten eh schon seit einer Woche Autokorso, ziehen sich Forlan-Stirnbänder über den Kopf und wehren Fußbälle ohne behandschuhte Finger vor der Torlinie ab.
  • Unsicher scheint der Einsatz von Diego Forlán, weiterhin verletzt ist Nicolás Lodeiro. Wieder mitspielen kann hingegen Luis Suárez. Und wenn ich noch hinzufügen dürfte: das ist mir alles ziemlich egal. Ich wollte die Namen nur einmal richtig mit dem korrekten Akzentzeichen über dem a geschrieben haben.  Hauptsache bleibt, dass sich unsere Jungs ordentlich verabschieden und nicht zu geknickt nach Hause fahren.

Nachbericht

  • Wieder Trizeweltmeister! Und diesmal habe ich mir auch gemerkt, was man für den dritten Platz bei einer Weltmeisterschaft bekommt: einen neuen Bundespräsidenten, der Medaillen verteilt (ab wann gibt es dann eigentlich eine neue Bundesregierung?), eine geschüttelte Hand vom Blatter Sepp und zum guten Schluss eine dicke Umarmung von Onkel Theo. Was hat der Zwanziger am Ende so erwartungsvoll mit dem Bronzegehänge in der Hand auf den Jogi gewartet – und der hat nicht mal anständig zurückgedrückt! Für mich das Bild dieses Spiels.
  • Eine schöne Partie mit vielen Toren, dem richtigen Sieger und einem angenehmen Abschlussgefühl. Ich kann mich in den letzten Wochen nur an wenige Spiele erinnern, die so viele Treffer und Chancen auf beiden Seiten verteilt anzubieten hatten. Dabei kann Fußball doch so einfach sein: einen draufgepfeffert von Schweinsteiger, kleiner Torwartbock und abgestaubt durch Müller. Eine Flanke, großer Torwartbock und ungewollt aussehender Kopfball von Jansen. Ein Eckball, Tohuwabohu mit zauderndem Torwart im Strafraum, hübsch vollendet mit Einnicktrick von Khedira. Man mag sich fragen, ob die Urus nicht vielleicht doch mit Suarez im Tor hätten spielen sollen…
  • Natürlich haben wir auch den Uruguayer mitspielen und Tore schießen lassen. „Ballverlust im Mittelfeld ischt strengschtens zu vermeiden“, würde Jogi sagen. Warum, sah man beim 1:1: einmal dem Schweinsteiger den Ball weggegrätscht und hinten war die Abwehr entblößter als das Pärchen im Biologie-Sexualkundebuch. Für das künstlerische Highlight schließlich sorgte Diego Forlán mit einem tückischen Direktabnahmeaufsetzer-Dingens (und einem Freistoß an die Latte in allerletzter Sekunde, aber das wäre dann auch zuviel des Guten gewesen).
  • Was bleibt? Wir waren verdammt gut. Haben 16 Tore erzielt und damit die lasch gestartete WM-Party erst richtig in Schwung gebracht. Haben zwei Mannschaften aus dem Turnier geholt, die ich nicht als Weltmeister hätte sehen wollen. Alt (Klose) und jung (Müller) haben gezeigt, dass sie wissen, wo das Tornetz hängt. Und wenn wir bis zum nächsten Turnier dem Özil eine Spritze mit Torgefährlichkeit verpasst haben, kann sich der Rest der fußballspielenden Welt ganz schön warm anziehen. Danke Jungs, es hat richtig Spaß gemacht mit euch!

Uruguay – Niederlande 2:3

Vorbericht

  • Schiedsrichter-Ikone Walter Eschweiler ist in Aufruhr. Seit Beginn der WM hatte sich der Fußballgott nicht bei ihm gemeldet. „Afrika ist nicht so meine Baustelle“, hatte er offiziell zu Protokoll gegeben und sich als Vorbereitung für die nächste EM seinem neuen Lieblingshobby, den lustigen Spielmanipulationen in den unterklassigen polnischen und ukrainischen Ligen, gewidmet. Pünktlich zu den Halbfinalspielen klingelte nun aber doch das rote Telefon: „Sitzung heute nachmittag. Bin ernsthaft sauer“ lautete die knappe Anweisung.
  • „Mein Gott Walter, wie lange isses denn noch?“
    „Nun, Eure Ballherrlichkeit, wir haben zwei Halbfinals, ein Spiel um den dritten Platz und das Finale. Was hat Euch denn so erzürnt, dass Ihr nun eine Einmischung anordnet? War es die frühe Heimreise der Favoriten? Das Scheitern der Superstars aus der NIKE-Werbung? Die fehlenden afrikanischen Mannschaften im Halbfinale? Das kleine, dicke, weinende Maradona?“
    „Walter, alter Schwarzkittel, das ist mir doch Latte wie Pfosten. Über den Maradona habe ich sogar selbst kichern müssen. Aber der Uru, der Uru, das…, das ist ein Spitzbu! [Der Fußballgott hatte die Jahre zuvor so ziemlich alle saarländischen Mannschaften absteigen lassen und dabei den Dialekt gelernt; Spitzbu bedeutet in etwa kleiner, ungezogener Junge] Wie der sich durchs Turnier geschlichen hat, das geht nicht an! Da muss man was gegen tun! In einer Pille-Palle-Gruppe Erster geworden, dann gegen fußballerisches Mittelmaß wie Südkorea nur knapp gewonnen und schließlich den Ghanaer im Elfmeterschießen verhohnepipelt. Hast du den Suarez gesehen, wie der erst mit beiden Händen den Ball von der Linie schaufelt und sich danach grinsend von seinen Leuten feiern lässt? Wenn die ins Finale kommen, schieben die MIR das noch in die Schuhe. Kennst ja die Südamerikaner. „Hand Gottes, Wille Gottes, Querbalken Gottes“ und der ganze Kram. Ich muss auch an meinen Ruf denken!“
  • „Ja nun, wie soll es denn laufen, Eure Fußballhoheit?“
    „Okay, Walter, schreib in die Mannschaftsakte: schnelle 2:0 Führung durch Diego Forlan. Unspannendes Ballhalten und -rumgeschubse bis zur 87. Minute. Eigentor zum 2:1. Was ganz Unglückliches, aber auch was zum Lachen. Vollspann vom Verteidiger in den Winkel, so was in der Richtung. 94. Minute: gleich noch ein Eigentor. Vom selben Spieler! Verlängerung. 121. Minute: Robben zieht nach einem Pass auf die rechte Seite nach links Richtung Strafraum, schießt, Ball klatscht an den rechten Innenpfosten, tänzelt schnurgerade über die Linie, touchiert den linken Innenpfosten, prallt an den Popo des am Boden liegenden Torwarts und trudelt infolge eines unerklärlichen Flatulenzanfalls von Muslera ins Tor. Fertig. Der erste eingepupste Siegtreffer der WM-Historie. In HD und Dolby Digital Plus.“
  • „Und wer gewinnt das zweite Halbfinale, oh Hüter von Ballhalla?“
    „Ich mochte ja den Neuseeländer. Zähe kleine Hobbitse. Haben zudem auch kein Spiel verloren. Mach den Neuseeländer ins Finale, Walter.“
    „Würde ich gerne tun, aber die Kiwis sind leider ausgeschieden, weil sie einen Punkt zu wenig hatten. Wir wär’s denn mit den Deutschen? Deren Kapitän wäre rein größentechnisch auch prima als Frodo durchgegangen“
    „Na gut. Von mir aus. Ist zwar langweilig, aber ich mag kleine Kämpfernaturen. Leg beim Rausgehen nochmal die Herr der Ringe-Blu-rays ein und mach die Himmelstür hinter dir zu“.
    Zufrieden trug Walter Eschweiler ein 5:1 der Deutschen gegen Spanien ein. Wieder hatte er für seine Jungens eine weitere Runde klar gemacht.
  • Interessantes, aber sinnfreies Detail – mit einem 3:0 heute könnte der Niederländer doch noch Südamerikameister werden. Bisher liegen wir glatt mit 4:0 vorn, die Oranjes haben bekanntermaßen erst ein 2:1 auf dem Konto. Wünschen wir ihm dafür alles Gute, denn Weltmeister kann er ja leider nicht werden. Unseretwegen.

Nachbericht

  • Ich dachte schon, der Fußballgott wäre wieder so mies drauf wie bei der WM 2006 und würde dem Uru ähnlich damals dem Italiener noch ins Finale helfen. War aber auch so leicht gemein; zweimal durfte der letzte Südamerikaner Endspielluft wittern, nur um letztlich wegen eines Robben-Kopfballs sein Ziel zu verfehlen (dabei ist Robben das Wesen des Kopfballs üblicherweise so fremd wie der kraftvolle Schuss mit dem rechten Spann). Sein Ziel erreicht hingegen hat der Niederländer – nach über 30 Jahren kann er endlich wieder im Finale einer Weltmeisterschaft hinter uns Vizeweltmeister werden. Dafür schon jetzt meinen herzlichen Glückwunsch!
  • Ein Spiel mit Toren aus dem Nichts. Giovanni van Bronckhorst, die alte Abwehreule, die normalerweise alles jenseits der eigenen Spielhälfte doch nur noch schwummerig sieht, zerrt einfach mal aus über 35 Metern einen oben in den Winkel. Beim ersten Hinschauen dachte ich mir noch: „Wie hat sich denn der Muslera die Gelenke verrenkt, dass er da nicht rankommt?“. Aber der Schuss war wirklich sauber, der Uru-Torwart hat nur zu lange staunend hinterher geschaut und so lange im Kopf „uiuiuiuiuiui“ gemacht, bis er zu spät kam.
  • Auch der Ausgleich unerwartet und per Distanzschuss via Diego Forlan. Ich hol jetzt nicht den Edwin aus der verdienten Rente, aber ein gewisser Herr van der Sar hätte den locker rausgefischt und als Matjes zwischen zwei Brötchenhälften eingearbeitet, egal wie der auch gezappelt haben mag. In dem Moment sind wahrscheinlich Podolski und Trochowski, unsere beiden Schussbolzen vom Dienst, sofort zum Trainer gerannt („Jogi, wir wissen, wie man den Holländer schlägt!“) und sind dann raus aufs Trainingsgelände, eiernde Bälle produzieren.
  • Der Uruguayer ist nicht mehr der Holzhacker von früher, das muss man sich eingestehen. Aber er erschafft doch noch erinnerungswürdige Szenen voller körperlichem Einsatz. Siehe die Steigerung des bekannten „Fallrückzieher am Mann“ durch die eingesprungene Figur „Fallrückzieher in den Mann“. In dem Fall die #14 der Elftal, Demy de Zeeuw. Auf meinem Fernseher sah es so aus, als würde dem armen Kerl das halbe Gebiss rausfliegen. Dabei war es nur ein Grasbüschel. Analoges Fernsehen regt halt anders als HD noch die Fantasie an.
  • Zweite Spielhälfte: einen so gemein und heimlich flach unten reingezwirbelt, dass die Abseitsfalle zu lange überlegen musste, ob sie nun zugeschnappt war oder nicht. Obendrauf das Kopfballunikat von Robben. Das schien’s gewesen zu sein. Aber einen durfte der Uru dann doch noch machen, die Nachspielzeit schien sogar extra lang, um ihn besonders verzweifeln zu lassen. Der gesperrte Suarez hat darüber diesmal bestimmt nicht lachen können.


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Uruguay – Ghana 5:3 n.E.

Vorbericht

  • Uruguay gegen Ghana im Viertelfinale. Das erinnert mich an zwei Jungs in der 8. Klasse, die auf den hintersten Bänken sitzen, maximal eine 3+ in den Klassenarbeiten bekommen und nun plötzlich eine 1- einreichen und damit den ganzen Notenschnitt versauen. Die Folgen sind klar: Hinterbank adieu, ab in Reihe eins, Aug‘ in Aug‘ mit dem Lehrkörper. Und dann kommt raus, dass die Elitenote doch nur ein kurzzeitiger Ausrutscher nach oben war. Wenn das heute Abend ein Gala-Kick werden sollte, will ich nichts gesagt bzw. geschrieben haben. Im Falle eines 0:0 mit anschließender Verlängerung und unspektakulärem Elfmeterschießen wälze ich mich allerdings auf meinem „Hab‘ ich’s doch gewusst“-Teppich der Vorahnung.
  • Uruguay muss ohne Diego Godin auskommen. Der Oberschenkel lässt es nicht zu! Nein, dieser Pechvogel. Das hätte heute sein Spiel werden können. Nee, ich mach nur Witze, ich weiß selbst kaum, wer das ist. Aha, in der Innenverteidigung spielt der Mann. Früher hätte man über Innenverteidiger von Uruguay kein so großes Buhei gemacht. Abwehrbeine hatte es auf der Ersatzbank doch traditionell in Hülle und Fülle, da standen 10 Mann auf, wenn nach einem neuen Paar gerufen wurde. Ich habe im Verlauf des Turniers mit Müh und Not den Luis Suarez neben Diego Forlan als Spieler der Himmelblauen wahrgenommen. Bis Godin dran ist, dürfte der Spaß rum sein.
  • Der Ghanaer spielt nun für ganz Afrika. Da ist sich selbst der Afrikaner ausnahmsweise mal einig. Sie haben sich gemausert, die Mannen um Richard Kingson, über den ich hier kein lästerndes Wort mehr fallen lassen werde. Diszipliniert, kraftvoll, kämpferisch, dynamisch, ordnungsliebend. Fast wäre man versucht, sich noch mal den Reisepass zur Kontrolle vorlegen zu lassen, ob die auch wirklich alle vom veranstaltenden Kontinent stammen. Sollten die tatsächlich ins Halbfinale vordringen, war es sicher das Verdienst von Kevin-Prince Boateng, der ja in unseren U15 bis U21-Nationalmannschaften alles gelernt hat. Das ist moderne Entwicklungshilfe. Die natürlich spätestens dann aufhört, wenn es gegen die Niederländer geht. Oder gegen uns.

Nachbericht

  • Ein gefälliges Spiel, das von diversen Aussetzern in den jeweiligen Verteidigungsreihen plus Torwart lebte. Hochglanztechniker waren nicht anwesend, viel Kampf- und Kraftmeierei war angesagt und bei den Toren vergaßen beide Keeper kurzzeitig und großzügig ihre Hauptaufgabe.
  • Das Highlight waren hingegen die Elfmeter. Dankt dem Fußballgott für die Elfmeter! Früher gab es ja mal das Golden bzw. das Silver Goal, aber das durfte sich einfach nicht durchsetzen. Dachte sich auch Asamoah Gyan und wuchtete die Gelegenheit zum inoffiziellen Golden Goal an die Latte. Vorausgegangen war ein nicht mal geschickt verstecktes Handspiel von Suarez, der aber ganz schlau zur Tagesordnung übergehen wollte und es wirklich schaffte, verdutzt zu wirken, als er die rote Karte ins Gesicht gehalten bekam. Das ist auch eine Leistung, ich hätte das ohne leicht dreckiges Grinsen nicht hinbekommen.
  • Asamoah Gyan verschießt also. Ist ja auch kniffelig mit dem Geballere aus kurzer, freier Distanz. Hoch und in den Winkel ist immer prima, geht aber gerne fließend in hoch und an die Latte über. Wie grausam der Fußball sein kann, zeigt sich, wenn der Schuss im Elfmeterduell danach perfekt sitzt. Gyan hätte wohl einiges dafür gegeben, die Fußstellung zu seinem Treffer mitnehmen und die Zeit zurückdrehen zu können.
  • Ich und mein Bruder tippen natürlich immer, wer reinhaufreudig rangeht und wer zauselig zimmert. Einhelliges Credo: wenige Schritte Anlauf sind nie gut. Das läuft dann so peinlich ab wie bei John Mensah: tapp, tapp, hepp und wie von einem Sack Zement abgeprallt dumpft die Kugel zurück. Ein Partykiller, als würde jemand im trötenbesetzten Fanblock plötzlich eine Tuba ziehen und das Ave Maria anstimmen.
  • Dann schon lieber gepflegt breit drüberhobeln wie dieser eine Uruguayer im späteren Verlauf. Gewinner des Matches war natürlich El Loco, Sebastian Abreu. Reingehumpelt zum Siegtreffer wie damals Panenka – eine Art, die bei mir immer als erstes ein spontan ausgerufenes „Arschlochtor“ provoziert, dann aber stets von einem anerkennenden Kopfnicken und Lachen begleitet wird.
  • Afrika ist draußen. Tapfer gekämpft, ihr Ghanaer, aber wenn man die Geschenke nicht annimmt, darf man sich nicht wundern. Eventuell wird diskutiert werden, ob ein Handspiel wie von Suarez in einer solchen Situation nicht gleich direkt mit einem gegebenen Tor bestraft werden sollte. So wird der wendige Uru-Stürmer heute nacht sich beruhigt in den Schlaf wiegen mit der Gewissheit, eine ganze Nation gerettet zu haben.

Uruguay – Südkorea 2:1

Vorbericht

  • Keine Zeit für Verschnaufpausen, direkt ab in die Ausscheidungsrunde. So ging es mir bei dieser Weltmeisterschaft auch sehr häufig, wenn ich die erste Halbzeit eines Spiels nur mit permanenter Fressalienzufuhr ertragen konnte. In dem Zusammenhang übrigens Danke, Brasilien und Portugal, für die kürzliche Magenverstimmung in Verbindung mit eurem oberöden Gekicke und Wasabi-Chips!
  • Für viele fängt die WM jetzt erst richtig an. Kommentatoren früherer Generationen hatten stets folgenden Spruch im Gepäck, der mittlerweile aber selbst bei Steffen Simon als zu abgegriffen gilt: „Ein Tor würde dem Spiel gut tun„. Aktuelle Spielbeschwatzer schwören hingegen auf diese Floskel, die wir zu 100% im Großteil der Begegnungen hören werden: „Aber es ist spannend„. Klar, denn einer fährt nach Hause. Der Südländer sogar oft zu weinenden Verwandten und brennenden Eigentumswohnungen. Bei dem Asiaten liegen hingegen noch zu wenig empirische Daten vor, so oft ist der bisher bei Turnieren noch nicht länger geblieben. Mit vor persönlicher Enttäuschung absichtlich versalzenem Reis könnte aber zu rechnen sein.
  • Achtelfinale ist so eine Sache. Als Veteran habe ich schon oft Rückfälle in den ersten Spieltag der Vorrunde miterlebt. Niemand will verlieren, niemand etwas riskieren, ein Unentschieden langt ja auch, wenn der Torwart am Morgen vor der Partie ein weiteres Paar Arme zur Elfmeterabwehr an sich entdeckt zu haben glaubt. Spannend wird es also erst, wenn einer in Führung geht. Noch besser, wenn es der Underdog ist und dem Favoriten der Angstschweiß des Versagens in die Stutzen läuft. Typische Symptome in der Folge sind: hemmungsloses Angriffsspiel, nach vorne stürmender Torwart in der letzten Spielminute und Platzverweise wegen deftiger, frustgestauter Angriffe auf Leib und Leben.  Schon könnte ich wieder die Brücke zum Uruguayer schlagen!
  • Irgendwie liest sich Uruguay gegen Südkorea nicht wie ein Achtelfinale. Man vergleiche es mal kurz mit Frankreich gegen Nigeria. Das erinnert mich daran, wie sauber ich in der Gruppe mit meinen Tipps danebenlag. Den Uru mit Diego Forlan spüre ich schon ein Stück eher weiterkommen als den Südkoreaner. Sollte mein Instinkt allerdings so versagen wie der des Franzosen vor dem Tor, könnte es zu einem möglichen Viertelfinale Südkorea gegen USA kommen. Was ja auch nicht wirklich angemessen klingen und Kim Jong-Il wohl in die spontane Selbstentleibung drängen würde.

Nachbericht

  • Ja, die magischen Momente des Fußballs vermag der Südkoreaner eben doch nicht zu produzieren. Laufen kann er, grätschen kann er, passen kann er und wehe, der Ball ruht und er kann seine Kenntnisse der Ballphysik in Ansatz bringen. Dummerweise wird seine zentrale Prozessoreinheit gerne mal von unerklärlichen Ausfällen heimgesucht (wie weit ist der Internet Explorer eigentlich im asiatischen Raum verbreitet?).
  • Wie beim Führungstreffer der Uruguayer. In dem Moment haben sicherlich Tausende von pummeligen Koreanern die PS3 hochgewuchtet und geschrien: „Reaction time EPIC FAIL! Den hätte ich aber bei allen 9 bisher erschienenen Pro Evolution Soccer-Versionen locker geklärt“.
  • Immerhin schaltet der Südkoreaner schnell bei Fehlern des Gegners, was man beim Ausgleich bestaunen durfte. Aus dem Turnier kickt man ihn aber endgültig mit dem oben erwähnten magischen Moment. Suarez nimmt den Ball, denkt nicht groß nach, sieht die Lücke und zwirbelt ihn an den Innenpfosten. Das kannst du mit Formeln nicht erklären, nicht kopieren, da braucht es Instinkt und ein bisschen Glück. Es wartet weiter viel Arbeit auf die Fußballforschungsabteilung in Seoul.

Frankreich – Südafrika 1:2 / Mexiko – Uruguay 0:1

Vorbericht

  • Bei dem Franzos‘ ist was los! Action, Drama, Betroffenheit und harte Worte – hätte die Mannschaft auf dem Platz diese Einstellung mit ihrer bis dato auf dem Rasen zur Schau gestellten „pas de boc“-Attitüde getauscht, wären jetzt ein paar points mehr auf dem Konto.
  • Va te faire enculer, sale fils de pute! Diese Worte soll Nicolas Anelka seinem Trainer Domenech in der Halbzeitpause des Spiels gegen Mexiko verbal angedeiht haben lassen.  Hört sich jetzt nicht so schlimm an, wenn man des Französischen nicht mächtig ist. Könnte auch ein Gericht mit Pute und Salzkartoffeln sein – et bon appétit! Aber das ist eh das Problem unserer lieben Nachbarn: selbst wenn sie fluchen, hört es sich wie eine Liebeserklärung oder was zum Essen an. Deshalb brauchen sie auch eine Zeitlang, um den bösen Kern zu begreifen, aber dann heißt es sofort Revolution und ab die Rübe.
  • Wie soll ich die Beschimpfung  jetzt am besten übersetzen? Vielleicht so: Liberté, Egalité et Fraternité war gestern, heute lautet das Motto Kopulité in Allerwertesté, männlicher Nachkommé einer Prostituierté. Nach der Suspendierung von Anelka wollte die Mannschaft nicht mehr trainieren, Domenech selbst(!) las eine Erklärung der Streikenden vor  – es hätte nur noch gefehlt, dass diese mit „Wer das liest, ist doof“ begonnen hätte. Und Sarkozy schickt seine Sportministerin runter ans Kap. Jetzt mal ehrlich: wenn Monty Python einen neuen Film drehen wollten, könnten sie sich doch kein besseres Skript ausdenken. Domenech in der Fortsetzung von „Die Ritter der Kokosnuss“ auf der Suche nach dem heiligen Pokal, Thierry Henry besorgt per Hand die Klangkulisse, während Sarkozy den beiden aus seiner Burg eine Kuh auf den Kopf katapultiert.
  • Heute sind beide Partien zeitgleich für 16 Uhr angesetzt, damit keiner auf das jeweils andere Ergebnis reagieren kann. Eigentlich haben weder Franzosen noch Südafrikaner eine Chance aufs Weiterkommen. Beide benötigen einen hohen Sieg (jetzt ham wa mal herzhaft gelacht) und es darf kein Unentschieden zwischen Uruguay und Mexiko geben. Weshalb ich dennoch das Duell der l’équipe tricolore mit dem Gastgeber schauen werde? Weil ich sehen will, ob die französischen Zuschauer zur Halbzeitpause eine Guillotine am Anstoßkreis aufbauen.

Nachbericht

  • 26. Spielminute im Stadion zu Bloemfontein: Gourcuff erhält die rote Karte. Wieder ein Ellbogen zuviel im Gesicht. Ich glaube, in dem Moment sind in den Wettbüros die Quoten für ein Weiterkommen Frankreichs etwa auf das Niveau einer noch heute stattfindenden Invasion aus dem Weltall durch braune Gummibärchen in rosafarbenen Untertassen  gestiegen. Aber mal ohne Witz: weshalb gibt es für solche Vergehen nicht so etwas wie eine Zeitstrafe? Rot ist übertrieben, zieht man nur Gelb, machen es alle Spieler. Aber bevor die FIFA sich mit solchen Regeländerungen beschäftigt, halte ich lieber weiter abends Ausschau nach Gummibärchen.
  • Die Südafrikaner waren deutlich mehr bemüht, gingen verdient in Führung (selbst der sonst sichere Lloris hat sich vom Chaos in der Truppe anstecken lassen), spielten ständig nach vorne. Aber ich war mir weiterhin recht sicher, dass es vergebene Mühe sein würde. Auf dem anderen Platz nämlich erschien ein 0:1 gerade als ein ganz tolles Ergebnis: kein Anzeichen von gemauscheltem Unentschieden und beide weiter. Damit sind die Südafrikaner wirklich die ersten Ausrichter einer WM, deren Mannschaft die Vorrunde nicht überstanden hat. Schuld war die zu hohe Zahl an Gegentoren im Spiel gegen Uruguay, denn mit dem Mexikaner konnte man ja punktemäßig gleichziehen. An solchen Kleinigkeiten kann es hängen.
  • Frankreich hat ein Tor erzielt, dazu noch das bisher einzige in Unterzahl! Allez les Bleus! Und zwar directement nach Hause. Immerhin: so bis auf die Knochen blamieren können sich unsere Jungs schon gar nicht mehr. Clevererweise hat man 2016 die EM zu Hause und muss nicht wieder jemandem das Ticket für eine Endrunde rauben, um es dann umgehend im Papierkorb der fußballerischen Tristesse zu versenken.


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