Mexiko gegen Kamerun 1:0

  • Nachdem in Tokio heute Morgen kurz nach dem Aufstehen Millionen von Menschen verdutzt den Telefonhörer auflegten, weil eine wuterfüllte Stimme sie in osteuropäischem Akzent mit den Worten „FUCK YOU JAPAN! YOU BLIND??“ angeschrien hatte, widmen wir uns nun dem zweiten Spiel dieser WM.
  • Mexiko. Klein. Stolz. Grün. Fängt früh an, hört früh auf. Dieses Mal allerdings reisen die Nachfahren der Azteken in eher gedämpfter Stimmung an. Denn die Qualifikation war übel: nur Platz 4 in der Abschlusstabelle, erst in den Play-Offs sicherte man sich das WM-Ticket durch Siege gegen die Hobbitse aus Neuseeland. Platz 4, das bedeutet: hinter Honduras, hinter Costa Rica und vor allem hinter den USA. Das ist so dermaßen verkehrte Welt, als würde man in den Hähnchen von Burger King einen höheren Crystal Meth-Gehalt finden als in denen von Los Pollos Hermanos. Oder umgekehrt Aiaiaiai Muy Frio Acapulco den Stanley Cup gewinnen.  Oder Los Pygmaos Guadalajara die NBA-Finalspiele. Aber ich schweife ab…
  • Der mexikanische Trainer Miguel Herrera trägt den Spitznamen „El Piojo“ („Der Floh“). Bitte an dieser Stelle einen eigenen Torwartwitz einfügen. Nein, die Zeiten eines Jorge Campos sind vorbei, alle drei Keeper reißen locker die 1,80 Meter-Latte.  Die allermeisten Spieler verdienen ihre Pesos in der heimischen Liga, international bekannt sind lediglich Javier Hernandez (Manchester United), Giovani dos Santos (Villareal), Diego Reyes (FC Porto) sowie Andres Guardado (Bayer Leverkusen). Alphatier der Truppe ist der mittlerweile 35-jährige Rafael Márquez (ex-Barcelona), der seine vierte WM spielt. Wer sich übrigens in geselliger Runde als schäbiger Kulturbanause outen möchte, fängt eine Diskussion darüber an, ob der Mann nicht erst vor kurzem gestorben sei. (Das war der Schriftsteller Gabriel Garcia Márquez und der war Kolumbianer, also ganz andere Baustelle).
  • Ich hätte gerne eine neue Kategorie im Quizduell: „Prämienstreitigkeiten afrikanischer Mannschaften vor einer WM“. Ein weit zu beackerndes Feld mit vielen Facetten und immer wieder frischen Entwicklungen! Ich würde meine Gegner gnadenlos töten in dieser Kategorie. „Welche afrikanische Nationalmannschaft hatte vor der WM 2014 Ärger mit dem eigenen Verband wegen der ausgehandelten Prämien für den Fall des Gewinns der Weltmeisterschaft?“
  1. Kamerun
  2. Nigeria
  3. Ghana
  4. Alle, wie immer (Antwort: 1 sicher. 4 ist nicht auszuschließen)
  • Trainer ist der aus der Bundesliga bekannte Volker Finke. Ein ruhiger Typ mit langjähriger Erfahrung aus seiner Zeit in Freiburg ausgestattet, der die heißblütigen „unzähmbaren Löwen“ in die Erfolgsspur bringen soll. Im Testspiel gegen unsere Jungs sah das ja auch schon ganz gut aus. Als komplettes Spiegelbild zum Gegner sind alle Spieler in ausländischen Ligen aktiv. Zu beachten sind Samuel Eto’o (Chelsea), Alexandre Song (Barcelona), Stephane Mbia (Sevilla) sowie die bundesligaerprobten Joel Matip (Schalke) und Eric Maxim Choupo-Moting (noch Mainz). Kurz vor Beginn aus der Mannschaft gestrichen wurde Mohamadou Idrissou (ex-Kaiserslautern): der Mann, der schneller vom Ellbogenstoß zur gestenreichen Unschuldsbezeugung wechseln als Lucky Luke ziehen kann.
  • Tippmäßig wird es heute emotional. Nach dem Sieg der Brasilianer bin ich mit meinem Kombinationstipp noch im Rennen; für diese Partie habe ich meine Münzen auf einen Sieg der Afrikaner gesetzt, obwohl die Buchmacher eher Mexiko favorisieren. Wehe, ich werde wieder so  enttäuscht wie bei WM in Südafrika, wo ich den Namen „Kamerun!!!“ immer nur mit drei Ausrufezeichen und zuvor anklagend geschüttelter Faust schreiben konnte.

  • KAMERUN!!!!!! (The saga continues)
  • Wer zu Beginn des Spiels genau aufgepasst hat, konnte erkennen, dass beim Präsentationsvideo zur Aufstellung einer der Kameruner zu langsam war, um rechtzeitig die cool-lässige Ellbogenpose einzunehmen. Der war dann wohl während des Spiels für das Pressing bei Angriffen des Gegners verantwortlich. Wie die die Mexikaner haben laufen lassen, da kriegst du Ausschlag von. Noch schlimmer: Mein Geld ist futsch!
  • Die Daten des Spiels: #1 der Schattentorschützenliste – dos Santos mit zwei regulären, aber nicht gegebenen Treffern. In Sachen Entertainmentfaktor und Kamerapräsenz klarer Punktsieg für Herrera gegenüber Finke. 6 und 9 sind zwei Zahlen, die Thomas Wark gerne mal verwechselt.
  • Insgesamt ein verdienter Sieg der Mexikaner, weil Kamerun enttäuschte und erst zum Ende etwas druckvoller nach vorne agierte. Ich glaube allerdings weiterhin, dass von den beiden Teams keiner das Achtelfinale erreichen wird. Der erste Afrikaner ist heute schon ausgeschieden.
  • Die positive Nachricht: wenigstens klingeln heute nachmittag keine Telefone in Kolumbien, der Heimat des Schiedsrichters. Ist doch auch schon was.

Tore:

1:0 Peralta (61.)

 

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England – Japan 2:0 / Neuseeland – Mexiko 2:2

Vorbericht:

  • Die dritten Spieltage in der Gruppenrunde stehen an. Ekstase, Juhu und Juchee! Das sind übrigens keine Namen japanischer Ersatzspielerinnen, sondern freudvolle Ausdrücke ehrlicher Begeisterung. Denn als WM-Befasler darf ich nun in einem Beitrag gleich zwei Partien vorbescheiden, von denen nach dem bisherigen Turnierverlauf mindestens eine so interessant werden dürfte wie die Wahl zum intelligentesten Bewohner im Big Brother-Haus.
  • Sechs der acht Viertelfinalplätze sind vergeben, die Teams streiten sich nur noch um Platz 1 oder 2 in ihrer Gruppe. Ich höre die Reporterkanonen von ARD und ZDF bereits Motivationsbolzen einschlagen wie „Es geht um den Gruppensieg“, „Hier ist alles entschieden, die Mannschaften können also befreit aufspielen“ (kein Nordkorea-Witz beabsichtigt) oder „Man will sich mit einer guten Leistung aus dem Turnier verabschieden“. Profitipp: wenn letzterer Satz fällt, NICHT GUCKEN! Auch wenn der Augenaufschlag von Sven Voss verführerisch ist. Spätestens aber, wenn Kommentator Norbert Galeske wieder von „Transition“ statt „Übergang“ redet, muss jedem Zuschauer klar sein: hier spricht die pure Verzweiflung ins Mikro.
  • Mexiko kann noch den zweiten Tabellenplatz erreichen, ein Sieg gegen Neuseeland bei gleichzeitig hoher Niederlage von England vorausgesetzt. Und so sehr das Begriffspaar „Hohe Niederlage“ und „England“ auch bei mir als Fußballfan spontan für gute Laune sorgt, traue ich es den Conchitas nicht zu, in ihrem Spiel so derbe auf den Putz zu hauen. Schließlich kann Neuseeland befreit aufspielen und will sich mit einer guten Leistung aus dem Turnier verabschieden (WARNUNG! WARNUNG!).
  • Der endgültige Tabellenzweite dieser Gruppe zieht gegen unsere Auswahl ins Viertelfinale, sofern wir heute Abend die Französinnen rundmachen. Klappt das allerdings nicht, geht es gegen den Tabellenführer. Ich fasse es mal schlicht zusammen: entweder wir gegen Japan oder wir gegen England. Und da wäre mir England lieber, so aus rein historischen Gründen und dem nie zu unterschätzenden Aspekt der Schadenfreude. Schwer diskutiert werden dürften sicherlich die Vor- und Nachteile der weiteren Spielorte: belegen Prinz & Co nämlich nur den zweiten Platz, droht Leverkusen, nur bei einem Sieg geht es weiter nach Wolfsburg. Bundesligafans werden sich noch Generationen hinweg darüber streiten, was wirklich schlimmer ist.
  • Wer in der geselligen Runde sich a) für die einzig interessante Partie, also ENG – JAP entschieden hat und b) in einem Moment überbordender Langeweile Eindruck schinden möchte,  kann fallen lassen, dass Japans Frauen noch nie gegen eine europäische Mannschaft gewonnen haben, während die Engländerinnen wiederum noch nie gegen Japan siegen konnten. Da haben sich ja zwei gesucht und gefunden.

Nachbericht:

  • Jaja, das haben wir gerne, ihr Engländerinnen! In der ersten Runde Mist gespielt, in der zweiten Runde durchgequält und jetzt einfach mal die Japanerinnen geschlagen. Nur damit WIR in einem möglichen Viertelfinale den schwarzen Peter zugeschoben bekommen, das katastrophengeplagte Asienvolk nach Hause zu schicken. Ich könnt‘ mich geradewegs aufregen.
  • Noch schlimmer das Wie der Niederlage. Was bibbere ich mit dem kleinen Ding im Kasten der Japanerinnen, Ayumi Kaihori, immer mit! Keine löst meinen Beschützerinstinkt deutlicher aus; vor allem, wenn ein halbhoher Ball angesegelt kommt. Und was machen die fiesen Insulanerinnen? Überlupfen die arme Frau gleich zweimal bei ihren beiden Toren. Meine Reaktion darauf ließ sich kurz gefasst auf dem Trikot der japanischen #11 ablesen: OH NO.
  • Die liebevollen Bemühungen der Mexikanerinnen auf dem anderen Platz wurden ebenfalls zunichte gemacht. Die wollten am Schluss nicht mal mehr einen Sieg, sondern ließen die Kiwis tatsächlich noch den Ausgleich schießen. Für mich steht jetzt fest: den drehen wir eine Nase, spielen gegen Frankreich nur Unentschieden und hauen sie dann im Viertelfinale weg.
  • Sollten wir doch gegen Japan ran müssen, ist die Taktik wohl leider klar. Nicht ins Spiel kommen lassen, konzentriert abwehren, vorne was Hohes reinschaufeln, fertig. So sehr ich die Japanerinnen auch gegen Mexiko mochte,  die Mittelamerikaner sind nun wahrlich nicht für ihre Verteidigungswälle berühmt.
  • Zum Schluss noch mein Lieblingsspruch aus der wieder reichhaltig gefüllten Bonmots-Schatzschatulle von Claudia Neumann. Die interpretierte eine Traineranweisung von der japanischen Bank als Aufforderung an das Team, „höher zu stehen“. Höher stehende Japanerinnen auf Kommando. Wenn es so einfach wäre…

Japan – Mexiko 4:0

Vorbericht:

  • Viel darf man schimpfen über das Abschlussvermögen der Damen bei dieser Weltmeisterschaft. Statistiker haben ausgehustet, dass aktuell nur noch halb so viele Tore erzielt werden wie anlässlich früherer Endrunden. Woran mag es liegen? Stören die ungewohnt vielen Zuschauer bei der Konzentration? Ist der Speedcell genannte Ball ungeeignet? Sehnend erwartet mein Auge den Anblick einer sich vergebens noch der Kugel streckenden Torfrau, meistens genügt ein Ausfallschritt, um das kullernde Etwas aufzuhalten.
  • Doch es gibt Ausnahmen: Monica Ocampo beispielsweise. Die Mexikanerin hat beim 1:1 gegen England bisher den gelungensten Fernschuss abgefeuert, was freilich etwas in den Hintergrund trat, weil die britische Torfrau mit einer spektakulären Nichtabwehraktion den Ruhm der Stunde auf sich zog. Interessantes Detail: Senorita Ocampo schießt von Natur aus mit links, bei ihrem Treffer bediente sie sich allerdings des rechten Vollspanns. Vielleicht eine Anregung für manche Spielerin, die vor lauter Aufregung aus 30 Metern schon das Bedürfnis verspürt, draufzuhalten.  Bein wechseln und sich überraschen lassen, was passiert.
  • Feingefühl im Umgang mit dem Ball zeigten hingegen die Japanerinnen bei ihrem Auftaktsieg gegen Neuseeland. Nach schneller Kombination fein gelupft und später einen Freistoß reingezwirbelt. Überhaupt sind die Japaner dafür bekannt, am ruhenden Ball zaubern zu können.   Der dänische Torwart bei der WM 2010 kann davon ein Lied singen.
  • Das soll es gewesen sein für diesen Vorbericht. Viel ist mir ehrlich gesagt nicht eingefallen, dafür ist der Text zu Neuseeland gegen England schön geworden.

Nachbericht:

  • Bevor angesichts des Spiels jetzt allen das Wasser im Mund zusammenläuft, muss ich mich als Speichelabsauger betätigen: gegen diese Japanerinnen kommen wir, falls am Dienstag nicht gegen Frankreich gewonnen wird.
  • Abschlussfeinkost aus Fernost, anders kann man dazu nicht sagen. Herausragend: die #8, Aya Miyama, die ich ab sofort nach dem Alt-Hamburger Flankengott Manfred Kaltz  nur noch Manni nennen werde. Manni schlägt Bälle rein, da kann sich mancher Kerl eine Scheibe von anschneiden. Und vorne lauert die alte weise Frau Homare Sawa, deren drei Tore bei Prinzens Birgit hoffentlich die nächste Zeit in Dauerrotation auf dem DVD-Player laufen werden.
  • Und Mexiko? Ich könnte zwei schöne Szenen anbieten, wo handgestützt eine zarte Diskussion über die jeweilige Entscheidung der Schiedsrichterin geführt wurde. Kein Interesse? Verständlich, das wäre sicherlich mit einer bestimmten südkoreanischen Spielleiterin und einer bestimmten afrikanischen Mannschaft als Gegner auch lustiger geworden.

Mexiko – England 1:1

Vorbericht

  • Keine Italienerinnen. Keine Spanierinnen. Keine Portugiesinnen. Keine Griechinnen. Keine Türkinnen. Es fehlt etwas bei dieser WM. Wo sind sie, die temperamentvollen Südländerinnen? Wie kann es sein, dass Entscheidungen der Schiedsrichter nicht angezweifelt, diskutiert, mit reichlich Handgewedele kommentiert werden? Soll der Strafraum gar das ganze Turnier über unbefallen bleiben? Tritt keine mal herzhaft nach, wenn die eigene Mannschaft hinten liegt? Wird nicht die große Sehnsucht von Machos wie Mario „Kippe’n’Bier“ Basler erfüllt, dass sich die Spielerinnen mal anständig am Haar ziehen? Ich kann es nicht sagen. Vielleicht heißt die Hoffnung Mexiko.
  • Traditionell will Mexiko eine Hauptrolle bei der WM spielen. Und am Ende reicht es im Abspann meist gerade so für den Credit als Gastauftritt. Immerhin gelang jüngst sowohl Mann wie Frau ein Sieg gegen den Erzrivalen USA, worauf sich die Conchitas allerdings wohl mehr einbilden können. In der Weltrangliste gerade mal auf Platz 22 verortet und mit einer Weltmeister-Quote von 1:75 gesegnet, wäre es schon ein Wunder, wenn die Mexikos Auswahl über das Viertelfinale hinauskäme. Wo übrigens die DFB-Elf auf sie warten könnte. Auch hier gilt für Mann und Frau gleichermaßen: gegen uns ist Ausfahrt Heimat.
  • Eine putzige Anekdote: Mexikos einzige Weltklassespielerin Maribel Dominguez, genannt Marigoal, unterzeichnete 2004 einen Profi-Vertrag beim mexikanischen Männer-Zweitligisten Celaya. Spielen durfte sie wegen eines Vetos der FIFA dort allerdings nicht.  Gut, dass Wolfsburg letztes Jahr nicht abgestiegen ist, der Felix hätte sie während eine seiner Mittelamerika-Urlaubsreisen sicherlich sofort mitgenommen.
  • „Wir wollen ein neues Deutschland werden“, sprach Englands Trainerin Hope Powell wenige Wochen vor der WM. Ein mutiges Bekenntnis, haben die Männer doch immer noch an den Deutschen von 2010 zu knabbern. Manche ewig Gestrigen hängen sich gar weiterhin an dem Modell 39-45 auf. England gilt als Geheimfavorit, aber das wird bekanntlich auch bei den Männern stets umsonst gepredigt. Immerhin wurden die Three Lionesses 2009 Vize-Europameister, ich traue mich jetzt jedoch fast nicht hinzuschreiben, gegen wen frau damals wie hoch verloren hat. Okay. Uns. 2:6. Hihi.
  • Ich bin stolz darauf, diesen Absatz nicht mit dummen Witzen über englische Torhüter zu füllen. Denn glücklicherweise steht bei den Engländerinnen eine Frau im Tor und die größten Humoristen zwischen den Pfosten in der Geschichte des englischen Fußballs waren bisher durchgehend Männer. Das sollte man Miss Bardsley aber nun wirklich nicht ankreiden.

Nachbericht:

  • Das erste Unentschieden bei dieser WM, der erste kleine Favoritensturz. Ausgelöst ausgerechnet von der Frau, die ich in den Zeilen über diesem Absatz noch so gnädigst ungeschoren ließ. Aber der Reihe nach: Mexiko setzt im Tor auf Kinderarbeit und lässt eine 16-Jährige zwischen die Pfosten. Jugendschützer schreien auf, ich hingegen finde, dass aus der mit Sicherheit mal eine Große werden wird. Sofern sie die Teenager-Angststarre überwinden kann, die sie beim 0:1 durch Fara Williams gegenüber dem Ball zeigt.
  • Die Mexikanerinnen in der Folge in der eigenen Spielhälfte mit einer ungeheuren Präsenz oder anders gesagt: jenseits der Mittellinie ertönen keine Mariachi-Klänge, duftet kein Chili, liegt kein Sombrero. Ich will bereits den Satz: „Das englische Tor war wohlbehütet“ auf meinen Notizblock krakeln, da zieht Monica Ocampo unvermittelt ab und Karen Bardsley leistet der englischen Gleichberechtigungsbewegung einen denkwürdigen Schub. Zwar im negativen Sinn, denn endlich darf man sich nun auch über die Torfrauen von der Insel lustig machen. Aber immerhin.
  • Was meine Sympathien endgültig Richtung Mexikanerinnen ausschlagen lässt, denn ich bin glühender Fan ins Höschen gehender englischer Abwehrversuche. Entsprechend habe ich die El-Tri angefeuert, die gegen Ende nochmals ordentlich Dampf Richtung englisches Tor entwickelte, aber keine Highlights mehr zu setzen vermochte. Zumindest keine spielerischen, dafür erlebte ich ein sehr maskulin-rustikales Einsteigen einer Verteidigerin und die schauspielerisch entzückende Aufführung der traditionellen Siesta auf Krankenbahre von Maribel Dominguez. Vamos, ihr dürft ins Viertelfinale, ihr drolligen Senoritas.

Argentinien – Mexiko 3:1

Vorbericht

  • Argentinien oder Mexiko? Egal. Denn: IHR KÖNNT NACH HAUSE FAHREN, IHR KÖNNT NACH HAUSE FAHREN, IHR KÖNNT NACH HAUSE FAHREN. IHR KÖNNT NACH HAUSE FAHREN, IHR KÖNNT NACH HAUSE FAHREN, IHR KÖNNT NACH HAUSE FAHREN.  MARADONA, WIEDER NACH HAUSE FAHREN, WIE 2006, SO 2010.  OLÉ, OLÉ, OLÉ, OLÉ, OLÉ!
  • DON’T CRY FOR ME, ARGENTINA, NO KNUTSCH FOR ME, MARADONA. DU KLEINES DICKES PUHBÄRCHEN, AM SAMSTAG GEHT’S ZURÜCK IN DIE PAMPA! DANN HEISST ES MIT MESSI ZUSAMMEN DIE BUDE AUFRÄUMEN UND DANN OHNE ZIGARRE AB IN DIE HEIA! OLÉ, OLÉ, OLÉ, OLÉ, OLÉ!
  • MEXXXIKO  KANN AUCH GEWINNEN, SICHER. ABBA NUR HEUTE, GEGEN DEN ARGENDINGENS, NICH GEGEN UNS! SO IS‘ DAS, WOLL!

ARG – MEX 2:1 n.V.

[Nachbericht]

– Argentinien ist also unser Gegner im Viertelfinale. Abgesehen von diesem richtig abgefahrenen Siegtreffer (der wieder die Frage aufkommen lassen wird, ob die Mexikaner nicht mal bald einen 2 Meter-Schlaks für die Torwartposition heranzüchten sollten) darf man aber konstatieren: die Gauchos kochen auch nur mit Wasser bzw. spielen den Ball auch nur mit dem Fuß.

  • Das war 2006. Und wieder hat der Mexikaner einen kleinen Goalie im Kasten rumhüpfen, die werdn auch nich schlauer. Ach, soll doch jeder machen wie er will. SCHLAND!

Nachbericht

  • Unglaublich, diese Fehlentscheidungen! Das Spiel wäre doch ganz anders gelaufen, wenn der Schiri oder seine Hansel an der Linie mal die Glubscher aufgemacht hätten! Das hat doch jeder im Stadion gesehen. Ich bin empört. Okay, das Geheuchele nimmt mir als Deutscher heute wohl niemand mehr ab.
  • Aber ärgerlich war es schon für die Mexikaner. Ich habe zugegebenermaßen die Partie nur zwischendurch gesehen, weil ich auf meinem Receiver SKY NEWS und BBC WORLD gesucht habe (der Brite trägt die Niederlage übrigens mit Fassung und kloppt eher auf die Mannschaft ein als auf den Deutschen). Das 1:0 hätte ich mich allerdings nicht zu geben getraut. Vor allem nicht nach einer peinlich berührt wirkenden Rücksprache mit dem Assistenten an der Linie.
  • Mexiko spielte zu Beginn sehr gut, mit krachigen Distanzschüssen anstelle des üblichen fruchtlosen Um-den-Strafraum-Gekniedels. Aber wenn bei Osorio mitten in der schönsten Verteidigung plötzlich die Birne ausgeht, wird’s natürlich zappenduster fürs Weiterkommen. Higuain schraubt ein – leider keine Ersatzleuchte, sondern das 2:0.
  • Nein. Ich spekuliere nicht darüber, ob sich der mexikanische Torwart beim 3:0 vielleicht doch lieber 10 cm mehr an flugfähiger Körperlänge gewünscht hätte. Wenigstens zeigte Hernandez unseren Jungs, wie sie es am Samstag richten können – einfach den Ball unter die Latte hauen. Funktioniert eigentlich gegen jeden Keeper.

Frankreich – Südafrika 1:2 / Mexiko – Uruguay 0:1

Vorbericht

  • Bei dem Franzos‘ ist was los! Action, Drama, Betroffenheit und harte Worte – hätte die Mannschaft auf dem Platz diese Einstellung mit ihrer bis dato auf dem Rasen zur Schau gestellten „pas de boc“-Attitüde getauscht, wären jetzt ein paar points mehr auf dem Konto.
  • Va te faire enculer, sale fils de pute! Diese Worte soll Nicolas Anelka seinem Trainer Domenech in der Halbzeitpause des Spiels gegen Mexiko verbal angedeiht haben lassen.  Hört sich jetzt nicht so schlimm an, wenn man des Französischen nicht mächtig ist. Könnte auch ein Gericht mit Pute und Salzkartoffeln sein – et bon appétit! Aber das ist eh das Problem unserer lieben Nachbarn: selbst wenn sie fluchen, hört es sich wie eine Liebeserklärung oder was zum Essen an. Deshalb brauchen sie auch eine Zeitlang, um den bösen Kern zu begreifen, aber dann heißt es sofort Revolution und ab die Rübe.
  • Wie soll ich die Beschimpfung  jetzt am besten übersetzen? Vielleicht so: Liberté, Egalité et Fraternité war gestern, heute lautet das Motto Kopulité in Allerwertesté, männlicher Nachkommé einer Prostituierté. Nach der Suspendierung von Anelka wollte die Mannschaft nicht mehr trainieren, Domenech selbst(!) las eine Erklärung der Streikenden vor  – es hätte nur noch gefehlt, dass diese mit „Wer das liest, ist doof“ begonnen hätte. Und Sarkozy schickt seine Sportministerin runter ans Kap. Jetzt mal ehrlich: wenn Monty Python einen neuen Film drehen wollten, könnten sie sich doch kein besseres Skript ausdenken. Domenech in der Fortsetzung von „Die Ritter der Kokosnuss“ auf der Suche nach dem heiligen Pokal, Thierry Henry besorgt per Hand die Klangkulisse, während Sarkozy den beiden aus seiner Burg eine Kuh auf den Kopf katapultiert.
  • Heute sind beide Partien zeitgleich für 16 Uhr angesetzt, damit keiner auf das jeweils andere Ergebnis reagieren kann. Eigentlich haben weder Franzosen noch Südafrikaner eine Chance aufs Weiterkommen. Beide benötigen einen hohen Sieg (jetzt ham wa mal herzhaft gelacht) und es darf kein Unentschieden zwischen Uruguay und Mexiko geben. Weshalb ich dennoch das Duell der l’équipe tricolore mit dem Gastgeber schauen werde? Weil ich sehen will, ob die französischen Zuschauer zur Halbzeitpause eine Guillotine am Anstoßkreis aufbauen.

Nachbericht

  • 26. Spielminute im Stadion zu Bloemfontein: Gourcuff erhält die rote Karte. Wieder ein Ellbogen zuviel im Gesicht. Ich glaube, in dem Moment sind in den Wettbüros die Quoten für ein Weiterkommen Frankreichs etwa auf das Niveau einer noch heute stattfindenden Invasion aus dem Weltall durch braune Gummibärchen in rosafarbenen Untertassen  gestiegen. Aber mal ohne Witz: weshalb gibt es für solche Vergehen nicht so etwas wie eine Zeitstrafe? Rot ist übertrieben, zieht man nur Gelb, machen es alle Spieler. Aber bevor die FIFA sich mit solchen Regeländerungen beschäftigt, halte ich lieber weiter abends Ausschau nach Gummibärchen.
  • Die Südafrikaner waren deutlich mehr bemüht, gingen verdient in Führung (selbst der sonst sichere Lloris hat sich vom Chaos in der Truppe anstecken lassen), spielten ständig nach vorne. Aber ich war mir weiterhin recht sicher, dass es vergebene Mühe sein würde. Auf dem anderen Platz nämlich erschien ein 0:1 gerade als ein ganz tolles Ergebnis: kein Anzeichen von gemauscheltem Unentschieden und beide weiter. Damit sind die Südafrikaner wirklich die ersten Ausrichter einer WM, deren Mannschaft die Vorrunde nicht überstanden hat. Schuld war die zu hohe Zahl an Gegentoren im Spiel gegen Uruguay, denn mit dem Mexikaner konnte man ja punktemäßig gleichziehen. An solchen Kleinigkeiten kann es hängen.
  • Frankreich hat ein Tor erzielt, dazu noch das bisher einzige in Unterzahl! Allez les Bleus! Und zwar directement nach Hause. Immerhin: so bis auf die Knochen blamieren können sich unsere Jungs schon gar nicht mehr. Clevererweise hat man 2016 die EM zu Hause und muss nicht wieder jemandem das Ticket für eine Endrunde rauben, um es dann umgehend im Papierkorb der fußballerischen Tristesse zu versenken.


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Frankreich – Mexiko 0:2

Vorbericht

  • Eine ganz normale Taktikbesprechung in der Kabine des französischen Teams: Trainer Raymond Domenech erscheint wie gewohnt in weißer Toga, seine Füße zieren braune Sandalen, sein lockig gewelltes, graues Haupthaar ein selbstgeflochtener Lorbeerkranz. In der linken Hand hält er eine Leier fest umklammert. „Untertanen, höret die Worte Eures Kaisers!“, setzt er an. „Wohl gespielet habet Ihr zu den Iden des Juno! Ein schönes 0:0 war es. Nun gehet hinaus und schenket Eurem Kaiser ein weiteres schönes 0:0. Sodann brennet zu Ehren Seiner Göttlichkeit die Stadionstätte nieder, auf dass Er im prallen Schein der afrikanischen Sonne auf Seiner geliebten Leier das von Ihm komponierte „Je ne regrette rien“ zur gesanglichen Aufführung bringen möge“. Spricht’s, wirft sich die Toga um die Schulter und verlässt majestätisch getragenen Schrittes den Raum. „Zût alors“ entfährt es Franck Ribéry: „jedes verdammte Spiel dieselbe beschissene Taktik“.
  • Javier Aguirre Onaindia, der mexikanische Trainer, hat das Eröffnungsspiel genau studiert und kommt zu einer bahnbrechenden Erkenntnis. „Uns fehlt es an einer entscheidenden deutschen Tugend, der Effizienz!“ analysiert er knackscharf. „Hätten wir gegen den Südafrikaner unsere spielerische Dominanz in Tore verwandelt wie der Deutsche es gegen den Australier getan hat, wir wären die Könige der ersten Runde geworden. Vamos muchachos, eifern wir dem deutschen Spielertypen nach!“. Doch die Umstellung verkraftet der Mexikaner bereits auf kulinarischer Ebene nicht: Tacos mit Sauerkrautfüllung, Tortillas mit Leberknödelgeschmack und Salsa-Bier wirken zusammen schlimmer als die Rache Montezumas auf den auswärtigen Urlauber. Trotzdem gelingt ein 1:0 gegen wie immer völlig planlos auf dem Platz herumirrende Franzosen.
  • Wird der Franzose sich dem aktuellen Trend zum Toreschießen weiterhin verweigern? Der Uruguayer spielte gestern ja befreit auf, als er fernab von Les bleus agieren durfte. Für heute Abend sehe ich den Mexikaner leicht vorne, der weiß seit dem Eröffnungsspiel immerhin, wie man ins Tor trifft. Danach darbt der Franzose seit gut vier Jahren bei Turnieren.

Nachtrag

  • Der Franzose zu Beginn derart im Offensivwahn, dass er komplett vergisst, wie man einen sicheren Rückpass zum Torwart spielt. Der Mexikaner allerdings wahnt flott mit! Wirbelt durch das Mittelfeld, setzt Babyface Dos Santos ein, strahlt Gefahr aus. Leider nun mal nicht für das Tor der Franzosen.
  • Das ist das Problem des Mexikaners: in Nähe des Strafraums kennt er nur zwei Aktionszustände – entweder deftig drüberschaufeln oder beim Versuch, alles, was sich bewegt auszutanzen (bis der Torwart die weiße Fahne schwenkt und er mit dem Absatz vollenden kann), hängenbleiben. Ich glaube, letzteres ist bei den Mittel- und auch Südamerikanern einfach in den Genen verankert, solange sie nicht ins kalte Europa kommen und den humorlosen und furztrockenen Abschluss lernen.
  • Was der Franzose dem Ball angetan hat, war erneut eine Beleidigung pour les enfants de la patrie. Mittelfeldgehaspel, ohne dass der mexikanische Kampfgnom im Tor mal ernsthaft hätte eingreifen müssen. Aber Domenech schien nicht unzufrieden zu sein. Ich glaube, mein fiktiver Vorbericht war gar nicht so fiktiv.
  • Was man den Mexikaner natürlich nicht machen lassen darf, ist alleine vor dem Torwart aufzutauchen. Da schlenkt er fein und schenkt ihn ein. Mir tut’s richtig leid für den Lloris im französischen Kasten, der ist nämlich ein Guter. Vom Elfmeterpunkt trifft der El Tri-Mann natürlich auch. Dafür hat er seinen Oldie Cuauthemoc Blanco, der allein für den Anlauf wohl die längste Strecke am Stück während seiner gesamten Zeit auf dem Platz zurücklegt.
  • Der Franzose kann nach Hause fahren. Selbst wenn er nun wider Erwarten den Südafrikaner spielerisch vom Platz prügeln sollte, will ich ihn nicht gegen Argentinien oder Südkorea sehen. Dann doch lieber der Mexikaner oder Uruguayer, die strengen sich wenigstens in allen ihren Spielen an.