England gegen Italien 1:2

„Wenn es scheiße wird, wird es für beide Teams scheiße“

  • Sprach der große Andrea Pirlo und meint damit die klimatischen Verhältnisse von Manaus, dem Austragungsort der Partie England gegen Italien. In der „Höllenloch“ genannten Arena Amazonia, die nach der WM nicht mal mehr von einer Profimannschaft bespielt werden wird, herrschen hohe Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit. Ideale Bedingungen also für ein spritziges Spiel!
  • Die Engländer sind seit gestern in Aufruhr. Das Tor von Robin van Persie gegen Spanien hat sie aufgeschreckt und wuschig gemacht. Immer wieder schaufelt Linksaußen James Milner daher den Ball von der Mittellinie nach vorne, wo Wayne Rooney entschlossen nach vorne trabt und einköpft, so um nicht vorher die Luft ausgeht.  Lange Bälle, die lange in der Luft bleiben bis sie einem dank nicht vorhandener Abwehr einsam herumstreunenden Stürmer auf den Kopf fallen sind das neue taktische Erfolgsrezept. Danach geht es mit dem Team in den „offiziellen Fish and Chips-Laden der WM“ in Manaus (kein Witz, den gibt es wirklich) zum entspannten gemeinsamen Auswürgen. Das kann ja was werden.
  • Was gibt’s Neues bei den Three Lions? Wenig. Hinten weiter Joe Hart im Tor, Kapitän ist erneut Steven Gerrard, vorn will Wayne Rooney mal bei einer WM nicht sagenhaft enttäuschen. Robustheit und Physis sind Trumpf; Kreativität, Schnelligkeit und Überraschungen stehen eher nicht auf dem Plan. Noch nicht ganz so geläufige Namen wie Lallana, Sturridge oder Jagielka werde ich mir merken, wenn die Kerle mich in diesem Spiel überzeugen sollten.
  • Die Italiener hingegen haben überrascht bei der vergangenen EM. Nur im Finale gegen Spanien lief die Mischung aus alten und jungen Spielern mit Macken unrund. Pirlo bleibt der Mann für die genialen Momente bei rollendem und ruhendem Ball, die infolge der Temperaturen langsamere Gangart könnte ihm sehr zugutekommen. Mario Balotelli könnte eventuell von dem Neu-Dortmunder Ciro Immobile unterstützt oder gar ersetzt werden, über den ich bei der U21-EM bereits einen Witz gerissen habe, welchen ich hier gerne nochmal verlinke (weil, hey, meine Berichte über diese Veranstaltung hat wirklich niemand gelesen). Im Link gibt es auch noch einen Brüller-Gag über den wegen des Ausfalls von Montolivo dazugestoßenen Marco Verratti. Könnte man jetzt aktuell prima noch mit der NSA als Ort der Handlung verknüpfen.

 

  • Vorab: Scheiße war da gar nichts, ganz im Gegenteil. Auch wenn es mir ein bisschen schwerfällt; man kann die Engländer gar nicht hoch genug loben für das, was sie heute angesichts der äußeren Umstände abgeliefert haben bei Temperaturen, bei denen ich nicht mal eine Apfelsine schälen könnte, ohne als Schweißpfütze zu enden.
  • Besonders auffällig der junge Raheem Sterling. Sieht aus wie eine abgespeckte, 15-jährige  Version von Babyface Gary Coleman, am Ball kann er aber einiges. Bei seinem Schuss in der 4. Minute hätte ich gerne die Bilder der Torkamera gesehen, denn als Schiri hätte ich den direkt gegeben und mich nur über die mangelnde Freude beim Schützen gewundert.
  • Das 0:1 durch Marchisio bescherte einen bei mir seltenen Moment. Mir taten die Engländer richtig leid. Keine Häme, keine Schadenfreude, einfach nur diese Gefühl der kleinen Ungerechtigkeit. Beim Ausgleich durch Sturrington habe ich mich sogar bei einem tonlos ausgesprochenen „Recht so!“ ertappt.
  • Dennoch bleiben die Italiener die Meister in einem besonders wichtigen Fach: Sie sind was das Tore erzielen angeht, effizient wie eine Guillotine mit eingebauter Ersatzklinge. Und der Henker hieß diesmal Balotelli. Vor allem in der zweiten Hälfte, als die Luft noch feuchter und jeder Schritt noch quälender wurde. Vierzig Minuten mussten die Three Lions einem Rückstand hinterherlaufen und gaben alles. Aber wo nicht ein italienisches Abwehrbein lauerte, stand der für Buffon eingesprungene Sirigu und wehrte ab. Am Ende steht die Niederlage, mit den jungen Burschen Sturridge, Sterling, Wilshere und Welbeck können die Kicker von der Insel aber nur gewinnen. Bei dieser WM könnte es allerdings unglücklicherweise wegen der Auslosung in die Todesgruppe D nicht reichen.

Tore:

0:1 Marchisio (35.)
1:1 Sturridge (38.)
1:2 Balotelli (50.)

 

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England – USA 1:1

Vorbericht

  • Wirf einem Amerikaner einen Fußball zu und du wirst dich wundern. Im Idealfall gelingt ihm ein brauchbarer Hechtkopfball mit seiner burgerkinggestählten Wampe; wahrscheinlicher ist jedoch, dass er das Spielgerät auffängt, sich auf die Suche nach einem Korb bzw. einem Schläger begibt oder es sich unter den Arm klemmt und ziellos durch die Gegend rennt. Noch wahrscheinlicher, dass er sich duckt und seine kleine Tochter vor sich hält, weil wenigstens die etwas Erfahrung im Umgang mit dem runden Leder hat. Wie kann daraus eine große Fußballnation erwachsen?
  • Ganz anders der Engländer. Hier duckt sich nur der Torwart, wenn der Ball auf ihn zukommt. David James, 39 Jahre, normalerweise beim FC Portsmouth, seines Zeichens frischgebackener Tabellenletzter der Premier League,  zwischen den Pfosten. Den haben sie wirklich ernsthaft mitgenommen, um das englische Tor zu hüten.  Dafür gibt es einfach kein Pendant in der deutschen Bundesliga, wir müssten wohl extra ein Casting veranstalten, um so einen Coup hinzubekommen. Und am Ende gewänne natürlich Oliver Pocher, mit seiner unglaublich facettenreichen und nie langweilig werdenden Darstellung von Oliver Kahn. Weil sonst auch keiner bei dem Quatsch mitmachen würde. Aber zurück zu den Briten. Es täte mich schon ärgern, wenn anstelle von „Calamity James“ Robert Green eingesetzt werden würde.  Schließlich sollte man einen einmal gestarteten Jux doch auch bitteschön bis zum Ende durchziehen.
  • Die Engländer werden als heiße Favoriten auf den Titel gehandelt. Weil sie mit Fabio Capello einen ganz ausgefuchsten italienischen Trainer auf der Bank sitzen haben. Darüber hinaus eine absolut ungefährdete Qualifikation gespielt haben. Und natürlich wegen der fußballspielenden Bulldogge Wayne Rooney vorn im Sturm, die zwischen diversen F♥ck Y♥♥-, S♥ck My D♥ck- & R♥ttle My B♥lls-Arien erstaunlich oft in den Kasten trifft. Auch ich ermahne alle, die da schon die Witze mit dem Elfmeterschießen aus der hohlen Hand zaubern. Denn die Gruppenauslosung ist dieses Jahr so unverschämt gut für die Inselmannen ausgefallen, dass es fast schmerzt. Keine überragenden Gegner in der Vorrunde, im Achtelfinale könnten wir sie mit den Serben zwar ordentlich ärgern, aber danach wartet der Sieger aus Erstplatzierter  Gruppe A gegen Zweitplatzierter Gruppe B – also Frankreich, Mexiko, Nigeria oder Südkorea. Schwuppdiwupp steht der Brite im Halbfinale und dann ist bekanntlich alles möglich.
  • Moment. Halt! Nachtrag. Ich kann mich jetzt, knapp 10 Minuten nach dem Ende des Spiels Argentinien gegen Nigeria selbst beruhigen. Wenn es Nigeria wird, kriegen die Engländer auch dicke Probleme.

Nachbericht

  • Dem englischen Fußball geht der Nachwuchs an Strafraumversagern nicht aus. Schmierblattredaktionen im ganzen Land werden heute Nacht Überstunden machen müssen, um sich einen neuen Spitznamen für den Torwart mit der bisher im Turnier gezeigten, ähm.. mutigsten Darstellung eines Ballfangversuchs auszudenken. Rob, The Flop? Mr. Bean Green? Den Spaß lasse ich mir nicht entgehen, zu einer guten WM gehört es einfach dazu, tief in der Nacht nachzulesen, wie die heimische Boulevard“presse“ auf die Three Lions eindrischt.
  • Ich gebe zu (und als Einwohner eines Landes, das den Begriff Schadenfreude erfunden hat, darf ich das wohl), dass ich mir nie so sehr einen HD-Fernseher gewünscht hatte wie in jener magischen 40. Spielminute. Zu sehen, wie dem Keeper, dem Trainer und der Mannschaft detailgenau die Gesichtszüge entgleisen, nachdem der Ball über die Linie gekullert ist – das sind Momente, die willst du einfach für ewig auf der Netzhaut eingespeichert wissen.
  • Muss man über den Rest überhaupt noch was schreiben? Die Engländer zu Beginn deutlich besser, mit einem schnellen Treffer durch Gerrard. Danach dieses typisch italienisch geprägte Zurückziehen und Gucken, was der Gegner macht. Zu dem Zeitpunkt wurde ich schon leicht dösig, aber wegen des ewigen Trötengesummses kriegst du ja kein Auge zu!
  • Die US-Boys waren wirklich bemüht, das erkenne ich an. Aber bei einem normalen Spielverlauf fahren die mit einem 1:0 zurück ins Camp. Was der Engländer allerdings auf den Platz geröchelt hat, müsste so ziemlich jede Titelanwärterambition zerplatzen lassen. Rooney ackerte vorne, scheint aber auch wirklich der Einzige zu sein, der im Team einen Ball hinter die Linie bringt, wenn er die Möglichkeit dazu bekommt.
  • Ganz zum Abschluss die Fehleinschätzung des Tages und endlich die erste Nominierung eines Kommentators: Steffen Simon für seine Beschreibung von Peter Crouch (das wandelnde Skelett mit der Nr. 9 auf dem Rücken) als „kräftig gebaut“. Dann bin ich der unglaubliche HULK kurz vor der Muskelapparatexplosion.