Deutschland – Japan 0:1 (n.V.)

Vorbericht:

  • Norio Sasaki ist ein lustiger Mensch. Der Trainer der japanischen Frauennationalmannschaft gab jüngst hinsichtlich der körperlichen Unterlegenheit seiner Elf zu Protokoll: „Ich habe ihnen beim Mittagessen gesagt, sie sollen ordentlich zuschlagen. Damit sie stark werden und vielleicht noch wachsen.“ Super Sache, wenn jemand jetzt für mich schon die ganzen dummen Witze übernimmt. Wer weiß, vielleicht hängt bei der Nadeshiko genannten Landesauswahl das Kopfballpendel mittlerweile bereits in einer Höhe von 1,75 m.
  • Flach spielen, hoch gewinnen, lautet eine alte Fußballweisheit. Und wenn jemand weise ist, dann ja wohl der Japaner, der sich geschlechtsübergreifend dementsprechend daran und die Kugel knapp über der Grasnarbe hält. Unterschätzen darf man sie allerdings nicht, die Töchter Nippons. Lässt man ihnen den Raum, kombinieren sie die gegnerische Verteidigung ins Koma, die Flanken von „Manni“ Miyama sind hochgefährlich und eine Japanerin anlässlich eines Freistoßes alleine mit dem Ball zu lassen, ist so töricht wie das Stehenlassen eines Beines bei einem heranstürmenden Italiener im Strafraum.
  • Soll die Taktik nun also sein, ordentlich dazwischenzugehen, alles weit vor dem Sechzehner wegzugrätschen und am Ende durch ein offensichtliches Kopfballtor von Kerstin Garefrekes oder Simone Laudehr mit 1:0 zu gewinnen? Oder gar die putzige japanische Torfrau dreckig, fies und gemein mit einem Lupfer bloßzustellen, wie es die Engländerinnen getan haben? Nein, nein und nochmals nein. Dann wäre nämlich das Bild vom häßlichen Deutschen wieder präsent, der am Ende dank eines groß gewachsenen Schlussmanns und einer einzigen gut und hoch hereingeschälten Flanke auf einen Oliver Bierhoff-Klon den Sieg davonträgt, während der geknickte Gegner in sein erdbebenkaputtes und teilverstrahltes Land zurückreisen muss. „Buhu, Deutschland, schämt euch, nehmt es doch mit Leuten eurer Größe auf“, höre ich die internationale Reporterschar aufschreien. Allen voran wahrscheinlich die Engländer.
  • Mein Vorschlag daher: die Japanerinnen auch mal schießen lassen. So aus 25 Metern, das dürfte für unsere Nadine Angerer kein Problem darstellen. Eine gute Kombination mit einem Schuss unten die Ecke abschließen, danach die Gegnerinnen anrennen lassen, vielleicht noch einen Konter zum 2:0 setzen und nach Schlusspfiff die tolle Leistung der Asiatinnen in den Himmel loben. Die dann hocherhobenen Hauptes und ohne Gesichtsverlust nach Hause fahren dürfen. Sollte das nicht klappen, ab der Verlängerung halt nur noch hohe Flanken in den Strafraum hobeln. In der Liebe, im Krieg und in den zusätzlichen 2x 15 Minuten während einer WM ist schließlich alles erlaubt.
  • Auch schön wäre die Entscheidung durch ein Tor der eingewechselten Birgit Prinz, wenn man das so hindrehen könnte. Die hat bekanntlich mit ihrem offenen und ehrlichen Auftritt bei der Pressekonferenz am Donnerstag viele Sympathien geerntet. In dieser Mannschaft ähnelt nun mal keine Spielerin im Auftreten einem Michael Ballack. Außer vielleicht Celia Okoyino „Klopfer“ da Mbabi. Aber nur, wenn sie lacht. Und da kann sie ja nichts für.
  • Melanie Behringer wird spielen und uns spätestens im Finale alle retten. Das hat mir meine Hausspinne Thekla so orakelt. Kann sein, dass ich mir das auch eingeredet habe. Jedenfalls vertraue ich ihr mehr als irgendwelchen Elefantendamen oder weiblichen Kraken. Wie auch immer: Das Ding kann also praktisch gar nicht schiefgehen. Auf ins Halbfinale, Mädels!

Nachbericht:

  • Frauofrauofrauofrau, das kann doch nicht wahr sein. Wir sind draußen. Im Viertelfinale. Gegen Japan. Bei der Heim-WM. Da kriegst du die Krise, wenn du sie nicht schon hast. Das letzte Mal, dass ich so etwas durchmachen musste, war 1994. Kopfball Yordan Letchkov. 1:2 gegen Bulgarien. Aber das hier ist noch eine ganze Schippe schlimmer.
  • Ein Lob muss man den tapferen Japanerinnen aussprechen. Wo der Ball auch hinkam, stand eine von denen bereit, um ihn wegzukicken. Müde werden die wohl auch erst, wenn sie im Mannschaftsbus sitzen. Aber das wusste man doch vorher schon. Trotzdem gelang es faktisch nie, diesen Gegner unter Druck zu setzen, zu Fehlern zu zwingen, von mir aus auch den Kopf mal frei an den Ball zu bekommen. Das war einfach zu wenig. Ich kann jetzt nicht mit Statistiken um mich werfen, aber die Momente, wo das japanische Tor in Gefahr war, konnte man an etwa zwei Fingern abzählen.
  • Auf meinem Notizblock stehen nur Plattitüden. Deutschland drückend, aber nicht zwingend. Garefrekes kommt nach einer Flanke von Behringer nicht tief genug mit dem Kopf runter. Laudehr kriegt einen Ball Richtung Tor, doch er wird vor der Linie geklärt. Japan vorne gefährlich wie eine Plastiktasse voll Reis. Einmal kommen sie durch, aber Nagasoto verzieht deutlich. Auf der anderen Seite flankt und flankt Behringer, aber es passiert nichts. Fast will man selbst mal in eine Hereingabe reinspringen, so schwer kann das doch nicht sein.
  • So geht es Minute um Minute weiter, die erste Hälfte vergeht, die zweite folgt ihr, es beginnt die Verlängerung. Kleinkriegen ist bei den Japanerinnen nicht im Wortschatz, totlaufen ebensowenig. Die setzen darauf, dass die Deutschen irgendwann die Lust verlieren. Ich diskutiere mit meinem Bruder schon die Chancen im Elfmeterschießen. Motto: Techniker verschießen immer. Also noch Hoffnung. Grings verzieht derweil aus einer richtig guten Schussposition.
  • Nachspielzeit 1. Hälfte der Verlängerung. Angerer sieht bei einer Hereingabe nicht gut aus. Oh-Oh. Knapp drei Minuten später das 0:1. Pass nach außen, Maruyama setzt sich im Laufduell durch und schiebt ins lange Eck. Angerer macht nur die kurze Ecke zu und sieht nicht gut aus. Keine Ahnung, ob sie hätte rankommen können, wenn sie auf die lange Ecke gegangen wäre, aber es wirkt unglücklich. Bruder winkt schon ab mit dem Zitat: „Frauenfußball ist eben doch scheiße, da ärgere ich mich lieber über Männer“.
  • Noch 10 Minuten. Wo ist die Brechstange? Ich kann Behringer keine Flanken mehr schlagen sehen, die soll mal etwas anderes machen. Tut sie, ein guter Schuss, aber Kaihori faustet ihn weg. So muss es doch gehen. Stattdessen weiter Flanken, die zurückkommen und wieder reingeschaufelt werden. Ein Kopfball von Klopfer, zu hoch angesetzt. Dann der Abpfiff. Vorbei das Sommermärchen. Mädels, das war einfach zu wenig. Wenn man einen Gegner wie Japan, den man hinten körperlich gut im Griff hat, vorne nicht in Verlegenheit bringen kann, sei es spielerisch, sei es über den Kampf, dann hat man im Halbfinale nichts zu suchen. Hart, aber wahr. Den Frauenfußball in Deutschland dürfte diese Nummer auf einige Zeit hinaus nach hinten geworfen haben.
  • Ich glaube, über die Partien morgen werde ich eher wenig schreiben. Über Australien gegen Schweden wahrscheinlich nur „Mir doch egal“. Aber das Turnier geht weiter, das WM-Tagebuch auch. Meine Sympathien gehören jetzt den Französinnen. Die gewinnen gegen England im Elfmeterschießen. Da ist die Welt noch in Ordnung.
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Deutschland – Nigeria 1:0

Vorbericht:

  • Die Weltmeisterschaft hat ihren ersten handfesten Skandal. Auch ich bin geschockt, empört, außer Sinnen vor Wut. Hat die ostasiatische Wettmafia vor dem Eröffnungsspiel unserer Fatmire Bajramaj K.O.-Tropfen in das Fußnagellack-Fläschchen geträufelt? Schlimmer. War die Kanadierin Christine Sinclair beim völlig irrealistisch anmutenden Freistoßtreffer gegen Nadine Angerer gedopt? Noch viel schlimmer. Hat Torschützin Kerstin Garefrekes beschlossen wegen ihres Fauxpas vor dem leeren Tor den Ball 90 Minuten nur noch mit dem Kopf spielen zu wollen? Nein.
  • DAS FONTDESIGN DES DEUTSCHEN NATIONALMANNSCHAFTSTRIKOTS IST FÜR DEN POPO. Experten reden von Schweinebauchdesign und sind sich einig, dass diese Schriftart nur von optisch nervgestörten Supermarktleitern oder Kindergärtnerinnen mit dem Drang zum Erstellen lustiger Geburtstagskarten eingesetzt wird. Eine nationale Schande. Dazu trägt dieser Ausbund an Hässlichkeit den Namen „Action-Man“, was dem Ganzen noch die Krone aufsetzt.  Der Mut, diesen Missstand aufzudecken, inspiriert auch mich, offen und ehrlich die Punkte anzusprechen, die mir diese WM langsam zu vermiesen drohen.
  • So höre ich während der Spiele dauernd eine Stimme (manchmal eine Frau, manchmal ein Mann) die mich mit fortschreitender Dauer eindösen lässt. Die Werbebanden wirken männlich kantig statt weiblich abgerundet. Die einzelnen Tormaschen sind nicht voll symmetrisch. Und jedesmal, wenn ich nach dem Halbzeitpfiff kurz auf die Toilette gehe und zurückkomme, ist die Werbepause zu Ende. Ich habe ohne Witz bisher keinen einzigen Spot gesehen. Langsam macht das keinen Spaß mehr.
  • Der Fontkatastrophe gilt es jedoch auch, Einhalt zu gebieten. Hier ein paar meiner Vorschläge, die durch weibliche Ästhetik, feinsinnige Formen und optische Schmeichelei bestechen:



  • Los geht es übrigens um 20:45 Uhr. Champions League-Zeit. Und das ist gut so, denn mal ehrlich: um 15 Uhr wird doch nur in der Europa-League-Qualifikation angestoßen, wenn in Dnjepr Dnjepropetrowsk die Zweitklässler rausgeschickt werden, um den Platz trocken zu kehren.
  • Nigeria dürfte in Bestbesetzung antreten, bei Deutschland feiert Torfrau Nadine Angerer ihr 100. Spiel im Trikot der Nationalelf. Hier ein Video, über das die immer etwas verhärtet wirkende Keeperin sicherlich auch lachen kann:
  • Witzig finde ich den Teaser von Spiegel Online zum Live-Ticker. Kann man drehen und wenden wie man will, da spielen heute Abend wohl nur zwei Frauenmannschaften mit. War Katrin Müller-Hohenstein deshalb gestern so sicher, dass in der zweiten deutschen Vorrundepartie mit vielen Toren zu rechnen sei?
  • Jetzt habe ich über Nigeria gar nichts geschrieben. Es genügt wohl auch der Blick in die offizielle Begegnungsstatistik: 6 Niederlagen, 2:21 Tore. Tippfreunde wissen, wo sie das Kreuzchen zu setzen haben.

Nachbericht:

  • Ein herzliches Willkommen zur ersten offiziellen Meisterschaft im Frauentreten. Es treten gegeneinander: die Auswahl aus Nigeria (schwer aktiv) und Deutschland (zunächst hauptsächlich passiv). Geleitet wird die Partie von einer kleinen, freundlich grinsenden südkoreanischen Schiedsrichterin namens Sung Mi Cha, die die Trikots der nigerianischen Frauen zweifellos mit OP-Leibchen verwechselt und dementsprechend wohl auch eine Operation am offenen Knochen hätte weiterlaufen lassen.
  • Ich bin sauer. Die haben meine Melanie kaputtgetreten, diese wildgewordenen Afrikanerinnen. Was da heute Abend auf dem Platz Gesundheitsamok gelaufen ist, war eine Mischung aus Maik Franz und mehreren Buschsöldnern mit Macheten zwischen den Zähnen. Immerhin geriet das deutsche Tor nie ernsthaft in Gefahr, denn wer mit Äxten am Bein schießt, kriegt keinen geschliffenen, sondern nur einen aufgeschlitzten Ball auf den Kasten.
  • Beeindruckt von der Härte war die DFB-Auswahl allerdings doch. Gerade in der ersten Spielhälfte funktionierte gar nichts. Eine frühe Torchance von Laudehr, danach ging der spielerische Aspekt in der schreienden Blindheit des Schiedsrichterinnengespanns unter. Prinz wieder ohne Bindung zum Spiel, nicht mal richtig gefoult wurde die Arme, weil von ihr einfach keine Gefahr ausging. Fast konnte sie einem leid tun.
  • Ab der zweiten Hälfte jedoch wird dagegengeholzt. Die Taktik der Nigerianerinnen ist klar: einen Punkt und vielleicht den einen oder anderen Knochensplitter als Trophäe mitnehmen. Doch daraus wird nichts, denn Simone Laudehr trifft nach einer Standardsituation aus dem Gewusel zum 1:0. Das war 2011 von seiner eindeutig weniger schönen Seite, aber solche Spiele musst du eben auch gewinnen, wenn du Weltmeisterin werden willst. Nigeria ist damit ausgeschieden, Kanada genauso. Und wenn für meine Melanie ebenfalls die WM vorbei sein sollte, trete ich heute noch ein südkoreanisches Elektrogerät zu Schrott.

Deutschland – Kanada 2:1

Vorbericht

  • Jetzt geht’s los. Mit der Eröffnungsfeier. Wer mich kennt, weiß: Eröffnungsfeiern sind mein Ding. Zwei Weltmeisterschaften und eine Europameisterschaft habe ich mich zu diesem Thema mit größtem Desinteresse geäußert, aber diesmal drängt mich natürlich wie jeden Fan die Frage, was denn der Unterschied zu einer Männer-WM-Eröffnungsfeier sein könnte. Kinder sind in jedem Fall schon mit von der Partie, das habe ich gelesen. Blumen müssten auch sein, sonst wäre ich bitterlich enttäuscht. Duftkerzen. Große Duftkerzen. Bengalische Duftfeuerkerzen. Bleiche Männer in offenen Hemden, die dezent dickliche Frauen anschmachten. Vom Himmel regnende Schuhe. Ich weiß jetzt schon: die Inszenierung wird mich berühren. Wahrscheinlich in etwa zwei Zentimeter Lufthöhe über meiner persönlichen Hakle-Feucht-Zone.
  • In jedem Fall dabei: Sepp Blatter, der vom Volk so geliebte Tribun der FIFA. Mit reichlich Gebuhe unverbesserlicher Menschen dürfte zu rechnen sein. Natürlich vollkommen ungerechtfertigterweise, wie ich in Hoffnung auf eine Schmiergeldzahlung für mein Geschleime zu Protokoll geben möchte. War es doch Blatter selbst gewesen, der ein Zeichen gegen Korruption und Bestechlichkeit hatte setzen wollen, indem er öffentlich im Rahmen der Eröffnungszeremonie einen 1000-Franken-Geldschein zu verspeisen gedachte. Leider scheiterte die Aktion an technischen Problemen, da vom chronisch klammen Regierenden Bürgermeister der Stadt Berlin nur ein 500-Euro-Schein organisiert werden konnte. „Unt’rrr 1000 Frrränkli gibt’s von miirrr ab’rr nichts“, gab der Präsident darauf entrüstet zurück. Eine verständliche Reaktion, die auch folgende, so gut wie offizielle Entscheidung begründete: Die WM 2026 findet auf dem Mond statt, weil nur noch dort die von der FIFA mit allem Recht geforderten Mondpreise verlangt werden können. Ich persönlich pumpe schon mal freudig meinen Astronautenanzug auf.
  • Nun aber zu den Teams. Ich habe mich anhand der kicker-Interviews der letzten Monate vorbereitet und kann zusammenfassend sagen: Die deutschen Auswahlkickerinnen sind modebewusst, achten auf ihr Äußeres und schminken sich vor dem Spiel – insofern also schon mal keine Unterschiede zu Cristiano Ronaldo. Ja, tut mir leid, einmal musste ich den jetzt unterbringen. Unsere bekanntesten Damen sind Birgit Prinz, die treffsicherste, aber auch dienstälteste Stürmerin der Mannschaft. Weiß  immer noch, wo das Tornetz hängt, galoppiert aber nicht mehr so ganz jugendhaft frisch wie früher bis dorthin. Man könnte sie somit als Mischung aus Völler und Klose bezeichnen, sozusagen Frau Völlklo, aber das wäre ein eher beschissener Spitzname. Dahinter lauern Inka Grings und Alexandra Popp, die ihre erste WM spielen, was reißen und beißen wollen. Ich nenne sie jetzt aber nicht die Geschwister Gomez. Von den Werbeabteilungen umschwärmt und für einen Spitznamen prädestiniert: Célia Okoyino da Mbabi, die ich von nun an der Einfachheit halber „Klopfer“ rufen werde. Fatmire Bajramaj, das Sommermärchenmädchen, das Gesicht der WM, hoffentlich auch der Fuß.  Nadine Angerer, die höchstens im Training mal einen Ball hinter sich lässt. Verteidigerinnen haben wir auch, sogar ganz tolle, aber eher trifft sich Lothar Matthäus mit Frauen jenseits der 20 als dass diese mal ernsthaft eingreifen müssen. Weshalb ich mir die Namen jetzt spare.
  • Meine absolute Lieblingsspielerin ist allerdings Melanie Behringer. Läuft, rennt, schwitzt, mit Muskeln bepackt, die Fußkettchen sprengen könnten,  schießt mit der Kraft eines Ochsen und flankt, dass die gegnerischen Torfrauen vor Panik nicht mehr wissen, an welchem Körperteil die Handschuhe zu befestigen sind. DAS IST MEIN MÄDCHEN! Eine grundehrliche Arbeiterin, die halt kein Postergirlmaterial ist und im kicker Sonderheft bei der Vorstellung mit drei Sätzen abgespeist wird (im Vergleich zu etwa Bajramaj mit fast einer halben Spalte und doppelseitigem Hausbesuchs-Interview plus ausführlicher Bebilderung ihres roten Nagellackfläschchens). Die will ich spielen und siegen sehen.
  • Kanadier sind prinzipiell ungefährlich, sofern sie nicht auf Eis spielen oder eine Axt in der Hand halten dürfen. Gute Voraussetzungen insofern für eine gepflegte Auftaktniederlage. Bei kanadischen Frauen denke ich als Serienjunkie an wunderbare Wesen wie Coby Smulders (How I Met Your Mother), Evangeline Lilly (Lost) oder die fußballerisch überragend schön benannte Sarah Chalke (Scrubs). Kanadische Sportlerinnern hingegen erwecken bei vielen Männern zunächst einmal die Erinnerung an das nationale Curlingteam. Attraktive Frauen im besten Alter, die beim Anschieben des Steins jene Ausholbewegung vollführen wie damals Muttern beim Einfahrenlassen des Backblechs in den Ofen – das erfreut Magen und Schwellkörper, zwei der bekanntermaßen wichtigsten männlichen Organe. Ah. Moment, jetzt habe ich vor lauter Gemilfe den Überblick verloren…
  • Ach ja, Kanada im Frauenfußball war das Thema. Star des Teams ist Christine Sinclair, der 116 Treffer in 158 Länderspielen gelangen, mit ziemlicher Sicherheit aber kein entscheidender davon gegen uns. Trainiert wird der Weltranglistensechste von einer Italienerin namens Carolina Morace und spielt seitdem einen technisch anspruchsvollen Kurzpass-Stil. Was entweder beweist, dass die Welt verrückt ist oder Italiener doch attraktiven Fußball akzeptieren und trainieren lassen können. Ich tendiere zu Ersterem.  Letztes Ergebnis gegen unsere Damen war ein 0:5 im September 2010. Wahrscheinlich läuft es also wie immer: wir stürmen, die Gegner kommen kaum über die Anstoßlinie, kriegen ein bis zwei Tore, ehe ab der 75. Minute die Abschuss-Phase mit zwei bis drei weiteren Bällen im Netz beginnt. So wird’s kommen.

Nachbericht

  • Knappe Siege verbinde ich mit der deutschen Frauen-Nationalmannschaft in etwa wie Spaß mit dem Ausreißen von Fußnägeln. Dementsprechend bin ich immer noch verwundert über dieses 2:1. In den folgenden Absätzen wird eine Anklage enthalten sein und zwei Spielerinnen gerichtet werden.
  • Zunächst die Eröffnung: Bälle, Segways, Kinder, eine ejakulierende Silberkugel. Von mir aus. Viel mehr hat mich getroffen, dass der Bundespräsident die Eröffnungsrede hielt und nicht mein guter Freund, der Blatter Sepp. Still leidend saß er neben der Angie und hätte doch so gerne die Sau rausgelassen. Ich hätte ihn wenigstens im Hintergrund einmal über die Tartanbahn geschickt, um die Stimmung anzuheizen. Aber nix.
  • 5. Minute: Karla kick mich, ich glaub‘ ich spinne. Die Kanadier überqueren frecherdings nicht nur die Mittellinie, sondern stehen in Form von Miss „Goal“ Sinclair vogelwild allein im Strafraum. Das kann doch nicht wahr sein! Okay, der Ball geht drüber, aber so früh all die schönen Vorurteile widerlegt zu kriegen, tut weh. Überhaupt muss ich klarstellen, bevor es Lothar Matthäus tut: ein Lothar Matthäus kennt nicht soviele Frauen über 20 wie es im Laufe des frühen Abends im deutschen Strafraum gefährlich werden sollte.
  • Am meisten beeindruckt hat mich bei den Kanadierinnen die #8, Diana Matheson. Guckt gerade mal über die Eckfahne, muss die Schiris vor Anpfiff überzeugen, dass sie und nicht das größere Auflaufkind mitspielen dürfen, aber am Ball gibt sie alles.
  • Das 1:0 durch Garefrekes krönt ein Wechselbad der Gefühle. Eine Minute zuvor wollte ich die kanadische Keeperin noch für ihre wirklich sensationelle Reaktion gegen den Flachschuß von ebenjener Garefrekes loben, da zeigt sie beeindruckend, dass sie als einzige McLeod wohl bei der Highlander-Prüfung durchgefallen ist. Unterläuft den Ball, drin das Ding. Es kehrt Ruhe ein.
  • Unsere Mädels kommen langsam besser ins Spiel, den Alarmkopf wegen drückender Überlegenheit muss aber noch keine Kanadierin drücken. 42. Minute: hoher Pass ins Nichts, McLeod döst schon wieder, Manuel Neuer ist bei der Szene wahrscheinlich vorm Fernseher losgelaufen, aber so steht Klopfer frei und macht die Kiste. 2:0, die haben wir im Sack oder wo Frauen quasi besiegte Gegner nun mal hinstecken. Mamma Mia Morace schaut drein, als würde sie kochen, aber nicht die gute Miracoli-Soße.
  • Auffallend schon in der ersten Hälfte: Birgit Prinz reicht eine Leistung ein, die in etwa an jene von Michael Ballack letzte Saison bei Leverkusen gemahnt. Ich würde die nächsten Tage allen Anrufen von Jogi aus dem Weg gehen, wenn sie diese WM noch spielen will. Beste Spielerin bis zu diesem Zeitpunkt: Melanie Behringer. Das schreibe ich zwar wahrscheinlich jedes Spiel, aber es liegt diesmal auch verdammt nah an der Wahrheit.
  • Zweite Hälfte: das sieht schon eher nach Überlegenheit aus, die Ahornblätter wollen nicht mehr so recht, unsere Damen erzwingen Chance um Chance. Highlights: Klopfer läuft dem Ball nicht hinterher, weil sie meint im Abseits zu stehen. Mädchen, da rennt man einfach los und wenn der Schiri pfeift, mault man den an und regt sich auf. Also ehrlich, das kann man sich doch von den Kerlen abgucken! Garefrekes macht es besser und imitiert Gomez in seiner längst verdrängten, mir aber gerne im Gedächtnis haften gebliebenen Szene gegen Österreich. Sogar der lahme Kommentator erkennt die Parallele.  Ich für meinen Teil bin ganz aufgeregt, weil ich auf dem Nicht-HD-Fernseher meines Bruders dauernd Melanie Behringer mit Alexandra Popp verwechsle und bei jeder Torchance „MEEEEEELAAAANIEE“ schreie.
  • 71. Minute: der Bruch im deutschen Spiel. Behringer geht, Bajramaj kommt und spielt fortan wie Eintracht Frankfurt gegen Ende der letzten Saison. J’accuse, ich klage an: WESHALB MUSSTE BEHRINGER GEHEN? WESHALB??? Keine Flanken, keine Läufe, keine kraftvollen Abschlüsse, es kommt zu wenig, das Spiel wird zu bequem. Laudehr trifft die Latte, mehr ist nicht. Stattdessen, mitten in die üblicherweise von den Deutschen dominierte Schlussphase, das 1:2 per Freistoß. Sinclair überwindet Angerer, die so angesäuert wirkt, dass selbst Oliver Kahn sich in seine Kuschelecke geflüchtet hätte.
  • Zitternd vergehen die letzten Minuten, ehe endlich der Abpfiff ertönt. 2:1. Ein Sieg, aber kein triumphaler. Ich sehe da jetzt keine Welle, auf der wir triumphierend bis ins Finale getragen werden. Die Französinnen haben gerade mal ein Tor weniger, die Nigerianer auch nur zwei. Mein Tipp an Frau Neid: Behringer durchspielen lassen, Popp vorne rein, Klopfer ebenfalls. Und Auswechseln ist für Weicheier.


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