Japan – USA 5:3 (n.E.)

Vorbericht:

  • Schiedsrichterlegende Walter Eschweiler ist angesäuert. Bei den letzten großen Turnieren konnte er anlässlich seiner Audienzen beim Fußballgott immer eine gute Platzierung für das DFB-Team herausholen. Diesmal jedoch schien er versagt zu haben. Überhaupt war alles anders, als er am Tag des Finales den großen Raum mit dem Eingangsschild „FIFA-Mitglieder müssen leider draußen bleiben“ betrat.
  • „Mein Gott, Walter! Finaaaaale, ohohoho. Heut‘ ist Finaaaale, ohohoho. Eschweiler, altes Schiedsrichtergestell‘, setz dich hin und greif dir ein Schnäpschen.“ „Eure Ballherrlichkeit sind gut gelaunt, so kenne ich Sie gar nicht, wenn ich das anmerken darf.“ „Mit gutem Grund“, setzte der Fußballgott an, „mir ist heute eine Auszeichnung ins Haus geflattert. Der HOLY FUCK Creative Football Design Award 2011 geht an…*trommelwirbel*… moi, meine und deine Heiligkeit! Diesmal habe ich alles richtig gemacht. Ich lese dir mal aus der Begründung der Jury vor, Walter.“ „Wenn es sich nicht vermeiden lässt, mein Gebieter.“
  • Eine gelungene Mischung aus althergebrachter Tradition, auf dem Fuße folgender Strafe, fröhlicher Unterhaltung, internationaler Härte, historischer Dimension und gewohnter Wankelmütigkeit zeichnete die Veranstaltung des diesjährigen Preisträgers aus. Das steht da, Walter, die meinen mich! Ich wusste gleich, es war eine gute Idee, die Engländer am Elfmeterpunkt versagen zu lassen. Das kommt einfach immer gut an, egal ob Frau oder Mann.“ „Mit fröhlicher Unterhaltung sind sicherlich die Schiedsrichterentscheidungen gemeint. Fand ich allerdings nicht so lustig, mein Herr.“ „Ach, Walter, sei mal nicht so spaßresistent. Ohne Fun geht doch heute im Abendprogramm einfach nix mehr. Und hier, meine Idee, das Zeitspiel und generelle Rumgeheule der Brasilianerinnen mit dem frühen Ausscheiden zu bestrafen, war auch ein Knaller. Hab ich eine saumäßige Menge SMS für bekommen und alle waren begeistert. Okay, in Brasilien sollen ein paar den Glauben verloren haben, aber nicht wirklich viele. Sind halt alles Machos da unten. Mal sehen, was ich 2014 mit denen anstelle. Da freu ich mich schon drauf.“
  • „Den Nordkoreanerinnen Doping in den Reis zu mischen war aber nicht sehr fein, Hochballwürden“, warf Walter daraufhin ein. „Ach Quatsch, das ist internationale Härte, klares Feindbild, Axis-of-Evil-Gedöns, das brauchen die Amis.“ „Und das Ausscheiden der deutschen Frauen? Fand ich sehr doof, um ehrlich zu sein.“ „Ja, Walter, ohne Wankelmut kann ich mich direkt einsargen lassen, da nimmt mich doch sonst keiner mehr ernst! Zweimal Trizeweltmeister bei den Männern und drei Mal Weltmeister bei den Frauen? Das geht ja nun wirklich nicht. Dafür lesen Historiker im Weiterkommen von Japan schon eine Parallele zu 1954. Das Wundel von Flankfult! Nippons Sommelmälchen!“
  • „Gewinnen die Japanerinnen denn nun auch das Finale, o Hüter von Ballhalla?“, will Eschweiler jetzt sanft drängend wissen. „Wäre fast fies, wenn nicht, gelle, Walter? Ich bin noch unentschlossen, habe aber extra deine Freundin, die Bibi, zur Schiedsrichterin bestellt, damit es keinen regeltechnischen Huddel gibt. Vielleicht lasse ich ja auch die Amis gewinnen und wenn sie dann nach Hause kommen, ist ihr Staat gerade dabei, bankrott zu gehen. Müsste ich freilich vorab mit dem Finanzgott besprechen, aber der düst ständig in Südeuropa rum, den kriegst du einfach nicht zu fassen.“
  • „Sag mal, willst du nicht entscheiden, Walter?“, fragte der immer noch euphorische, aber entschlussgehemmt wirkende Fußballgott. „Ich mach das schon, o Eure runde Lederigkeit“, antwortete dieser verschmitzt. Und so geschah es, dass die Japanerinnen Weltmeister wurden, weil Bibiana Steinhaus scharfäugig einen Elfmeter zu ihren Gunsten pfiff, den die Kameras erst in der dritten Zeitlupenwiederholung bestätigen konnten. Die Ehre der Schiedsrichterzunft ward wiederhergestellt, Deutschland gefeiert als die edelmütige Nation, die dem geschundenen Asiatenvolk den Vortritt überließ und Walter gönnte sich endlich das Schnäpschen aus feinsten Süßkartoffeln namens Shochu, das er beim Fußballgott hatte mitgehen lassen.

Nachbericht:

  • Ich setze mein breitestes Grinsen auf und male mir einen roten Punkt ins Gesicht: Die kleinsten Frauen sind die Größten, die Geilsten und die Besten im Frauenfußball obendrauf! Was für ein Spiel, was für eine Dramatik. 120 Minuten plus Elfmeterschießen, gekrönt von dieser einen Erkenntnis, die den Fußball so wunderschön macht. Du brauchst nicht baumlang zu sein, du brauchst nicht muskelbepackt zu sein, du brauchst nicht am höchsten springen zu können, du brauchst nicht jeden Gegner in Grund und Boden zu laufen, um am Ende bei diesem Sport zu triumphieren. Danke Japan, für den großartigen Abschluss dieses Turniers.
  • Die Nationalhymnen gaben ein wenig den Takt vor für die ersten 25 Minuten. Während die japanische Auswahl andächtig und in sich gekehrt einer getragenen Melodie lauschte, brannten die Amerikanerinnen zu ihrem „Hoppla, da sind wir“-Heimatlied innerlich alles nieder. Chance um Chance erdrücken sich die US-Damen, beginnend nach wenigen Sekunden und erst so Mitte der ersten Hälfte endend. Cheney, Wambach, Rapinoe wirbeln Frauen und Spielgerät durcheinander. Just als die Asiatinnen langsam ins Spiel finden, zieht Wambach einen Knaller ab Richtung Torwinkel. Für mich war der schon drin, aber die Latte hält wacker dagegen. Halbzeit.
  • Es ähnelt nun langsam ein bisschen Deutschland – Japan, denn die Blauen klären die Angriffsversuche souveräner, wagen sich auch einmal nach vorne. Aber es ergeben sich weiterhin riesige Chancen für die USA, doch der Ball will nicht über die Linie. Bis die Frau mit dem rosa BH den Unterschied zu bringen scheint. Ausgerechnet einen Konter schließt die eingewechselte Alex Morgan mit einem hart geschossenen Aufsetzer ab. Das müsste es wohl gewesen sein. USA all the way und so.
  • Aber nicht doch. Und hier kommt das Putzige an der japanischen Spielweise zutage. Die sind so bescheiden, dass sie selbst nicht in Führung gehen wollen. Liegen sie aber hinten, spielen sie reinsten Spock-Fußball: „Captain, wir liegen zurück, also diktiert die Logik, dass wir ein Tor erzielen müssen“. Schwupp, huschen die kleinen Rackerinnen nach vorne. Was die Amis so verwirrt, dass sie sich in Form von Buehler und Krieger im eigenen Strafraum vor Verzweiflung selbst abschießen und „Manni“ Miyama nur noch reinhauen muss. 81. Minute, es steht 1:1. Ich halte jetzt endgültig zu den Japanerinnen, die plötzlich ein paar Minuten frech auf die Entscheidung zielen und ihr Spiel Richtung US-Tor verlagern. Im Gegenzug schnüren die Amerikanerinnen sie nochmals ein, aber die Verlängerung ist nicht zu verhindern.
  • Kriegen die Amerikanerinnen nun die große Krise? Nein, denn Abby Wambach, die Stürmerin, der wir wohl alle das goldene Tor zugetraut haben, köpft krachledern und humorlos eine Flanke rein. 103. Spielminute, Zeit zum Verzweifeln, zum Aufgeben, möchte man meinen. Aber nicht mit den kleinen japanischen Rasenrobotern. Kurz das Torwärtsprogramm initialisiert und auf geht’s in die Hälfte des Gegners. Wo die Verteidigung sich schnell wieder die Fingernägel wegkaut, angefangen von Rampone über Krieger hin zu Hope Solo höchstselbst.
  • Es schlägt die Sekunde der weisen Frau Sawa. Nach einer Ecke bugsiert sie den Ball über die Linie, als wäre es ein Leichtes, einen Rückstand in einem WM-Finale(!) in der Verlängerung(!) aufzuholen. In dem Moment hätte ich als Amerikaner wirklich den Glauben an dieses Spiel verloren, denn wo die einen sich abackern, legen die anderen lässig nach. Es ist, als hätte man die Geschichte von Hase und Igel auf dem Rasen aufgeführt.
  • Im Elfmeterschießen liegen die Nerven schließlich endgültig blank bei den Titelaspirantinnen aus den US of A. Die kleine Kaihori hält den ersten Strafstoß gegen Boxx, Lloyd schießt Richtung Tribüne. Solo tut ihr Möglichstes, aber ihre Kolleginnen legen beinahe englische Kompetenz am Punkt offen. Die #4 der Japanerinnen, Kumagai, zerstört schließlich den amerikanischen Traum mit einem Hieb oben in den Winkel. Japan ist Weltmeister. Amerika am Boden. Sachen gibt’s, die gibt’s nur im Fußball. Homore Sawa holt alle von der FIFA ausgelobten Titel, den der Torschützenkönigin inklusive. Das japanische Team feiert, die neutralen Zuschauer mit ihm. Und ganz am Ende bleibt die Pointe, dass diese Mannschaft nur von den Engländerinnen geschlagen werden konnte. Auf der Insel wird man und frau sich ärgern. Der Fußballgott hatte wieder seinen Spaß.
  • Das war die Berichterstattung des unfassbar kompetenzfreien WM-Tagebuchs zur Frauenfußball-Weltmeisterschaft. Meinen Dank an alle treuen Leserinnen und Leser, die Fans auf Facebook, die fleißigen Twitterer, Verlinker und flattr-Spender. Wir lesen uns hoffentlich 2014 wieder! Zum Ausklang und als Rausschmeisser habe ich wie gehabt ein Lied ausgesucht, diesmal eines aus dem Land der Trizeweltmeisterinnen aus Schweden: In Flames – Liberation [auf Grooveshark anhören] / [auf Facebook anhören]. Um schließlich die Gefühlswelt der Amerikanerinnen anzusprechen und wenigstens einen Song hier drinnen einbinden zu können, noch obendrauf Alkaline Trio mit „The American Scream“ aus dem frisch erschienenen Album „Damnesia“.
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Deutschland – Japan 0:1 (n.V.)

Vorbericht:

  • Norio Sasaki ist ein lustiger Mensch. Der Trainer der japanischen Frauennationalmannschaft gab jüngst hinsichtlich der körperlichen Unterlegenheit seiner Elf zu Protokoll: „Ich habe ihnen beim Mittagessen gesagt, sie sollen ordentlich zuschlagen. Damit sie stark werden und vielleicht noch wachsen.“ Super Sache, wenn jemand jetzt für mich schon die ganzen dummen Witze übernimmt. Wer weiß, vielleicht hängt bei der Nadeshiko genannten Landesauswahl das Kopfballpendel mittlerweile bereits in einer Höhe von 1,75 m.
  • Flach spielen, hoch gewinnen, lautet eine alte Fußballweisheit. Und wenn jemand weise ist, dann ja wohl der Japaner, der sich geschlechtsübergreifend dementsprechend daran und die Kugel knapp über der Grasnarbe hält. Unterschätzen darf man sie allerdings nicht, die Töchter Nippons. Lässt man ihnen den Raum, kombinieren sie die gegnerische Verteidigung ins Koma, die Flanken von „Manni“ Miyama sind hochgefährlich und eine Japanerin anlässlich eines Freistoßes alleine mit dem Ball zu lassen, ist so töricht wie das Stehenlassen eines Beines bei einem heranstürmenden Italiener im Strafraum.
  • Soll die Taktik nun also sein, ordentlich dazwischenzugehen, alles weit vor dem Sechzehner wegzugrätschen und am Ende durch ein offensichtliches Kopfballtor von Kerstin Garefrekes oder Simone Laudehr mit 1:0 zu gewinnen? Oder gar die putzige japanische Torfrau dreckig, fies und gemein mit einem Lupfer bloßzustellen, wie es die Engländerinnen getan haben? Nein, nein und nochmals nein. Dann wäre nämlich das Bild vom häßlichen Deutschen wieder präsent, der am Ende dank eines groß gewachsenen Schlussmanns und einer einzigen gut und hoch hereingeschälten Flanke auf einen Oliver Bierhoff-Klon den Sieg davonträgt, während der geknickte Gegner in sein erdbebenkaputtes und teilverstrahltes Land zurückreisen muss. „Buhu, Deutschland, schämt euch, nehmt es doch mit Leuten eurer Größe auf“, höre ich die internationale Reporterschar aufschreien. Allen voran wahrscheinlich die Engländer.
  • Mein Vorschlag daher: die Japanerinnen auch mal schießen lassen. So aus 25 Metern, das dürfte für unsere Nadine Angerer kein Problem darstellen. Eine gute Kombination mit einem Schuss unten die Ecke abschließen, danach die Gegnerinnen anrennen lassen, vielleicht noch einen Konter zum 2:0 setzen und nach Schlusspfiff die tolle Leistung der Asiatinnen in den Himmel loben. Die dann hocherhobenen Hauptes und ohne Gesichtsverlust nach Hause fahren dürfen. Sollte das nicht klappen, ab der Verlängerung halt nur noch hohe Flanken in den Strafraum hobeln. In der Liebe, im Krieg und in den zusätzlichen 2x 15 Minuten während einer WM ist schließlich alles erlaubt.
  • Auch schön wäre die Entscheidung durch ein Tor der eingewechselten Birgit Prinz, wenn man das so hindrehen könnte. Die hat bekanntlich mit ihrem offenen und ehrlichen Auftritt bei der Pressekonferenz am Donnerstag viele Sympathien geerntet. In dieser Mannschaft ähnelt nun mal keine Spielerin im Auftreten einem Michael Ballack. Außer vielleicht Celia Okoyino „Klopfer“ da Mbabi. Aber nur, wenn sie lacht. Und da kann sie ja nichts für.
  • Melanie Behringer wird spielen und uns spätestens im Finale alle retten. Das hat mir meine Hausspinne Thekla so orakelt. Kann sein, dass ich mir das auch eingeredet habe. Jedenfalls vertraue ich ihr mehr als irgendwelchen Elefantendamen oder weiblichen Kraken. Wie auch immer: Das Ding kann also praktisch gar nicht schiefgehen. Auf ins Halbfinale, Mädels!

Nachbericht:

  • Frauofrauofrauofrau, das kann doch nicht wahr sein. Wir sind draußen. Im Viertelfinale. Gegen Japan. Bei der Heim-WM. Da kriegst du die Krise, wenn du sie nicht schon hast. Das letzte Mal, dass ich so etwas durchmachen musste, war 1994. Kopfball Yordan Letchkov. 1:2 gegen Bulgarien. Aber das hier ist noch eine ganze Schippe schlimmer.
  • Ein Lob muss man den tapferen Japanerinnen aussprechen. Wo der Ball auch hinkam, stand eine von denen bereit, um ihn wegzukicken. Müde werden die wohl auch erst, wenn sie im Mannschaftsbus sitzen. Aber das wusste man doch vorher schon. Trotzdem gelang es faktisch nie, diesen Gegner unter Druck zu setzen, zu Fehlern zu zwingen, von mir aus auch den Kopf mal frei an den Ball zu bekommen. Das war einfach zu wenig. Ich kann jetzt nicht mit Statistiken um mich werfen, aber die Momente, wo das japanische Tor in Gefahr war, konnte man an etwa zwei Fingern abzählen.
  • Auf meinem Notizblock stehen nur Plattitüden. Deutschland drückend, aber nicht zwingend. Garefrekes kommt nach einer Flanke von Behringer nicht tief genug mit dem Kopf runter. Laudehr kriegt einen Ball Richtung Tor, doch er wird vor der Linie geklärt. Japan vorne gefährlich wie eine Plastiktasse voll Reis. Einmal kommen sie durch, aber Nagasoto verzieht deutlich. Auf der anderen Seite flankt und flankt Behringer, aber es passiert nichts. Fast will man selbst mal in eine Hereingabe reinspringen, so schwer kann das doch nicht sein.
  • So geht es Minute um Minute weiter, die erste Hälfte vergeht, die zweite folgt ihr, es beginnt die Verlängerung. Kleinkriegen ist bei den Japanerinnen nicht im Wortschatz, totlaufen ebensowenig. Die setzen darauf, dass die Deutschen irgendwann die Lust verlieren. Ich diskutiere mit meinem Bruder schon die Chancen im Elfmeterschießen. Motto: Techniker verschießen immer. Also noch Hoffnung. Grings verzieht derweil aus einer richtig guten Schussposition.
  • Nachspielzeit 1. Hälfte der Verlängerung. Angerer sieht bei einer Hereingabe nicht gut aus. Oh-Oh. Knapp drei Minuten später das 0:1. Pass nach außen, Maruyama setzt sich im Laufduell durch und schiebt ins lange Eck. Angerer macht nur die kurze Ecke zu und sieht nicht gut aus. Keine Ahnung, ob sie hätte rankommen können, wenn sie auf die lange Ecke gegangen wäre, aber es wirkt unglücklich. Bruder winkt schon ab mit dem Zitat: „Frauenfußball ist eben doch scheiße, da ärgere ich mich lieber über Männer“.
  • Noch 10 Minuten. Wo ist die Brechstange? Ich kann Behringer keine Flanken mehr schlagen sehen, die soll mal etwas anderes machen. Tut sie, ein guter Schuss, aber Kaihori faustet ihn weg. So muss es doch gehen. Stattdessen weiter Flanken, die zurückkommen und wieder reingeschaufelt werden. Ein Kopfball von Klopfer, zu hoch angesetzt. Dann der Abpfiff. Vorbei das Sommermärchen. Mädels, das war einfach zu wenig. Wenn man einen Gegner wie Japan, den man hinten körperlich gut im Griff hat, vorne nicht in Verlegenheit bringen kann, sei es spielerisch, sei es über den Kampf, dann hat man im Halbfinale nichts zu suchen. Hart, aber wahr. Den Frauenfußball in Deutschland dürfte diese Nummer auf einige Zeit hinaus nach hinten geworfen haben.
  • Ich glaube, über die Partien morgen werde ich eher wenig schreiben. Über Australien gegen Schweden wahrscheinlich nur „Mir doch egal“. Aber das Turnier geht weiter, das WM-Tagebuch auch. Meine Sympathien gehören jetzt den Französinnen. Die gewinnen gegen England im Elfmeterschießen. Da ist die Welt noch in Ordnung.

Deutschland – Frankreich 4:2 / Kanada – Nigeria 0:1

Vorbericht:

  • Die schlimmste Nachricht gleich vorweg: Melanie Behringer wird mit ziemlicher Sicherheit nicht spielen, sondern wird geschont. An ihrer Stelle wird wohl Hochglanzkickerin Fatmire Bajramaj auflaufen, was für mich Anlass genug ist, folgenden selbst erdachten Witz einzuschieben: Was haben junge Italiener und Frauenfußball-Fans gemeinsam? Beide hätten gerne die alte Lira wieder, obwohl sie sich gar nicht mehr an sie erinnern können. Geht mir ähnlich, ich kenne die eigentlich nur aus der Werbung und wenn sie mich heute Abend wieder nicht überzeugt, ordne ich sie in die große Reihe der Werbemißverständnisse ein – so wie damals, als ich dachte, die hübsche Blondine aus der Alice-Werbung käme persönlich bei mir vorbei, würde mir meinen DSL-Anschluss einrichten und dann noch auf eine Runde Gears of War bleiben.
  • Birgit Prinz wird übrigens auf der Ersatzbank Platz nehmen, entsprechende Andeutungen von Trainerin Neid haben sich verdichtet. Dabei hat die Gute wirklich alles versucht, ihre Tor- und Spielhemmung zu überwinden. Oft sah man sie an der PS3, wie sie faustreckend bei FIFA11 im allereinfachsten Schwierigkeitsgrad an allen Gegnerinnen vorbeilief und einnetzte. Wie sie sich ganz im Stil von Brasiliens Marta beim Spiel gegen Norwegen die Ellenbogen anspitzte und tückisch in diverse Sparringspartner rammte. Oder sich als Verteidigerin tarnte, die einen Abpraller mit der Hand aufnimmt und in der Folge so blitzartig hinter die Linie schiebt, dass jede Schiedsrichterin der Welt sofort auf Anstoß entscheidet. Alles umsonst.
  • Die Krux der Wahrnehmung des deutschen Spiels liegt eindeutig in der naiven Vorbereitung, diesen Vorwurf muss sich die Frau Neid gefallen lassen. Wer um Himmels willen gewinnt denn in den unbedeutenden Spielen vor einer WM fast jede Partie mit 5:0? Da kommen doch ganz falsche Hoffnungen auf! Hier hätte man durchaus von den Männern lernen können. Wenn ich etwa lese: „Die deutsche Nationalmannschaft um Joachim Löw hat im Vorlauf der Weltmeisterschaft Freundschaftsspiele mit Polen, Venezuela und dem Vatikan vereinbart“, ist mir als Fan sofort klar, was zu erwarten ist – knapper, bockloser Sieg gegen Polen, Gebolze und infolge von 11 Auswechslungen fehlender Spielfluss gegen Venezuela und schließlich Kantersieg gegen den Vatikan, um ein positives Abschlusszeichen zu setzen. Würden Jogis Jungs hingegen alles mit mehr als drei Toren niederbrennen, würde umgehend das Gemaule mit dem Vorwurf des verschossenen Pulvers losgehen.
  • A propos Jogis Jungs: ich suche immer noch nach einem entsprechend schneidigen Ausdruck für die Frauennationalmannschaft. „Unsere Mädels“ soll ja leicht verpönt sein, „Neids Frauen“ hört sich dezent phallozentrisch an, „Silvias Mädchen“ eindeutig zu puffig. Vielleicht sollte man es wie der große Pelé halten, der sich den Namen Schweinsteiger nur als „Swine’s Tiger“ merken konnte und insofern zu einer zünftigen phonetischen Einenglischung greifen. „Knight’s Ladies“ etwa hat doch was Erhabenes. „The Knight’s Ladies winneth the game against France by three goalth to noneth“.  Passt auch gut zu meiner aktuellen Lieblingsserie „Game of Thrones“, die ich hier bepreiset und belobiget habe.
  • Ein paar Worte zu den Französinnen. Nun, da meine Melanie nicht spielt, kann ich es ja rauslassen. Ich finde die #8 bei der Equipe Tricolore,  Sonia Bompastor, schwer süß. Die freut sich immer so schön, wenn ein Tor fällt. Wenn die „Va te faire enculer, sale fils de pute“ zu mir sagen würde, würde ich strahlend mit einem „Oui, mon chou“ antworten.
  • Frankreichs Trainer Bruno Bini predigt hingegen schon seit Turnierbeginn, dass die Deutschen Weltmeister würden und er sich freut, maximal Vizeweltmeister zu werden. Der alte Fuchs hat bestimmt schon Ausreden bereitet, weshalb sich an dieser Einschätzung auch nichts ändert, wenn die les Bleus heute den ersten Platz in der Gruppe verteidigen sollten. So macht man das, Lady Knight!
  • Kanada gegen Nigeria spielt auch. Sollte es Schwerverletzte geben, werde ich darüber berichten. Würde mich aber wundern, denn selbst der Afrikaner wird zahm, wenn es nichts mehr zu holen gibt.

Nachbericht:

  • Erster! Und das nach dem wohl besten Spiel bei dieser Weltmeisterschaft. Ich hätte nicht gedacht, dass ich ohne Melanie Behringer soviel Spaß an einer Partie haben würde. Die deutsche Auswahl stand hinten geordnet, ließ wenig zu, dominierte im Mittelfeld, nur nach vorne wollte der Ball nicht so richtig gefährlich rollen.
  • Bis zum 1:0 durch Garefrekes. Ein langer Ball von Peter, an der Langen der Franzosen, Mademoiselle Sturmfrisur Renard vorbei, auf den Kopf der großgewachsenen, um nicht zu sagen äh langen Deutschen. Reaktionstechnisch gesehen ein désastre complet der französischen Abwehr. Aber gut für die heimische Seele.
  • 2:0, wieder Kopfarbeit, diesmal von Inka Grings nach Flanke von Laudehr. Zweimal gefährlich aufs Tor gekommen, kein Mal das Bein benutzt, eine saubere Leistung. Ich bin so gut gelaunt, dass ich nicht mal mehr meiner Sonia Bompastor nachtrauere, die wegen einer gelben Karte erst gar nicht eingesetzt wurde.
  • Nun das Unschöne: zwei Gegentore, ebenfalls allesamt mit dem oberen Halsfortsatz eingenickt. Erscheint auf den ersten Blick ärgerlich, aber stellt euch mal den japanischen Trainer vor, der sich das mit ansehen musste. Der war sicherlich total geknickt, denn wenn das die einzige Möglichkeit sein sollte, die deutsche Abwehr zu überwinden, kann er gleich die Koffer packen gehen. Gibt es überhaupt ein japanisches Wort für Kopfballpendel? Wenn ja, wäre es dennoch das wohl nutzloseste Trainingsgerät im Gepäck der Asiatinnen.
  • Die erste rote Karte, der erste verwandelte Elfmeter durch Grings (mit Vorarbeit durch Bajramaj, die aber niemals ansatzweise so gut war wie Behringer), ein bisschen banges Warten wegen der Gegentore, bevor Klopfer mit einem feinen Abschluss den Sieg sichert. Meinen absoluten Respekt, den hätten nicht viele Kickerinnen so souverän ins lange Ecke geschaufelt.
  • Fazit: wir haben wieder die Favoritenstellung inne, das Viertelfinale ist praktisch ein Selbstläufer. Kritisch wird es erst ab dem Halbfinale, wo die Amerikanerinnen auf uns warten. Die hätte ich mir lieber bis zum Finale aufgehoben (die Alternative wäre wohl Brasilien geworden, aber die hätte man mit guter Deckung von Marta und Beschäftigung der Abwehr zermürben können) – egal, sei’s drum: es hat Spaß gemacht. SCHLAND!

Deutschland – Nigeria 1:0

Vorbericht:

  • Die Weltmeisterschaft hat ihren ersten handfesten Skandal. Auch ich bin geschockt, empört, außer Sinnen vor Wut. Hat die ostasiatische Wettmafia vor dem Eröffnungsspiel unserer Fatmire Bajramaj K.O.-Tropfen in das Fußnagellack-Fläschchen geträufelt? Schlimmer. War die Kanadierin Christine Sinclair beim völlig irrealistisch anmutenden Freistoßtreffer gegen Nadine Angerer gedopt? Noch viel schlimmer. Hat Torschützin Kerstin Garefrekes beschlossen wegen ihres Fauxpas vor dem leeren Tor den Ball 90 Minuten nur noch mit dem Kopf spielen zu wollen? Nein.
  • DAS FONTDESIGN DES DEUTSCHEN NATIONALMANNSCHAFTSTRIKOTS IST FÜR DEN POPO. Experten reden von Schweinebauchdesign und sind sich einig, dass diese Schriftart nur von optisch nervgestörten Supermarktleitern oder Kindergärtnerinnen mit dem Drang zum Erstellen lustiger Geburtstagskarten eingesetzt wird. Eine nationale Schande. Dazu trägt dieser Ausbund an Hässlichkeit den Namen „Action-Man“, was dem Ganzen noch die Krone aufsetzt.  Der Mut, diesen Missstand aufzudecken, inspiriert auch mich, offen und ehrlich die Punkte anzusprechen, die mir diese WM langsam zu vermiesen drohen.
  • So höre ich während der Spiele dauernd eine Stimme (manchmal eine Frau, manchmal ein Mann) die mich mit fortschreitender Dauer eindösen lässt. Die Werbebanden wirken männlich kantig statt weiblich abgerundet. Die einzelnen Tormaschen sind nicht voll symmetrisch. Und jedesmal, wenn ich nach dem Halbzeitpfiff kurz auf die Toilette gehe und zurückkomme, ist die Werbepause zu Ende. Ich habe ohne Witz bisher keinen einzigen Spot gesehen. Langsam macht das keinen Spaß mehr.
  • Der Fontkatastrophe gilt es jedoch auch, Einhalt zu gebieten. Hier ein paar meiner Vorschläge, die durch weibliche Ästhetik, feinsinnige Formen und optische Schmeichelei bestechen:



  • Los geht es übrigens um 20:45 Uhr. Champions League-Zeit. Und das ist gut so, denn mal ehrlich: um 15 Uhr wird doch nur in der Europa-League-Qualifikation angestoßen, wenn in Dnjepr Dnjepropetrowsk die Zweitklässler rausgeschickt werden, um den Platz trocken zu kehren.
  • Nigeria dürfte in Bestbesetzung antreten, bei Deutschland feiert Torfrau Nadine Angerer ihr 100. Spiel im Trikot der Nationalelf. Hier ein Video, über das die immer etwas verhärtet wirkende Keeperin sicherlich auch lachen kann:
  • Witzig finde ich den Teaser von Spiegel Online zum Live-Ticker. Kann man drehen und wenden wie man will, da spielen heute Abend wohl nur zwei Frauenmannschaften mit. War Katrin Müller-Hohenstein deshalb gestern so sicher, dass in der zweiten deutschen Vorrundepartie mit vielen Toren zu rechnen sei?
  • Jetzt habe ich über Nigeria gar nichts geschrieben. Es genügt wohl auch der Blick in die offizielle Begegnungsstatistik: 6 Niederlagen, 2:21 Tore. Tippfreunde wissen, wo sie das Kreuzchen zu setzen haben.

Nachbericht:

  • Ein herzliches Willkommen zur ersten offiziellen Meisterschaft im Frauentreten. Es treten gegeneinander: die Auswahl aus Nigeria (schwer aktiv) und Deutschland (zunächst hauptsächlich passiv). Geleitet wird die Partie von einer kleinen, freundlich grinsenden südkoreanischen Schiedsrichterin namens Sung Mi Cha, die die Trikots der nigerianischen Frauen zweifellos mit OP-Leibchen verwechselt und dementsprechend wohl auch eine Operation am offenen Knochen hätte weiterlaufen lassen.
  • Ich bin sauer. Die haben meine Melanie kaputtgetreten, diese wildgewordenen Afrikanerinnen. Was da heute Abend auf dem Platz Gesundheitsamok gelaufen ist, war eine Mischung aus Maik Franz und mehreren Buschsöldnern mit Macheten zwischen den Zähnen. Immerhin geriet das deutsche Tor nie ernsthaft in Gefahr, denn wer mit Äxten am Bein schießt, kriegt keinen geschliffenen, sondern nur einen aufgeschlitzten Ball auf den Kasten.
  • Beeindruckt von der Härte war die DFB-Auswahl allerdings doch. Gerade in der ersten Spielhälfte funktionierte gar nichts. Eine frühe Torchance von Laudehr, danach ging der spielerische Aspekt in der schreienden Blindheit des Schiedsrichterinnengespanns unter. Prinz wieder ohne Bindung zum Spiel, nicht mal richtig gefoult wurde die Arme, weil von ihr einfach keine Gefahr ausging. Fast konnte sie einem leid tun.
  • Ab der zweiten Hälfte jedoch wird dagegengeholzt. Die Taktik der Nigerianerinnen ist klar: einen Punkt und vielleicht den einen oder anderen Knochensplitter als Trophäe mitnehmen. Doch daraus wird nichts, denn Simone Laudehr trifft nach einer Standardsituation aus dem Gewusel zum 1:0. Das war 2011 von seiner eindeutig weniger schönen Seite, aber solche Spiele musst du eben auch gewinnen, wenn du Weltmeisterin werden willst. Nigeria ist damit ausgeschieden, Kanada genauso. Und wenn für meine Melanie ebenfalls die WM vorbei sein sollte, trete ich heute noch ein südkoreanisches Elektrogerät zu Schrott.

Deutschland – Kanada 2:1

Vorbericht

  • Jetzt geht’s los. Mit der Eröffnungsfeier. Wer mich kennt, weiß: Eröffnungsfeiern sind mein Ding. Zwei Weltmeisterschaften und eine Europameisterschaft habe ich mich zu diesem Thema mit größtem Desinteresse geäußert, aber diesmal drängt mich natürlich wie jeden Fan die Frage, was denn der Unterschied zu einer Männer-WM-Eröffnungsfeier sein könnte. Kinder sind in jedem Fall schon mit von der Partie, das habe ich gelesen. Blumen müssten auch sein, sonst wäre ich bitterlich enttäuscht. Duftkerzen. Große Duftkerzen. Bengalische Duftfeuerkerzen. Bleiche Männer in offenen Hemden, die dezent dickliche Frauen anschmachten. Vom Himmel regnende Schuhe. Ich weiß jetzt schon: die Inszenierung wird mich berühren. Wahrscheinlich in etwa zwei Zentimeter Lufthöhe über meiner persönlichen Hakle-Feucht-Zone.
  • In jedem Fall dabei: Sepp Blatter, der vom Volk so geliebte Tribun der FIFA. Mit reichlich Gebuhe unverbesserlicher Menschen dürfte zu rechnen sein. Natürlich vollkommen ungerechtfertigterweise, wie ich in Hoffnung auf eine Schmiergeldzahlung für mein Geschleime zu Protokoll geben möchte. War es doch Blatter selbst gewesen, der ein Zeichen gegen Korruption und Bestechlichkeit hatte setzen wollen, indem er öffentlich im Rahmen der Eröffnungszeremonie einen 1000-Franken-Geldschein zu verspeisen gedachte. Leider scheiterte die Aktion an technischen Problemen, da vom chronisch klammen Regierenden Bürgermeister der Stadt Berlin nur ein 500-Euro-Schein organisiert werden konnte. „Unt’rrr 1000 Frrränkli gibt’s von miirrr ab’rr nichts“, gab der Präsident darauf entrüstet zurück. Eine verständliche Reaktion, die auch folgende, so gut wie offizielle Entscheidung begründete: Die WM 2026 findet auf dem Mond statt, weil nur noch dort die von der FIFA mit allem Recht geforderten Mondpreise verlangt werden können. Ich persönlich pumpe schon mal freudig meinen Astronautenanzug auf.
  • Nun aber zu den Teams. Ich habe mich anhand der kicker-Interviews der letzten Monate vorbereitet und kann zusammenfassend sagen: Die deutschen Auswahlkickerinnen sind modebewusst, achten auf ihr Äußeres und schminken sich vor dem Spiel – insofern also schon mal keine Unterschiede zu Cristiano Ronaldo. Ja, tut mir leid, einmal musste ich den jetzt unterbringen. Unsere bekanntesten Damen sind Birgit Prinz, die treffsicherste, aber auch dienstälteste Stürmerin der Mannschaft. Weiß  immer noch, wo das Tornetz hängt, galoppiert aber nicht mehr so ganz jugendhaft frisch wie früher bis dorthin. Man könnte sie somit als Mischung aus Völler und Klose bezeichnen, sozusagen Frau Völlklo, aber das wäre ein eher beschissener Spitzname. Dahinter lauern Inka Grings und Alexandra Popp, die ihre erste WM spielen, was reißen und beißen wollen. Ich nenne sie jetzt aber nicht die Geschwister Gomez. Von den Werbeabteilungen umschwärmt und für einen Spitznamen prädestiniert: Célia Okoyino da Mbabi, die ich von nun an der Einfachheit halber „Klopfer“ rufen werde. Fatmire Bajramaj, das Sommermärchenmädchen, das Gesicht der WM, hoffentlich auch der Fuß.  Nadine Angerer, die höchstens im Training mal einen Ball hinter sich lässt. Verteidigerinnen haben wir auch, sogar ganz tolle, aber eher trifft sich Lothar Matthäus mit Frauen jenseits der 20 als dass diese mal ernsthaft eingreifen müssen. Weshalb ich mir die Namen jetzt spare.
  • Meine absolute Lieblingsspielerin ist allerdings Melanie Behringer. Läuft, rennt, schwitzt, mit Muskeln bepackt, die Fußkettchen sprengen könnten,  schießt mit der Kraft eines Ochsen und flankt, dass die gegnerischen Torfrauen vor Panik nicht mehr wissen, an welchem Körperteil die Handschuhe zu befestigen sind. DAS IST MEIN MÄDCHEN! Eine grundehrliche Arbeiterin, die halt kein Postergirlmaterial ist und im kicker Sonderheft bei der Vorstellung mit drei Sätzen abgespeist wird (im Vergleich zu etwa Bajramaj mit fast einer halben Spalte und doppelseitigem Hausbesuchs-Interview plus ausführlicher Bebilderung ihres roten Nagellackfläschchens). Die will ich spielen und siegen sehen.
  • Kanadier sind prinzipiell ungefährlich, sofern sie nicht auf Eis spielen oder eine Axt in der Hand halten dürfen. Gute Voraussetzungen insofern für eine gepflegte Auftaktniederlage. Bei kanadischen Frauen denke ich als Serienjunkie an wunderbare Wesen wie Coby Smulders (How I Met Your Mother), Evangeline Lilly (Lost) oder die fußballerisch überragend schön benannte Sarah Chalke (Scrubs). Kanadische Sportlerinnern hingegen erwecken bei vielen Männern zunächst einmal die Erinnerung an das nationale Curlingteam. Attraktive Frauen im besten Alter, die beim Anschieben des Steins jene Ausholbewegung vollführen wie damals Muttern beim Einfahrenlassen des Backblechs in den Ofen – das erfreut Magen und Schwellkörper, zwei der bekanntermaßen wichtigsten männlichen Organe. Ah. Moment, jetzt habe ich vor lauter Gemilfe den Überblick verloren…
  • Ach ja, Kanada im Frauenfußball war das Thema. Star des Teams ist Christine Sinclair, der 116 Treffer in 158 Länderspielen gelangen, mit ziemlicher Sicherheit aber kein entscheidender davon gegen uns. Trainiert wird der Weltranglistensechste von einer Italienerin namens Carolina Morace und spielt seitdem einen technisch anspruchsvollen Kurzpass-Stil. Was entweder beweist, dass die Welt verrückt ist oder Italiener doch attraktiven Fußball akzeptieren und trainieren lassen können. Ich tendiere zu Ersterem.  Letztes Ergebnis gegen unsere Damen war ein 0:5 im September 2010. Wahrscheinlich läuft es also wie immer: wir stürmen, die Gegner kommen kaum über die Anstoßlinie, kriegen ein bis zwei Tore, ehe ab der 75. Minute die Abschuss-Phase mit zwei bis drei weiteren Bällen im Netz beginnt. So wird’s kommen.

Nachbericht

  • Knappe Siege verbinde ich mit der deutschen Frauen-Nationalmannschaft in etwa wie Spaß mit dem Ausreißen von Fußnägeln. Dementsprechend bin ich immer noch verwundert über dieses 2:1. In den folgenden Absätzen wird eine Anklage enthalten sein und zwei Spielerinnen gerichtet werden.
  • Zunächst die Eröffnung: Bälle, Segways, Kinder, eine ejakulierende Silberkugel. Von mir aus. Viel mehr hat mich getroffen, dass der Bundespräsident die Eröffnungsrede hielt und nicht mein guter Freund, der Blatter Sepp. Still leidend saß er neben der Angie und hätte doch so gerne die Sau rausgelassen. Ich hätte ihn wenigstens im Hintergrund einmal über die Tartanbahn geschickt, um die Stimmung anzuheizen. Aber nix.
  • 5. Minute: Karla kick mich, ich glaub‘ ich spinne. Die Kanadier überqueren frecherdings nicht nur die Mittellinie, sondern stehen in Form von Miss „Goal“ Sinclair vogelwild allein im Strafraum. Das kann doch nicht wahr sein! Okay, der Ball geht drüber, aber so früh all die schönen Vorurteile widerlegt zu kriegen, tut weh. Überhaupt muss ich klarstellen, bevor es Lothar Matthäus tut: ein Lothar Matthäus kennt nicht soviele Frauen über 20 wie es im Laufe des frühen Abends im deutschen Strafraum gefährlich werden sollte.
  • Am meisten beeindruckt hat mich bei den Kanadierinnen die #8, Diana Matheson. Guckt gerade mal über die Eckfahne, muss die Schiris vor Anpfiff überzeugen, dass sie und nicht das größere Auflaufkind mitspielen dürfen, aber am Ball gibt sie alles.
  • Das 1:0 durch Garefrekes krönt ein Wechselbad der Gefühle. Eine Minute zuvor wollte ich die kanadische Keeperin noch für ihre wirklich sensationelle Reaktion gegen den Flachschuß von ebenjener Garefrekes loben, da zeigt sie beeindruckend, dass sie als einzige McLeod wohl bei der Highlander-Prüfung durchgefallen ist. Unterläuft den Ball, drin das Ding. Es kehrt Ruhe ein.
  • Unsere Mädels kommen langsam besser ins Spiel, den Alarmkopf wegen drückender Überlegenheit muss aber noch keine Kanadierin drücken. 42. Minute: hoher Pass ins Nichts, McLeod döst schon wieder, Manuel Neuer ist bei der Szene wahrscheinlich vorm Fernseher losgelaufen, aber so steht Klopfer frei und macht die Kiste. 2:0, die haben wir im Sack oder wo Frauen quasi besiegte Gegner nun mal hinstecken. Mamma Mia Morace schaut drein, als würde sie kochen, aber nicht die gute Miracoli-Soße.
  • Auffallend schon in der ersten Hälfte: Birgit Prinz reicht eine Leistung ein, die in etwa an jene von Michael Ballack letzte Saison bei Leverkusen gemahnt. Ich würde die nächsten Tage allen Anrufen von Jogi aus dem Weg gehen, wenn sie diese WM noch spielen will. Beste Spielerin bis zu diesem Zeitpunkt: Melanie Behringer. Das schreibe ich zwar wahrscheinlich jedes Spiel, aber es liegt diesmal auch verdammt nah an der Wahrheit.
  • Zweite Hälfte: das sieht schon eher nach Überlegenheit aus, die Ahornblätter wollen nicht mehr so recht, unsere Damen erzwingen Chance um Chance. Highlights: Klopfer läuft dem Ball nicht hinterher, weil sie meint im Abseits zu stehen. Mädchen, da rennt man einfach los und wenn der Schiri pfeift, mault man den an und regt sich auf. Also ehrlich, das kann man sich doch von den Kerlen abgucken! Garefrekes macht es besser und imitiert Gomez in seiner längst verdrängten, mir aber gerne im Gedächtnis haften gebliebenen Szene gegen Österreich. Sogar der lahme Kommentator erkennt die Parallele.  Ich für meinen Teil bin ganz aufgeregt, weil ich auf dem Nicht-HD-Fernseher meines Bruders dauernd Melanie Behringer mit Alexandra Popp verwechsle und bei jeder Torchance „MEEEEEELAAAANIEE“ schreie.
  • 71. Minute: der Bruch im deutschen Spiel. Behringer geht, Bajramaj kommt und spielt fortan wie Eintracht Frankfurt gegen Ende der letzten Saison. J’accuse, ich klage an: WESHALB MUSSTE BEHRINGER GEHEN? WESHALB??? Keine Flanken, keine Läufe, keine kraftvollen Abschlüsse, es kommt zu wenig, das Spiel wird zu bequem. Laudehr trifft die Latte, mehr ist nicht. Stattdessen, mitten in die üblicherweise von den Deutschen dominierte Schlussphase, das 1:2 per Freistoß. Sinclair überwindet Angerer, die so angesäuert wirkt, dass selbst Oliver Kahn sich in seine Kuschelecke geflüchtet hätte.
  • Zitternd vergehen die letzten Minuten, ehe endlich der Abpfiff ertönt. 2:1. Ein Sieg, aber kein triumphaler. Ich sehe da jetzt keine Welle, auf der wir triumphierend bis ins Finale getragen werden. Die Französinnen haben gerade mal ein Tor weniger, die Nigerianer auch nur zwei. Mein Tipp an Frau Neid: Behringer durchspielen lassen, Popp vorne rein, Klopfer ebenfalls. Und Auswechseln ist für Weicheier.


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Uruguay – Deutschland 2:3

Vorbericht

  • Juhu, wieder Fußball! Och nö, die Partie um Platz 3. Auch bekannt unter den Namen: Spiel um die goldene Ananas oder Spiel, auf das Philip Lahm schon am Mittwoch keine Lust mehr hatte. Der Sinn und Zweck dieser Übung verbleibt mir ja weiterhin im Dunkeln. Bekommt der Gewinner eigentlich etwas? Eine Bronzemedaille zum Herumschwenken? Einen Wangenkuss von Sepp Blatter? Oder einmal einen Köpper vom Sprungbrett im Geldspeicher der FIFA?  2006 ging das ja in Ordnung, unsere Jungs hatten mehr erreicht als unter Klinsmann erwartet, zum Schluss haben wir im heimischen Gottlieb Daimler-Stadion den Cristiano Ronaldo noch ein paar Mal auf dem Rasen abgelegt und mit 3:1 gewonnen. Aber jetzt? So viele Meilen von der Heimat weg, wieder mit Vuvuzela-Tröten in den Ohren und höchstwahrscheinlich mit ganz neuen Spielkameraden im Aufgebot – da kann man schon unlustvoll werden.
  • Sicher, es gibt Menschen, die wollen Mario Gomez mal von Anfang an spielen sehen. Hauptsächlich Mario Gomez und seine Familie, würde ich mal ahnen wollen. Desweiteren wohl Wiese im Tor, der aus reiner Boshaftigkeit (Interpretation Wiese) bzw. Reizpunktsetzungstaktik (Interpretation Löw) zur Halbzeit durch Butt ersetzt werden dürfte; Aogo, Tasci und Badstuber brauchen sicherlich auch mal Auslauf. Fraglich ist, ob Klose mit auslaufen kann – dem Mann würde ich noch 1 bis 2 Törchen gönnen, um ganz vorne in der ewigen WM-Torschützenliste zu stehen. Beten wir also, dass die Wirbelsäule hält. Thomas Müller muss ebenfalls spielen und am besten eher mäßig, damit ich mir nicht mehr einrede, dass der alleine uns ins Finale hätte schießen können.
  • Der Uruguayer hingegen ist beileibe nicht so erfahren im An-der-Trophäe-Schnüffeln wie wir und dementsprechend mehr motiviert. 1970 hat er gegen uns den dritten Platz durch ein 0:1 verloren und trauert dem wohl immer noch nach. Genügsame Burschen, mag man denken, aber wenn der letzte Titel schon 60 Jahre her ist, freut man sich über alles. Als Schalke-Fan kann ich das nachvollziehen. Die Fans fahren dort unten eh schon seit einer Woche Autokorso, ziehen sich Forlan-Stirnbänder über den Kopf und wehren Fußbälle ohne behandschuhte Finger vor der Torlinie ab.
  • Unsicher scheint der Einsatz von Diego Forlán, weiterhin verletzt ist Nicolás Lodeiro. Wieder mitspielen kann hingegen Luis Suárez. Und wenn ich noch hinzufügen dürfte: das ist mir alles ziemlich egal. Ich wollte die Namen nur einmal richtig mit dem korrekten Akzentzeichen über dem a geschrieben haben.  Hauptsache bleibt, dass sich unsere Jungs ordentlich verabschieden und nicht zu geknickt nach Hause fahren.

Nachbericht

  • Wieder Trizeweltmeister! Und diesmal habe ich mir auch gemerkt, was man für den dritten Platz bei einer Weltmeisterschaft bekommt: einen neuen Bundespräsidenten, der Medaillen verteilt (ab wann gibt es dann eigentlich eine neue Bundesregierung?), eine geschüttelte Hand vom Blatter Sepp und zum guten Schluss eine dicke Umarmung von Onkel Theo. Was hat der Zwanziger am Ende so erwartungsvoll mit dem Bronzegehänge in der Hand auf den Jogi gewartet – und der hat nicht mal anständig zurückgedrückt! Für mich das Bild dieses Spiels.
  • Eine schöne Partie mit vielen Toren, dem richtigen Sieger und einem angenehmen Abschlussgefühl. Ich kann mich in den letzten Wochen nur an wenige Spiele erinnern, die so viele Treffer und Chancen auf beiden Seiten verteilt anzubieten hatten. Dabei kann Fußball doch so einfach sein: einen draufgepfeffert von Schweinsteiger, kleiner Torwartbock und abgestaubt durch Müller. Eine Flanke, großer Torwartbock und ungewollt aussehender Kopfball von Jansen. Ein Eckball, Tohuwabohu mit zauderndem Torwart im Strafraum, hübsch vollendet mit Einnicktrick von Khedira. Man mag sich fragen, ob die Urus nicht vielleicht doch mit Suarez im Tor hätten spielen sollen…
  • Natürlich haben wir auch den Uruguayer mitspielen und Tore schießen lassen. „Ballverlust im Mittelfeld ischt strengschtens zu vermeiden“, würde Jogi sagen. Warum, sah man beim 1:1: einmal dem Schweinsteiger den Ball weggegrätscht und hinten war die Abwehr entblößter als das Pärchen im Biologie-Sexualkundebuch. Für das künstlerische Highlight schließlich sorgte Diego Forlán mit einem tückischen Direktabnahmeaufsetzer-Dingens (und einem Freistoß an die Latte in allerletzter Sekunde, aber das wäre dann auch zuviel des Guten gewesen).
  • Was bleibt? Wir waren verdammt gut. Haben 16 Tore erzielt und damit die lasch gestartete WM-Party erst richtig in Schwung gebracht. Haben zwei Mannschaften aus dem Turnier geholt, die ich nicht als Weltmeister hätte sehen wollen. Alt (Klose) und jung (Müller) haben gezeigt, dass sie wissen, wo das Tornetz hängt. Und wenn wir bis zum nächsten Turnier dem Özil eine Spritze mit Torgefährlichkeit verpasst haben, kann sich der Rest der fußballspielenden Welt ganz schön warm anziehen. Danke Jungs, es hat richtig Spaß gemacht mit euch!