Südafrika – Mexiko 1:1

Vorbericht

  • Was ist klein, grün und wundert sich demnächst, dass die WM schon wieder so schnell vorbei ist? Richtig, der Mexikaner, dessen Selbstbewusstsein sich bekanntlicherweise umgekehrt proportional zu seiner Körpergröße verhält. Gerne und häufig scheidet er bei großen Turnieren gegen unsere Nationalelf aus, was ihm hierzulande zu Recht viele Sympathien eingebracht hat. Diesmal kann es wieder dazu kommen, wozu allerdings das Erreichen eines der Spiele der letzten 8 Mannschaften vonnöten wäre. Danach geht es aber definitiv zurück in die mittlerweile durch die Amis in Teilen formschön umzäunte Heimat, denn nicht umsonst übersetzt der Mexikaner den Einzug ins Halbfinale ehrfurchtsvoll mit „El Inaccessibilo“, den Unerreichbaren. Schade drum.
  • Mindestens ein Experte wird darauf hinweisen, dass der Mexikaner ja quasi ein Spanier ist. Nicht nur aus historischer, sondern halt auch aus  fußballmentalitätstechnischer Sicht. Also immer toll und gut drauf, wendig, wuselig,  aber wenn die Turnierglocke läutet, infolge von Erfolglosigkeit schneller zuhause als Peter Neururer nach der Vertragsunterzeichnung. Nun haben die Spanier uns alle bei der letzten EM überrascht, woraus viele schließen, dass Mexiko der nächste explodierende Fußball-Vulkan am Horizont sein könnte. Genauso möglich ist aber auch, dass die Südafrikaner die Truppe mit holländischem Kombinationsspiel vom Platz wischten.
  • Der Torhüter der El Tri, ein gewisser Guillermo Ochoa, soll 1,84 Meter groß sein. Das kann ich mir einfach nicht vorstellen, da bleibe ich kritisch, das muss ich selbst sehen, um es zu glauben.  Am Ende wurde hier eine Großbildleinwand mit FullHD-Unterstützung als Maßstab genommen. Ich werde höchstpersönlich auf meinem LowDef-, LowFi-, 2D- und 4:3-Modell von Sharp nachmessen und diese Mär wahrscheinlich umgehend widerlegen können.
  • Südafrikas Auswahl heißt Bafana Bafana, ihr Trainer stammt aus Brasilien und die Mannschaft hat dieses Jahr den Heimvorteil auf ihrer Seite. Das sind gleich drei schwer plausible Gründe, weshalb der Gastgeber die Vorrunde überstehen müsste. Zumindest sind das die einzigen, die mir einfallen. Eine Qualifikation musste man nicht spielen, das Leistungsvermögen rangiert daher  irgendwo zwischen Kann-einen-Pass-Stoppen, Weiß-wo-das-Tor-steht und Darf-man-nicht-mit-dem-Ball-alleine-lassen. Sicher wissen werden wir es erst, wenn die letzte Vuvuzela verstummt ist. Jetzt hätte ich beinahe verstimmt geschrieben. Eine verstimmte Vuvuzela. Brüller.
  • An Südafrika gefällt mir, dass die Mannschaft weiß, wo sie herkommt. Wenn man es genau nimmt, weiß sogar jeder, wo sie herkommt. Einfach den großen Erdklumpen unterhalb Europas mit dem Finger runterfahren, und kurz vorher stoppen, bevor wieder Wasser kommt. Bingo, da liegt’s, kann man gar nicht verfehlen. Ärgerlich sind nur die nächtlichen Anrufe von neiderfüllten Slowaken und Slowenen, die abrupt „WIR WISSEN WO IHR WOHNT, IHR ELENDEN SIMPELGEOGRAFEN!!!“ ins Telefon schreien und auflegen.
  • Noch nie zuvor ist ein Gastgeberland einer WM in der Vorrunde ausgeschieden. Selbst als man es 2002 von Veranstalterseite wirklich darauf angelegt hat und in Südkorea und Japan anstoßen ließ (1994 durften sich die Amis als bester Drittplazierter der Vorrunde noch ins Achtelfinale reinschmuggeln). Als nächsten Ausrichterkandidaten hat man nun Österreich ins Auge gefasst, damit konnte man bei der EM gute Erfahrungen sammeln. Was passiert also, wenn Südafrika vorzeitig zu Hause bleiben muss? Jubelt der Kapstädter, trommelt der Johannesburger dann für einen anderen Afrikaner? Ich mein ja nur, bis zum nächstgelegenen Teilnehmerland Kamerun sind es schon knappe 4000 Kilometer, das wäre so, als würde in Europa der Spanier den Finnen anfeuern. Oder der Engländer den Kasachen. Obwohl: das würde ich echt mal gerne sehen. Go Kazakh, wherever the f*ck you are!

Nachbericht

  • War das eine Eröffnungsfeier oder nicht? Meine Herren! Farbenprächtig. Stimmungsvoll. Überspringende gute Laune allenthalben. Wie diese knapp zweistündige Show einen Einblick in die afrikanische Seele gab, das hat mich schon sehr berührt. Es war, als finge man einen Schmetterling mit den Händen und erfreute sich behutsam für einen kurzen Moment seiner Schönheit, ehe man ihn wieder in die Weite des strahlend blauen Himmels entließe. Südafrika, du bist wunderbar! Und die Trommeln. Nein, diese Trommeln. Haben mich wirklich überrascht. Ganz großes Entertainment. Die WM ist angekommen. Es ist Zeit. Lasst die Mannschaften ins Stadion, bevor ich noch vor Begeisterung umnebelt zusammensinke.
  • Man merkt doch kaum, dass ich die Eröffnung gar nicht gesehen und den Absatz obendrüber schon gegen 11:30 Uhr geschrieben habe, oder?
  • Nun geht es aber wirklich los. Bewegend die ersten Worte unseres geliebten Fußballverbands-Chefs Sepp B.: „Das klingt überhaupt nicht gut“. So wurde es jedenfalls übersetzt. Eine erste öffentliche Kritik von ganz oben an dem Vuvuzela-Getröte? Nein. Der Dolmetscher wusste nur nicht, dass die Leitung schon offen war.
  • Nach dem Begrüßungsgelabere die ersten Erkenntnisse über die Mannschaften. Ha, der mexikanische Torwart ist doch keine 1,84,  sondern 1,74 Meter. Heißt auch anders und erinnert mich in seiner Kampf-Kojakhaftigkeit ein wenig an Fabien Barthez, den ehemaligen exzellenten Am-Ball-Vorbeispringer der Franzosen. Dann auch noch das: der Mexikaner steht bei der Hymne nicht mehr mit schneidiger Armposition Richtung Herz. Da weint der Fußball-WM-Veteran in mir schon ein wenig.
  • Zum Spiel: in der ersten Hälfte die Mexikaner deutlich überlegen und mit der reiferen Spielanlage. Heißt auf deutsch: die liefen ein wenig planvoller über den Platz als die Bafana Bafana. Aber wie gewohnt ohne Killerinstinkt im Abschluss. Zweite Hälfte, wie aus dem Nichts das 1:0. Dieser Shalalishalala oder so ähnlich hatte ja bereits vorher eine sehr schöne Flanke reingeschlagen, aber der Schuss nun geht ganz großartig genau in den Winkel, Respekt. Die Mexikaner danach drängender, in ihrer Verzweiflung mit der Einwechslung des halslosen Oldies Blanco. 37 Jahre hat der Mann auf dem Buckel, das lässt diese Aktion schon einen Hauch von Volkssturm’45-Flair versprühen.
  • Aber es hilft: der Ausgleich nach schreiend großer Abwehrlücke im südafrikanischen Defensivverbund. Das hätte nicht sein müssen. Andererseits hatte ich auf Unentschieden getippt und war am Ende sehr froh. Fazit: ab der zweiten Halbzeit ein schön anzusehender Kick mit einem für mich sehr angenehmem Ergebnis. Und darauf kommt es doch letztlich an.

Vorwort

Willkommen beim unfassbar kompetenzfreien WM Tagebuch 2010

Wieder regiert der Fußball, wieder begleite ich das Ereignis in kommentierender Weise. Zwar ohne Ahnung, aber mit Charme. Und mit dem Panini-Klebealbum im Anschlag, wenn gar nichts mehr geht.

  • Südafrika, du geplagtes Land! Was musstest du schon alles über dich ergehen lassen? Burenkriege. Apartheid.  Howard Carpendale. Die Hartz IV-Aliens aus „District 9“. Und jetzt auch noch die wahrhaft beschis… also unerfreuliche Auslosung in der Vorrunde zum Cup der guten Hoffnung mit Uruguay, Mexiko und Frankreich. Damals half nicht einmal die liebliche Charlize Theron als Präsentatorin, die ja deinem Schoße entsprungen ist und deren Angebot auf ein ausgiebiges 11cm-Schießen im Schlafraum ich sicherlich nicht ausschlagen könnte.
  • Doch am unteren Ende des schwarzen Kontinents sammelt sich auch viel Lebensfreude. Lebensfreude, die sich mittels der Vuvuzela auszudrücken pflegt. Dem versierten europäischen Zuschauer unter dem Fachbegriff „verkackte Dreckströte“ bekannt, spiegeln dieses Instrument in magisch lautmalerischer Weise das Leben in der afrikanischen Steppe wider. Vor dem geistig umnachteten Auge des Betrachters entfaltet sich das Bild von immergrün wuchernden Hartlaubgewächsen, in deren Mitte ein Rudel junger triebgestauter Elefantenbullen gerade die leidvolle Erfahrung der ejaculatio praecox durchlebt, während um es herum ein Schwarm aus Moskitos, Wespen und Hummeln ekstatisch dem Fruchtbarkeitstanz anheimfällt.
    Bzzzz’Trö-Rö!‘-Röö?’Bzzzz.

  • Dass dieser gar liebliche Klang nun auch in den Stadien erschallen darf, ist einem Mann zu verdanken, der vor vier Jahren bei der Eröffnungszeremonie vom Publikum noch vollsten Herzens ausgebuht worden war. Seinen Namen und die Organisation zu nennen, der er vorsteht, werde ich mir verkneifen, da beides wahrscheinlich zutiefst markenrechtlich geschützt ist und diverse Anwälte sicher nur darauf warten, mir das Gummiband aus der Sporthose zu klagen. Gerüchten, dass die Vuvuzelas allein deshalb zugelassen wurden, um erneut aufbrandende Buhrufe zu übertönen, trete ich hiermit herzhaft gegen das Schienbein. Es könnte andererseits aber auch etwas Wahres dran sein…
  • Ke Nako ist das Motto dieser Weltmeisterschaft. Es ist Zeit.
    Ebenfalls passend scheint der Sinnspruch No’Balla’Ball-Ack! aus dem Johannesburger Straßenslang, dem übersetzungstechnisch gleich doppelte Bedeutung zukommt. Einmal als Hinweis auf die unerfreuliche Abwesenheit des deutschen Kapitäns auf dem Spielfeld und als lieb gemeinte, aber fehlgeschlagene Aufforderung an die in der Fußgängerzone freundlich herummarodierende Jugendgang, doch bitte nicht von der Schusswaffe Gebrauch zu machen.
  • Überhaupt geht der aktuelle Trend bei dieser WM  zum Hinfahren und Gar-nicht-Mitspielen. Vorreiter und  damit Trendsetter ist natürlich David Beckham, der die englische Mannschaft vor Ort durch Werbespots für Eau-de-Toilette-Spülungen, Posing für Handtäschschenfutterpflegemittel und die Teilnahme seiner Frau an der Wahl zum schönstbemalten Speer Afrikas unterstützen wird.
  • Eine wichtige Serviceinformation noch hinsichtlich des Turnierplans: die Begegnung Nordkorea gegen Südkorea ist frühestens im Halbfinale möglich. Freunde von Kriegserklärungen auf offenem Feld müssen sich also in Geduld üben. Pech für den geliebten Führer Kim Yong-Il, der bereits die ersten Einwegstürmer mit Atombombenzündern in den Stollen hat produzieren lassen. Anstoß! Sieg! Vaterland!