Tag 20: Kaiser vs. Maradona vs. Lehmann

GER – ARG 5:3 n.E.

[Vorbericht]

– Heute ist es soweit. Das Duell der Titanen. Was schreib ich: der Legenden. Alle warten gespannt auf diesen Schlagabtausch.

Franz Beckenbauer vs Diego Armando Maradona.
Live auf der Ehrentribüne des Berliner Olympiastadions.

Im Folgenden ein kurzer Abriss über die spektakulärsten jüngeren Verdienste dieser Fußballgötter:

Beckenbauer:
+ Hat geheiratet. Den Meldungen zufolge eine Sterbliche
+ Guckt sich jedes Gekicke an, ohne auszuflippen
+ Fliegt seinen Hubschrauber wahrscheinlich schon selber. Mit Augenbinde, um gleichzeitig Schlaf zu tanken
+ Findet dennoch jeden Tag die Zeit, mit gelben Fußbällen um sich zu schießen, auf dass sich Zahlen auf einem Stadionrasen formen

Maradona:
+ Stürzt jeden Amateurschreiberling in die Sinnkrise, ob er nun mit einem oder zwei „n“ geschrieben wird
+ Hat derzeit aus unerfindlichen Gründen keine Drogenprobleme
+ Muss mindestens 10 Mal während jeder Übertragung im Bild sein, auch wenn er gerade nur in der Nase popelt
+ Ist immer in Begleitung seiner gotteslästerlichen Tochter. Weshalb Argentinien heute rausfliegen wird. Ich bleibe dabei.
+ Kämpft erfolgreich gegen den Mythos, wonach gestreifte Kleidung schlank macht

Die Ausgangssituation ist klar. Franz hat Heimvorteil. Aber kennt er das Olympiastadion auch gut genug, um rechtzeitig die Ehrentribüne zu finden? Sitzt die teilnahmslose Mimik, wenn die Kamera ihn einfängt? Hat Maradona erneut erstklassige Jubelposen und ansatzlose Hüpfeinlagen im Repertoire? Wen drückt er? Wann drückt er? Wie fest drückt er?

Gerüchteweise soll auf dem Spielfeld auch ein reizvolles Begleitprogramm stattfinden. Irgendwas aus Europa gegen irgendwas aus Südamerika. Details im Programmheft. Wer will, kann sich davon kurz ablenken lassen.

– Leute, passt mir auf den Ritchie auf. Ja, ich meine den Lionel Messi. Den nenne ich Ritchie, weil er aussieht wie ein Ritchie. Jung, lange Haare, desinteressierter Blick und ein Gesichtsausdruck, als wüsste er gerade nicht so genau, wo er ist. Die Sorte von Mensch, die einen vor der Rockdisko um eine Zigarette anschnorrt und dann weitschweifig erzählt, weshalb Black Sabbath die beste Band aller Zeiten ist. Alles Tarnung! Der Bub soll den Teufel im Fuß haben. Vorsorglich sofort reingrätschen, wenn er den Ball auch nur mit den Augen fixiert.

[Nachbericht]

– AUS, AUS, AUS – Deutschland ist Weltmeister!!!
Okay, noch nicht, aber doch so gut wie. Wer will uns denn jetzt noch aufhalten?

– Ich war schon leicht zittrig, als es nach 15 Minuten noch nicht 2:0 stand. Und nach dem 0:1 war meine Hoffnung doch sehr gedämpft. Aber dann: unser Klose als Mann des Tages. Erst einen Argentinier in einen Kopfball geschubst (0:1), dann wie aus dem Nichts die eigene Birne reingehalten (1:1). So werden Helden geboren. Der Lehmann war zugegebenermaßen auch nicht schlecht.

– Souverän auch, wie die beiden gefährlichsten Argentinier ausgeschaltet wurden. Maradona nicht im Stadion (mein tief empfundener Dank dem dafür Verantwortlichen) und wegen der argentinischen Führung Messi zur Nichteinwechslung gezwungen. Klarer Punktsieg also für Franz, Diego kann höchstens durch ein paar dicke Tränen wertungsmäßig ein wenig herankommen.

– Elfmeterschießen, immer etwas Besonderes. Ich ahnte, dass Ayala verschießt, der hatte ja schon getroffen und einmal pro Spiel ist für einen Verteidiger auch genug. Aber dass die schönste Haarinsel der WM (Cambiasso) den Ball nicht unterkriegt, hatte ich nicht auf der Rechnung.

– Weil ich jetzt gut gelaunt bin, verzeihe ich Beckmanns schönste Verbalschnitzer. Du bist auch Deutschland, Reinhold.

ITA – UKR 3:0

[Vorbericht]

– Schlechte Spielplanfestsetzung, das muss ich schon sagen. Es sind noch 8 Mannschaften im Turnier. Drei davon haben meiner leider nicht maßgeblichen Meinung nach jegliche Chance verwirkt, Weltmeister zu werden. Ich hüte mich davor, Namen zu nennen. Nur soviel: wenn die obige Begegnung vorbei ist, werde ich sicherlich unentschlossen sein: überwiegt die Freude, dass einer der Unwürdigkeitsvertreter definitiv raus ist oder doch der Ärger, dass einer definitiv ins Halbfinale einzieht?

– Die Ukraine ist spielerisch die kleine Version von Italien – und das ist jetzt nicht als Kompliment gemeint. Alle Mann geschlossen zur Schönheitsberaterin, zwei Kilo Öl ins Haar, blaue Trikots an und voilà: Italia 2. Hinten die gute Zementmischung, im Mittelfeld unspektakulär, und vorne mit Treffern der Marke „das hätte jetzt nicht sein müssen“. Wenn das ein Festival der Tore und der Spannung wird, fress ich meinen Wischmob und gurgele das Schmutzwasser hinterher. Wer vor Ende der WM unbedingt noch ein Buch fertiglesen, eine Semesterarbeit fertigschreiben oder endlich den pochenden Weisheitszahn hinten links selbst herauspuhlen will: heute Abend, 21:00 Uhr.

[Nachbericht]

– Ja, ich habe zu tief in den Lästertopf gegriffen. Für italienische Verhältnisse sensationell viele Tore, aber spannend war es eigentlich nicht. Vielleicht für 15 Minuten nach dem Anpfiff zur zweiten Spielhälfte. Wo deutlich wurde, dass die Klitschkos den Ukrainern in der Pause Prügel angedroht haben müssen.

– Italien ist also unser Halbfinalgegner. IHR KÖNNT NACH HAUSE FAHRN, IHR KÖNNT NACH HAUSE FAHRN. Habe ich so ab der 70. Minute ständig gesungen, um die Italiener schon mal zu verunsichern. Die spielen doch nur so erfolgreich, weil sie hoffen, durch den Weltmeistertitel den Bestechungsskandal in ihrer Liga unter den Teppich kehren zu können. Bei dem Gedanken an die frühzeitige Heimreise verkrampfen die sicher. Also: am Dienstag von Anpfiff an alle mitgrölen.

Tag 19: Ode an den Beckmann; professioneller Abseitssteher

[Prolog]

– Na, hat noch jemand Lust auf weitere Achtelfinal-Kracher wie gestern? Nicht wirklich. Ich habe heute Nacht von gefährlichen Flanken, raffinierten Schüssen und akrobatischen Torwartparaden rundum den schweizer bzw. ukrainischen Strafraum geträumt. Die Psychologen nennen das glaube ich Flucht vor der Realität durch Abgleiten in Fantasiewelten.

BRA – GHA 3:0

[Vorbericht]

– Dieses Spiel darf nicht 1:0 ausgehen. NEIN. Elfmeterschießen nach 0:0 will ich auch nicht sehen. PFUI. Einige Tore während der regulären Spielzeit und ein paar gekonnt vorgetragene Angriffe in Verbindung mit liebenswerten Patzern in den Hinterreihen. Das muss doch zu machen sein. Bitte.

– Ghana. Die sympathischen Afrikaner, die es irgendwie geschafft haben, die Vorrunde zu überstehen. Freut mich riesig. Hoffentlich spielen sie weiter so unverkrampft. Unverkrampft ist eh mein Lieblingswort bei dieser WM. Der Roman Herzog hätte seine Freude an den kleinen Rackern gehabt.

[Nachbericht]

– Jaja, Spannung hatte ich nicht im Anforderungskatalog stehen. Man ist ja bescheiden geworden. Afrika ist somit offiziell ausgeschieden. Dabei haben die Jungs aus Ghana wirklich leidenschaftlich mitgespielt, vor allem in der ersten Hälfte. Dass ich Brasilien mal mit eiskaltem Konterfußball verbinden werde, hätte ich mir auch nicht träumen lassen.

– Die für mich spannendste Frage nach dem 2:0 der Brasilianer: heißt der ghanaische Torwart nun Kingston oder Kingson? Für alle, die sich darüber Gedanken gemacht haben, hier die Antwort: K-I-N-G-S-O-N.

ESP – FRA 1:3

[Vorbericht]

– Von den Franzosen darf man jetzt nicht zuviel verlangen. Die haben laut ewig dröhnender Reporterlaberei 8 Jahre lang gar kein Tor erzielt. Bei Weltmeisterschaften. Da muss man einfach mal Geduld haben. Jetzt sind es immerhin schon drei. Bei konstanter Fortführung dieser Entwicklung stellen die schon im Jahre 2046 locker den Torschützenkönig.

– Die Spanier. Zuletzt souveräner Sieger über Saudi-Arabien. Mit 1:0. Schon wieder 1:0. Ich HASSE 1:0. Da muss heute mehr kommen, ihr Iberer.

[Nachbericht]

– Aus dem Poesiealbum des unbekannten deutschen ARD-Zuschauers:

„Und ist das Spiel auch keine Pein, der Beckmann wird es sicher sein“

Ja, unser allerliebster Meister der leicht falschen Formulierungen war erneut in Höchstform. Nur ER wartet auf „die genialischen Momente des alten Kapitäns Zidane“, nur ER sieht „ein bißchen gelbe Karte für Viera“, nur ER weiß, dass „keine Bewegung mehr zu spüren“ ist, nur ER ahnt, dass „das nicht nach Abseits riecht“ und nur ER ist sich sicher, dass nach dem gekonnten Schuss in die Weichteile „Gallas nach Luft schnappt“, obwohl der in dem Moment wahrscheinlich gerade irgendwelche altfranzösischen Flüche in den Nachthimmel von Hannover schreit.

– Insgesamt eine sehr ansehnliche Partie, die ein wenig für den Krampf der letzten Tage entschädigt hat. Ich glaube, wir sind Zeuge der Geburt eines neuen Spielertyps geworden: der professionelle Abseitssteher und Abwehrverwirrer. Beim 2:0 der Brasilianer und beim 1:1 der Franzosen sehr schön zu beobachten – ein Stürmer steht deutlich im Abseits, die Abwehr konzentriert sich auf ihn, während -schwuppdiwupp- aus der zweiten Reihe ein Spieler sich den Pass in den nun freien Raum schnappt und einnetzt.

– Dieser neue Trend muss ausgenutzt werden. Daher im folgenden meine Kurzbewerbung an den deutschen Trainerstab:

Lieber Klinsi, lieber Jogi,

mit diesem Schreiben bewerbe ich mich um die Position des professionellen Abseitsstehers(TM) der deutschen Nationalelf(TM). Ich kann:

in der jeweiligen Landessprache des Gegners laut und deutlich „Oh mein Gott, ich glaube, ich stehe nicht im Abseits“ rufen,

begleitend dazu durch hektische Armfuchtelei gegnerische Abwehrspieler auf mich aufmerksam machen,

infolge mangelnder Fitness sicherstellen, wirklich immer im Abseits zu stehen (Laktatwerttest jederzeit möglich)

durch konstantes Fernbleiben vom eigenen Strafraum die Gefahr von Eigentoren entscheidend mindern und

wegen fehlender Torschusstechnik Michael Ballack die alleinige Chance zu seinem ersten WM-Treffer gewähren.

Rückmeldung bis spätestens Freitag Mittag erbeten. Gehalt bleibt Verhandlungssache und wird von mir vertraulich behandelt. Ich bin mir sicher, ihr werdet euch nicht lumpen lassen.

Mit freundlichen Grüßen,
Euer Mikael.

Tag 18: O Bruno, O Italia, O Helvetia

[Prolog]

Bruno ist tot. Waldi wird in der nächsten Ausgabe seines WM-Clubs mit Sicherheit ins Weißbierglas weinen, weil seine mystisch-religiöse Prophezeiung vom Fußballheilbringer in Braunbär-Gestalt nicht mehr wahr werden kann.

1954: der Bär im Stadtwappen von Bern

1974: Korbiniansbär im Wappen des Erzbistums München und Freising

1990: Rom, Italien, WM-Gewinn. Seit der letzten Papstwahl Bär im päpstlichen Wappen. Papst=Rom (quasi nachträgliche Seligsprechung des Austragungsortes, man kennt das ja in diesen Kreisen)

2006: Bär tot, erschossen von einer Verschwörergruppe aus Argentinien, Portugal, England, Italien, Schweiz, Spanien und Brasilien, um Deutschland am Gewinn der Weltmeisterschaft zu hindern. Großer Ärger, weil das Endspiel extra von Berlin schon ins bayerisch-österreichische Grenzgebiet verlegt worden war. Und zwar derart, dass das eigene Tor immer mitten auf dem Spitzingsee im Landkreis Miesbach gestanden hätte. Damit wäre Lehmann schon unüberwindbar gewesen. Für das Elfmeterschießen schließlich hätten die Brasilianer keine original FIFA-Schwimmflügel(TM) vorweisen können und wären vom guten Schiedsrichter Ivanov allesamt vom Platz gestellt worden.

So wird es Wikipedia zu berichten wissen, wenn man als Stichwort „Waldi-Wahn“ eingibt. Zu den Spielen heute:

ITA – AUS 1:0

[Vorbericht]

– Da tippt wohl jeder auf 1:0. Ich müsste die aktuellen Wettquoten nachschauen, aber ich bin mir sicher, für diesen Tipp kriegt man bei einem Euro Einsatz locker 1,01 Euro zurück. Lieber wäre es mir, wenn Australien in Führung geht und die Italiener Gennaro Gattuso in den Sturm beordern, damit er die dort herumstehenden Verteidiger der Reihe nach zerbeißt.

– Brandheiß: die Italiener haben im Saarland übernachtet. Das Hotel musste extra Klimaanlagen herbeischaffen, damit es die Herrschaften auch schön kühl haben. Der Lieferant wird die Geräte wahrscheinlich bald als „cool italian popo“-Edition teuer weiterverticken. Weicheier. Die Aussis hätten die Nacht in der Kühltruhe verbracht. Inmitten der selbst erlegten Jagdbeute.

[Nachbericht]

– 1:0. Für Italien. Per Elfmeter. Wer hätte damit gerechnet? Immerhin weiß ich seit heute, dass Gattuso sich von einem Mannschaftskollegen die Haare schneiden lässt. Und dass ein gewisser Australier lernen muss, sich im Strafraum nicht rücklings hinzulegen, wenn gerade ein Italiener eingedrungen ist. Sonst keine überraschenden Erkenntnisse.

SUI – UKR 0:3 n.E.

[Vorbericht]

– Von denen wird mit Sicherheit keiner Weltmeister. Darauf lege ich mich jetzt schon fest. Die Ukrainer sind bei mir bekanntermaßen ganz unten durch nach dem Grottenkick gegen Tunesien. Und Koebi Kuhn guckt zu lieb und onkelhaft, um Weltmeister zu werden. Dem fehlt der Killerinstinkt, der einen Trainer dazu antreibt, 5 Minuten vor Schluss bei eigener Führung einfach mal engagiert „Grätscht sie alle um, bis sie nicht mehr zucken!“ reinzurufen.

[Nachbericht]

– Örks. Was soll ich zu dieser Begegnung schreiben? Ein Festschmaus für Menschen, die ihre Erfüllung dabei finden, quälend langweilige Fußballspiele zu sehen. Die versammelten Ballallergiker auf dem Platz haben es nicht mal geschafft, im Elfmeterschießen ein wenig Spannung unterzubringen.

– Vielleicht sollte die FIFA-Regelkommission den Schiris einfach mehr Kompetenzen einräumen. Ich stelle mir das so vor:

1) Wird das Spiel nach 30 Minuten primär von grausiger fußballerischer Ödnis geprägt, darf der Unparteiische wahllos gelbe und rote Karten verteilen.
2) Nach 60 Minuten ohne spielerische Besserung darf die Partie abgebrochen und sofort das Elfmeterschießen eingeleitet werden.
3) Bietet auch das Elfmeterschießen für den Zuschauer keine hinreichende Entschädigung, werden beide Mannschaften mit sofortiger Wirkung vom Turnier ausgeschlossen.

Wenn es so liefe, könnten die Ukraine und die Schweiz schon mal zusammen eine Maschine für den Rückflug buchen. Spart deren Geld und vor allem meine Nerven.

Tag 17: A terrible G cucumber; Schiri-Gott Ivanov

[Prolog]

Nachdem die Klinsmänner das Halbfinale schon jetzt sicher in der Tasche haben (siehe letzter Beitrag unten), kümmern wir uns nun um den dort anzutreffenden Gegner.

ENG – ECU 1:0

[Vorbericht]

– Questions you are not supposed to be asked during the world cup (noncompliance may legally allow you to kill the inquirer), lesson one:
„Hatten wir bei dieser WM eigentlich schon ein Elfmeterschießen?“
Did we already see a penalty shoot-out in this world cup?

Haha. Kleiner Scherz.
Wenn es heute Abend wirklich soweit sein sollte, muss ich auf meinem Receiver nochmal Sky News suchen gehen. Die Heimreise der Three Lions ist doch immer wieder ein Highlight bei Europa- und Weltmeisterschaften. Wo die Südländer heulen, hadern die Engländer mit dem Schicksal und greifen so tief in die Tragikkiste, dass der alte Shakespeare sich im Grab windet. Muss man als echter Fußballfan mindestens einmal in seinem Leben erlebt haben. Ich drücke ganz fest die Daumen.

[Nachbericht]

– Oh my god. What a terrible g cucumber. Oh mein Gott. Was für ein schreckliches Gegurke. Ecuador mit einer Riesenchance zu Beginn, Beckham mit dem Freistoßtor und der englische Keeper ist – Originalton mein Bruder – „zu doof, um verletzungsfrei hinzufallen“.

– Bester Kommentatorenmoment: „Beckham ist ein echter Kapitän. Er humpelt auch ein wenig.“ Wusste gar nicht, dass das für den Job zu den Grundvoraussetzungen auf der Insel gehört.

– John Terry wurde übrigens zum „Man of the Match“ gewählt. Klar, der hat auch für den besten kreativen Moment im Spiel gesorgt, als er die Vorlage zur Chance der Ecuadorianer gegeben hat.

POR – NED 1:0

[Vorbericht]

– Portugal oder Holland, da kann ich mich ja gar nicht entscheiden. Ich bin bekanntlich ein untypischer Deutscher und halte mich von billigen Hollandzoten fern, ja hätte den Oranjes sogar ein gutes Turnier zugetraut. Aber so wie die in den letzten Spielen gekickt haben. Nee. Dann lieber Portugal. Über die habe ich auch noch kaum Lästermaterial zusammengebraut und ausgeschüttet.

[Nachbericht]

– DAS war mal ein Spiel. So soll das sein. Zwei Mannschaften, die Fußball spielen können. Ein Schiri im Verwarnungsrausch. Ein hervorragend herausgespieltes Tor zum 1:0. Ein Team, das verzweifelt einem Rückstand hinterher läuft. Und wenn mal gerade kein Spielfluss zustande kommen will, wird eifrig Holz gehackt. Das ist Unterhaltung, da sehe ich gerne hin. Der krasse Gegensatz zu diesem verweichlichten, metrosexuellen den-Ball-per-Freistoß-ins Tor-Gezwirble von heute nachmittag.

– Emotionen gab es auch im Angebot. Wie z.B. der Ronaldo geheult hat bei der Auswechslung. Ich hatte wirklich darauf gewartet, dass Frauke Ludowig quer über’s Feld hechelt, um sich nebendran zu setzen, die Tränchen mit der Handkamera aufzunehmen und blöde Fragen zu stellen.

– Der Schiri verdient einen eigenen Absatz. Der gute Mann war der Fun-Faktor schlechthin. Und bot reichlich Potenzial für Partyspiele am Rande der Begegnung. Als da wären:

1) heiteres Raten, ob der verwarnte Spieler vom Platz geht oder nicht,

2) hektisches Rufen von Verwarnungsprognosen („gelb“, „gelb-rot“, „rot“, „irgendwas“) bei jeder Aktion und

3) sinnfreies Erfinden von Verwarnungsgründen („Figo hat seine Kapitänsbinde schon abgegeben – gelb-rot!“, „Ronaldo heult wegen Verletzung – nachträglich gelb!“, „Rudelbildung außerhalb des Spielfeldes durch bereits vom Platz verwiesene Spieler – rot!“. Ich glaub, der Schiri nestelt heute Nacht noch während des Schlummerns instinktiv an der Brusttasche herum.

– Einziger negativer Aspekt der Partie: die Portugiesen müssen gegen England wieder eine Mannschaft zusammenbringen. Ich würde ja ernsthaft über eine Amnestie wegen des großartigen Unterhaltungsfaktors nachdenken.

– Zum Schluss noch dies: Ruud, komm zu Schalke. Da werden dich alle lieb haben.

Tag 16: Ausscheidungsspiele; Maradonas abgebrühtes Töchterlein

[Prolog]

– „Heute beginnen die Ausscheidungsspiele. Nein, damit sind keine Festwochen für Proktologen gemeint“.

Ich überlege gerade, wem ich diese Anmoderation zutraue. Kerner? Nein, der weiß nicht, was Proktologen sind. Kloppo? Der fliegt sofort bei Mainz raus. Meiers Urs? Darf nie wieder eine Pfeife in die Hand nehmen. Einer aus dem „Nachgetreten“-Panel? Nein, zu intellektueller Ansatz. Der Franz? Ja, der Franz bringt den. Und die Bild-Zeitung analysiert tags darauf die Stuhlproben aller Nationalspieler mittels anerkannter Parapsychologen.

– Ausscheidungsspiele sind die besseren Spiele. Sicher, auch hier kann es zu üblem Gegurke auf dem Feld kommen. 0:0 zur Halbzeit, 0:0 nach 90 Minuten, 0:0 nach 120 Minuten. Aber selbst wenn das anschließende Elfmeterschießen so langweilig wird, dass der eine Torwart dem anderen den Ball vor Entkräftung nicht mehr ins Netz schieben kann, steht doch eines fest: einer darf nach Hause fahren.

– Da sind sie dann wieder, die Momente für Liebhaber großer Emotionen. Je südlicher die Lage des betroffenen Landes, desto hemmungsloser wird geheult. Das entschädigt für vieles, wenn ganze Landstriche im Tränenmeer versinken oder das Haus des Trainers/eine Puppe des Schiedsrichters öffentlich verbrannt wird.

GER – SWE 2:0

[Vorbericht]

– Die Schweden sind emotional doch eher unterkühlt, deshalb können die ruhig aus dem Turnier rausfliegen. Ich höre schon die Pressekonferenz des Trainers Lagerbäck vor meinem geistigen Ohr:

„Wir sind draußen. Hat nicht sollen sein. War aber schön hier. Vielleicht ein bißchen zu warm. Ich muss weg. Mein Elchgeschnetzeltes wird kalt. Tschau.“
Wir Deutschen hingegen sind vom Weiterkommen abhängig. Alle sind gut drauf, alle sind euphorisiert, das Bundesmerkel kann schöne neue Steuern erfinden oder die alten erhöhen, damit unser Land noch weiter vorwärts kommt. Wäre doch schlimm, wenn das alles enden sollte.

– Wahrscheinlich laufen die Schweden diesmal mit Ibrahimovic auf, dem Mann mit dem schwedischsten aller schwedischen Namen. Beunruhigt mich in keinster Weise, unser Klose hat schon mehr Tore erzielt, wie die ganzen Nordmänner zusammen. Das sollte eher denen zu denken geben.

– Ein weiterer klarer Sieg im Bereich der Haarschmuckanalyse: Schweden-Jedi Wilhelmsson mit seinem Star Wars-Episode 2-Gedenkzopf hat keine Chance gegen Schweinsteiger, dessen Frisur zu verfilmen sich noch kein Regisseur dieser Erde gewagt hat.

– Natürlich werden die Experten heute wieder anfangen: die Deutschen haben seit dem 0:1 in Wembley nicht mehr gegen eine Spitzenmannschaft gewonnen. Müssen sie auch nicht, um Weltmeister zu werden. Nach den Schweden im Achtelfinale kommen die Mexikaner im Viertelfinale und gegen die spielen wir ja fast immer bei Weltmeisterschaften. Halbfinale Ecuador und Finale Australien. Okay, die sind zäh, aber die knacken wir im Elfmeterschießen.

[Nachbericht]

– Sensationell, was dieser Klose zusammenspielt. Die Vorbereitungen zu den Treffern von Podolski waren ganz, ganz großes Fußballkino. Da kann sich der Ballack voll und ganz auf die Distanzschüsse konzentrieren, die ab dem Halbfinale dann hoffentlich alle reingehen. Ich bin verblüfft.

– Die Taktik von Klinsmann kristalliert sich immer mehr heraus: Demoralisierung des Gegners durch a) frühe Tore (der gemeine englische Journalist wird für morgen wieder das Wort vom Blitzkrieg entstauben), b) Platzverweis, und c) angetäuschtes Herankommenlassen, um gegnerisches Versagen zu provozieren (Elfmeter). Die Schweden waren so fertig, die haben dem Metzelder sogar den liegengebliebenen Schlappen weggekickt, um wenigstens ein Erfolgserlebnis zu haben.

– Wenn es so weitergeht, vor allem, wenn wir gleich zu Beginn jedem Gegner zwei Tore reinhauen, werden wir Weltmeister. Davon erholt sich kein europäisches Spitzenteam und die Südamerikaner verlieren die Spiellust und holzen drauf los. In dem Fall gilt: ruhig weiterspielen und ausbluten lassen.

ARG – MEX 2:1 n.V.

[Vorbericht]

– Wie schon im Prolog beschrieben, hier ist das große Heulen garantiert. Ich weiß jetzt nicht, wen ich lieber ins Taschentuch schneuzen sehen will: Maradona oder den mexikanischen Trainer La Volpe. Wobei ich nicht glaube, dass La Volpe weinen dürfte. Der muss wohl eher zügig die Rückreise buchen, weil er a) gebürtiger Argentinier ist und b) sein Haus brennt.

[Nachbericht]

– Argentinien ist also unser Gegner im Viertelfinale. Abgesehen von diesem richtig abgefahrenen Siegtreffer (der wieder die Frage aufkommen lassen wird, ob die Mexikaner nicht mal bald einen 2 Meter-Schlaks für die Torwartposition heranzüchten sollten) darf man aber konstatieren: die Gauchos kochen auch nur mit Wasser bzw. spielen den Ball auch nur mit dem Fuß.

– Der Einzige, der mal die Hand benutzt hat, wurde heute wieder in kaiserhaften Posen auf den Zuschauerrängen abgelichtet. Keine Sorge, Maradona, im Viertelfinale ist Schluss und das kann ich sogar begründen. Schuld ist nämlich dein Töchterlein, das ausgebuffte Früchtchen.

– Wer hat diese Szene auch mitbekommen? Kurz vor Ende der regulären Spielzeit sah ich Maradonas Kleine, wie sie sich zuerst bekreuzigt und direkt danach mit jeweils gespreiztem kleinem Finger und Zeigefinger (der Fachmann nennt das Pommesgabel oder Teufelszeichen) die Händchen in die Luft schüttelt. Sowohl den lieben Herrgott als auch den Teufel um Beistand bitten, ist grob unfair. Quasi die religiöse Blutgrätsche von hinten. Da wir bekanntlich Papst sind, setzt es deshalb am Freitag eine Klatsche, dafür sorgen schon unsere beiden Stürmer, die ja nationentechnisch doppelt Papst sind. Sowohl aktuell als auch vorher.

Tag 15: Die Stunde des Religionsbeauftragten; heißer Flirt zwischen Reporter und Torwart

UKR – TUN 1:0

[Vorbericht]

– Der Religionsbeauftragte in der Programmredaktion der ARD hatte heute seinen großen Tag. „Was übertragen wir denn?“, fragt der Programmchef in die Runde, „Ukraine gegen Tunesien oder Saudi-Arabien gegen Spanien?“. Sofort johlt es aus der weiblichen Kompetenzecke: „Spaaaanien, mit dem süßen Rauuuuul“.

Der Männerbeauftragte meldet sich zu Wort: „Unfassbar, wie die Ukrainer wegen ihres offensichtlichen Mangels an Attraktivität (außer Shevshenko natürlich) benachteiligt werden sollen. Für die Spanier geht es darüber hinaus doch um nix mehr“.

„Meine lieben Brüder und Schwestern“, setzt der Religionsbeauftragte an, „denket an unsere muslimischen Freunde und haltet inne: die wollen doch nicht sehen, wie die Saudis tormäßig gedemütigt werden. Theoretisch müssten die mindestens 8 Dinger fangen. So gehet hin und übertraget die Tunesier, die mit Gottes Gnade vielleicht ein paar weniger Tore reingehauen bekommen“. Und so geschah es.

[Nachbericht]

– Verschwörungstheoretiker aufgepasst! Ich glaube, ich bin einer großen Sache auf der Spur. Ich habe noch keine Beweise, aber es könnte sein, dass Pavel Nedved heimlich bei den Ukrainern mitspielt – und zwar unter dem Namen Maksym Kalinichenko. Die Frisur stimmt schon mal 100%. Ich werde das weiter verfolgen, versprochen.

Pavel Nedveds Doppelgänger?

– Zwei Wochen WM zehren auch an meinen Kräften. In der 60. Minute habe ich die Waffen gegen das geballte Unterhaltungsvakuum dieser Begegnung strecken müssen. Ich werde fortan damit leben müssen, den sicherlich hervorragend verwandelten Foulelfmeter (schnarch) zum 1:0 nicht live gesehen zu haben.

KSA – ESP 0:1

[Vorbericht]

– Wer wirklich mal alle Reservespieler der Spanier sehen möchte, sollte jetzt dieses seltsame und überteuerte Bezahlfernsehen buchen.

[Nachbericht]

– Bocklos auf dem Betze; nur Experten werden sich noch Jahre darüber streiten, welches der beiden heutigen Spiele langweiliger war.

SUI – KOR 2:0

[Vorbericht]

– Koebi vor dem großen Triumph. Hoffentlich sitzen die Teammanager nicht schon zusammen und hecken ein hohes Unentschieden aus, um sicher weiterzukommen. Wenn diese Begegnung 6:6 endet und nach der WM der erste Hyundai mit eingebauter Kuhglocke und Schokoladenspender rauskommt, würde ich mal nachhaken. Die Franzosen können dem freilich locker entgegen sehen, wenn sie deutlich gegen Togo gewinnen. Aber wer glaubt denn an sowas?

[Nachbericht]

– Schweiz auf Platz Eins. Wer hätte das gedacht.

TOG – FRA 0:2

[Vorbericht]

– Frankreich ohne Zizou. Die ARD überträgt die Partie doch nur, um im Falle des Ausscheidens der Franzosen minutenlang mit der Kamera auf Zidane zu halten, damit der Kommentator losheulen kann. Ich glaube, ich würde mitheulen.

[Nachbericht]

– Bei aller Freude über das Weiterkommen der Franzosen – als Botschafter der Stadt der Liebe ist es doch traurig, wie sie mit ihren Treffern das zarte Pflänzchen der amourösen Beziehung zwischen Beckmann und Tormann Agassa zerstört haben. In der ersten Halbzeit noch heiße Liebesschwüre, danach die übliche professionelle Distanz. Ich hatte mich schon auf die Hochzeit am Tag des Finales gefreut.

Erkaltete Liebe - Agassa & Beckmann

Tag 14: Pavels schwerster Auftrag; Ronaldo verwüstet Japan

[Prolog]

– Heute ist kein schöner Tag. Wenn ich mir nämlich die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragenen Spiele so anschaue, hätte ich lieber andere gesehen. Und den Sender, der wirklich alle, alle Partien überträgt, hole ich mir erst wieder, wenn der Kofler im Büßergewand vor meiner Tür steht und Abbitte leistet. Also nie.

CZE – ITA 0:2

[Vorbericht]

– Pavel Nedved, der Mann mit der alle Gegner sofort blendenden Prinzenfrisur und den genialen Pässen, hat heute eine schwere Aufgabe zu erledigen. Sein Königreich Tschechien braucht Punkte, um weiterhin überleben zu können. Dummerweise werden die von dem kleinen, fiesen Drachen Italia bewacht, an dessen schwarzöligem Verteidigungsschild schon viele tapfere Ritter ihr Leben lassen mussten.

– Mein Tipp: gezielt italienische Verteidiger anschießen oder zu unkontrollierten Einschussbewegungen animieren. So haben das die Amis zuletzt gemacht. Sonst sieht es duster aus und Pavel muss sein Geld wohl fortan durch das Mitwirken in billigen Pro7-Märchenproduktionen verdienen. Das wollen wir doch alle nicht.

[Nachbericht]

Tod durch Pippo, Italien zermalmt Tschechien mit zwei Toren. Ich übe schon mal für mein Praktikum bei Corrierre dello sport. Schade, aber die Tschechen waren zu sehr auf Koller eingespielt und der machte vorne gar nicht mit. Hätte denen mal besser jemand gesagt.

GHA – USA 2:1

[Vorbericht]

– Ich hätte gerne die Ghanaer gesehen, vor allem, wenn CZE-ITA die rassige Klasse des live übertragenen Spiels von gestern Abend haben sollte. Ein Afrikaner müsste zwingend für das Achtelfinale gesetzt sein, dass sollte mal jemand dem Blatter Sepp vorschlagen.

[Nachbericht]

– Ghana hat es geschafft. Glückwunsch. Aber ich befürchte, das sind die idealen Gegner für Brasilien im Achtelfinale. Wollen mitspielen, nach vorne rennen und Tore schießen, lassen die Deckung auf und werden schwupp von Ronaldinho und Co. ausgekontert.

CRO – AUS 2:2

[Vorbericht]

– Um die Wurst und nicht um den gegenwärtigen Trikotspannkraftauslastungswert von Ronaldo geht es hier. Leider gibt es davon nur Aufschnitte, äh Ausschnitte zu bewundern. Ich drücke den wackeren Socceroos die Daumen.

[Nachbericht]

– Was für ein Chaosspiel. Fehlentscheidungen, drei gelbe Karten für einen Spieler und Fouls bis zum Abwinken. Aber egal: Hauptsache, Australien ist im Achtelfinale.

JPN – BRA 1:4

[Vorbericht]

– Haben wir nicht alle schon genug von den Brasilianern gesehen? Nein? Gut, dann sehen wir halt zu, wie sie sich gegen die Torschussverweigerer von Japan mit einem glanzvollen 2:0 durchsetzen werden. Japan könnte mit einem hohen Sieg ja noch ins Achtelfinale rutschen. Okay, jetzt haben wir alle einmal herzlich gelacht.

[Nachbericht]

Ronaldo verwüstet Japan wie einst Godzilla – ja, ich höre schon auf. Überraschend gutes Spiel, die Asiaten mit ihrem ersten regulär erzielten Treffer und Ronaldo weiß auch wieder, wo das Tornetz hängt. Nur Kawaguchi dürfte heute Nacht das Hotelzimmer per Handkantenschlag zu Kleinholz verarbeiten.