Japan – Schweden 3:1

Vorbericht:

  • Dürfen die jetzt Weltmeister werden? Man wird ja wohl mal noch fragen dürfen. Jedesmal, wenn es für die deutsche Elf wieder nicht für den Thron gereicht hat, fangen die Diskussionen an. Soll die Mannschaft, die uns rausgekegelt hat, den Pokal holen? Auf dass wir uns zufrieden mit einem „Uns hat nur der Weltmeister was anhaben können“ auf den Lippen zurücklehnen können? Oder gönnen wir es den Fieslingen nicht, die so dreist unseren großen Traum zerstört haben? Bei den Männern ist die Antwort leicht: klares Nein bei Italien, aktuell wegen der jüngeren Geschichte auch bei Spanien. Klares Ja, wenn die Sieger auf dem Weg noch den Holländer ausschalten.  Klare Fangfrage, wenn man den Engländer ins Spiel bringt, denn der setzt sich doch nie gegen uns durch.
  • Nun sind aber all diese deutlich definierten Nationen nicht mit ihren Frauenmannschaften vertreten. Stattdessen Japan, die unermüdlichen Racker, die neben Freistößen und Flanken jetzt auch die disziplinierte Abwehrarbeit perfektioniert haben. Freilich regt sich in diesem Fall der „Jetzt-lass-die-doch-auch-mal“-Instinkt wegen Erdbeben, Atomunfall und den freundlichen „Thank you for your support“-Bannern, die sie am Ende des Spiels immer umhertragen. Anständig sind sie, nett sind sie, bescheiden sind sie, die würden sich sogar bei Marta entschuldigen, wenn sie ihr im Weg stehen sollten. Oder Schiedsrichterinnen applaudieren, die sie grundlos ihre Elfmeter wiederholen lassen.
  • Ich denke, ich entscheide das nach dem Spiel gegen die Schwedinnen. Da müssen die Töchter Nippons aber anders spielen als gegen uns. Wieder die 120 Minuten-Rumwusel-Taktik mit einmal ins Tor schießen wäre mir zu wenig. Sollten sie jedoch gegen die körperlich überlegenen Nordfrauen spielerisch was reißen, wäre ich der letzte, der sich weigerte, sich einen großen roten Punkt ins bleichgeteinte Gesicht zu malen.
  • Schweden bleibt die Überraschungsmannschaft dieser WM. Nach den ersten beiden Spielen hätte ich denen im Idealfall eine knappe Niederlage gegen Brasilien im Viertelfinale zugetraut. Jetzt können sie mit Lisa Dahlkvist die Torschützenkönigin des Turniers stellen, so die Mittelfeldspielerin noch einmal, besser zweimal einnetzt. Lotta Schelin hingegen ist eh schon jetzt meine Torjägerin der Herzen. Keine jagt schöner, da wird das Treffen zur Nebensache.
  • Lottchen hat übrigens aktuell Nase, also Schnupfen. Das wird sie aber weder am Einlaufen, noch an der Aufführung des sogenannten Logobitombo hindern, dieses kleinen hoppsenden Ausdruckstanzes nach einem Treffer. Nicht mal Wikipedia weiß dazu Genaueres, aber ich denke mir jedesmal, dass bei seiner Entstehung sanfte psychoaktive Drogen im Spiel gewesen sein müssen. Übrigens ein Import aus Schelins Vereinsmannschaft Lyon, denn der gemeine Schwede drückt seine innersten Gefühle exklusiv beim Headbangen aus.

Nachbericht:

  • Ich sage Ja zu Japan. Diese blau-weißen Rasenroboter, die heute Abend die staksigen Schwedinnen mit ihren Pässen und Schüssen vom Platz kombiniert haben, dürfen sehr gerne Weltmeister werden. Spätestens als Homore Sawa das 2:1 mit dem Kopf erzielte, hatte die Nadeshiko auch mein Herz erobert.
  • Dabei legten die Schwedinnen mit dem 0:1 so gut vor. Einen kleinen Aussetzer in der Verteidigungs-KI eiskalt mit einem gelungenen Schuss ins Tor ausgenutzt. Doch nach Öqvist kam nur Ödmist. Wo die anderen Teams in Sachen Laufbereitschaft, Kondition und Aufbauspielstörung viel dazugelernt haben, sind die Japanerinnen beim Pass-Spiel aktuell die absolute Macht im Frauenfußball und demonstrieren das in der Folge.
  • Und wenn der Kopf nicht dran kommt, dann nehmen sie eben mittels eingesprungenem Karatetritt die Kugel mit auf den Weg über die Torlinie. Kawasumis Ausgleich wird in die Kategorie der Irgendwiehalt-Treffer eingehen. Zu dem Zeitpunkt spielen eh nur noch die Asiatinnen, bestimmen anders als noch gegen uns die Partie.
  • Klar ging dem 2:1 ein Fehler der schwedischen Keeperin Lindahl voraus. Aber das Ding mit dem Kopf reinzustubsen, ist schon besonders niedlich. Bleibt noch der zweite Treffer von Kawasumi zu erwähnen, die einen herausgefausteten Ball mit technischer Präzision und flink aus gut 30 Metern ins leere Tor versenkt. Es bleibt bei der schon anlässlich der Männer-WM gelernten Faustregel: man darf Japaner nicht alleine mit dem Ball lassen – unabhängig vom Geschlecht.
  • Japan gegen die USA lautet also die Finalbegegnung. Abby Wambach shampooniert sich angesichts der Art ihrer bisher erzielten drei Tore bestimmt schon die Kopfhaut. Mit einer Leistung wie heute Abend gegen Frankreich wird aber auch ihr Team gegen diese faszinierenden Ballexpertinnen aus dem fernen Osten auf größere Probleme stoßen.

Niederlande – Dänemark 2:0

Vorbericht

  • Montag, 8:30 Uhr: Arbeitgeberpräsident Dr. Dieter Hundt sitzt gramgebeugt an seinem Schreibtisch und schüttelt den Kopf. Sein Plan scheint nicht zu funktionieren. Dabei wollte er doch nur die deutsche Wirtschaft vor immensem Schaden bewahren. Was war er damals schockiert gewesen, als er hörte, dass der übergeschnappte Afrikaner während der WM sogar Spiele mitten in die schönste deutsche Kernarbeitszeit hinein übertragen wollte.
  • Flugs setzte er sich mit der renommierten Werbeagentur Schönfärb & Wort-Müll zusammen, die seine Kampagne als „fresh. wild. irresistible“ gelobt hatte. Er höchstselbst im Deutschland-Trikot, mit seinem gewinnendsten Lächeln, die  orange-rote Karte dynamisch dem Betrachter ins Gesicht haltend: „HOLLÄNDER? NICHT WÄHREND MEINER ARBEITSZEIT!“ 10 Millionen Aufkleber als BILD-Beilage, Premium Social Networking Guerilla-Marketing und Arbeitsministerin Ursula von der Leyen hatte sogar fest versprochen, bei der offiziellen Pressekonferenz als Frau Antje verkleidet mehrere kalte Platten mit Holländerwitzen zu servieren. Doch die einzige Reaktion bisher war ein Kommentar auf Facebook mit dem Inhalt „Hundt? Am Arsch! Nix da! Olé Olé Olé Olé Olé! Schalalalala!“
  • Vor dem Holländer brauchen wir seit unserer Lehrbuchvorstellung gestern Abend keine Angst mehr zu haben. Vielleicht höchstens, wenn er in der Vorrunde Käse spielen sollte. Dann nämlich hebt er sich die Sahne für die Ausscheidungsrunde auf – und dann wird’s gefährlich! Gott sei Dank ist er bisher noch nie auf diese Idee gekommen.
  • Arjen Robben, der Mann mit dem Teufel im linken Fuß, kann wegen seiner Verletzung noch nicht ins Turnier eingreifen. Stattdessen singt er im extra angemieteten Studio in Kapstadt die Hymne „Hoep Holland Hoep“ ein, deren Tonspur das niederländische Fernsehen über den trötenden Liveton legen wird. Eine feine Sache.
  • Der Däne hat weiterhin das Urlaubsfußballer-Image an sich kleben. 1992 in Schweden wegen des Kosovo-Krieges für Jugoslawien ins Turnier gekommen, ein paar McDonald’s geplündert, in der Sonne gelegen und am Ende Europameister geworden.
  • Dänemark hat durch und durch sympathische Spieler und Fans, Morten Olsen besetzt schon seit gefühlten 200 Jahren die Trainerbank, für „Spielabbruch“, „Stadionverbot“ oder „Störenfried“ lassen sich nirgends Übersetzungen finden. Kurzum: unsere nördlichen Nachbarn sind die Darlings, die Golden Retrievers des Weltfußballs. Man krault sie gerne hinterm Ohr, weil man weiß, dass sie nicht beißen. Vorne im Sturm sind sie nämlich so durchschlagskräftig wie ein weichgelutschter Legostein. Wie alle Skandinavier sind sie gern gesehene Gäste, denn als Gastgeber kann man damit rechnen, dass sie keinen Nachschlag verlangen und die Teller sauber zurückgeben.

Nachbericht

  • Dieser Bert van Marwijk ist ein Fuchs. Lässt seine Jungs genau so spielen wie ich befürchtet hatte. Den Turnierschönspielpreis ganz dreist uns unterjubeln, um dann im Windschatten in der Runde der letzten 16 schön Gegner um Gegner nach Hause zu schicken. Ich fall da nicht drauf rein.
  • Die Niederlande tat sich lange schwer mit dem Gegner. In der ersten Spielhälfte hatten die Nordmannen gar die besseren Einschussgelegenheiten, agierten zudem roboterhaft diszipliniert in der Abwehr und machten die Räume dicht. In der 46. Minute aber landet eine Flanke von van Persie unglücklich auf dem Selbstzerstörungsknopf des Dänen Poulsen – bzzzzz – Rücken von Agger – Tor. Mir ein Rätsel, wo der den Ball hinköpfen wollte, das kann einfach nur ein technischer Defekt gewesen sein.
  • Mit dem Tor lief es lockerer, Robben auf der Ersatzbank konnte aufhören, hektisch seinen linken Oberschenkel zu dehnen. Ich schreib als Fazit mal zwei Sätze hin, die mir selbst Angst machen:
  1. Der Niederländer spielte heute fast ein wenig wie Deutschland 2002. Ein bisschen Dusel beim Führungstreffer, dann die Fitness in die Waagschale geworfen und die Punkte nach Hause gebracht.
  2. Wir Deutschen sind momentan die Niederländer des bisherigen WM-Verlaufs.