Uruguay – Ghana 5:3 n.E.

Vorbericht

  • Uruguay gegen Ghana im Viertelfinale. Das erinnert mich an zwei Jungs in der 8. Klasse, die auf den hintersten Bänken sitzen, maximal eine 3+ in den Klassenarbeiten bekommen und nun plötzlich eine 1- einreichen und damit den ganzen Notenschnitt versauen. Die Folgen sind klar: Hinterbank adieu, ab in Reihe eins, Aug‘ in Aug‘ mit dem Lehrkörper. Und dann kommt raus, dass die Elitenote doch nur ein kurzzeitiger Ausrutscher nach oben war. Wenn das heute Abend ein Gala-Kick werden sollte, will ich nichts gesagt bzw. geschrieben haben. Im Falle eines 0:0 mit anschließender Verlängerung und unspektakulärem Elfmeterschießen wälze ich mich allerdings auf meinem „Hab‘ ich’s doch gewusst“-Teppich der Vorahnung.
  • Uruguay muss ohne Diego Godin auskommen. Der Oberschenkel lässt es nicht zu! Nein, dieser Pechvogel. Das hätte heute sein Spiel werden können. Nee, ich mach nur Witze, ich weiß selbst kaum, wer das ist. Aha, in der Innenverteidigung spielt der Mann. Früher hätte man über Innenverteidiger von Uruguay kein so großes Buhei gemacht. Abwehrbeine hatte es auf der Ersatzbank doch traditionell in Hülle und Fülle, da standen 10 Mann auf, wenn nach einem neuen Paar gerufen wurde. Ich habe im Verlauf des Turniers mit Müh und Not den Luis Suarez neben Diego Forlan als Spieler der Himmelblauen wahrgenommen. Bis Godin dran ist, dürfte der Spaß rum sein.
  • Der Ghanaer spielt nun für ganz Afrika. Da ist sich selbst der Afrikaner ausnahmsweise mal einig. Sie haben sich gemausert, die Mannen um Richard Kingson, über den ich hier kein lästerndes Wort mehr fallen lassen werde. Diszipliniert, kraftvoll, kämpferisch, dynamisch, ordnungsliebend. Fast wäre man versucht, sich noch mal den Reisepass zur Kontrolle vorlegen zu lassen, ob die auch wirklich alle vom veranstaltenden Kontinent stammen. Sollten die tatsächlich ins Halbfinale vordringen, war es sicher das Verdienst von Kevin-Prince Boateng, der ja in unseren U15 bis U21-Nationalmannschaften alles gelernt hat. Das ist moderne Entwicklungshilfe. Die natürlich spätestens dann aufhört, wenn es gegen die Niederländer geht. Oder gegen uns.

Nachbericht

  • Ein gefälliges Spiel, das von diversen Aussetzern in den jeweiligen Verteidigungsreihen plus Torwart lebte. Hochglanztechniker waren nicht anwesend, viel Kampf- und Kraftmeierei war angesagt und bei den Toren vergaßen beide Keeper kurzzeitig und großzügig ihre Hauptaufgabe.
  • Das Highlight waren hingegen die Elfmeter. Dankt dem Fußballgott für die Elfmeter! Früher gab es ja mal das Golden bzw. das Silver Goal, aber das durfte sich einfach nicht durchsetzen. Dachte sich auch Asamoah Gyan und wuchtete die Gelegenheit zum inoffiziellen Golden Goal an die Latte. Vorausgegangen war ein nicht mal geschickt verstecktes Handspiel von Suarez, der aber ganz schlau zur Tagesordnung übergehen wollte und es wirklich schaffte, verdutzt zu wirken, als er die rote Karte ins Gesicht gehalten bekam. Das ist auch eine Leistung, ich hätte das ohne leicht dreckiges Grinsen nicht hinbekommen.
  • Asamoah Gyan verschießt also. Ist ja auch kniffelig mit dem Geballere aus kurzer, freier Distanz. Hoch und in den Winkel ist immer prima, geht aber gerne fließend in hoch und an die Latte über. Wie grausam der Fußball sein kann, zeigt sich, wenn der Schuss im Elfmeterduell danach perfekt sitzt. Gyan hätte wohl einiges dafür gegeben, die Fußstellung zu seinem Treffer mitnehmen und die Zeit zurückdrehen zu können.
  • Ich und mein Bruder tippen natürlich immer, wer reinhaufreudig rangeht und wer zauselig zimmert. Einhelliges Credo: wenige Schritte Anlauf sind nie gut. Das läuft dann so peinlich ab wie bei John Mensah: tapp, tapp, hepp und wie von einem Sack Zement abgeprallt dumpft die Kugel zurück. Ein Partykiller, als würde jemand im trötenbesetzten Fanblock plötzlich eine Tuba ziehen und das Ave Maria anstimmen.
  • Dann schon lieber gepflegt breit drüberhobeln wie dieser eine Uruguayer im späteren Verlauf. Gewinner des Matches war natürlich El Loco, Sebastian Abreu. Reingehumpelt zum Siegtreffer wie damals Panenka – eine Art, die bei mir immer als erstes ein spontan ausgerufenes „Arschlochtor“ provoziert, dann aber stets von einem anerkennenden Kopfnicken und Lachen begleitet wird.
  • Afrika ist draußen. Tapfer gekämpft, ihr Ghanaer, aber wenn man die Geschenke nicht annimmt, darf man sich nicht wundern. Eventuell wird diskutiert werden, ob ein Handspiel wie von Suarez in einer solchen Situation nicht gleich direkt mit einem gegebenen Tor bestraft werden sollte. So wird der wendige Uru-Stürmer heute nacht sich beruhigt in den Schlaf wiegen mit der Gewissheit, eine ganze Nation gerettet zu haben.
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USA – Ghana 1:2 (n.V.)

Vorbericht

  • Der Amerikaner wittert seine Chance. It’s time for US. Nothing’s gonna stop US now. Was sind die drüben ausgeflippt, als Landon Donovan das 1:0 gegen Algerien erzielt hat. Ich war überrascht, welche Euphorie dieses Tor auszulösen vermochte. Hoffentlich sind die jetzt nicht enttäuscht, wenn ihnen jemand erklärt, dass sie es damit gerade mal in die Playoffs geschafft haben.
  • Fußball heißt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ja immer noch Soccer statt Football. Altmeister John Cleese hat in seiner unnachahmlichen Art diesen Irrsinn zu ergründen versucht. Dabei ist der Hintergrundgedanke ganz simpel: reicht es nicht für den ersten, sozusagen den USA-Platz im Turnier, dann liegt Soccer wieder so wunderbar nah an Sucker, dem saugenden Lutschersport.
  • USA gegen Ghana ist auch das Duell mit dem letzten verbliebenen afrikanischen Vertreter. Schmeißen die Amis Kevin Prince und sein Gefolge raus, dürfte das politische Folgen nach sich ziehen. In dem Fall könnte eigentlich nur Universalweltmeister Barack Obama schlichten. Aber der erforscht glaube ich im Moment eher unnatürliche maritime Erdölvorkommen und stellt Rekorde im Schuldenmachen auf.
  • Ghana hat in drei Spielen noch kein Tor aus dem Spiel heraus erzielt. Sondern nur zweimal per Elfmeter getroffen. Ich schweige mich jetzt mal vielsagend darüber aus, welche Taktik da für das Achtelfinale ausgegeben worden sein könnte. Vielleicht geht es aber auch schief, denn der Ami kennt im Fußball keine Taktik. Ball nach vorne treiben, USA USA schreien und den Rest besorgen Landon, Clint und der liebe Gott.

Nachbericht

  • Fußball ist also doch nicht Hollywood. Dabei hatte zunächst alles gepasst: der böse Prinz aus dem fernen Land trifft früh, die US-Boys rappeln sich auf, packen sich gegenseitig an der Ehre, dem Spirit, dem Home of the Brave und der amerikanische Held Donovan sorgt per Elfmeter für den in aller Welt als gerecht empfundenen Ausgleich.
  • Dummerweise macht Asamoah Gyan quasi aus dem Nichts für die vorher quasi nichtexistenten Ghanaer das sehr wohl real existierende 1:2. Danach Kick’n’Rush der Amis, Deckel zu, Helden tot. Das Drehbuch würde sich niemand zu verfilmen trauen.
  • Dabei haben mir die Amerikaner wirklich imponiert. Spielten nach dem Rückstand nach einer gewissen Zeit gut nach vorne, erarbeiteten sich Chancen. Aber man sah auch: wenn auf dem Trikot hinten nicht Dempsey oder Donovan stand, konnte nichts draus werden. Auf der anderen Seite werde ich ab heute aufhören, über Kingson zu lästern. Der hat den Kasten mit allem saubergehalten, was in ihm drin war.
  • Klinsmann sah keine Kommunikation zwischen den Ghanaern, bemängelte die Körpersprache, bewertete es als schweren Nachteil, dass der serbische Coach seine afrikanischen Spieler nicht in ihrer Sprache anreden konnte. Und doch hat Ghana gewonnen. Des hätt net soi dürfe. War aber so. Football, sorry, soccer is crazy.

Ghana – Australien 1:1

Vorbericht

  • Heut‘ bin ich Känguruh, da gibt’s kein Vertun. Ich fände es einfach nicht in Ordnung, wenn der Ghanaer sich unsere Tabellenführung in der Gruppe unter den Nagel reißen würde. So gut hat der gegen den Serben auch nicht aufgespielt. Erst mit der Hinausstellung von Lukovic wurde es damals von der Spielanlage her lockerer. Und schließlich brauchte es einen Handelfmeter (der bei den Serben bei dieser WM zur Tradition zu reifen scheint), ehe der Sieg gesichert war.
  • Wenig hilfreich ist natürlich, dass der beste Mann der Socceroos, Tim Cahill, wegen seiner roten Karte gesperrt sein wird. Für das Spiel der Australier kommt das der Situation nahe, als müsste sich Crocodile Dundee mit einem Teelöffel seinen Weg durch die Wildnis bahnen. Aber ich baue auf den Aussie, der lässt sich nicht unterkriegen, der biegt sich das Ding zurecht und bekämpft damit das Gestrüpp der gegnerischen Abwehr.
  • Sollte der Ghanaer heute hoch gewinnen, haben wir den Druck im letzten Spiel, weil er schon so gut wie im Achtelfinale steht. Sollte er verlieren,  muss er gegen uns auf Sieg spielen. Bei einem Unentschieden… nee, ich will kein Unentschieden. Ich will eigentlich so wenig Spannung wie möglich für unsere Jungs am dritten Spieltag der Gruppe. Deshalb bin ich heute Känguruh.

Nachbericht

  • Der Australier als trinkfester Geselle schießt sich ja gerne mal selbst weg. Meistens hat er dabei ein Foster’s in der Hand. Bei dieser WM gelingt ihm das auch ganz ohne Alkohol, wobei er stets seine Besten trifft. Erst Cahill, nun Kewell. Wenn ich darauf wetten könnte, würde ich Marc Schwarzer als den Kandidaten für das Spiel gegen Serbien benennen.
  • Aber der Reihe nach: beginnen wir mit dem schönsten Baggerversuch des Spieltages. Majestätisch, wie Ghanas Kingson den Freistoß von Bresciano von sich wegschaufelt. Leider sowohl im Volleyball (der Ball hatte schon aufgesetzt) als auch im Fußball unbrauchbar. Holman staubt ab und ich lasse den Bumerang kreisen. Jetzt soll der Ghanaer mal gucken!
  • Schon wieder die falsche Sportart, diesmal Handball im Strafraum der Aussies. Kann man lange drüber diskutieren, wie Kewell seinen Arm hätte halten müssen, dass es keinen Elfmeter gegeben hätte. Schnellamputation und hinter sich ins Netz schmeißen wäre mein Ratschlag gewesen. Asamoah Gyan schiebt so ziemlich genau wie unser Podolski, hat aber Schwarzer ins andere Eck geschickt. Das ist der Unterschied zwischen Elfmeterheld und Elfmeterversager.
  • Mit 10 Mann zum Sieg verdammt gegen 11 entspannte Afrikaner – schwierige Ausgangslage. Wenn ich Löw noch eins in den Notizblock schreiben darf: passt mir auf den Gyan und den Boateng auf – und um Himmels willen schießt öfter mal auf den Kingson!
  • Kurz vor Schluss noch eine Riesenchance für die Australier. Wilkshire, du oller Pflaumenbaum! Schießt einfach den Torwart an! Und Reporter Simon macht eine sensationelle Parade daraus. Der hätte damals im Wilden Westen bei Revolverduellen seine Freude gehabt: „Und wieder großartig mit der Brust abgewehrt!“. Den Schlusspfiff bekommt er als einziger nicht mit. Es sind immer dieselben, die aus der Reihe fallen.
  • Okay, nun müssen wir am Mittwoch gegen die Ghanaer gewinnen. Das kann auch schiefgehen. Vom Australier würde ich keine große Hilfe erwarten, der hat sich mehr ausgebeutelt als ein Beuteltier. Druck aufbauen, schießen, wenn die Verzweiflung groß ist, vielleicht Trochowski wild draufballern lassen. Irgendwie muss das Ding rein. Ich verspreche auch, diesmal nicht im Nationalmannschaftstrikot und nicht in HD zu gucken.

Serbien – Ghana 0:1

Vorbericht

  • Serbien gegen Ghana, das bedeutet auch das Aufeinandertreffen zweier Schwergewichte der Sympathieanziehungskraft. Marko Pantelic vs. Kevin Prince Boateng. Der eine zu seiner Zeit in Berlin treffsicher, aber so beliebt wie eine Bulette mit Schokoladenfüllung, der andere der offizielle Michael Ballack-Umtreter™ der Fußball-WM 2010 in Südafrika™. Hier muss man die für die Ansetzung und Gruppenauslosung Verantwortlichen auch einfach mal loben: die beiden in einem Spiel aufeinander loszulassen, sorgt für mehr unbeschwerte Unterhaltung als eine zugestopfte Vuvuzela.
  • Wie sind sie denn nun drauf, die Nachfahren von Anthony Yeboah? Hinten im Tor scheint wieder Richard Kingson zu stehen, den ich schon 2006  als besten Keeper des Abschlussjahrgangs der Walter Junghans-Schule für angewandte  Ballfang-Allergie gesehen habe. Seit gestern Abend hängt die Latte aber wieder ein Stückchen höher.  Hoffen wir, dass der sympathische Sportsmann dies als besondere Motivation nimmt.
  • Ghana fehlt ohne Frage Michael Essien als Kopf und Kraftmaschine der Mannschaft. Wie die Ghanaer ohne diesen Hansdampf in allen Gassen auf dem Rasen agieren, wird sich zeigen müssen. Vielleicht weiß es ja sein Mitspieler Hanssarpei, der hinten alle Gassen zumachen soll.
  • Bei den Serben viele bekannte Gesichter aus den deutschen Ligen: Neven Subotic, Gojko Kacar, Antonio Rukavina, Zdravko Kuzmanovic. Wer schnalzt da nicht mit der Zunge? Wer möchte da nicht sofort das rote Trikot überstreifen und mitspielen? Wer denkt sich nicht gerade verzweifelt: „Scheiße, ich kenn die alle nicht“?

Nachbericht

  • Es deutet sich ein weiterer Trend bei dieser Weltmeisterschaft neben Vuvuzela-Blödfinden an: ein Spieler vom Platz gestellt und schon wird es für den Zuschauer auf der Couch angenehmer. Nach der gelb-roten Karte plötzlich Torszenen, Paraden, freie Räume. Mein Tipp an den Schiri – einfach mal einen rausholen. Ein Grund lässt sich doch immer finden. Und sei es nur, dass der in die Kabine Geschickte einen Pfiff nicht gehört hat.
  • Den Rest kann ich in Twitter-Form erledigen. Kingson mit verheißungsvollen Ansätzen. Kevin Prince überraschend unrüde im Umgang mit Ball und Gegner. Pantelic harmlos (nicht kaufen, Felix!). Viel Mittelfeldgeplänkel. Keine klaren Torchancen. Immer noch kein Stürmertor. Macht et, Klose.