[Finale] Deutschland gegen Argentinien 1:0 (n.V.)

  • Walter Eschweiler war entschlossen. Fest entschlossen. Zur traditionellen Abschlussbesprechung mit dem Fußballgott würde er unerbittlich sein und den Titel für seine Heimatnation fordern. An eurer Seite. Bereit wie nie. Wenn nicht heute, wann dann. JETZT MUSS!!! Doch als er in den Katakomben des Maracanã-Stadions die Geheimtür zur Residenz öffnet, weht ihm statt dem vertrauten „MEIN GOTT WALTER, ISSES IMMER NOCH NICHT VORBEI?“ gespenstische Stille entgegen.
  • „Hallo? Eure Ballherrlichkeit? HAAAALLLOOO!“
    Walter durchsucht die ganz in weiß gehaltenen Räumlichkeiten, bis er ein leises Wimmern aus dem Bad (vom Fußballgott übrigens scherzhaft „Ausscheidungsraum“ genannt, weil er dort immer zu entscheiden pflegte, welche Mannschaft weiterkommen sollte) vernimmt: „Walter, bist du’s? HILFE! Isse immer noch da? Kann ich endlich raus?“
    „Hier ist niemand“, entgegnet der treue Walter.
    Es klickt im Schlüsselloch, kurz darauf öffnet ein erschöpfter Fußballgott die Tür. „Der Horror, der Horror, Walter. Ich mach das nicht mehr lange mit. Ich werde zu alt für den Scheiß“.
    „Was ist denn passiert, oh Hüter des Runden, Balligen und Schönen?“
    „Also, ich erhebe mich gerade aus dem Bett, will mir einen Kaffee aufbrühen und neue Möglichkeiten, die Brasilianer zu demütigen ausdenken, da sehe ich doch diese Frau sich auf meinem geheiligten Fernsehsessel herumfläzen. Bevor ich auch nur einen Piep sagen kann, erschlägt sie mich schon mit einem Fragenschwall. „Na hallööchen, Frühaufsteher sind wir ja nicht gerade, oder? Hihi. Wann geht es denn sonst so auf die Piste? Wie trinkt der mächtige Fußballgott seinen Kaffee? Wussten Sie, dass ihre weiße Unterwäsche weder blütenweiß ist noch aprilfrisch riecht? Putzt denn hier keiner mal durch? Haben Sie eigentlich eine Freundin? Fühlen Sie sich oft einsam? Wann waren Sie zuletzt am Strand und haben den Sand unter den Zehen gespürt? Hach, wären wir nicht alle gerne mal Brasilianer? Trinken Sie auch mal einen über den Durst? Aus einem Gefühl von Lebensfreude heraus? Ach Gottchen, wie unhöflich, ich Schusselinchen hab‘ mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin die Katrin“.
  • „Ich muss aufs Klo, habe ich gesagt und mich dann eingeschlossen“ erzählt der Fußballgott und streicht sich den Schweiß von der Augenbraue. Von drinnen habe ich noch gehört, wie diese Trulla einige Stichworte in ihr Aufnahmegerät sprach: „Nach Ernährung und Stuhlgang fragen. Angstthema Nähebeziehung Papst – Argentinien ansprechen. Badelatschengeschenk nicht vergessen!“ „Schlimm, mein Gebieter, ganz schlimm“, versucht Walter zu trösten. „Aber die Pflicht ruft, das Finale steht an und diesmal muss ich wirklich sagen….““Ich fand mich dieses Jahr recht ordentlich, Walter“, unterbricht ihn der Fußballgott. „Die Kritiker loben meine Unberechenbarkeit: Spanien früh raus, Italien früh raus, Brasilien satt einen auf die Kappe gegeben und Costa Rica hatte NIEMAND auf der Rechnung. Meine persönlichen Highlights aber waren die Schiedsrichterleistungen“. Eschweiler versucht, sich seine Angespanntheit nicht anmerken zu lassen. „Fand ich jetzt nicht so prickelnd, Chef“, grummelt er zwischen den Zähnen hindurch.
    „Ja, Walter, du als altes Unparteiischengestell siehst das natürlich anders. Aber meine PR-Berater meinten: It’s the human factor. Die reden nur englisch, diese Pappnasen. Es ist nu mal so: Die ganze Torlinientechnologie lässt doch die Leute vom Glauben an mich abfallen, da muss ich gegenarbeiten, einen Kontrast anbieten, Technik mit menschlichem Versagen und menschlicher Unvollkommenheit konfrontieren. Die Unberechenbarkeit ins Spiel bringen. Awake the wildness in your game. Be hungry and explore. Reach for new limits. Das habe ich auch dem Suárez gesagt, aber der hat das glaube ich nicht so recht verstanden.
  • „Damit wäre das auch geklärt. Finale Deutschland gegen Argentinien. Heute Abend, 21 Uhr MESZ. Vorher singt Shakira La la la. So heißt das Lied wirklich. Zum Spiel: Ich hätte da einen Vorschlag….“, setzt Walter an. „Ach ja. Deutschland. Da wird mir von Kritikerseite Günstelei vorgeworfen. Alle früheren Angstgegner zeitig eliminiert, den Gastgeber demoliert, mit Argentinien ein Team ins Finale gehievt, gegen die man zuletzt immer gewonnen hat. Es fehlt schon etwas am WOW-Effekt, wenn die den Titel holen, das musst du zugeben, Walter. Where’s the KA-BOOM? würden meine PR-Leute fragen. Niederlage im Elfmeterschießen, der deutschen Disziplin schlechthin, DAS wäre ein Knaller zum Abschluss!
  • Walter Eschweiler atmet tief durch. Er weiß, jetzt ist es an der Zeit, sein bestes Blatt zu spielen.
    „Wie hieß der ungebetene Frauenbesuch gleich nochmal, oh ewiger Herrscher über den Ballbesitz? Katrin? Wahrscheinlich Müller-Hohenstein? Die kenn ich. Hat mir mal ihre Handynummer hinterlassen. Witziges Detail: Ich habe ihr vor 10 Minuten eine SMS geschrieben, dass Jogi und Hansi gemeinsam nackt am Strand joggen. Schätze, so in einer Stunde dürfte sie wieder hier sein. Sehr wissbegierige Frau. Lässt nicht locker. Kommt überall rein. Kriegt alles raus.“
    „Walter! Du machst mir Angst. Das ist Erpressung!“, entrüstet sich der Fußballgott. In Gedanken sieht er sich schon Auskunft über Sepp Blatters galaktische Welteneroberungspläne geben. Oder über die gemeinsamen Bäder in den unterirdischen FIFA-Geldspeichern in Katar.
    „Okay, Walter. Deine Jungs werden’s. Aber erwarte kein schönes Spiel. Der Klose darf auch nicht nochmal. Und du musst dieser Katrin schreiben, dass ich zusammen mit Blatter auf Geschäftsreise bin. In Russland. Da gefällt’s dem Sepp, da herrscht noch Ordnung, da applaudiert ihm jeder. Der Putin meinte schon, er könnte ihn sich prima als seinen Nachfolger vorstellen. Ach, das soll ich doch nicht weitererzählen. Raus mit dir, Walter und lass die Schlösser auswechseln!“
    Und es geschah, dass Deutschland das WM-Finale mit 1:0 gewann nach einem unspektakulären Tor von Özil, der das so gar nicht wollte.

WELTMEISTER

 

  • Ich bin zu besoffen, um was zu schreiben. Götze, du kleines Pupsbärchen, ich hab dich lieb! Schürrle, du Flankengott! Schweini, keiner blutet schöner! Danke, Deutschland. Danke Brasilien. Danke an alle Leserinnen und Leser hier drinnen. Ich kann noch nicht ins Bett. Morgen nachmittag werde ich das hier lesen, mich schämen und diesen Absatz löschen. Bis dahin wird gefeiert. DEUTSCHLAND IST WELTMEISTER!!!
  • Guten Morgen, Frau Weltmeister, guten Morgen, Herr Weltmeister. Ich grüße alle Weltmeister. Mein Bruder wankte gerade an mir vorbei und klagte sein übliches Leid: Kopfweh, Knieschmerzen, Ohrdröhnen und Verstopfung. Meine Antwort: „ABER SEIT HEUTE HAST DU WELTMEISTERLICHE VERSTOPFUNG!“
  • Was für ein Spiel. Auf meiner Skala hinter 1954 eindeutig auf Platz 2 der deutschen WM-Siege. ’74 waren wir Favorit zuhause, ’90 war grausam langweilig und der Elfer eher „mutig“ vom Schiri. Aber diesmal: ein Auf und Ab. Wenige Minuten vorm Anpfiff:  Khedira sagt Nein. Einfach so. Ordnet sich unter, weil er sich sicher ist, dass ein fitter Kollege mehr bringt als er. Respekt für so eine Entscheidung. Bruder beschwört natürlich sofort üble Mustafi-Vergleiche angesichts Kramer, sieht Messi schon davontanzend Treffer um Treffer erzielen.
  • Die Deutschen machen das Spiel, Argentinien setzt die berühmten Nadelstiche. Kroos köpft den fatalsten Rückkopfball in der Historie der Rückkopfbälle, aber Higuain legt eine schöne Portion Muffensausen vor Neuer in den Abschluss. Danach ein Abseitstor, das der in schönster Heullaune kommentierende Tom Bartels aber erfreulicherweise zeitig als solches kundtut. Schürrle und Kroos mit den ersten echten Chancen, die DFB-Elf kommt eher zu gefährlichen Situationen als die Niederländer im Halbfinale.
  • Kurz vorm Halbzeitpfiff die Riesengelegenheit für Höwedes, der eine Ecke per Kopf an den Pfosten wuchtet. Hätt‘ ich dem Schalker ja sowas von gegönnt, muss ich dann aber schnell in die Schublade „Wenn wir das Ding verlieren, rege ich mich darüber richtig derbe auf“ einsortieren.
  • Ein Auftakt der zweiten 45 Minuten zum Gesichtszügeentgleisen: Messi kommt links durch und zieht den Ball haarscharf am langen Eck vorbei. Sind wir jetzt zu offensiv, da Schürrle für den arg ramponierten Kramer gekommen ist. Wo bleibt das eine erlösende Tor, das wir nach Hause bringen können? Es bricht die letzte Viertelstunde an, eine Stimmung auf dem Feld wie im Sexualkundeunterricht, wenn die Plastikgeschlechtsorgane die Runde machen: keiner traut sich ran, keiner will es wissen.
  • Verlängerung. Ich will glauben, dass Neuer uns im Elfmeterschießen rettet. Aber ich kann es mir nicht mit Sicherheit weismachen. Die Deutschen wagen was, Götze spielt auf Schürrle, der zieht ab und trifft genau den argentinischen Torwart. Auf der anderen Seite Palacio, der kickende Jedi-Ritter frei vor Neuer, lupft über diesen hinweg ins … Aus. Boateng wäre noch da gewesen. Überhaupt war Boateng saustark in dieser Partie, ein toller Kerl, steigt Messi nach und klärt alles, was der Gaucho anstellen will. Dessen Verteidigerkollegen operieren derweil Schweinsteiger an Kopf und Gliedmaßen, aber der italienische Schiri findet es reizvoll und lässt weiterspielen.
  • 113. Minute. Schürrle, der eingewechselte Unsterbliche #1, schleppt sich im Sprint an einem Hellblauweißgestreiften vorbei, flankt nach innen, Götze, der eingewechselte Unsterbliche #2, bekommt den Ball freistehend zwischen zwei argentinischen Verteidigern, stoppt den Ball mit der Brust und schießt halbhoch in die lange Ecke. Tor. DAS TOR. Messi darf nochmal weit über eine Mauer schnibbeln, dann ist Schluss.
  • Um schließlich den ganz weiten Bogen in diesem WM-Tagebuch zu spannen, beantworte ich jetzt noch die Frage vom Bundesjogi aus der Commerzbank-Werbung. „Keiner kann garantieren, dass am Ende alle zufrieden sind. Aber wer kann das schon?“

IHR KONNTET ES. DANKE.

Tore:

1:0 Götze (113.)


Nochmals meinen Dank an alle, die hier mitgelesen, kommentiert, geflattrt, geliket, retweetet und gefavoritet haben. Mir hat es sehr viel Freude bereitet, ich hoffe, ihr hattet beim Lesen auch euren Spaß. Zumindest mit dem Verlauf und Ausgang dieser WM konnte man ja definitiv welchen haben.

 

 

 

Advertisements

14 Gedanken zu “[Finale] Deutschland gegen Argentinien 1:0 (n.V.)

  1. Cooler Text 🙂
    Aber ob sich sowas nicht doch durch einige FIFA-Geheimsitzungen in Katar entscheidet ist ja auch nich geklärt… Kann mir vorstellen wie da der Jogi seine Finanzberater befragt, ob sich des lohnt, das teuer durch Nivea Werbung Geld für so einen mickrigen Wm-Titel auszugeben…

  2. Hurra! Hurra! Hurra!
    Was´n Schei…benhonig, dass ich für heute nicht Urlaub eingereicht hatte … aber wer rechnet denn auch mit SOWAS! Ganz bedüppt bin ich noch …

  3. Klasse, vielen Dank von einem stillen Mitleser. Sie sind für mich der Schweinsteiger der Fußballberichterstatter. Das soll ein Kompliment sein.

  4. 2:1 gegen Algerien – DER THRILLER.

    7:1 gegen Brasilien – DAS SPIEL.

    Das 1:0 von Götze im Finale – DAS TOR.

    Und: Wieder einmal danke für Deine einfallsreichen Beiträge!

  5. Endlich bist du Tagebuch-Weltmeister! Herzlichen Glückwunsch, du hast es mehr als verdient. Vielen Dank für die wie immer beeindruckende Konstanz an herrlich kompetenzfreier Fußballberichterstattung.

  6. Es war wie schon seit 2006 hier – absolut kompetenzfrei, 100% unterhaltsam und niemals so ganz sachlich. Perfekt!

  7. Wie immer die absolute Nr.1 der WM Berichterstattung.
    Habe immer still mitgelesen, dann aber laut gelacht. Ich freue mich schon auf das EM Tagebuch und da es ja gerade nebenan ist, vielleicht mit einem Vor Ort Bericht???

    Kleine Anmerkung noch (keinesfalls mit Kritik verwechseln), da ich fleißig per Feedreader mitlese, ist mir aufgefallen, das manche Nachberichte bei RSS untergehen. Für die Zukunft wären Vor- und Nachbericht im separaten Artikel sicher besser!

    • So sehr es mich reizen könnte, nach Forbach zu fahren, um „vor Ort“ zu berichten: ich denke, ich mach es wie der kleine Philipp und höre auf dem Gipfel der kompetenzfreien Weltmeisterlichkeit auf.

    • Die Aliens werden total überrascht sein, wenn wir ihnen doch mal widerstehen sollten. Das muss echt mal passieren, sonst nehmen die uns gar nicht mehr ernst. Momentan blockiert weiterhin Dark Souls 2 alles bei mir (hab dort jetzt 100 Stunden auf dem Tacho), für die Zukunft böte sich wohl der Nachfolger des Lara-Croft-Coop-Dingens an. Ich selbst bin sehr gespannt auf Alien: Isolation, dem hoffentlich bitte bitte ersten richtig guten Spiel zu den Kultfilmen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s