England gegen Italien 1:2

„Wenn es scheiße wird, wird es für beide Teams scheiße“

  • Sprach der große Andrea Pirlo und meint damit die klimatischen Verhältnisse von Manaus, dem Austragungsort der Partie England gegen Italien. In der „Höllenloch“ genannten Arena Amazonia, die nach der WM nicht mal mehr von einer Profimannschaft bespielt werden wird, herrschen hohe Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit. Ideale Bedingungen also für ein spritziges Spiel!
  • Die Engländer sind seit gestern in Aufruhr. Das Tor von Robin van Persie gegen Spanien hat sie aufgeschreckt und wuschig gemacht. Immer wieder schaufelt Linksaußen James Milner daher den Ball von der Mittellinie nach vorne, wo Wayne Rooney entschlossen nach vorne trabt und einköpft, so um nicht vorher die Luft ausgeht.  Lange Bälle, die lange in der Luft bleiben bis sie einem dank nicht vorhandener Abwehr einsam herumstreunenden Stürmer auf den Kopf fallen sind das neue taktische Erfolgsrezept. Danach geht es mit dem Team in den „offiziellen Fish and Chips-Laden der WM“ in Manaus (kein Witz, den gibt es wirklich) zum entspannten gemeinsamen Auswürgen. Das kann ja was werden.
  • Was gibt’s Neues bei den Three Lions? Wenig. Hinten weiter Joe Hart im Tor, Kapitän ist erneut Steven Gerrard, vorn will Wayne Rooney mal bei einer WM nicht sagenhaft enttäuschen. Robustheit und Physis sind Trumpf; Kreativität, Schnelligkeit und Überraschungen stehen eher nicht auf dem Plan. Noch nicht ganz so geläufige Namen wie Lallana, Sturridge oder Jagielka werde ich mir merken, wenn die Kerle mich in diesem Spiel überzeugen sollten.
  • Die Italiener hingegen haben überrascht bei der vergangenen EM. Nur im Finale gegen Spanien lief die Mischung aus alten und jungen Spielern mit Macken unrund. Pirlo bleibt der Mann für die genialen Momente bei rollendem und ruhendem Ball, die infolge der Temperaturen langsamere Gangart könnte ihm sehr zugutekommen. Mario Balotelli könnte eventuell von dem Neu-Dortmunder Ciro Immobile unterstützt oder gar ersetzt werden, über den ich bei der U21-EM bereits einen Witz gerissen habe, welchen ich hier gerne nochmal verlinke (weil, hey, meine Berichte über diese Veranstaltung hat wirklich niemand gelesen). Im Link gibt es auch noch einen Brüller-Gag über den wegen des Ausfalls von Montolivo dazugestoßenen Marco Verratti. Könnte man jetzt aktuell prima noch mit der NSA als Ort der Handlung verknüpfen.

 

  • Vorab: Scheiße war da gar nichts, ganz im Gegenteil. Auch wenn es mir ein bisschen schwerfällt; man kann die Engländer gar nicht hoch genug loben für das, was sie heute angesichts der äußeren Umstände abgeliefert haben bei Temperaturen, bei denen ich nicht mal eine Apfelsine schälen könnte, ohne als Schweißpfütze zu enden.
  • Besonders auffällig der junge Raheem Sterling. Sieht aus wie eine abgespeckte, 15-jährige  Version von Babyface Gary Coleman, am Ball kann er aber einiges. Bei seinem Schuss in der 4. Minute hätte ich gerne die Bilder der Torkamera gesehen, denn als Schiri hätte ich den direkt gegeben und mich nur über die mangelnde Freude beim Schützen gewundert.
  • Das 0:1 durch Marchisio bescherte einen bei mir seltenen Moment. Mir taten die Engländer richtig leid. Keine Häme, keine Schadenfreude, einfach nur diese Gefühl der kleinen Ungerechtigkeit. Beim Ausgleich durch Sturrington habe ich mich sogar bei einem tonlos ausgesprochenen „Recht so!“ ertappt.
  • Dennoch bleiben die Italiener die Meister in einem besonders wichtigen Fach: Sie sind was das Tore erzielen angeht, effizient wie eine Guillotine mit eingebauter Ersatzklinge. Und der Henker hieß diesmal Balotelli. Vor allem in der zweiten Hälfte, als die Luft noch feuchter und jeder Schritt noch quälender wurde. Vierzig Minuten mussten die Three Lions einem Rückstand hinterherlaufen und gaben alles. Aber wo nicht ein italienisches Abwehrbein lauerte, stand der für Buffon eingesprungene Sirigu und wehrte ab. Am Ende steht die Niederlage, mit den jungen Burschen Sturridge, Sterling, Wilshere und Welbeck können die Kicker von der Insel aber nur gewinnen. Bei dieser WM könnte es allerdings unglücklicherweise wegen der Auslosung in die Todesgruppe D nicht reichen.

Tore:

0:1 Marchisio (35.)
1:1 Sturridge (38.)
1:2 Balotelli (50.)

 

Japan – Schweden 3:1

Vorbericht:

  • Dürfen die jetzt Weltmeister werden? Man wird ja wohl mal noch fragen dürfen. Jedesmal, wenn es für die deutsche Elf wieder nicht für den Thron gereicht hat, fangen die Diskussionen an. Soll die Mannschaft, die uns rausgekegelt hat, den Pokal holen? Auf dass wir uns zufrieden mit einem „Uns hat nur der Weltmeister was anhaben können“ auf den Lippen zurücklehnen können? Oder gönnen wir es den Fieslingen nicht, die so dreist unseren großen Traum zerstört haben? Bei den Männern ist die Antwort leicht: klares Nein bei Italien, aktuell wegen der jüngeren Geschichte auch bei Spanien. Klares Ja, wenn die Sieger auf dem Weg noch den Holländer ausschalten.  Klare Fangfrage, wenn man den Engländer ins Spiel bringt, denn der setzt sich doch nie gegen uns durch.
  • Nun sind aber all diese deutlich definierten Nationen nicht mit ihren Frauenmannschaften vertreten. Stattdessen Japan, die unermüdlichen Racker, die neben Freistößen und Flanken jetzt auch die disziplinierte Abwehrarbeit perfektioniert haben. Freilich regt sich in diesem Fall der „Jetzt-lass-die-doch-auch-mal“-Instinkt wegen Erdbeben, Atomunfall und den freundlichen „Thank you for your support“-Bannern, die sie am Ende des Spiels immer umhertragen. Anständig sind sie, nett sind sie, bescheiden sind sie, die würden sich sogar bei Marta entschuldigen, wenn sie ihr im Weg stehen sollten. Oder Schiedsrichterinnen applaudieren, die sie grundlos ihre Elfmeter wiederholen lassen.
  • Ich denke, ich entscheide das nach dem Spiel gegen die Schwedinnen. Da müssen die Töchter Nippons aber anders spielen als gegen uns. Wieder die 120 Minuten-Rumwusel-Taktik mit einmal ins Tor schießen wäre mir zu wenig. Sollten sie jedoch gegen die körperlich überlegenen Nordfrauen spielerisch was reißen, wäre ich der letzte, der sich weigerte, sich einen großen roten Punkt ins bleichgeteinte Gesicht zu malen.
  • Schweden bleibt die Überraschungsmannschaft dieser WM. Nach den ersten beiden Spielen hätte ich denen im Idealfall eine knappe Niederlage gegen Brasilien im Viertelfinale zugetraut. Jetzt können sie mit Lisa Dahlkvist die Torschützenkönigin des Turniers stellen, so die Mittelfeldspielerin noch einmal, besser zweimal einnetzt. Lotta Schelin hingegen ist eh schon jetzt meine Torjägerin der Herzen. Keine jagt schöner, da wird das Treffen zur Nebensache.
  • Lottchen hat übrigens aktuell Nase, also Schnupfen. Das wird sie aber weder am Einlaufen, noch an der Aufführung des sogenannten Logobitombo hindern, dieses kleinen hoppsenden Ausdruckstanzes nach einem Treffer. Nicht mal Wikipedia weiß dazu Genaueres, aber ich denke mir jedesmal, dass bei seiner Entstehung sanfte psychoaktive Drogen im Spiel gewesen sein müssen. Übrigens ein Import aus Schelins Vereinsmannschaft Lyon, denn der gemeine Schwede drückt seine innersten Gefühle exklusiv beim Headbangen aus.

Nachbericht:

  • Ich sage Ja zu Japan. Diese blau-weißen Rasenroboter, die heute Abend die staksigen Schwedinnen mit ihren Pässen und Schüssen vom Platz kombiniert haben, dürfen sehr gerne Weltmeister werden. Spätestens als Homore Sawa das 2:1 mit dem Kopf erzielte, hatte die Nadeshiko auch mein Herz erobert.
  • Dabei legten die Schwedinnen mit dem 0:1 so gut vor. Einen kleinen Aussetzer in der Verteidigungs-KI eiskalt mit einem gelungenen Schuss ins Tor ausgenutzt. Doch nach Öqvist kam nur Ödmist. Wo die anderen Teams in Sachen Laufbereitschaft, Kondition und Aufbauspielstörung viel dazugelernt haben, sind die Japanerinnen beim Pass-Spiel aktuell die absolute Macht im Frauenfußball und demonstrieren das in der Folge.
  • Und wenn der Kopf nicht dran kommt, dann nehmen sie eben mittels eingesprungenem Karatetritt die Kugel mit auf den Weg über die Torlinie. Kawasumis Ausgleich wird in die Kategorie der Irgendwiehalt-Treffer eingehen. Zu dem Zeitpunkt spielen eh nur noch die Asiatinnen, bestimmen anders als noch gegen uns die Partie.
  • Klar ging dem 2:1 ein Fehler der schwedischen Keeperin Lindahl voraus. Aber das Ding mit dem Kopf reinzustubsen, ist schon besonders niedlich. Bleibt noch der zweite Treffer von Kawasumi zu erwähnen, die einen herausgefausteten Ball mit technischer Präzision und flink aus gut 30 Metern ins leere Tor versenkt. Es bleibt bei der schon anlässlich der Männer-WM gelernten Faustregel: man darf Japaner nicht alleine mit dem Ball lassen – unabhängig vom Geschlecht.
  • Japan gegen die USA lautet also die Finalbegegnung. Abby Wambach shampooniert sich angesichts der Art ihrer bisher erzielten drei Tore bestimmt schon die Kopfhaut. Mit einer Leistung wie heute Abend gegen Frankreich wird aber auch ihr Team gegen diese faszinierenden Ballexpertinnen aus dem fernen Osten auf größere Probleme stoßen.

Slowakei – Italien 3:2 / Paraguay – Neuseeland 0:0

Vorbericht

  • Freunde, bin ich entspannt. Mir kann heute niemand was. Die Sonne scheint, die Vöglein zwitschern, der Rasen hinter meinem Haus wächst und müsste wieder mal gemäht werden. Egal. Seit gestern Abend machen mir Rasen jedweder Sorte und Höhe sowie die darauf herumackernden Fußballerbeine keine Sorgen mehr. Heute darf von mir aus jeder weiterkommen. Wer spielt denn gleich überhaupt?
  • Ach, der Italiener. Nee, scusi, ein Freilos kriegt der dann doch nicht von mir. Nicht nach den bisherigen Spielen. Der soll erstmal schön den Slowaken besiegen, bevor er in unser Achtelfinale darf. Die Situation ist ähnlich wie beim Engländer gestern. Niederlage bedeutet „Ciao e Ciao“ (guten Tag und auf Wiedersehen), bei einem Unentschieden kann Neuseeland mit einem Dreier vorbeiziehen, bei einem Sieg ist der Italiener durch, könnte aber nur Zweiter werden, wenn der Kiwi höher gewinnt als er.
  • Ich würde mich daher an meinem lässig im Mund hängenden Grashalm vor Lachen verschlucken, wenn der Italiener heute 1:0 gewinnt, der Neuseeländer aber zeitgleich mit 2:0 die Paraguayer raushaut und es im Achtelfinale zu der Partie Italien gegen Niederlande kommt. Alternativ könnte natürlich auch der Paraguayer einfach gewinnen, dann hätten wir dasselbe Ergebnis für Italien. Aber ich würde gerne meine Lieblinge aus Neuseeland weiterkommen sehen.
  • Weiß eigentlich jemand, weshalb die Spiele der Gruppe F auf den Nachmittag vorgezogen worden sind? Eigentlich wäre doch Gruppe E mit den Niederländern dran. Wahrscheinlich wollten sich die Italiener nicht am Abend die Schenkel verkühlen. Vielleicht fliegen sie auch lieber abends nach Hause. Ein kleiner Scherz, ich tippe auf einen 1:0-Sieg über die Slowakei. Ich kenn doch meine Pappenheimer.

Nachbericht

  • Ohne Zweifel das gefühlt längste Spiel der Weltmeisterschaft, dieses 3:2 der Slowaken über Italien. Was habe ich den Kiwi auf dem anderen Platz angeschrien, dass er der ganzen irren Situation doch bitteschön mit einem Sieg noch die Krone aufsetzen soll. Aber da kam nix. Dennoch: Neuseeland scheidet unbesiegt aus – eine Leistung, die der Italiener heuer nicht geschafft hat. Normalerweise kommt er ja in der Vorrunde unbesiegt mit drei Unentschieden durch. Diesmal war aber der Slowake davor.
  • Der Robert Vittek ist ein eiskalter Killer, so habe ich den gar nicht in Erinnerung aus Nürnberger Zeiten. Beide Tore blitzschnell reagiert, abgezogen, eingenetzt. Sah man bisher nicht so oft bei dieser WM, wo gerne nochmal auf den anderen Fuß gelegt, ins Leere gepasst oder der Ball vertändelt wird.
  • Beim zwischenzeitigen 3:1 fiel mir der Spruch von Trappatoni ein. Die italienische Verteidigung war in dem Moment aber nicht wie Flasche leer, sondern eher wie ausgetrunkene Getränkegroßproduktionshalle. Dem Italiener, der erneut 90 Minuten ohne Mannschaft spielen wollte, fiel erst zehn Minuten vor Schluss ein, dass er mal ein Tor schießen müsste. Und prompt klappte das sogar. Morgen werden die Gazzetta della sporta wieder voll sein mit Verschwörungstheorien: der slowakische Torhüter Mucha hätte vom Platz fliegen, das Tor zum 2:2 zählen müssen und überhaupt mag niemand den Italiener. Alles wie gehabt.
  • Mein Bruder meinte direkt nach Abpfiff, dass er plötzlich Hunger auf Pizza hätte. Ich komischerweise auch. Gehe ich heute Abend mal gleich zwei Sophia Loren holen. Natürlich beim Kebabmann am Ende der Straße. Ich bin ja nicht lebensmüde.

Italien – Neuseeland 1:1

Vorbericht

  • Neuseeland! Heute gilt’s. Ich drück‘ dir die Daumen, kleiner tapferer Frodo! Wirf den Ring in den Schicksalsberg und mach’ mich glücklich! Doch weit und beschwerlich ist der Weg nach Romdor, äh, Mordor, zahlreich und vielbeinig die Schergen von Saurom, äh, Sauron.  Himmel, heute habe ich es aber mit den Verschreibern.
  • Italien spielt ohne Buffon. Sehr schade, den konnte ich wirklich gut leiden. Bei der EM 2008 hat der immer freundlich nach dem Abpfiff den Schiedsrichter umarmt und gelächelt. Sogar unseren mürrischen Herbert Fandel! Das hat er letzten Montag wohl vergessen angesichts des spielerischen Elends, das seine Kollegen auf dem Platz ausgewalzt haben. Ach nein, der musste ja ausgewechselt werden. Hatte Bandscheibe. Ich auch letztes Jahr, war ganz schlimmes Aua! Gute Besserung, Gianluigi. Ich würde meine Leser an dieser Stelle bitten, mir einen Ersatzsympathieträger der Italiener vorzuschlagen. Hinweis: Catenaccio ist kein Spieler.
  • Heute habe ich tippmäßig einen rausgehauen: 2,50 Euro gesetzt für einen Sieg der Slowaken, ein Unentschieden zwischen Italien und Neuseeland, ein Unentschieden zwischen Portugal und Nordkorea sowie einen Sieg von Brasilien gegen Elfenbeinküste. Ja, ich weiß, der letzte Tipp ist mutig.
  • Juhu, seit wenigen Minuten habe ich die erste Folge der vierten Staffel von IT Crowd auf dem Rechner. Die zieh ich mir sofort rein, wenn eines der Spiele heute langweilig werden sollte. Gegen Moss, Roy und Jen haben weder Alberto noch Nestor oder Marek eine Chance.

Nachbericht

  • Bravo, Frodo! Einen halben Ring versenkt. Das freut mich wirklich. Der Neuseeländer hat ja jetzt spielerisch nicht die ganz großen Künstler in seinen Reihen. Gefährlich wird er eigentlich nur nach Standards. Aber das 0:1 war schon famos. Shane Smeltz, geboren in Göppingen und wegen seines Namens (übersetzt etwa „Shane müffelt“) sicher oft und gerne gehänselt worden, reagiert schneller als ein Pfeil vom Bogen eines Elben flutschen kann.
  • Jetzt versuche ich mal zu beschreiben, weshalb der Italiener bei mir nicht die ganz großen Sympathiewellen erzeugen kann. Nehmen wir die Nr. 6, Daniele de Rossi: kerniger Typ, trägt Vollbart, backt sich sein täglich‘ Olivenbrot wahrscheinlich von Grund auf selbst im original nach Familienrezept zusammengebauten Steinofen. Würde der jetzt mit einem tiefen männlichen Grunzen die Kugel aus 30 Metern in den Winkel hauen, ich wäre sofort dabei, ins versammelte „Sforza Italia“ einzustimmen. Aber was macht er, der Daniele? Fällt im Strafraum, weil ein Neuseeländer ihn festgehalten hat und geht zum Schiri: „Herr Schiedsrichter, Herr Schiedsrichter, der hat mir ans Hemdchen gefasst! Das muss Elfmeter geben, Herr Schiedsrichter“. Klar war das ein Elfmeter. Aber die Umstände… naja, vielleicht bin ich auch nur neidisch, weil sich der Italiener so eine Chance nicht nehmen lässt.
  • Am Ende ein gerechtes Unentschieden, weil die Kiwis kämpften und den Italienern nichts einfiel. Könnte ich italienisch, würde ich morgen ein paar Zeitungen lesen. Am Stiefel geht’s bestimmt rund in den nächsten Tagen.


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Kamerun – Dänemark 1:2

Vorbericht

  • Kamerun. (KAMERUN!). Wer sich wundert, weshalb ich jedesmal den Namen dieser Mannschaft nochmal groß in Klammern schreibe, sollte meine Berichte zu Kamerun (KAMERUN!) gegen Japan und zu Italien gegen Paraguay lesen. Immer wenn ich den Namen eintippe, schwinge ich dabei anklagend die Faust wie ein alter Opa am Fenster, dem die Kinder ans Garagentor pinkeln. So haben die mich geärgert. Die haben heute Abend was gutzumachen.
  • Den Dänen mag ich ja. Fast so sehr wie den Finnen, aber der spielt ja wie jedes Jahr nicht mit, sondern sitzt zuhause und stimmt in der Dunkelheit die Metalgitarre. Heute hat der Däne die Chance, mal zu zeigen, was er kann. Ich würde mich freuen, wenn was käme. Aber so richtig drauf vertrauen tue ich nicht.
  • Der Niederländer mit seiner nüchtern-pragmatischen Spielweise ist bereits durch, jetzt steht der zweite Platz zur Ausschreibung. Wer heute gewinnt, darf sich noch bewerben. Ich bin jetzt ganz ehrlich: für ein mögliches Achtelfinale gegen die Italiener hätte ich nicht unbedingt gerne den Japaner. Da wirft sich der Keeper irgendwann was rein und der Rest verkommt zum Rasenmikado.

Nachbericht

  • Defensivspezialisten, Mauerfreunde und Abwehrdisziplinfanatiker dürften sich bei diesem Spiel kollektiv bereits in der ersten Halbzeit das Augenlicht geraubt haben, um nicht weiter hingucken zu müssen. Die Viererkette wurde kurzerhand zum locker aufgehängten Zielband mit der Aufschrift „Bitte ab hier aufs Tor schießen“ umfunktioniert. Ein wunderbares, ein herrliches Spiel. Das ist mein Fußball!
  • Verschont mich mit euren Statistiken, mit dem Ballbesitz, den gewonnenen Zweikämpfen oder wie oft sich ein Spieler die Hose oder die Nase hochgezogen hat. Ich will Torchancen sehen und die gab es auf beiden Seiten reichlich. Damit hätte man fast den kompletten ersten Spieltag dieser Vorrunde auffüllen können.
  • Bei den Dänen muss ich mich entschuldigen; ich hatte deren Sturm als so durchschlagskräftig wie einen weichgelutschten Legostein bezeichnet. Dabei waren die beiden erzielten Treffer allerfeinste Kombinationskunst (Kjaer, Rommedahl, Bendtner) bzw. Soloarbeit (Rommedahl).
  • Eine dicke Portion Drama ist auch dabei, denn wir haben die erste Mannschaft, die aus dem Turnier ausgeschieden ist. Und es trifft einen Afrikaner: Kamerun. Nein, diesmal keine Klammer mehr mit Großbuchstaben und Ausrufezeichen, den Makel haben sie getilgt. Für eine Mannschaft, die mit Eto’o eigentlich einen Killer im Sturm sowie einen guten Torwart hat, muss es grausam sein, zum Achtelfinale bereits wieder zu Hause sein zu müssen. Vor allem, wenn sie dort den Japaner ertragen dürfen, dessen Trainer die Begeisterungsfähigkeit seiner Truppe im Gesicht spazieren trägt.

Italien – Paraguay 1:1

Vorbericht

  • Ich bin müde und kraftlos. Das geballte Unterhaltungsvakuum der Partie zwischen Japan und Kamerun hat mich mürbe gemacht. Und jetzt soll ich auch noch den Italiener ertragen. Auf RTL. Mit Klinsi (mögliche Wortbeiträge: „Der Italiener hat’s gern defensiv“ und „Der Paraguayer trägt gerne Streifen“). Das wird schwer. Wenn mir aber dieser Giovanni Zarrella mit einem Italosong über den Weg läuft, schalte ich aus. Ich hab auch noch Würde.
  • Italien ohne Andrea Pirlo, der sich (und den Spruch habe ich schon 2008 gebracht, aber ich finde, er passt einfach)  meinen entgeisterten Gesichtsausdruck nach dem WM-Sieg seines Landes ins Antlitz hat meißeln lassen. Trainer Lippi  hat so ziemlich alles, was erfolgsversprechend aufspielen könnte, konsequent aus der Mannschaft verbannt. Plus Luca Toni. Ein wenig werde ich den alten Strafraumhechter schon vermissen.
  • Der Paraguayer hat eine bessere Qualifikation als Argentinien gespielt. Die Hoffnung liegt im Sturm: Nelson Valdez (weniger), Roque Santa Cruz (eher) und Lucas Barrios (sehr, sehr viel). Hinten und im Mittelfeld ist eher die Abteilung „O dios mio“ zugange.
  • Habe ich schon erwähnt, dass Gruppe F schon fast peinlich leicht besetzt ist? Da wäre selbst der Bierhoff vor Scham errötet, wenn wir die bei der Auslosung erwischt hätten.

Nachbericht

  • Es hilft schon, seine Erwartungen vor einer Partie niedrig zu halten. Nach dem Desaster mit Kamerun (KAMERUN! *hier bitte visuell anklagende Armbewegung mit geballter Faust vorstellen*) erhoffte ich mir nicht viel von Italien gegen Paraguay. Insofern ist ein klarer Keinsieg der Italiener doch eine schöne Sache.
  • RTL hat sich wieder getoppt. Nicht nur, dass sie den Chor der Tonverfehler beim Abspielen der Nationalhymne wieder in vollstem Sound in die Haushalte gesendet haben – nein, sogar die ERSATZBANK mit Gattuso wurde verkabelt, damit der seinen schiefen Beitrag leisten konnte. Beim nächsten Spiel sitzt dann wohl Frauke Ludowig auf der Tribüne und steckt den Spielerfrauen das Mikro in den Ausschnitt.
  • Paraguay spielte eigentlich so wie der Italiener das üblicherweise tut. Spielaufbau des Gegners verhindern, überraschend einen reinmachen und weiter Spielaufbau verhindern. Nur hatten die Paraguayer die Rechnung ohne ihren Torwart gemacht. Springt keck vorbei und drin das Ei. Dem Buffon wär das selbst mit ausgetretenem Ischiasnerv nicht passiert.
  • Gibt es eigentlich Fans von Standardsituationen? Die kamen heute voll auf ihre Kosten. Eine Ecke, ein Freistoß, zwei Tore. Ich sehe ja lieber schöne Kombinationen, Doppelpässe, Fernschüsse, Torwartparaden. Aber in der Gruppe muss man mit wenig zufrieden sein. Italien nun bitte im Achtelfinale gegen die Niederlande. Mit Arjen Robben.