Deutschland – Schweden 2:1

Joachim Löw war akribisch vorgegangen. Hatte alle Fehler aus dem Spiel gegen Mexiko analysiert und behoben. Gegen Schweden würde es laufen wie die Lätta vorne im Volvo auf dem Armaturenbrett im Sommer. Die Pfeiler des Erfolges bestanden aus Sischerheit, Dischziplin, Ruhä und auch mal einen Gegner mit dem Ball „glücklisch andotzele“. Im Bademantel und mit dem Frühstückstablett in der Hand erklärte uns Löw sein Konzept.

Maßnahmä 1: Sischerheit

Im Training zeigt der Bundestrainer klare Kante: Auf dem Anstoßpunkt ruht in sengender Sonne eine halb geöffnete Dose Surströmming, dem stinkendsten Fisch, den der Schwede sich erdreistet zu exportieren. Wer Hummels oder Boateng alleine in der deutschen Verteidigung zurücklässt, muss zum Punkt traben und einen vollen Atemzug schnüffeln. Leider erwischt es als ersten den herumirrenden Hummels selbst, der sich, als er vom Gestank ruckartig zurückweicht, einen Halswirbel verdreht. Löw zuckt auf, als er fehlenden Einsatz am Blech entdeckt und schreit: „SAMUEL AKIRA SAMANTHA GOTTHILF KHEDIRA! RUNTÄR! RAN AN DIE DOSÄ! DAMITT DU’S LERNSCHD!“

Joshua Kimmich ist erneut dabei, diesmal aber mit Fußkette, die auf halber Höhe der Außenlinie der jeweils eigenen Spielhälfte an einem Pflock befestigt ist. So hält man den ausflugfreudigen Bayernspieler in einem überschaubaren Aktionshalbkreis. „Damit mir imme wisse, wo er ischd!“, kommentiert Jogi.

Maßnahmä 2: Dischziplin

Müller, Brandt, Reus und Kroos müssen durch die schwedische Wand kommen. In dem Fall die vor dem Tor platzierte IKEA-Schrankwand Lasse Hoylen, die es immer wieder aufs Neue abzubauen gilt. Ohne Schraubenzieher, nur mit den Fingernägeln. Löw kontrolliert mit strenger Miene. „Schaffe, schaffe, Wändle abbaue. Mehr Einsatz Marco, anlaufen, reinnagele, Tor, wieder von vorn!“.

Maßnahmä 3: Ruhä bewahren

Groß war die Gefahr, dass die Spieler in ihrem „Jetzt! Muss! Erst recht! Zsmmn!“-adrenalindurchtränkten Zustand einfach mal einen Blondbart vom Platz holzten. Rote Karte, Unterzahl, Spiel im Arsch. Auf dem Trainingsplan daher: Quälend lange Seminare im kollektiven Knäckebrotkauen, Blutdruckmessen und Elchkuhniederstarren, um aufbrausendes Temperament direkt zu zähmen. Nur Mesut Özil musste freigestellt werden, weil das Tier sich bei seinen Blicken offensichtlich unwohl fühlte. Stattdessen wurde er zwecks Motivationsstärkung angewiesen, allein an der Eckfahne stehend Rammsteins „Mein Herz Brennt“ zur Melodie der deutschen Nationalhymne zu singen. „Suupa Trotzreaktion“, ist der Bundestrainer begeistert.

Maßnahmä 4: Topp Sigrid

Eigentlich ein Geheimnis, aber „bei dir liest ja eh koiner mit“, wispert Löw verschwörerisch mit einem Augenzwinkern. „Wenn gar nix klappt, im Straafraum falle lasse. Egal wer. Der Timo wär aba wohl zu offensischtlich“, gibt Löw zu bedenken. Doch auch in der Not zeigt er Anstand. „Wir falle net hin wie der Subbekaschpar aus Brasilie, der Neymar, der Graskuschler, der vermaledeit! Bei uns isch des authentisch, erarbeitet, symbadisch. Hald so, dass die Videoschiris sage misse: „Elfmeter? Mmmh, do simmer mal net so“.

Mit diesen Worten lässt uns Löw zurück. Der Kopf sagt: „Das wird ein übler Krampf werden, wie bei fast allen Spielen dieser WM“. Doch unser Herz sagt: „Denkt um Himmels willen an die Herzmedikamente!“.


TONI KROOS, DU COOLE SAU MIT RIESENEIERN! Ich schmeiße jetzt die Fauna komplett durcheinander, Charles Darwin rotiert im Grab, aber ich bin mit den Nerven so fertig, da macht das jetzt auch nichts mehr aus. Wobei der Charles mir zustimmen würde: Der mit den dickeren Eiern überlebt.

Dabei waren wir mausetot. Erste zehn Minuten ordentlich Rabatz gemacht, aber ohne Fortune. Rüdiger patzt, ein Schwede durch, Boateng grätscht nicht elfmeterunreif dazwischen, Neuer kriegt noch etwas Körper dran. Puh.

Das 0:1. Eingeleitet von Kroos, abgeschlossen von Toivonen, der in seinem Team (FC Toulouse) die ganze Saison über nicht getroffen hat. Geschätzter Wert: 1,5 Millionen Euro, also nicht mal ein halbes Butterbrot auf dem Transfermarkt. Kann nicht sein. Das ist Schicksal, der WM-Titelverteidigungsfluch, das kann man nicht mehr abwenden. Vorher bricht sich Überraschungsgast Rudy die Nase und muss raus. Ersatz Gündogan eher zaudernd denn zaubernd.

Zweite Hälfte. Ich hole tatsächlich nochmal das Deutschlandfähnchen aus dem Finale 2014 und schwenke es sinnlos umher. Einer muss ja was machen! Denkt sich auch: REUS! DAS KNIE! DER AUSGLEICH. Haben sich die ganzen Rehas doch gelohnt. Kudos an Werner für die Vorlage und Gomez für die komplizierte Abfälschung. Noch ordentlich Zeit auf der Uhr, Fluchüberwindung möglich. Kroos hat kurz darauf direkt die Führung auf dem Fuß, lässt sie aber noch liegen.

Die Zeit verrinnt, Gomez hubelt einmal wie anno 2008 aus kurzer Distanz drüber, war allerdings Abseits. Später zielt er seinen Kopfball frei auf Olsen im Tor. Die Erlösung will nicht kommen, stattdessen gab Gott die Zeit, von Eile hat er nicht geredet – das Motto der Schweden für die gesamte Spieldauer. Irgendwo dazwischen schickt der Unparteiische Boateng mit Gelb-Rot vom Platz. Erinnerungen an Frankreich 2016 werden wach. Köpfe sinken.

Der eingewechselte Brandt trifft den Pfosten, es geht in die Nachspielzeit. Da fällt mir ein: Ich würde bei einem Remis ja Geld gewinnen, siehe hier:

betathomekroos

Klare Sache für mich: Der Schwede würde noch einen reinhumpeln. Nur um mich zu ärgern. Macht er aber nicht trotz diverser Kontermöglichkeiten. Stattdessen versaut mir Kroos mit seinem Freistoß in der 95. Minute die sicheren 18,04 Euro. Scheiß drauf, Toni, die Kröten erlass ich dir. Das nächste Mal aber gerne früher für die Entscheidung sorgen, ihr wilden Hühner!

Noch’n Gedicht:

Sie nannten ihn Eier

Erst hilft er beim Rückstand – au weia
Zeigt kurz vor dem Schluss aber Eier
Kroos schnappt sich den Ball
Setzt hoch an mit Drall
Versaut den Zeitspielern die Feier