Deutschland – Mexiko 0:1

Jetzt geht’s los. Ich bin mir sicher: Alles wird gut, wenn die deutsche Nationalelf noch schnell eine CD mit Stimmungsliedern zur WM mit Roberto Blanco aufnimmt. Der kleine Mesut Özil erbricht, gewohnt körperspannungsarm, ein paar Entsagungs- und Bußtextzeilen in „Erdo, ich muss dir was sagen“ zur Melodie des urdeutschen Liedguts „Hoch auf dem gelben Wagen“. Begleitet von Ilkay Gündogan an der Kontrabass-Tuba, der in den ergreifendsten Momenten xaviernadoomäßig aufheult. Bevor die Tränchen kommen, Auftritt Steinmeier, F-W-B.P. White Eagle in da House, ekstatisches Runterrappen der deutschen Nationalhymne. Alles vergeben und vergessen.

Für internationales Flair sorgt Marco Reus mit seinem Queen-Cover „Don’t foul me now“. Danach das große Roberto Blanco-Gassenhauer-Medley („Der Puppengrapscher von Mexiko“, „Ein bisschen Pass muss sein“ mit Toni Kroos). German Ersatzkeeper #1 beschwört mit einem Cover des Theo Lingen-Oldies „ter Stegen vor, ter Stegen vor, der muss bei uns ins Fußballtor“ den Mittelfußknochen von Manuel Neuer. Weiter mit einmal herzhaft über den Ausländer lachen dank des Chors des englischen Fußballjournalistenverbands, der sich durch „Aber bitte mit Sané“ radebrecht.

Die Knaller zum Schluss: „Major Timo“ („Völlig losgelöst, tief im Strafraum, fällt der Werner völlig schweereelooooooooos“). Toni Kroos an der tiefergestimmten Rammstein-E-Gitarre mit Feuerwerksaufsatz („Du passt“). Schmuseballade zum Runterkommen gefällig? Sandro Wagner mit „Si Sandro“, dem Howard Carpendale-Dauerbrenner, zärtlich ins Mikro gehaucht im extra abgedunkelten Villenzimmer eines Münchner Nobelvororts. Und natürlich als Rausschmeißer „I bin a bayrisches Cowgirl“ mit Thomas Müller, zünftig-pfundig eingesungen im Dirndl. Im Hidden Track heult sich DJ Grindels Alkoholfrei schlussendlich durch In Extremos Sauflied „5ternhagelvoll“. Noch den „Du bischd kuhler als der Jogi im Schüco-Werbespot“-Aufkleber als Beilage, fertig, Weltmeister.

Bei den Mexikanern ist gerade wegen der Abschieds-Sauf-und-Sex-Party alles schlimm. Und das, obwohl die El Tri die letzten 10 Weltmeisterschaften gewonnen hat. Leider nur im Vorfeld mit der Klappe und nicht auf dem Spielfeld mit dem Fuß. Tja, da brauche ich keinen Videobeweis: Das zählt nicht.

Für das derzeit nicht so erfolgsverwöhnte DFB-Team sind die Mittelamerikaner allerdings ein angenehmer Gegner. Die können nicht defensiv, sondern wollen mitspielen und tanzend den Ball ins Tor knuddeln, nachdem zuvor jeder mürrische Verteidiger einen Beinschuss gesetzt bekommen hat. Träumt weiter, amigos. Wenn die mauern könnten, würden sie doch nicht den Trump dafür bezahlen, würde jetzt der nicht qualifizierte und unterbelichtete Ami einwerfen. Falsch gedacht, aber im Ergebnis richtig.

Fußballhistorisch haben wir uns immer durchgesetzt. 1978, 1986, 1998, zuletzt 4:1 im Confed Cup. Aufpassen müssen wir auf die Frankfurter Legionäre Carlos Salcedo und Marco Fabian. Letzterer verfügt über einen satten Schuss, also zeitig was von der Abwehr reinschmeißen. Mittelfeldmotor Hector Herrera ist wahrscheinlich infolge des Party-Skandals noch geschwächt von der Anschrei-Session mit seiner Frau, zu der er extra kurzfristig zurückgereist war. Kann der Kroos ja mal am Anstoßkreis auf Spanisch vorurteilsfrei nach Details fragen. In letzter Zeit nicht in Form, aber vom Namen her auch hierzulande bekannt: Die #14, Chicharito, das Erbschen. Nicht zu verwechseln mit dem Erbschein, den ihr auf mich ausstellen könnt, wenn wir das Ding wirklich vermasseln sollten.

Sorgen macht mir derzeit mehr, dass sich noch keiner der Favoriten bisher richtig blamiert hat. Das beruhigt mich immer bei so einem Turnier. Aber der Engländer muss ja erst am Montag ran. Schade.


Um gleich anzuknüpfen: Den Eselshut der WM dürfen wir uns als erste Mannschaft aufsetzen. Ich könnte es mir einfach machen und schreiben: „Ohne Saarländer im Team konnte das ja nix werden“. Aber ohne Hector sind die Weltmeister geworden. Richtig: die da auf dem Feld mit den riesigen Löchern in der Abwehr, dem unkreativen Offensivspiel und den ungefährlichen Flanken sind immer noch aktueller Weltmeister.

Wir haben tatsächlich das traditionelle Zweitrunden-Kackspiel eine Runde vorgezogen. Schon früh in der Partie hatte ich das Gefühl, bei jedem langen Pass der Mexikaner den Stadionsprecher zu hören „Der kleine Joshua hat sich auf dem weiten Feld verlaufen und möchte abgeholt werden“. Kimmich willnich hinten dicht machen.

Freilich nutzt das der Mexikaner zunächst nicht aus, rennt wie ein Duracell-Häschen freudig erregt Richtung Strafraum, dreht dann in Panik ab, wenn Boateng mit massig Körper auftaucht. Neuer kann die Schüsse, die durchkommen, entschärfen. Aber es ist klar: Hier läuft gewaltig was schief.

0:1 durch Lozano, die Quittung für einfallsloses Spiel nach vorne und Deckungslöcher in der Größe des amerikanischen Kontinents hinten. Kroos trifft per Freistoß fast oben ins Eck, aber Ochoa kommt mit den Fingern ran. Pause.

Zweite 45 Minuten. Die Deutschen laufen an, aber jeder Angriff trägt dieses unverkennbare „Die können noch zwei Stunden spielen, da geht nix rein“-Aroma. Reus sorgt für ein wenig mehr Schärfe, hinten spielen zwei Mexikaner alleine auf Boateng zulaufend „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“. Beide. Puh.

Der eingewechselte Brandt verzieht knapp, Flanken kommen und bleiben hängen, Gomez hält bei einer Großchance die Birne nicht richtig rein, Fernschüsse verpuffen. Abpfiff. Ich habe jetzt schon keine Lust mehr. Setze 5 Euro auf einen Sieg der Schweizer gegen Brasilien, rein aus achtelfinaltaktischen Gründen.

Samstag bietet sich die nächste Möglichkeit für die DFB-Elf, mir das Wochenende zu versauen. Eventuell sind die Mexikaner dann schon durch, wenn wir gegen Schweden anstoßen. Südkorea muss es jetzt richten! Unentschieden gegen Schweden, damit die gegen uns noch was reißen müssen. Sieg gegen Mexiko, damit wir noch Gruppensieger werden können. Hohe Niederlage gegen uns. Ach, was soll ich da hoffen, für die ersten beiden Aufgaben sind die Asiaten doch viel zu höflich.

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