Ägypten – Uruguay 0:1

Kommt der Ägypter zur Weltmeisterschaft und fragt sich: „Na holla, was mach‘ ich denn hier?“. Traurig, aber wahr: Die Pharaonen sind die Truppe mit den meisten Afrikameisterschaften (7 Titel), aber wenn die WM-Glocke läutet, legen sie sich in ihre Sarkophage und drehen dieses eine Lied auf der Greatest Hits-CD der Bangles auf bis zum Anschlag. Durchgehend seit der Veröffentlichung des Albums anno 1990. Aber nicht dieses Jahr!

Mein Herz gehört ja immer ein bisschen den Außenseitern und für Ägypten schlägt es wegen zwei Spielern. Erstens: Mohamed „Mo“ Salah. Der Mann, den sie Schulter nannten. Das Ramos’sche Ringopfer. Aber wegen seiner überragenden Saison in Liverpool auch der wuschelhäuptige Bartträger, dem seine Arbeitskollegen auf dem Platz alle „Mach, Mo!“ zurufen. Denn ohne Mo’s nix los, so unerbittlich muss man das sagen. Als Saarländer kenne auch ich schmerzlich diese Aufforderung in der mundartlichen Variante „Do, mach mo!“, aber von mir erwartet schon lange keiner mehr etwas.

Zweitens: Essam El-Hadry, Torwart, Jahrgang 1973, auch genannt der afrikanische Buffon. Kann mit 45 Jahren der älteste Spieler bei einem Endrundenturnier werden. War eigentlich schon in Rente, aber dann verletzte sich der Stammkeeper, El-Hadry sprang ein und brachte das verlorene Jungvolk ins Finale des letztjährigen Afrika-Cups. Bravo! Gut so! Recht so! Gebt auch mal den Senioren eine Chance! In dem Zusammenhang: Lieber Jogi, ich bin auch so ungefähr die Kante rum an Jahren. Leide ein wenig an der Alte-Putzfrauen-Krankheit, komme also nicht mehr so gut in die Ecken. Aber wenn das mit dem Neuer doch nix wird, ich stehe bereit!

Uruguay ist klarer Favorit in der Gruppe. 2010 hatte ich die Burschen noch als „Ossis Südamerikas, alleine deshalb aus Prinzip schlecht drauf und keine Freunde der Ballpflege und Gegnerschonung“ deklariert, aber die letzten Teilnahmen an der Endrunde (2010: Platz 4, 2014: Achtelfinale) haben gezeigt: Da geht was. Höchstes Augenmerk gilt selbstverständlich dem edel besetzten Sturm mit Luis Suarez und Edinson Cavani, beide zwar nicht mehr die jüngsten Galopper auf dem Feld, aber schlitzohrig bis zum Anschlag. Vor allem Suarez, das kleine Wiesel. Seit seiner Beißattacke gegen Chiellini vor vier Jahren hat die FIFA übrigens eine Regeländerung beschlossen, wonach Bisse offiziell verboten sind. Auch die zärtlich gemeinten. Seitdem grübelt der Luis über alternative Möglichkeiten, sein Zwangsverhalten auf dem Platz auszuleben. Bisher in der näheren Auswahl: Daumen ins Nasenloch des Gegners bohren, im Ohr rumlecken und am Haaransatz ziehen.

Zum Schluss noch ein Blick auf den Spielort. Das Stadion Jekaterinburg bietet einen praktischen Service für Fans, die schon nach einem frühen 0:1 gegen ihr Team die Tendenz haben, nach Hause fahren zu wollen. Einfach ein Ticket auf der außerhalb des Stadions(!) liegenden Tribüne kaufen und sich gegebenenfalls stilecht Richtung Parkplatz runterstürzen.  Natürlich unschön, wenn man dann mit gebrochenen Knochen zum Wagen robbt und feststellt, dass er zugeparkt wurde.


Sehr arbeitnehmerfreundliches Spiel bisher. Kann man prima ohne Ton gucken. Zusätzlich ohne Bild verpasst man auch nicht viel. Keiner meiner ägyptischen Lieblinge auf dem Platz. Da schone ich mich ebenfalls.

Die Feinfüße Suarez und Cavani scheitern, da drückt ihn mit Gimenez einer, der üblicherweise hinten in der Verteidigung die grobe Kelle schwingt, doch noch rein. Ich war schon so zermürbt, dass ich mich nach einem Steffen-Simon-Aufschrei gesehnt habe.

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