[Halbfinale] Brasilien gegen Deutschland 1:7

  • Zeichen, Zeichen, Zeichen, liebe Freunde. Alle sehen wieder überall Zeichen und erahnen in prophetischer Weisheit den Ausgang der Partie heute, bevor auf dem Platz feierlich der erste Querfortsatz eines Wirbels angebrochen worden ist.
  • Nehmen wir die Sportschau und ihre 24-Jahre-Regel, nach der wir das Ding bereits sicher eingetütet haben.  Auf den ersten Blick ein beunruhigender Gedanke, dass Italien dann schon 2030 wieder dran wäre mit Pokalschwenken. Aber es geht ja darum, dass die dreifachen Titelträger 24 Jahre auf den vierten Titel warten mussten. Bei gerade mal zwei bisherigen Kandidaten eine wissenschaftlich-empirisch eher dünne Suppe. Ich bringe meine persönliche 24-Regel ins Spiel: die aktuelle Staffel von 24 wird immer schlechter und wenn das bei den Deutschen auch so läuft, bleibt das Maracana am Sonntag von deutschen Fans untervölkert und Philipp Lahm fährt frühzeitig nach Hause, weil er beim „Philipp-Lahm“-Gedenkspiel um den dritten Platz nicht mitmachen will.
  • Nächste Vorhersage: Die Brasilianer sind zu geschwächt. Ihr Kreativmotor Neymar fällt verletzt aus, Kapitän Thiago Silva kann wegen einer Gelbsperre nicht auflaufen und in diversen Media Märkten verschenken sie jetzt schon die ComBinhos von Dante. Alles natürlich valide Punkte. Aber das Publikum wird jede Ballberührung von unseren Jungs frenetisch bebuhen, dass dem Özil schon nach fünf Minuten die Körpersprache ins Taubstumme abzugleiten droht. Hulk könnte Lahm auf der rechten Seite plattwalzen und bei der bisherigen Regelauslegung durch die Schiris würde nicht mal Sand drübergestreut werden.
  • Der Blick auf das einzige Duell bei einer WM führt ins 2002 zurück. Mit Titan Kahn, der seinen „gefallenen Gott“-Status an jenem 30. Juni gegen den Stürmer mit der sonderschülerigsten Frisur ever zementiert hat. Patzt nun etwa die „wahre Hand Gottes“ Neuer? Es ist schon verrückt, wenn du in einem einzigen Augenblick deinen kompletten Ruhm eines Turniers verlierst, weil du einmal zu spät kommst und ein Sambamann an dir vorbeischlenkert und den Ball ins leere Tor humpelt. Ich möchte gar nicht darüber nachdenken, was für ein Bullshitstorm über das Team und den Trainer hereinbrechen würde.
  • Einigermaßen sicher ist hingegen Folgendes: Ich schreibe das unfassbar kompetenzfreie WM-Tagebuch seit 2006 und – egal ob ich über Männlein oder Weiblein (2011)  berichtete – spätestens im Halbfinale war immer Schluss. Bin ich nicht stolz drauf! Dieser Fluch, so hat mir ein weiser und einflussreicher Mann aus der Schweiz zugetragen, kann nur durch Bestechung aufgehoben werden. Wer also seinen WM-Planer weiter ausfüllen will… Ich weise lediglich darauf hin…

  • 7777777…!!!!!!!!! Ich male mir Siebener und Ausrufezeichen ins Gesicht und auf den Fernsehbildschirm. So eine 7 sieht auch aus wie eine 1 mit Erektion. Und so geil haben wir gespielt! Und so schlaff haben wir die Gastgeber aussehen lassen! Wir haben die Brasilianer in Brasilien im Halbfinale mit 1:7 weggehauen. Morgen kommt der Nachbericht, falls mir der Schlaf die Glücksstarre aus den Augen getrieben haben sollte.
  • Ich bin nach medizinischen Maßstäben wach und doch nicht sicher. WAS WAR DAS? Gibt’s das öfter? Kann man das kaufen, mieten, leihen? Seit 1982 verfolge ich Weltmeisterschaften, aber derartiges wie gestern zwischen der 23. und 29. Minute habe ich noch nicht erlebt. Das war das fußballerische Äquivalent zu abends über die Körperfettanzeige der Waage jammern und morgens mit Scarlett Johannson im Bett aufwachen. Zu morgens unter der Dusche Dudel-Radio hören und abends den Nachfolger zum weißen Album der Beatles einsingen. Zu abends ein Videospiel zocken und morgens die Welt mit eigenen Händen retten. Unrealistisch, fantastisch, unglaublich, ein Traum und doch kein Traum.
  • Dabei wollte ich zunächst Béla Réthy hauen. Weil er den GAUK, den größten anzunehmenden, unverzeihlichen Kommentarbock geschossen hatte. Beim 0:1 durch Müller, ließ er in die folgende Stille kurz vorm allgemeinen Abheben ein „Zählt nicht, ist abgepfiffen“ fallen. Um sich kurz darauf korrigieren zu müssen. Mensch, Béla, da wartet man doch ab, da sagt man was wie „Oh nein! Lässt der Schiri das Tor etwa doch nicht gelten?“, um sanft vorzubereiten. Kein abrupter Stimmungskiller „Nö“, gefolgt von einem „Ach was, doch?“. Ich wollte meinen Nachbericht schon BELA RETHY SCHULDET MIR EIN HALBFINALTOR GEGEN BRASILIEN nennen, aber wir haben dann ja noch SECHS weitere geschossen. Es sei dir verziehen, Béla!
  • 0:2 durch Klose. Wie im Märchen. Der alte Prinz und … gibt es Märchen mit alten Prinzen? Keine Ahnung. Das war jedenfalls jetzt eins. 16 WM-Tore in vier Turnieren und noch eine weitere Chance, diese fantastische Zahl zu überbieten und zu veredeln. Verdient, Miro, absolut verdient.
  • 0:3 Kroos. Der Genickbruch. Der Einschlag flach und hart rechts unten, Julio Cesar sieht nicht gut aus. „Brutaaaal“, hat der Jogi sicher von der Bank aus geflötet. Und der Hansi hat genickt, die Hand vors Gesicht geschoben und geraunt: „Bis zur Pause machen wir das Stadion leer“.
  • 0:4 Kroos, 0:5 Khedira. Vom Auflösen der brasilianischen Abwehrreihen kann man schlecht schreiben, wenn selbige eher wie frei umherschwebende Chaosteilchen agieren. Wären die mir so im Teilchenbeschleuniger des CERN untergekommen, ich hätte die Maschine sicherheitshalber abgestellt. Es ist noch nicht mal eine halbe Stunde rum. Die Kameras fangen heulende Kinder ein, leere Gesichter, selbst die schönen party people zucken nicht mehr auf. Ich überlege, ob die „Força Neymar!“-Kappe noch ein Hit werden wird.
  • „Einer geht noch, einer noch rein“, „So ein Tag, so wunderschön wie heute“, „Ihr seid nur ein Karnevalsverein“ – Klassiker des deutschen Stadionliedguts, intoniert in einem ausverkauften Stadion in Brasilien und in bester Akustik. Das kannst du nicht buchen. Verdammt, ich beneide die deutschen Fans, die das vor Ort erleben dürfen. Jetzt Stil wahren und mit heiler Haut rauskommen.
  • Neuer lässt die Brasilianer ein paar Mal lachend an sich scheitern, Schürrle vollendet noch zum 0:6 und 0:7 (einmal vor Müller, einmal instinktiv und technisch anspruchsvoll). Özil trifft selbst jetzt nicht, aber das ist mir so egal wie das Wetter in Timbuktu. Draxler darf rein. Finale sind wir schon seit über einer Stunde, jetzt darf auch der Gastgeber mal einen einschenken. Keine Ruppigkeiten, nur stille Anerkennung, tröstende Umarmungen der Deutschen nach Abpfiff und natürlich Tränen. Dem lieben Herrgott danken sie dennoch. Ich glaube, der hatte heute keine Zeit für sie. Der muss das, um es in den unsterblichen Worten von Horst Hrubesch zu sagen, „erst mal Paroli laufen lassen“.

Tore:

0:1 T. Müller (11.)
0:2 Klose (23.)
0:3 T. Kroos (25.)
0:4 T. Kroos (26.)
0:5 Khedira (29.)
0:6 Schürrle (69.)
0:7 Schürrle (79.)
1:7 Oscar (90.)

Advertisements

15 Gedanken zu “[Halbfinale] Brasilien gegen Deutschland 1:7

  1. Der Geist, werter Herr Inishmore, von Alfred Pfaff selig hat mir geflüstert: das wird ein heißer Tanz. Verlängerung. Mit dem besseren Ende für … verdammt, Funkloch.

    Herzlich
    Ihr Schoss

  2. Ich freue mich für Klose. Den Rekord von Ronaldo brechen, in Brasilien, gegen Brasilien, während Ronaldo höchstselbst als Kommentator im Station sitzt. Dann kann man sich nicht schöner ausdenken.

    Wenn Müller allerdings so weitermacht, kann Klose sich in vier Jahren von seinem Rekord gleich wieder verabschieden. So wie ich ihn einschätze, wäre es ihm aber ohnehin völlig egal. (Außer natürlich, Klose spielt auch 2018 noch mit und baut seinen Vorsprung aus, wo ich im Moment auch nicht gegen wetten würde.)

    • Dem Klose gönne ich wegen seiner chronischen Bescheidenheit jeden Rekord. Die Art des Wie war natürlich.. Moment, wie heißt dieses Wort, das jetzt überall auftaucht.. historisch. Müller ist in der Tat eine Gefahr und wenn Schürrle nicht so schnell gewesen wäre, wäre er jetzt schon mit James aktueller Schützenkönig. Aber wie wäre es mit Klose als 1:0-Schütze gegen Arrgh!entinien?

  3. Vor lauter Staunen ging der Mund gar nicht mehr zu und das passiert höchst selten!

    So selten, wie ein 1:7 … und wenn das die Generalprobe für das Finale war … eine Generalprobe muss doch schief gehen, damit alle am Ziel dann ein bisschen ernsthafter sind … wie soll nur das Finale aussehen?

    Jesses! Genug gedeutscht!

    Lasst es krachen, Jungs!

    • Das Finale, liebe frau awa, wird ganz anders. Sag ich jetzt mal im Expertenbrustton der Überzeugung. Aber ich habe echt keine Ahnung. 0:8 ist auch drin. Eigentlich darf man nach den Gesetzen der Fairness und der Logik nur ausschließen, dass Argentinien sich im Finale mit einem 1:0 im Elfmeterschießen durchsetzt, weil Neuer vor Lässigkeit kurz eingenickt ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s