USA – Nordkorea 2:0

Vorbericht

  • Bei der WM in Südafrika wurde mir die großartig bezahlte Ehre zuteil, als Korrespondent für das führende nordkoreanische Sportmeinungsbildungs-Fachorgan, PPP (Prima Propaganda Pjöngjang) tätig zu werden.  Unmittelbar nach Abschluss des Turniers erhielt ich in Ehrung meiner Verdienste die Auszeichnung der „verbogenen Feder für glückseligmachende Berichterstattung“ in edelstem Hartplastik und den goldenen Schlüssel zur Stadt, wenn sie mal gerade geschlossen sein sollte. Was aber natürlich nie der Fall ist. Sicherheitshalber soll ich jedoch vorher bei einem Militärposten durchklingeln. Hier mein aktueller, bereits abgesegneter Aufmacher:
  • (PPP) Nach dem triumphalen Gewinn des Weltmeistertitels durch unsere tapferen Genossen im vergangenen Jahr sind nun unsere vor Weiblichkeit strotzenden Genossinnen an der Reihe, ihren unbestreitbaren ersten Platz in der Welt und in den Herzen der Menschen zu verteidigen. Der die Liebe seines Volkes täglich ausschwitzende und als bekömmliches Erfrischungsgetränk aufbereitende geliebte Führer Kim Jong-Il, der in seiner Zeit als aktiver Fußballspieler sowohl in der Herren- als auch in der Damennationalmannschaft hervorstach, hat bereits die offizielle Kampfparole verkündet: „Selbst die nordkoreanische Frau ist mehr wert als jeder Mann des Klassenfeindes aus dem Süden. Frau! Sieg! Vaterland!“. Das siegessichere Kollektiv wurde bereits mit offenen Armen in Dresden, einer der schönsten Städte der Deutschen Demokratischen Republik, empfangen und umjubelt. Staatsratsvorsitzender Erich Honecker gab der Mannschaft bei der Begrüßungsveranstaltung vor 100.000 begeisterten Freunden unserer Volksrepublik ein aufmunterndes „Torwärts immer, rückwärts nimmer“ auf den Weg. Unerträglich hingegen die Provokationen des Teufels aus dem Westen, dessen wildgewordene Weiber mit Sicherheit zu unfairen Mitteln greifen werden, um den verdienten Siegeszug unserer Genossinnen zu stoppen.  Wie die Ratten verschanzen sie sich in ihren Quartieren, schmieden in dunkler Abgeschiedenheit Intrigen und verweigern sich dem frohen, weltoffenen Fest, das diese Weltmeisterschaft auf sozialistisch-brüderlichem Boden doch darstellen soll. Wie gut, dass diese ekelhafte Posse spätestens zum Ende der Vorrunde ihren Abschluss finden wird. Freude! Offenheit! Vaterland! (Offizieller WM-Korrespondent für Nordkorea, M. Inishmore für Prima Propaganda Pjöngjang)
  • Das Spiel findet übrigens nicht wie bisher gewohnt um 18:00 Uhr, sondern 15 Minuten später statt. Die Suche nach Massenvernichtungswaffen nimmt nun mal ihre Zeit in Anspruch. Gespannt wartet die Welt auf den Moment, in dem sich die beiden Teams zur Begrüßung die Hand reichen. Die amerikanische Trainerin Pia Sundhage hat bereits angekündigt, ihre Spielerinnen den von der letzten WM berüchtigten nordkoreanischen Schmähsatz „Kim Jong-Il Gae Heng Hi Hi“ (zu deutsch: „Euer geliebter Führer hat einen lachhaft kleinen Lümmel“) zwischen den Zähnen hindurchzischeln zu lassen. Neu im Repertoire: „Kim Jong-Un Puh Hui Ho Ho“ (etwa: „Der Sohn eures geliebten Führers stinkt ganz gewaltig aus der Hose“).
  • Amerika ist die Nummer 1 im Frauenfußball. Zumindest sagt das die Weltrangliste. Der letzte Weltmeistertitel liegt allerdings bereits schmucke 12 Jahre zurück. Die außerordentlich hohe Qualität des Frauenfußballs in Amerika ist einfach zu erklären: wenn Mom und Dad einen Sohnemann auf die Welt bringen und der anfängt, dem runden Leder nachzujagen, setzt es besorgte Gesichter. Das Kind kriegt Baseballschläger geschenkt, muss mit einem übergroßen Handschuh unterm Kissen schlafen, wird am Basketballring streckungshalber mal eine Nacht hängengelassen oder läuft gut gepolstert hundert Mal täglich gegen die Hauswand. Wenn gar nichts mehr hilft, kriegt er eine Xbox360, das neue Call of Duty, reichlich Dollar für Essen bei McDonald’s  und gibt sporttechnisch hernach endlich Ruhe. Mädchen spielen dagegen Fußball, solange und so oft sie möchten und der Daddy hofft, dass sie mal berühmt werden, einen attraktiven Footballer heiraten und Söhne zeugen. Worauf der Kreislauf wieder von vorne beginnt.
  • Die Qualifikation der Amerikanerinnen verlief über Umwegen und gelang erst durch einen Sieg in den Play-Offs gegen die Italienerinnen. Dominanz liest sich anders. Herausragend im Team ist sicherlich Mary Abigail „Abby“ Wambach, im Tor steht mit Hope Solo eine tolle Einzelkämpferin, die ich gerne ehelichen und unseren Sohn dann Han nennen würde. Nordkorea setzt dagegen mit viel Kim, Hong, Song und Jong, wer vermag die schon alle auseinanderzuhalten.  Was soll ich mir also die Mühe machen. Okay, stellvertretend erwähne ich jetzt Jo Yun Mi. Die Truppe ist ein Geheimfavorit, ohne Zweifel, aber mal ehrlich: wenn die Weltmeister würden, wäre doch die ganze schöne Stimmung dahin, wie wenn jemand auf einer Party plötzlich Marschmusik auflegt.

Nachbericht

  • (PPP) Die volkseigene Auswahl der Republik Korea besiegt das vergebens hinterherjapsende amerikanische Team mit 2:0 durch Tore von Kim und Kim. Auf der Pressekonferenz hinsichtlich des nie gefährdeten Sieges gab Trainer Kim Kwang Min gut gelaunt und mit einem herzhaften Lachen auf den Lippen zu Protokoll: „Wir haben heute maximal 10% unseres Leistungspotenzials abgerufen. Den Sieg widme ich meinem von der Liebe zu seinem Volk heute Abend wahrscheinlich hackedicht betrunken herumtanzenden, geliebten Führer Kim Jong-Il“. Ein wunderbarer Schlusspunkt eines gelungenen Auftritts der einzig wahren koreanischen Frauenfußballmannschaft, die daraufhin in das wuselige Dresdener Nachtleben entlassen wurde.  (Offizieller WM-Korrespondent für Nordkorea, M. Inishmore für Prima Propaganda Pjöngjang)
  • Kommentator Galeske sah in der ersten Hälfte ein gutes Spiel. Diskutabel, sofern man nicht ein „zum Zehennägelschneiden oder „zum Nachmittagsschlafnachholen“ hintenanstellt. In meinen handschriftlichen Notizen prangt nur ein Satz: „Dr. Theo Zwanziger trägt ein apartes, hellblaues Baseballkäppi“.
  • In der zweiten Hälfte gleich zu Beginn mehr Leben in der Bude. Hong im Tor der Nordkoreaner fängt jedoch alles weg. Wo Ball, da Hong. Bis zur 54. Minute, als Cheney frech gegen die Laufrichtung der Keeperin köpft. Die Asiatinnen schlagen zurück, auch Hope bleibt nicht mehr länger Solo im Torraum, es begegnen sich Ball und Latte. Die USA nun drängender, mit echten Torchancen. Ein Kopfball touchiert die Latte, wenige Minuten später könnte Buehler aus dem Hintergrund schießen, schießt und Tor! Sah nicht so gefährlich aus, kam aber scharf und flach, das schmeckt Hong nicht, sie mag es eher mild und halbhoch. 76. Minute, das sollte es gewesen sein. Noch ein nicht gegebenes 3:0, kurz danach Abpfiff. Letztlich verdienter Sieg der Amerikanerinnen, die ein Titelaspirant bleiben. Von der nordkoreanischen Auswahl bin ich ein wenig enttäuscht.
  • Ich verfolge ja die ganzen Vor-, Zwischen- und Nachberichte der übertragenden Fernsehsender nicht, weil ich parallel meine Texte schreiben muss. Als ich heute allerdings das Paar Silke Rottenberg und Sven Voss sah, spürte ich fast durch den Schirm die Enttäuschung der ehemaligen deutschen Torhüterin, dass Oliver Kahn nicht für diese WM zur Verfügung stand. Man hätte so gut zueinander gepasst, sich so gut austauschen, ergänzen oder ja, vielleicht auch mal gegenseitig zärtlich in den Nacken beißen können. Sven Voss wirkt dagegen im Zusammenspiel mit ihr wie Thomas Anders in der Spätschleimphase, der sich ständig vor Cynthia Rothrock ducken muss.
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2 Gedanken zu “USA – Nordkorea 2:0

  1. Frau Rottenberg heißt allerdings Silke, nicht Silvia. Und beim nicht gegebenen 3:0 zuckte ich doch ganz schön heftig zusammen, wie haarscharf der den Ball tretende Fuß am Kopf der Torfrau vorbeiging. Nicht schön!
    Aber nach den heutigen Spielen denke ich, Schweden – USA wird sehenswert. Freu mich schon darauf!

    • Silke, natürlich. Das war ein kleiner Leseraufmerksamkeitstest, den du souverän bestanden hast. Schweden gegen USA wird übrigens das beste Spiel dieser WM überhaupt. Habe ich eben mit meinem Kumpel Sepp so ausgekungelt. Viel Spaß dabei!

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