Kolumbien – Schweden 0:1

Vorbericht

  • Kolumbien und Brasilien vertreten also den südamerikanischen Kontinenten bei dieser Weltmeisterschaft. Moment, gibt es da nicht üblicherweise noch eine Nation, die man bei so einem Turnier erwartet? Ach, jetzt komm ich nicht auf den Namen. Wo dieser Messi spielt. Wo der Trainer so geheult hat letztes Jahr. Weil sie gegen uns 4:0 im Viertelfinale verloren haben. 4:0! Argentinien, ja genau. Wo sind die eigentlich?
  • Meine erste spontane Theorie war folgende: weil bei den Gauchos der Macho noch seine Stiefel auf den Esstisch legen kann, ohne dass es ihm droht angemault zu werden, hat man keine eigene Trainerin für die Frauenmannschaft angestellt, sondern den gerade zufälligerweise unbeschäftigten Diego Maradona engagiert. Dessen Übungseinheiten orientierten sich streng an dem ihm vorschwebenden Frauenbild: 100 Meter-Sprints in Pumps und ohne Sport-BH, Steakzubereitung am Anstoßkreis, Bikinischau in Tornetzstrümpfen und Schminken während des Zweikampfs. Am Ende hatte Diego ein Team zusammen, welches ein Fotonegativ seiner Selbst war: sahen alle prima aus, aber keine konnte was mit dem Ball anfangen. Das Qualifikationsspiel wurde schließlich infolge einer zeitlichen Kollision mit einer privaten Feier im Hause des Trainers verpasst, die Mannschaft nicht zur WM zugelassen und Maradona fühlte sich wie gewohnt als Opfer einer gigantischen Verschwörung. Okay, in Wirklichkeit hat Argentinien mit 0:1 gegen Kolumbien verloren und erreichte deshalb nur den dritten Platz bei der Südamerikameisterschaft. Aber mit Maradona liest sich alles doch gleich viel lustiger, oder?
  • Kolumbien gilt als Außenseiter und Exot, die Mannschaft trägt den Namen „Cafeteras“, was für mich verdammt schwer nach Kaffeeausschank klingt. Und übersetzt in der Tat auch Kaffeekanne oder Kaffeemaschine heißt. Die haben schon Humor da unten, ihre Frauen Kaffeekannen zu nennen, Liebe zum nationalen Getränk hin oder her. Man stelle sich vor, wir würden unsere Auswahl Wurstaufschnitten rufen, da wäre aber was los. Wie auch immer: Chefkännchen draußen ist die 17-jährige Yoreli Rincon, Ingrid Vidal und Maria Cataline Usme können ebenfalls gut einschenken, der Trainer sieht die größten Stärken seines Teams im Glauben an Gott, dem großen Selbstbewusstsein und der Liebe zum eigenen Land. Die Fähigkeit, Bälle ins Tor schießen zu können ist -wie bei Südamerikanern üblich- eher zweitrangig.
  • Schwedinnen lächeln beim Kopfball, Schwedinnen sehen aus wie Agnetha Fältskog von ABBA in den 70ern, Schwedinnen strahlen den doppelten Bänderriss weg und machen aus jedem Humpeln einen Gang auf dem Catwalk. Mag sein, dass das alles großer Käse ist, aber eines ist sicher: da zuckt der Mann auf, das will er sehen, da begehrt er auf, drängt sich vor den Fernseher und stellt mit schwitzigen Händen auf der Fernbedienung die Bildschärfe höher. Meine Zuneigung muss sich dieses Land nicht auf solche billige Art einholen, als audiophiler Lärmfachverarbeiter stehen dermaßen viele Alben schwedischer Bands in meinem CD-Regal, dass ich den Nordfrauen einfach zwingend die Daumen drücken muss: Amon Amarth, Spiritual Beggars, Grand Magus, PAIN, Dark Tranquillity und ganz frisch die neue In Flames laufen in der schwedischen Kabine doch sicherlich rauf und und runter, während wir uns betroffen einen grönemeyern oder heulend rumnadooen.
  • Musikalisch also top, fußballerisch leider nicht mehr ganz so erfolgreich wie früher. Die erste schwedische Liga war vor Jahren mal die stärkste der Welt, das Nationalteam immer ganz vorne mit dabei, wenn die WM- oder EM-Glocke läutete. 2007 allerdings überstand man schon die Vorrunde nicht: bezeichnenderweise in der Gruppe mit den USA und Nordkorea. Stürmerstar ist Lotta Schelin, Mittelfeldregisseurin Caroline Seger, die meisten Erfahrungspunkte sammeln konnte bisher Therese Sjögran und wenn die Frauen diesmal in die Ausscheidungsrunde vorrücken, dürfen sie ihre männlichen Pendants kräftig hänseln: die fliegen nämlich pünktlich zum Abpfiff des Achtelfinales immer noch Hause.

Nachbericht

  • Ich bin möglicherweise einer großen Sache auf der Spur, denn die schwedische Frau im Tor sah dem armen britischen Ding von gestern doch sehr ähnlich. Ob wir da ein Comeback von Frau Bardsley gesehen haben, konnte ich allerdings nicht überprüfen, weil sie keinen wirklich gefährlichen Ball auf die Kiste bekommen hat. Ich bleib aber dran, versprochen.
  • 2. Minute und schon widerlegt die kolumbianische Verteidigerin Natalia Gaitan eindrucksvoll ein von Witzbolden verbreitetes Vorurteil: wenn der Ball über die Linie zu trudeln droht, läuft frau nicht mit den Händen vor dem Kopf und einem „Uiuiuiuiuiuiui“ auf den Lippen panisch davon, sondern grätscht die Kugel sauber vor der Linie weg. Fein gemacht.
  • 13. Minute: Landström hubelt den Ball freistehend über das Tor. So schieße ich auch mit links, aber die Frau ist glaube ich Linksfüßerin. Oder heißt es Linksfüßin? Wie auch immer. Da hat jemand zu viel Bundesliga mit Gomez, Lakic und Błaszczykowski geguckt.
  • Feinschmeckerli für Freunde des Foulspiels. Landström läuft Gaitan mit Schmackes über den Haufen. Die Schwedinnen sind drückend überlegen, langen auch mal kräftig zu, das Wikingerblut schimmert durch. Nur treffen tun sie nicht.
  • Allen voran Lotta Schelin. Lotta, Lotta, Lotta, da wird doch das Knäckebrot trocken! Was die Frau alles liegenlässt. Dann endlich, in der 57. Minute die Erlösung: Flachpass Schelin, Abstauber Landström, da kann nichts schiefgehen.
  • Und die Kolumbiannerinnen? Ich lehne es mal an einen alten Werbespruch an: „Heute bleibt die Kanne kalt, wir fahren in den IKEA und kaufen unserem Sturm ein Sitzbänkchen“. Will sagen, da war nichts. Außer ein paar Fernschüssen gegen Ende, die selbst die möglicherweise englische Torhüterin nicht erschrecken konnten.


Advertisements

7 Gedanken zu “Kolumbien – Schweden 0:1

  1. Nicht nur die Argentinierinnen fehlen, auch die Peruranerinnen (?) sind nicht dabei – dabei werden deren Damen doch alle Jahre wieder mit den 10 Röcken übereinander und den Alpaca-Jacken als Folklore Zusatz in irgendwelchen Reisemagazinen gezeigt.

    Die Schweden kommen allerdings auch nicht mit dem schwedischen Bikini-Team angereist.

    • Tragen die Peruannerinnen eigentlich immer noch den roten Querstreifen über den 10 Röcken und unter den Alpaca-Jacken? Ich vermisse sie auch. Ist Bikini eine Sportart? Wenn nein, warum nicht? Das muss bei der nächsten WM der Frauen (wird nach einstimmigem FIFA-Votum wahrscheinlich auf der Sonne ausgetragen, wegen Sexyness und so) anders werden!

  2. Liebe Fans und Freunde,

    es gab am letzten Wochenende in Valencia leider eine gravierende Fehlinterpretation meiner Aussagen während eines Pressegesprächs. Ich stelle hier noch einmal klar: Ich bin ein Fan von der Frauen-Nationalmannschaft und werde mitfiebern. Genauso interessiere ich mich auch für einige Events der Paralympics.

    Vielen Dank für eure Unterstützung heute und viele Grüße aus Valencia.

    Euer Nico

    • Nico, ich glaube Dir! Mir wäre aber ein „Seit Jahren fahre ich nun erfolglos im Kreis herum und das macht einem halt irgendwann die Großhirnrinde weich“ noch ein Stück ehrlicher rübergekommen. Und bitte verwende das nächste Mal dein eigenes Bild und nicht das von meinem hochverehrten Kollegen Herrn Schoss. Anstand muss sein. Auch im Internet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s