Japan – Neuseeland 2:1

Vorbericht

  • Das Wochenende ist vorbei, wir haben gewonnen und ich war gestern wohl ein wenig zu miesepetramäßig drauf, was das Spiel unserer Nationalmannschaft anbelangt. Ich hatte halt die ganzen Testspiele noch im Auge und dachte, das Ding holen wir locker mit 5:0 nach Hause. Mittlerweile bin ich überzeugt: Kanada ist ein bisher ungenannter Mitfavorit, schließlich sind die ja fast so was wie die USA und die wiederum stellen bekanntlich die #1 in the world and überhaupt. Prinz und Bajramaj haben aber wirklich schlecht gespielt und jeden, der mich vom beinharten Fantum zu Melanie „MelB“ Behringer abbringen will, bewerfe ich mit Fußballschuhen.
  • Japan. Da wird es schwer mit den Witzigkeiten. Ich traue mich nicht mal, sowas wie „Godzilla-Girls“ hinzuschreiben. Natürlich wegen des Erdbebens und der Atomkatastrophe, die diese Nation vor wenigen Monaten erleiden musste. Hat es uns nicht alle beeindruckt, wie die stolzen Japaner diesen furchtbaren Schicksalsschlag hingenommen haben, ohne ihren Emotionen freien Lauf zu lassen, ohne in Tränen auszubrechen angesichts dieser Tragödie?
  • „DIE HABEN DICH AUCH NOCH NICHT SUSHI ESSEN SEHEN!“, ruft mir mein Bruder gerade über die Schulter. Das ist wahr. Ich befürchte, ich könnte allein durch einen Mitschnitt meiner Zubereitungs- und Verzehrmodalitäten ihres Nationalgerichts die willensstärksten Asiaten brechen. Ich und die 3,99-Euro-Tiefkühlpackung aus dem Aldi. Wie ich die Tütchen mit dem Ingwer und dem Wasabi zwecks Auftauens aus Schusseligekeit zu lange in der Mikrowelle lasse, bis sie explodieren, wie ich den warmen Matsch aus diesen beiden Bestandteilen mit Sojasoße übergieße und mit dem Reis voran die Sushi darin ertränke – das schlägt schlichtweg die Dimensionen japanischer Quäl-Spielshows. Vielleicht sollte ich doch ein Video davon auf die PS3 im Freizeit-Quartier der Damenauswahl  einschmuggeln und dann massiv auf einen Sieg der Neuseeländerinnen wetten. Die sind nämlich klarer Außenseiter gegen die aktuelle #4 der Weltrangliste.
  • Homare Sawa heißt die Rekordnationalspielerin und -torjägerin, zählt 32 Lenze und spielt schon seit 18 Jahren für die Nadeshiko Japan, wie sich die Auswahl nennt. Das ist bewundernswert, 1993 wäre ich im Alter von 14 froh gewesen, den Spielmechanismus hinter dem 3D-Shooter „DOOM“ begriffen zu haben.  An Legionärinnen erwähnenswert: Yuki Nagasato (Turbine Potsdam) und Kozue Ando (FCR Duisburg). Unbelastetes junges Gemüse, nee, das kann ich jetzt wieder nicht schreiben, Eine aufstrebende Newcomerin stellt für viele Experten die 18-jährige Mana Iwabuchi dar. Allerdings gilt für die ganze Mannschaft: gegen die Top-Teams USA und Deutschland sieht die Bilanz extrem mager aus. Der Weg ist also bereitet: Vorrunde hui, Ausscheidungsrunde pfui.
  • Ich mag Neuseeland, schon bei der letztjährigen WM. Die tapferen Hobbitse haben mir viel Spaß bereitet und blieben damals – das erwähne ich gerne nochmals – die einzige unbesiegte Mannschaft im Turnier. Ähnliches erhoffe ich mir von der Elfenauswahl, die noch auf ihren ersten WM-Sieg wartet.  Wieder allerdings muss ich die neuseeländische Tourismusbehörde rügen: die Männermannschaft lief wegen ihrer Trikotkombination als „All Whites“ in Südafrika auf, die Frauen bekamen nun ausgerechnet den Spitznamen „Swanz“ verpasst. Ich sehe vor mir schon die Transparente mit der Aufschrift „We are proud of our Swanz“ und die kritisch dreinblickenden FIFA-Geschlechts-Inspekteure. Selbst im Deutschen würde ein „Wir sind stolz auf unsere Schwäne“ zu buchstäblichem Ergänzungs-Schabernack einladen. Das muss doch wirklich nicht sein. Wer sehen möchte, wie  man richtig Werbung für Neuseeland betreibt, den verweise ich auf dieses flickr-Fotoset mit Motiven aus dem Büro von Murray Hewitt, Botschaftsmitarbeiter und bester Bandmanager aller Zeiten aus der großartigen TV-Show „Flight of The Conchords“.
  • Neuseeland erinnert mich darüber hinaus oft an mein Heimatland, das Saarland. Tolle Umgebung, tolle Menschen, aber eine schlechte Außenwahrnehmung.  Wenn es etwas über Neuseeland zu lesen gibt, dann meist, wenn altgediente Schafe sterben oder Pinguine stranden. Im Saarland hingegen können selbst Tiere massenweise verenden, überregionale Notiz genommen wird nur, wenn Lafontaine hustet, Nicole an deutschen Grand-Prix-Beiträgen herummeckert oder der saarländische Tatort wieder einmal vollends enttäuscht hat. Eine weitere Parallele: der Neuseeländer kabbelt sich traditionell mit dem sich ach so toll vorkommenden Australier herumkabbeln, sozusagen dem Pfälzer Ozeaniens. Alles Gründe, den Kiwis auch diesmal die Daumen zu drücken.
  • Letzter Absatz, ich schmeiße wieder Namen wichtiger Spielerinnen in die Runde: Hayley Moorwood, Ali Riley, Rosie White, Wyntona Rufer. Nein, Wyntona Rufer habe ich jetzt scherzeshalber reingeschmuggelt. Der heißt Wynton und war mal Stürmer in Bremen. Wollte nur mal kurz die Aufmerksamkeit der Leserschaft austesten. Ich gehe jetzt 2,50 Euro auf einen Sieg der Neuseeländerinnen setzen.

Nachbericht

  • Ich hätte da nicht gespielt. Nö. Bullenhitze, unattraktive Anstoßzeiten (15 Uhr Ortszeit, 1 Uhr nachts in Neuseeland, 22:00 abends in Japan), Bochum, schrecklich stumpfer Rasen. In der Mittagspause war ich heute im Aldi und habe durch reines Warenverladen in den Kofferraum gefühlte 2 Liter Flüssigkeit aus meinem körpereigenen Wasserhaushalt verloren. Insofern schon mal meinen Respekt an die beiden Teams.
  • Modische Akzente wurden zudem auch noch gesetzt; Neuseeland teilweise mit weißer Kampfschminke, was bei den Temperaturen natürlich bald aussah wie KISS im Endstadium. Japans Nr. 4 hingegen überrascht und entzückt mit einer zarten beige-weiß-Stoffkombination als Kopfbedeckung. Verbandfetischisten und Fans von Dieter Hoeneß (möglicherweise sogar alle beide) dürften vor Freude aufgejauchzt haben.
  • Zum Spiel: nach 6 Minuten schon das 1:0 für Japan durch Nagasato. Fehlpass abgefangen, einmal sauber durchgesteckt, reingelupft. Das sieht jetzt bereits besser aus als das, womit mich die Männer letztes Jahr gelangweilt haben. Ich zerknülle weinend meinen Tippschein mit der Wette auf einen neuseeländischen Sieg.
  • Weitere sechs Minuten der Ausgleich: Flanke Bowen, Kopfball Hearn und ich war so stolz, dass ich den ganzen Vorbericht über nicht darauf herumgeritten bin, dass bei den Japanerinnen keine über 1,71 m groß ist. Nun muss ich offiziell vermelden: bei den Japanerinnen ist keine über 1,71 m groß. Auch nicht die Torhüterin. Wovon der Ausgleich durchaus mitbeeinflusst wurde. Sollten wir im Viertelfinale auf Japan treffen, besetzen wir Sturm und offensives Mittelfeld am besten mit Kerstin Garefrekes.
  • Es nimmt mich wunder, dass auch die Japanerinnen trotz ihrer zweifellos großen technischen Fähigkeiten am Ball gerne hohe Flanken spielen. Im Zusammenhang mit der körperlichen Unterlegenheit erscheint das so wirkungsvoll wie Origamifalten gegen Feuersbrünste, aber wenn es denen halt Spaß macht…
  • In der zweiten Hälfte fordert die Hitze schon ihren Tribut. Vor allem die Neuseeländerinnen laufen nicht mehr so geschmeidig, sondern bestechen nur noch durch kluge Fouls und Abseitsfallenstellen. Zu wenig, um die Asiatinnen zu überraschen. Die die Partie durch ein Freistoßtor von Miyama letztlich verdient für sich entscheiden. So sehr ich die Kiwis auch mag, das ist eher eine Getümmelmannschaft, die im Chaos einer Ecke oder eines Freistoßes mal einen reinhieven oder die Rübe dranbekommen. So wird das wohl nicht ausreichen, um ins Viertelfinale zu kommen. Aber mein Herz gehört ihnen trotzdem.


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Ein Gedanke zu “Japan – Neuseeland 2:1

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