Gedanken zur Frauenfußball-WM 2011

  • Du hast keine Ahnung von Frauen und – wenn man deine Tipp-Vorhersagen bei der letzten WM als Maßstab nimmt – auch keine Ahnung von Fußball. Weshalb schreibst du also nicht zur Frauenfußball-Weltmeisterschaft im Sommer ein neues unfassbar kompetenzfreies Tagebuch?„. Es sind Fragen wie diese, die mich nachdenklich machen. Bestechende Logik gepaart mit journalistisch wunderbar herausgearbeiteter Argumentation, vollendet mit dem bohrenden Drang nach Antworten. Wer bin ich, dass ich dazu schweigen könnte? Vor allem, wenn diese Einleitung mit dem frechen Fragezeichen am Schluss plagiatsfrei von mir selbst stammt?
  • Wer soll es denn sonst machen?“ will es unüberlegt meiner Zunge entfleuchen. Zärtliche Anfragen etwa bei Alice Schwarzer würden ihrer Pressestelle sicherlich lediglich ein „Frau Schwarzer tritt nur gegen Bälle, wenn sie halbhoch auf sie zukommen und ein Mann dranhängt“ zu entlocken wissen. Im Fachkompetenzbereich „Kann so richtig voll gemein sein zu Frauen“ drängen sich natürlich The Heidi The Klum und Detlef D! Soost mit ihren Sendungsversuchen auf, die doch beide – so die ganz persönliche Meinung des Autoren – eine Schar gluckender Hühner zeigen, die quasi gefiedernah dabei sein wollen, wenn ein anderes gluckendes Huhn auf der Stange, äh Bühne performt. Wenn es allerdings so weit kommen sollte, müssen sich unsere Nationalmannschaftsdamen am Ende noch Kommentare im Sinne von „Pfui, wie stilettolos eingeköpft„, „Die achtlos hinter die Torlinie geworfene Handtasche der deutschen Torfrau macht mich voll crazy und angry und so“ oder „C’mon, move your body, bitch!“ zu Herzen nehmen. Das geht ja nun wirklich nicht.
  • Soll man sich die WM überhaupt anschauen? Als Frau sicherlich. Als Mann wird es schwierig, weil man seine Entscheidung vor den Geschlechtsgenossen erklären muss. Das Fachmagazin kicker hat in einer Umfrage unter Bundesligaprofis herausgefunden, dass sich 70% der Befragten nicht für die Weltmeisterschaft im Frauenballsport interessieren. Da wird es schwer, sich auf die Gegenseite zu schlagen, auf der wahrscheinlich nur Philipp Lahm und andere Kicker stehen, die ihren Lebenspartnerinnen körperlich unterlegen sind. Natürlich gibt es noch jene, die bereits gerade eben beim Begriff „Frauenballsport“ schon in sich gekichert haben. Zum Beispiel den hier:  Berlin, Nobelviertel: Ein kleiner vor Selbsteuphorie meckernder Mann steht am Bügelbrett, telefoniert mit seinem Markenrechtsanwalt und brennt hektisch den Schriftzug „TRIKOTTAUSCH“ auf grob billig erzeugte T-Shirts. Zwar gibt es dieses humoristisch vergilbtbärthige Produkt schon im Handel, aber das wird den schwer witzbedürftigen Comedian („Hömma, det is der Hamma, det muss man sich schützen lassen, weeßte?“) sicherlich nicht stören.
  • Ich hingegen sage JA zur deutschen Fußballfrau. Sportlerinnen im Allgemeinen haben mich bereits in frühen Jahren begeistert. Unvergessen etwa die lang durchwachten Leichtathletik-Nächte in den 80ern, als der erste weibliche Hochgeschwindigkeits-Panzer in der grazilen Form der Tschechin Jarmila Kratochvilovà noch die Bahnen dieser Welt unsicher machte. Angetrieben von diesem nostalgischen Schub muss ich natürlich schon deshalb die Spiele sichten, um eine neue Hans-Petra Briegel meines Herzens zu entdecken. Meine Hoffnungen lege ich insofern auf die Teilnehmernationen Nigeria, Nordkorea und Äquatorial-Guinea. Kein Witz, die machen dort alle mit. Besonders freue ich mich dabei auf Nordkorea, wo mir bereits von dem von seinem Volk wirklich (und nicht gaddafiesk-fake) geliebten Führer die körperlich straff organisierte Sportfunktionärin Oberstgeneral  Kom-Mu Shi zugeteilt worden ist, um meine Berichte zu überprüfen.
  • Die entscheidenden Argumentationshilfen zur Überzeugung männlicher Fußballfans sind jedoch folgende:
    • Unsere Damen sind richtig gut. Überlegen gut. Wenn-die-nicht-gewinnen-muss-was-mit-dem-Ball-nicht-gestimmt-haben-gut.
    •  Es dürften viel mehr Tore fallen, wenn Goliatha auf Davida trifft. Was haben wir uns doch letztes Jahr geärgert, als nicht mal der Honduraner ordentlich einen eingeschenkt bekommen haben wollte!
    • Bei den Torfrauen fehlt bis auf wenige Ausnahmen noch die Souveränität, was die kontrollierte und endgültige Ballabwehr anbelangt. Auf Unterhaltung fixierte Menschen wie ich sind hier natürlich extrem gespannt auf die Auswahl Englands.
    • Die schwedischen Frauen sind dabei! SCHWEDINNEN! Optisch kann das doch nur ein Treffer werden.
    • Spanien hingegen fehlt. Komplett. Auch keine Männer. Das habe ich mir nochmals eidesstattlich versichern lassen! Bedeutet: kein Ärger für uns im Halbfinale oder Finale.
    • Falls Oliver Kahn vertraglich gebunden ist, als Experte tätig zu werden, muss er seine weibliche Seite entdecken. Das darf man nicht verpassen, wenn der Titan sich in der Umkleidekabine auf Eierstöckesuche begibt, Duftkerzen aufstellt und fehlende Wickeltische beklagt.
  • Diesmal habe ich wirklich keine Ahnung von den Teams, der Qualifikation, den Hintergründen. Die Regel werde ich mir auch nicht draufschaffen können, wohl aber die Regeln. 2010 in Südafrika mag hier und der Ansatz von Wissen durchgeschienen haben, wofür ich mich entschuldige. Diesen Vorwurf kann ich allerdings für die WM 2011 kategorisch und weit von mir zurückweisen. Dennoch lasse ich alle Besucher dieser Seite gerne bis zum 1.6.2011 darüber abstimmen (und verlange dummerweise nicht mal Geld dafür), ob es ein WM-Tagebuch geben soll.

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3 Gedanken zu “Gedanken zur Frauenfußball-WM 2011

  1. Pingback: Unfassbar! « Nordworte im Exil

  2. Sehr verehrter Herr Redakteur!
    Ein Text der Superlative! Warum? Könnte von Mister Mario B. sein. Genial, dass du erst die Entscheidung, Frauenfußball gucken oder nicht, vor den knallharten „Männern“ kommiten musst. Nicht vor der Frau, oder Freundin? („Als Mann wird es schwierig, weil man seine Entscheidung vor den Geschlechtsgenossen erklären muss.“) Huuuch! Auah.
    Ich, zum Beispiel, ziehe mir NUR Frauensportarten rein. Warum? Weil ich auf Frauen stehe – die volle Kanne! Männer gehen mir am Arsch vorbei, sexuell gesehen. Wenn ich schwul wäre, würde ich unmuskulöse Männer unästhetisch und langweilig finden; wie Frauen, die aussehen wie Quarkschnecken. Warum? Beide haben für ihren Körper nichts geleistet! Und nebenbei: Muskeln sind der Strukturgeber hoch drei!

    Die FrauenWM reinziehend: Daniel – the Power for an FemaleMuscle World

  3. Das mit dem Text der Superlative unterschreibe ich sofort, wenn ich mal so bescheiden sein darf. Aber die Begründung mit Mario B. tut mir weh.
    Ich sehe allerdings, dass wir im Laufe der Berichterstattung uns einig sein werden, dass Melanie Behringer viel mehr Einsatzzeiten erhalten muss. Näheres dazu im Vorbericht Deutschland – Kanada. Also dranbleiben!

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