Argentinien – Deutschland 0:4 (in Worten: null zu vier!)

Vorbericht

  • Jetzt geht’s los. Unsere Jungs gegen Diego. Den Armando. Den Maradona. 2006 lautete das Duell noch Kaiser Franz vs. Maradona und fand auf der Ehrentribüne des Berliner Olympiastadions statt. Damals war der Ozzy Osbourne des Weltfußballs nur als Zaungast in Deutschland unterwegs und unterlag schmachvoll gegen unseren Kaiser in der Königsdisziplin Anwesenheit im Stadion. 1 Kaiser, o Maradona.  Was zugegebenermaßen den riesigen Nachteil hatte, dass er das Ausscheiden seiner Landsleute nicht dekorativ für die Kameras beweinen konnte. Heute dürfte es daran nicht scheitern. Kameras müssten reichlich vorhanden sein, die Tränen dann so ab 17:50 Uhr.
  • No hay nadie. Es ist niemand da. Immer wieder wiederholt das spanischsprechende Zimmermädchen diesen einen Satz und versucht beruhigend auf den kleinen dicken Mann im Kleiderschrank einzuwirken. Si!,  stöhnt die aufgeregte Stimme, aquí estádoch, da ist er! Ein zitternder Finger streckt sich aus dem beschützenden Dunkel und zeigt Richtung Badezimmer. El alemán, el diablo, el GUIDO!!! Der Deutsche, der Teufel, der Guido!!! Und in der Tat lacht dem Betrachter aus der Duschkabine der kicker-Starschnitt des Weltmeisters Guido Buchwald aus dem Jahre 1990 entgegen. Jener Buchwald, der Maradona im Finale 1990 in Manndeckung nahm und nicht mal auf dem Weg zur Dopingkontrolle alleine ließ. Acht Worte hatten sich damals dem argentinischen Superstar ins Gehirn gebrannt, acht Worte, für die er die ganze deutsche Sprache verdammte, acht Worte, die Buchwald immer gluckste, wenn er auf ihn traf: „Hallöle, heit bischd a glois bissle langsam, gelle?“
  • Die neue Psychotaktik von Joachim Löw verfehlt ihre Wirkung nicht. Ein vollkommen verwirrter Maradona verkündet in der letzten Pressekonferenz vor dem Spiel (die Löw zuvor komplett in Schwäbisch abgehalten hatte), dass Superstar Messi wie damals 2006 auf der Bank Platz nehmen wird. Offizielle Begründung: Schonung und flexible Reaktionsmöglichkeit im Falle einer deutschen Führung. Die Wahrheit sieht anders aus – Liebling Lionel soll Guido von der Trainerbank wegtreten, falls dieser dort auftauchen sollte. Selbst erscheinen wird Buchwald nicht, doch Hansi Flick hält den kicker-Starschnitt stets griff- und einsatzbereit.
  • Falls es doch nicht so kommen sollte, bräuchten wir jemand, der Messi auf die Goldfüße tritt. Khedira? Schweinsteiger? Beide gleichzeitig? Jeder ein Fuß? Wäre vielleicht besser. Für das Angriffsspiel langt unter Umständen ja wieder ein weiter Abschlag von Neuer, den Klose dann einnickt, eingrätscht oder sonst wie über die Linie bugsiert. Alternativ wuselt sich Özil durch und findet hoffentlich einen Abnehmer für seinen tödlichen Pass nach innen, denn so sehr ich den kleinen Türken auch mag, ich will den nicht nochmal allein auf den Torwart zulaufen sehen.
  • War der Argentinier die letzten Spiele wirklich so toll? In der Vorrunde schnell durch dank den Siegen über Nigeria und Südkorea, im Achtelfinale 3:1  gegen Mexiko mit Abseitsdusel, einem nach einem Tor schreienden Aussetzer von Osorio und schließlich einem Weitschusstor. Da haben wir drei Gegenmittel: Arne Friedrich, der keinen Gegenspieler so ganz alleine lässt, Philipp Lahm, der alle Aussetzer korrigiert und Manuel Neuer, den man erwiesenermaßen nicht mit einem Fernschuss überlisten kann (und wenn doch, geht der Ball niemals über die Linie). Ich sehe ganz klare Vorteile für uns.
  • Ach, und sollte es doch nicht klappen, schieben wir es einfach der Bundeskanzlerin in die Schuhe, die sich ja als Glücksbringerin angekündigt und bereits jetzt ihre beiden besten Gesichtsausdrücke eingeübt hat. Tief empfundene Euphorie und leichte Geknicktheit. Leider kennt bis auf sie selbst niemand den Unterschied. Wie auch immer: ich sehe der Sache entspannt entgegen. Verlieren können wir nix mehr, wir haben den Engländer gedemütigt nach Hause geschickt, sind jetzt schon länger dabei als Italiener, Franzosen und Brasilianer. Wenn wir es nicht werden, soll es halt der Spanier machen. Oder der Uruguayer. Weitere Kandidaten gibt’s ja nicht.

Nachbericht

  • WRINGT MICH AUS, ICH QUELLE ÜBER VOR GLÜCK!!! 4:0!! VIER ZU NULL!!! VIER TORE FÜR UNS, KEINS FÜR DEN ARGENTINIER!!!! DIE FINDEN DEN WEG NICHT MEHR ALLEINE NACH HAUSE, SO RUND HAM WIR DIE GEMACHT!!!
  • 3. Minute: der Gaucho hat noch nicht mal seine Streifen richtig sortiert, da nickt der Müller schon ein. Müller, du alter Blitzschopf! Der Zopf von Sergio Romero hingegen fliegt traurig ins Leere. Wir haben nach Tausenden ins Leere gehubelten Bälle einen Standard reingemacht, ich werd‘ nimmer! Maradonas Gesicht fällt in die Feldherrenstarre, so Stilrichtung später Napoleon kurz nach Beginn der Schlacht von Waterloo, als ihm die ersten Soldaten schweigend vorwurfsvoll ein paar Gliedmaße vor die Füße legten.
  • Wo der Argentinier auch ist, der Deutsche ist schon da. Quasi der Guido Buchwald von 1990 als Kollektivversion ins Jahr 2010 gebeamt. Nix kriegt die Albiceleste hin, absolut rein gar nix. Klose haut eine Riesenchance drüber, aber da stelle ich den Tor-Countdown schon runter auf 1, denn wir wissen ja: einen braucht der Miro immer für die Justierung. Kurze Zeit darauf kriegt Müller eine gelbe Karte. Unschön, das hätte nicht sein müssen, das war doch keine böse Hand, Herr Schiri! Halbzeit. Hat Neuer eigentlich was zu tun gehabt? Jetzt außer Messis zu hoch angesetzten Schüssen nachzugucken?
  • Zweite Spielhälfte: Maradonas Jungs wollen, die Deutschen lassen sie eher, ich knabbere mir einen Satz Fingernägel weg. Wo bleibt denn der England-Konter? Wann zieht Özil von dannen? Wann schießt Podolski einen Unmöglichen rein? Stattdessen fängt Neuer an, Schüsse einzufangen. Muss auch deprimierend für die Zauberfüße sein, dass alles Abgefeuerte sicher in den Handschuhen landet.
  • 68. Minute: Müller im Liegen (ich muss mir schon wieder eine Portion Gerd-Müller-Nostalgie aus den Augenwinkeln reiben) zu Podolski, der rüber zu Klose, der das Ding noch vorschriftsmäßig stoppt und dann über die Linie schiebt. Da hätte er wie damals Rummenigge auch noch auf den Boden sinken und ihn mit dem Kopf rüberstuppen können. Aber so ist er ja nicht, der Klose. Ich befürchte, dass Messi und Co jetzt ganz aggressiv auf Ball und Knochen gehen.
  • 73. Minute: Kein gescheiter Angriff entgleitet den gegnerischen Füßen, stattdessen tanzt Schweinsteiger ein paar Verteidigerbeine aus, legt flach rein und unser neuer Verteidigergott himself, the Arne, the Friedrich macht das 3:0. Noch kein Treffer im Nationalhemd erzielt und heute frisch mal damit angefangen. Hat sich wohl hinten gelangweilt, der Arne. Weil Mertesacker diesmal klasse drauf ist und abräumt. Maradona guckt wie zwei Tage altes Graubrot. Das war’s dann wohl, jetzt mit heilen Knochen und ohne Karten rauskommen.
  • 88. Minute: Ach komm, einen hauen wir noch rein. Das Wetter ist heute ja auch recht angenehm für dieses Trainingsspiel- GEGEN ARGENTINIEN! Flanke Özil und Klose vollendet lässig samt Salto, als würde er eine frische Packung Chips aufmachen. 14. Weltmeisterschaftstor für Miro. So viele wie der Gerd. Dass ich das noch erleben darf – um den Gerd live mitzuverfolgen war ich ja noch zu jung. Ja, zu jung. So lang ist das schon her.
  • Ich habe soeben beschlossen, dass wir jetzt Weltmeister werden. Jawoll. Einspruch abgelehnt. Wir ziehen das jetzt durch. Spanien ist nur Zwischenstation. Und der Holländer wird im Finale wieder an Müller verzweifeln, wie schon 1974.
  • Ein letztes Wort noch: sehr fair, wie die Argentinier die Party, äh, die Partie zu Ende gebracht haben. Wir waren heute einfach zu gut und das wurde respektiert. Deshalb spar ich mir jetzt weitere Witze auf Kosten von Diego Maradona. Der dürfte für die nächste Zeit eh bedient sein.


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5 Gedanken zu “Argentinien – Deutschland 0:4 (in Worten: null zu vier!)

  1. Genial wie immer. Ini, du verdienst eine eigene Kolumne bei einem großen Magazin!!!

    Bin trotzdem angespannt. Zieh mir gleich den Stuhl unterm Popo weg, ich merke es nicht!

    Darum….. Geflattert! Hat noch jedesmal geholfen. Wer braucht schon die Orakelkrake?

    • Danke für das Lob. Die Orakelkrake hat ja ewig gebraucht, um sich zu entscheiden, dabei war das heute doch eine ganz klare Sache. Daher: willst du sicher sein, hau mir einen flattr rein. In dem Zusammenhang meinen Dank an die vier (aha!) Flattrer.

  2. Traumhaft! Fantastisch! Das nenn ich Fußball!
    was ich jedoch mehr als bemerkenswert finde: schaut man sich Argentinien, Brasilien, Italien, Portugal an: die liegen zurück und machen nix? unfassbar bei solchen Mannschaften. Aber umso besser, klasse Leistung! Und Maratonna rollt nun traurig nach Hause. Dürfte in ganz Süd-Amerika ziemlich dicke Luft sein^^

  3. Was hat der Friedrich eigentlich vor dem argentinischen Tor gemacht? Hatte in der deutschen Abwehr offensichtlich nicht genug zu tun! Ach – völlig egal … ein Traumspiel mit Traumspielstand und Traumspielern!

    Wenn die tatsächlich Weltmeister werden, dann ruf ich den Löw an und verlange meinen Anteil!

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