Niederlande – Brasilien 2:1

Vorbericht

  • Zwei Tage ohne Fußball und schon krieg ich Gicht in den Fuß. Ohne Witz! Direkt Dienstag Abend nach dem letzten Spiel fing mir der dicke Onkel an meinem rechten Vollspannvollstrecker anzuschwellen. Die folgenden Stunden bin ich schlimmer durch die Gegend geeiert als der Italiener, der Franzose und der Engländer zusammen über die Fußballfelder dieser WM. Gestern rasch zum Dr. Müller-Wohlfahrt der Allgemeinmedizin im Ort und eine Spritze sowie ein paar Tablettchen später geht sich’s einigermaßen wieder. Jogi wird nun aber wohl endgültig nicht mehr anrufen („Hökschte Konzentration isch subber, abba nich‘ in d’r Harnsäure, ha noi“).
  • Wird denn heute gezaubert?“ Bei den sich heute duellierenden Mannschaften kommt man sich schon ein bißchen vor wie der hoffnungsvolle kleine Junge beim Einlass in die Zirkusmanege. „Gibt’s was zu gucken, was zu staunen, was zu raunen?“ Oder laufen die doch nur wieder in ihren knallbunten Hemdchen auf, schieben sich die Bälle zu wie Buchhalter die Fehlkalkulationen, bis einer weint und die Akte nicht richtig einsortiert bekommt? Woraufhin ein Tor gegeben und ein Sack mit neuen Ordnern verteilt wird. A propos Zirkus: ich würde meine Kinder nicht mit einem Clown spielen lassen, der sich „Das lustige Kaka“ nennt – aber ich schweife ab.
  • Ich glaube, beide Trainer können die Frage des Buben aus dem letzten Absatz beantworten. Wahrscheinlich würden sie sagen: „Junge, Fußball ist nicht mehr Zauberei. Es geht darum, zu gewinnen. Am besten mit einem Tor mehr und ohne anzuecken, sich überanzustrengen oder den Sponsor zu verärgern. Aber wenn wir heute Nachmittag ausscheiden, heben wir uns einen Trick doch noch für die Fans auf. Dann sind wir nämlich schneller wieder am Flughafen und weit in die Welt verstreut, als die uns Abracadabra nachrufen können!“
  • In jedem Fall ist das ein würdiges Spiel für ein Viertelfinale. Hat sogar das Flair eines möglichen Halbfinales oder gar Endspiels. Paraguay – Spanien und Uruguay – Ghana hätte ich jetzt als gehobene Vorrundenbegegnungen bzw. maximal Achtelfinals verortet.  Wenn ich jetzt meine Sympathien in die Runde werfen sollte, wären die Niederlande leicht vorne. Stichwort Südamerikaüberschuss und so. Und der Brasilianer heult auch viel schöner, wenn er als Verlierer vom Platz geht.
  • Unglaubliche Nachricht: Johann Cruyff, holländische Fußball-Legende und orangefarbene Personalunion von Statler & Waldorf hat die Brasilianer scharf kritisiert. Zitat: „Es ist eine Schande für die Fans und das Turnier. Normalerweise verfügt Brasilien über eine Mannschaft, die die Menschen gerne spielen sehen wollen…. Ich habe kein Geld übrig für eine Eintrittskarte, um Brasilien spielen zu sehen“ –  mmmh, wahrscheinlich sind deshalb so viele Plätze bei dieser WM leer. Der Afrikaner hat ja auch seinen Stolz. Obwohl: der letzte Satz des Zitats könnte auch als finanzieller Hilferuf gedeutet werden. Den hätte ich jetzt aber eher dem Südafrikaner zugetraut.

Nachbericht

  • Das, meine Herrschaften, war mal ein Fußballspiel! Eigentlich lag der Brasilianer schon uneinholbar vorne, als er die von Mathijsen hinterlassene Lücke (gefühlt so groß, um die Titanic drin untergehen zu lassen), durch ein witzig gemeintes 50-Meter-Pässchen zum 1:0 durch Robinho nutzt. So witzig gemeint, dass die Niederlände alle stehen blieben und lachten, weil plötzlich Robben verteidigen sollte.
  • Aber dann keilte der Niederländer mit mitteleuropäisch geprägtem Anti-Samba-Fußball die Südamerikaner doch noch aus dem Turnier. Nix Hackentrick, nix Doppelpass, nix SuperMove aus der Playstation, sondern grob reingeschnittene Flanke (1:1) und herzhaft eingehackter Kopfball nach Eckball (2:1). Sneijder macht den Metzger der brasilianischen Verteidigung.
  • Und was macht der Selecao-Mann, wenn er hinten liegt und die Zeit davon läuft? Nachtreten und vom Platz fliegen. Immer noch eine der natürlichsten Reaktionsketten, die ich kenne. Genauso wie theatralisches Beglubschen und Befuchteln so ziemlich aller Schiedsrichterentscheidungen zuvor. Der Schiri hieß übrigens Nishimura und nicht wie die Raumstation aus Dead Space Ishimura – hat mich als Gamer die ganze Zeit leicht wahnsinnig gemacht, sodass ich nachgucken musste.
  • Ehrliche Einschätzung: mich freut’s. Vielleicht hätte es die Mannen um Carlos Dunga schon eher treffen können, heute konnten sie zumindest in der ersten Hälfte ab und an zaubern. Zu viele südamerikanische Mannschaften im Halbfinale hätten die Leute aber auch wohl zu größenwahnsinnig werden lassen. Nun ist ein Großer zumindest auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Morgen folgt der nächste. Und die Oranjes kämpfen wir im Finale nieder – mit Freistoß, Kopfball und Eckball. Das heben wir uns bis dahin auf.


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18 Gedanken zu “Niederlande – Brasilien 2:1

  1. Ein ganz udn gar arroganter und unsymphatischer Zeitgenosse, der Brasilianer der. Immer am ruheulen, aber hintenrum am treten… Holland soll ma zusehn

    • Ja, hat mir auch nicht gefallen, diese Rumschauspielerei. Als würden die gefoltert, wenn es mal keinen Eckball gibt. Obwohl Carlos Dunga könnte bei der Ankunft zuhause wirklich … aber denken wir nicht darüber nach.

      • Ebent, das is nicht unser Bier, welche Maßnahmen ihn daheim erwarten. Nur wer so übel n am Bodenen liegenden Spieler tritt, gehört vom Platz gestellt. Und warum sich der eine immer beschwert hat, wenn er Robben gelegt hat? Robben hat nunmal ne Lachgaseinspritzung. zieht ihm den Fuß weg, und dann die Robbe der freiwilligen Bauchlandung beschuldigen. Nenenene. Ich glaube allein wegen dieser Schauspielerei (und auch wegen dem Standfußball) sind mir vor allem die Italiener und die Brasilianer sehr sehr unsymphatisch und sauer aufgestoßen, wieder mal.
        Freuen wir uns auf das Finale D – NL! 🙂

  2. Bei den Holländern denke ich immer an die Spukerei 90.
    Die dürfen nie Weltmeister werden. Nachdem sie Brasilien geschlagen haben, muß es dann auch gut sein.

    „dann hann ich de Käs ausm Fenschda geschmiss un gesaaht, Hilde, heit omend esse mir Lyoner!“

    • Keine Angst, die haue mir im Finale naus. Die Spucke auf Rudis Haar kann der Fußballgott denen niemals verzeihen. Was Argentinien anbelangt: Hilde, mach schunn emool de Schwenka aan, morje geht was!

  3. ach, jeder hat mal iwann ne scheisse gebaut^^
    Brasilien is raus, und da szu Recht! Danke Holland! 🙂

    • Es sei dir gegönnt. Ich hab übrigens während des Spiels mein Zipperlein kaum mehr gespürt. Dürfte allerdings heute Abend wieder mehr schmerzen. Wenn das so in die Richtung Paraguay – Japan gehen sollte.

  4. Zunächst einmal wünsche ich Deinem Onkel eine schnelle Genesung.

    Und dann freu ich mich wie Bolle, dass die Brasilianer mit ihrem Samba-Fußball gegen die effektive, kurze, knackige, Chancen-nutzende, effiziente europäische Spielweise vom Platz gestellt wurde. Und die Deutschen können das noch besser als die Holländer … 😀

    • Danke für die Genesungswünsche. Hab jetzt Tabletten und kühle, wo das Kühlen möglich ist. Aber abends kommt das Zipperlein gerne wieder durch.

    • In der Tat, treten tun die gar nicht mehr. Wieder ein Vorurteil flöten gegangen. Aber dafür wehren sie Torschüsse klar mit den Händen ab. Vielleicht ein neuer Trend.

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