Deutschland – Serbien 0:1

  • Ich will, dass wieder gesungen wird!“ – ruft der Delegationsleiter der deutschen Nationalmannschaft entschlossen während des Mittagessens in die Runde. Gerne denkt er an die Zeiten zurück, damals 1978 in Argentinien, als er zu Buenos Dias Argentina gepflegt einen abhottete oder sich nach der Schmach von Cordoba mit Der Mann mit der Mütze geht nach Haus’ in den Schlaf weinte. Nun, nach dem erfolgreichen Start der DFB-Elf, musste in der Hinsicht doch etwas zu machen sein. Nicht in Bezug auf eine weitere Schmach, sondern mit einem schmissigen Lied der Nationalkicker.
  • Doch so schön die Theorie, so beschwerlich die Praxis. Die Adaption von Lena Meyer-Landruths „Satellite“ scheitert an der Weigerung des brasilianischstämmigen Cacau, „derart abgehackte Tanzbewegungen aufs Parkett zu eiern“. Auch „Ich liebe deutsche Land“ fällt durch, weil es Per Mertesacker „intellektuell zu wenig prickelnd“ daherkommt. Eilig wird ein Casting der deutschen Popgrößen einberufen: Xavier Naidoo erhält eine ungeheure Jammerlappigkeit in seinem Liedgut attestiert (Jogi: „laafe sollet’s, net inschlaafe“), Bushido reist auf eigene Kosten an und bekommt vom DFB-Stab die offizielle Bestätigung, dass seine musikalischen Versuche einfach nur „unglaublich doof und peinlich“ sind. Die Rettung erscheint in Form von Rammstein-Sänger Till Lindemann, der – gerade des Abfackelns der Wälder rund um sein Landgut in der Nähe von Port Elizabeth müde geworden – vorbeischaut und allen einen ergreifenden Hammersong vorbrunftet. Der Titel: „WIR EROBERN DAS HERZ VON AFRIKA“. Bei der Präsentation im ZDF-Studio kommt es jedoch erneut zu einem fatalen faux pas von Katrin Müller-Hohenstein, die in ihrem Überschwang zum Mikro greift und die verbotene zweite Refrainzeile „HURRA, WIR WAR’N JA SCHON MAL DA“ grölt. Aus und vorbei, wegen der drohenden Indizierung müssen umgehend alle vorproduzierten Tonträger eingestampft werden. Offizielles Statement von Lindemann: „Immerrr derrrselbe Krrrampf“.
  • Radomir Antic, der Trainer der Serben, hat eine schwere Aufgabe. Im anstehenden Spiel gegen die Deutschen muss er seine Jungs motivieren. Doch wie? Der kroatische Kollege, der für seine Nichtqualifikation ordentlich gehänselt wurde, weigert sich beharrlich, die DVD mit seinem WM-Sieg von 1998 herauszurücken. Da besinnt sich Antic seines Kollegen Dragoslav Stepanovic, der vor ein paar Tagenin einem Interview etwas von „unschlagbaren deutschen Panzern“, „totalem Angriff“ und „zermalmen“ in seinen Schnauzbart gebabbelt hatte. Hurtig wird das Frankfurter Trainerurgestein für eine an die Ehre jedes einzelnen serbischen Spielers appellierenden Motivationsrede eingeflogen. Bei seiner Begrüßung unterläuft dem serbischen Übungsleiter jedoch ein folgenschwerer Fehler. Statt des Stepanovic’schen Erkennungssatzes „Lebbe geht weider“ entgleitet ihm infolge fehlender Deutschkenntnisse ein „Lebber geht widder?“. Brüskiert erobert der trinkfeste Stepi daraufhin die Hotelbar und lässt sich in der Folge nicht mehr davon loseisen. So bleibt als einzige Taktik nur die Zufuhr extra scharf gewürzter Ćevapčići, damit die serbische Mannschaft halt von irgendwas her innerlich brennt.
  • Jetzt mal ernsthaft. Wie gut sind wir wirklich? Sind wir nach der 4:0-Überlegenheitsdemonstration die Besten? Oder war der Australier einfach nur von der Verteidigungsanlage her ein bisschen sehr naiv-blöd drauf? Müssen wir überhaupt noch antreten? Zumindest zu letzterem kann ich klar sagen: Ja, und zwar gegen die Serben. Auch noch zu einer Zeit, wo Wirtschaftsminister Brüderle sich in gewohnter Hackedichtheit bereits beklagt haben soll: „Jogi, Anschtoß um halb zwoi, Autokorso um zwanzisch no drei? Desch kann sisch der Mittelschtand net leischde“. Allein deshalb befürchte ich ein nüchtern auf den Platz geackertes 0:0 zuliebe von Angela und ihrer irren Bande.
  • Was für den Serben angesichts seiner Auftaktniederlage gegen Ghana freilich zu wenig sein könnte. Aber in der Partie konnte ich wahrhaft nichts entdecken, was uns den Angstschweiß runter bis in die Stutzen laufen lassen sollte. Fest steht nur -wie schon im dritten Absatz angedeutet- dass der Serbe brennen wird. Ob daraus ein Feuerwerk oder ein kurzes gasiges Aufflackern entsteht, in der Hinsicht dürfte unsere Mannschaft ein Wörtchen mitzureden haben.

Nachbericht

  • Da sitzt man einmal mit dem Nationalmannschaftstrikot vorm Fernseher, kann mit netten Menschen zusammen sogar in HD gucken und dann sowas. Immerhin weiß ich seit dem scharfgestellten Bild heute, dass hoher Blutdruck, der die Stoppeln aus der geröteten Haut treibt, auch einen Mann wie Jogi Löw ungepflegt aussehen lässt, Nivea-Pflegeprodukte hin oder her.
  • Ein sehr ruhiger Beginn. Klar, man will nicht kritische erste Minuten wie gegen Australien zulassen, wo es ja drunter und drüber ging im deutschen Strafraum. Aber richtig lebhaft wird es danach eigentlich auch nicht.
  • Bis zur 37. Minute: der spanische Schiedsrichter schickt unseren Klose nach zwei Fouls der Güteklasse „gewöhnlich“ mit gelb-rot vom Feld.  Meine Meinung zu dieser Aktion nach einigem Nachdenken: WEICHEI! SOFTIE! MIMOSENZÜCHTER! ZARTPLATZWART! GEH DOCH NACH HAUSE, LEG DIE TWILIGHT-SAGA IN DEN PLAYER UND REIB DICH MIT BABYÖL EIN, DU EMO-PFEIFE!!! Der Serbe leidet doch nicht an der Glasknochenkrankheit, der hält doch zwei Tritte aus! Nächstes Mal bitteschön einen englischen Schiri einsetzen, der hätte nur ein mitleidiges Lächeln aufblitzen lassen. DU FASST ES NICHT!
  • Direkt drauf das 0:1. FRIEDRICH, WO IST FRIEDRICH? Kilometer vom Mann weg wie in der Hinrunde in der Verteidigung bei der Hertha aus Berlin. Jetzt wird’s schwer, denke ich mir. Balkankicker geht in Führung nach einem Platzverweis, das weckt üble Erinnerungen.
  • Aber selbst mit einem Mann weniger spielen wir recht ordentlich nach vorne. Khedira zerrt den Ball an die Latte. Das ist Pech. Ich mache Halbzeit und denke mir neue Beleidigungen für den Schiri aus.
  • Es soll nicht sein. Poldi schießt und schießt, ihm klebt aber wie allen anderen heute nicht nur die sprichwörtliche Scheiße am Schuh, sondern eine ganze Klärgrube.
  • 60. Minute: Handelfmeter für Deutschland! Der Fußballgott hat so langsam die Gerechtigkeitswaage justiert. Das ham wa uns verdient. Mach uns den Forlan, Poldi! NEEEEIN, er schiebt unplatziert, Stojkovic wehrt ab. Das kommt davon, wenn man die ganze Schusskraft vorher schon verbraucht. Ich ahne langsam, dass das heute nichts mehr wird.
  • Der Serbe will es jetzt wissen, kommt auch zu Chancen. Pfostenschuss durch Jovanovic, Latte durch Zigic. Gut, dass der Serbe heute kein Kroate aus dem Jahr 1998 ist. Ich rede mir ein, dass Jogi nur den Engländern im Achtelfinale aus dem Weg gehen möchte.
  • Aus und vorbei. 0:1 verloren. Was kann man mitnehmen? Wir haben den Status als das Übermaß der Fußballdinge abgegeben. Aber für eine Mannschaft mit gerade mal 10 Spielern auf dem Feld ordentlich Druck ausgeübt. Das lässt hoffen. Dem Serben wünsche ich die Engländer im Achtelfinale. Und gegen Ghana kann es einfach nicht nochmal so blöd laufen. Weil dann auch ein anderer Schiri pfeifen wird.


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7 Gedanken zu “Deutschland – Serbien 0:1

  1. Was für ein Grusel-Kick.
    Aber wie man bei jeder noch so kleinen Berührung immer „gelb“ zeigen kann, ist mir auch ein Rätsel. Man kann ein Spiel auch kaputt pfeiffen.
    Allerdings glaube ich auch, daß wir noch 2 Stunden hätten spielen können und hätten das Runde nicht ins Eckie bekommen.

    *3EurofürsPfrasenschein* 😉

  2. He! Bei mir liegt die Twilight Saga andauernd im Player und ich hätte das trotzdem nicht so rigide gepfiffen! [img]http://www.jiggle.de/vb/images/smilies/motzen.gif[/img]

  3. @Erdge Schoss: gut, dass man bei null zu 10 nicht auf Karten tippen kann. Sie alter Trainerfuchs!

    @wirbelwind71: der „zwei Stunden“-Spruch lief bei mir auch während des Spiels im Kopf seine Runden.

    @frau awa: wahrscheinlich hört der Schiri zusätzlich noch eine Kuschelrock-CD.

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