Brasilien – Nordkorea 2:1

Vorbericht

  • Der Nordkoreaner kann ganz befreit aufspielen. Sobald sicher ist, dass er nicht mehr nach Hause muss. Dieser Witz ist gerade der absolute Brüller in den Arbeitslagern rundum Pjöngjang. Pech für den heißgeliebten Führer Kim Jong-Il, dass China die Ladung elektronischer Fußfesseln nicht rechtzeitig zum Turnierbeginn liefern konnte. Zwar lagert noch ein in der Heimat erbautes Produkt im Keller des Ministeriums für glücklichmachende Umerziehung: dieses besteht allerdings aus einer Kette  mit einer 25 Kilo schweren Kugel am Ende. Zu schwer für den kommunistisch-strammen Siegestorschuss, wie Experimente ergaben.
  • Hier mein jüngster Gastbeitrag für die PPP (Prima Propaganda Pjöngjang): Der uns vor Glück zur Ekstase treibende, geliebte Führer hat erneut einen entscheidenden Beitrag zum Gewinn der Weltmeisterschaft geleistet! Mit Genosse Kim Myong-Won stellt unser glorreiches Land den bestausgebildetsten Mittelfeldspieler für Feld und Tor! Voll und ganz ist er in seiner neuen Rolle als dritter Torwart aufgegangen worden – auf der Ersatzbank wird er motivierende Ansprachen für seine Genossen halten, Kampfblätter verteilen, als offiziell einzig zugelassener Fan Nordkoreas jubeln und den Kapitalismus für immer zerstören. Ersatzbank! Sieg! Vaterland!
  • Carlos Dunga, der brasilianische Trainer, verkörpert deutsche Tugenden. Dazu gehört eine akribische Vorbereitung, die auch extreme Notfälle nicht außer Acht lässt. Sollte im Spiel gegen die Nordkoreaner nach 75 Minuten immer noch kein Tor gelungen sein, wird die Aktion „Zidane Reloaded“ ausgerufen. In einem einstündigen Seminar an der Marco Materazzi-Hochschule für gezielte Beleidigungsansprache auf dem Fußballfeld haben sämtliche Spieler den nordkoreanischen Satz „Kim Jong-Il Gae Heng Hi Hi“  (zu deutsch: „Euer geliebter Führer hat einen lachhaft kleinen Lümmel in der Hose“) in der korrekten Intonierung auswendig gelernt. Wer von den Nordkoreanern danach nicht zur Tätlichkeit greift, wird gnadenlos als Vaterlandsverräter beim mitgereisten Parteistab denunziert. Nach fünf Platzverweisen folgt der Spielabbruch und eine 3:0 Wertung des Spiels für Brasilien am grünen Tisch. Kann nichts schiefgehen.
  • Hasenzähnchen spielt nicht mit! Wer nach Ronaldinho Ausschau hält, dürfte enttäuscht werden, denn er wurde nicht nominiert. Damit nimmt er eine ähnliche Entwicklung wie der Spieler mit dem bekanntlich höchsten Trikotspannkraftauslastungswert bei der WM 2006, Ronaldo. Immerhin darf der kleine Racker in einem kleinen Geläuf beim AC Mailand seine Gnadenkarotte fressen und wird ab und an von Silvio Berlusconi mit handwarmen 500-Euro-Scheinen massiert.

Nachbericht

  • (PPP) Unzerstörbar. Unverwundbar. Unschlagbar. Sieg! Hurra! Vaterland! Der kommunistische Schutzwall hielt den Angriffen stand! Durch ein Tor des Genossen Ji Yun-Nam in der 89. Minute triumphierte der einzig wahre Koreaner mit 1:0 über den mehrfachen Weltmeister Brasilien. Zutiefst beschämt über die Überlegenheit des nordkoreanischen Spiels hat der Klassenfeind aus dem Süden ab der 55. Minute das Sendesignal böswillig gestört, sodass eine technisch saubere Übertragung trotz allergrößter Anstrengungen nicht mehr zu gewährleisten war. Torwart Ri Myong-Guk allerdings wurde direkt nach der Partie das Versprechen abgerungen, umgehend in die Heimat zu reisen, um dem in unserer Liebe fast täglich ertrinkenden Führer in allen Details von den Heldentaten seiner Kameraden zu berichten.
  • Wo genau der Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur liegt, konnte man schon beim Abspielen der Hymnen erfahren. In der Demokratie steht es dir frei, zu singen. In der Diktatur musst du singen. Oder wenigstens heulen wie Jong Tae Se. Wobei ich den Text der nordkoreanischen Nationalhymne nun wirklich weniger peinlich-pathetisch fand als den der brasilianischen. Ich hatte da durchaus was in der Richtung von „Wir hau’n den Südkoreaner zu Brei“ erwartet.
  • Zum Spiel: die Brasilianer brauchten eine Menge Dusel, um aus der Nummer ohne Schaden rauszukommen. Stichwort „Torwartecke“. Besonders auffallend: die Nordkoreaner spielten fast ohne jegliches Foul. Von Einzelkönnern, wie sie die Gelb-Blauen zweifellos  in ihren Reihen haben, erwarte ich, dass die mal eins zu eins auf den Mann gehen und Freistöße oder Elfmeter rausholen, wenn spielerisch sonst gar nichts geht.
  • Diktatur hin oder her (und ich will mit meinem Klamauk nichts kleinreden, Nordkorea ist eine der schlimmsten Diktaturen auf dieser Erde), als das 2:1 fiel, musste ich schon in mich hineinschmunzeln. Ich glaube, die letzten Minuten hatte von den Brasilianern nicht nur einer ein kleines Stück Kaka in der Hose. Auf die Partie Nordkorea gegen Portugal freue ich mich jetzt schon.
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5 Gedanken zu “Brasilien – Nordkorea 2:1

  1. Pingback: Montags um den Ball tanzen-fallen/legen

  2. Fußball ist Fußball, und Politik ist Politik. Ich persönlich fand es extrem unverschämt, daß das Publikum bei der nordkoreanischen Hymne nicht mit Pfiffen, Geschrei und Vuvuzelas sparte. Und wenn die Spieler dreimal aus einer Diktatur kommen, das gehört sich einfach nicht.

  3. Pingback: USA – Nordkorea « Das unfassbar kompetenzfreie WM-Tagebuch

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